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Illustration: Rahel Nicole Eisenring

Moumouni...
...und die Stille

Es gibt keine Stille mehr.

Nachdem die Stille Tag und Nacht durch jede grössere und sogar die eine oder andere kleinere Stadt der Welt gejagt worden war, starb sie endgültig, als ein paar – oder eben, und das war das Problem, sehr viele – Touris die Höhlen der Ägypter, der Inkas, der Christen und der meisten Asketen mit ihren Selfiesticks und Chips essenden, laut atmenden Stadtkindern überfielen. Die Stille starb und mit ihr das Sakrale und die Andacht. Alles wurde ein Brei im Schlund der Sensationssucht. Die Menschen waren steckengeblieben zwischen ihrer Aufmerksamkeitsstörung und der ewigen Ungestilltheit ihres Konsumwillens. Geritten von einer kurzlebigen Faszination für Kunst, fremde Religionen, Archäologie oder halt Weltwunder, eilten sie durch die Gedenkstätten, einsamen Buchten und Tempel dieser Welt, um dann eine Eiffelturm-Miniatur, ein Alpakafell oder ein Singha-T-Shirt zu kaufen.

Ein Wärter in der Sixtinischen Kapelle schreit alle drei Minuten «No photos!», in der Alhambra-Moschee kichert jemand über das ungewohnte Kopftuch in die Kamera, woanders muss jemand Fotos von der Ayahuasca-Zeremonie für seine Insta-Story machen, jemand anders sucht im Louvre den Raum, den sie im Beyoncé-Video gesehen hat.

Und ich stehe in irgendeiner Höhle. Die grösste von einem beliebig gewählten geografischen Raum, denn Touris stehen auf Superlative. Eigentlich bin ich wegen der Fledermäuse gekommen, stattdessen zeigt uns die Reiseführerin Fäkalspuren von Fledermäusen, die längst das Weite gesucht haben. Mir wird klar, dass ich nicht schon wieder darauf hätte hereinfallen sollen. Auf das Versprechen: Ich erlebe etwas ganz Besonderes. Ich und die Fledermäuse.

Tourismus ist das Verlangen, sich als etwas Besonderes zu fühlen. Ich und der Machu Picchu, ich und das Taj Mahal, fast für mich gebaut, ich und der Strand auf der Insel, wo «The Beach» gedreht wurde. Ich, ich, ich und tausend andere. Wir und die Ruhe vor dem Alltag, die in echt gar keine Ruhe ist, weil ständig jemand im eigenen Kauderwelsch «schau mal» sagt oder kichert oder murmelt oder über den Selfiestick flucht.

Die Reiseführerin hat gerade eine Schweigeminute verordnet, um die Stille der Höhle nachzuempfinden, aber ich kann mich wegen der dicken, laut schnaufenden Kinder neben mir nicht konzentrieren. Ich denke stattdessen über die verlorene Stille nach. Einmal, als ich in der Wüste war, wurde es auf einmal so still, dass ich mich kurz fragte, ob ich schlagartig gehörlos geworden war. Stille ist die Frage, ob man selbst noch existiert, oder von mir aus auch: das Realisieren von rauschendem Blut in Adern und das Schlagen von Herzen. Ich habe ein schlechtes Gewissen wegen der vertriebenen Fledermäuse.

Ein Kind bricht einen Teil eines mühsam gewachsenen Stalaktiten ab. Es murmelt ein Schweizer, dass man sich so nicht benehme. Das akkumulierte Murmeln aller Schweizer und Schweizerinnen auf der Welt, die finden, so benehme man sich nicht, ist wohl lauter als das akkumulierte Schnaufen der dicken Kinder, die von ihren Eltern in irgendwelche Höhlen, Gedenkstätten und hügelige Altstädte geschleppt wurden.

Ich frage mich, ob ich in der Wüste auch Eidechsen vertrieben habe, und habe ein noch grösseres schlechtes Gewissen.