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Illustration: Rahel Nicole Eisenring

Magazin
... und die Gier

Ich habe letztens eine Kollegin gefragt, was ihre Vorsätze fürs neue Jahr sind, und sie sagte mir, sie wolle «etwas asketischer, nicht mehr so gierig» leben. Dann zeigte sie mir Bilder von einem Yoga-Retreat, und ich kam irgendwie nicht umhin, das nicht auch ein bisschen gierig zu finden: Es war sehr teuer und versprach ein «authentisches Erlebnis». Und doch: «nicht mehr so gierig» sein ist eigentlich ein schöner Vorsatz. Jetzt musste ich mir also Gedanken über die Gier machen.

Wenn ich Gier höre, denke ich als Allererstes an Essen. An Essen und essen. Ans Happy Meal mit dem Spielzeug, das niemand braucht, an einen Burger mit extra Käse und grossen Pommes und einer rieeesigen Cola. An all den Zucker, auch im Ketchup – und unbedingt Mayo dazu, vielleicht auch noch den geilen BBQ-Dip. Ich denke an den Doppelwhopper, den ich nie esse, ausser ganz selten, und dann hab ich auch ein schlechtes Gewissen, ich schwöre! Ich denke an den Big Mac, der mir geschmeckt hat, bis mir schlecht geworden ist und ich mir dachte: Was ist noch schlimmer, als einen Burger zu essen? – Einen Burger zu kaufen und nicht mal aufzuessen. Also wegen des toten Tiers oder so. Dann denke ich an «ich darf mir doch mal was gönnen», dann an einen Brownie, an zwei Brownies, und morgen vielleicht noch einen. An tropfende Eiscreme und das ewige «sich zu fett finden» im Schwimmbad, auf der Sommerwiese, am Strand.

Aber Gier ist auch: jeden Tag eine Avocado essen.

Wenn ich Gier höre, denke ich daran, wie ich durch den Zug streife auf der Suche nach einem Viererabteil für mich allein.

Der hier schwitzt, die hier isst, der hier hat Schuppen, die ist möglicherweise nett, aber ... Endlich hier, ein Platz, also vier Plätze nur für mich.

Gier ist das ständige Fragen nach dem WLAN-Code. Oder, noch schlimmer, gar nicht angewiesen sein auf den WLANCode, weil man grenzenlos Datenvolumen abonniert hat. Gier ist alles haben und alles wollen, und alles haben zu können und wollen zu dürfen, ohne zu merken, dass die Welt einem nicht gehört. Gier ist die Romantisierung von armen Künstler*innen, von kranken Künstler*innen. Gier ist das Furzen der Kühe, das Grapschen der Männer und noch schlimmer: Altherrenwitze. Weil zum Grapschen, zum Paygap, zum unsicheren Heimweg dann auch noch nach einem Lachen verlangt wird. Lach doch mal, Mädchen! Gier ist, alles sagen dürfen zu wollen, ohne als Arschloch zu gelten.

Wenn ich Gier höre, denke ich an die Sachen, auf die ich verzichten will. Vielleicht, um im Himmel dann so richtig zu völlern und zu vögeln. Oder auch, um nicht so gierig zu wirken. Wenn ich an Gier denke, vergesse ich manchmal, dass sich meine Gier an ganz anderen Orten materialisiert. Meine Gier findet in Bangladesch in einer Kleiderfabrik statt, in einer kongolesischen Coltanmine, im Lager von Zalando, im Starbucks, in meiner Cola, in meinem Nestlé-Joghurt.

Und wir gieren nach Sicherheit. Wir machen uns zwar über das Klima Gedanken, hoffen dann aber doch lieber, Elon Musk erfindet uns was Krasses, das gleichzeitig megacool designt ist UND die Welt rettet. Etwas, das wir kaufen können, weil wir megaviel Geld haben.

Gier ist ein Privileg. Gier ist die Sucht nach unseren Privilegien. Gier ist, seine Sucht nicht zu kennen. Gier ist die Völlerei in Ignoranz. «Man wird ja wohl noch völlern dürfen.»