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Illustration: Rahel Nicole Eisenring

Moumouni...
... und die WAM

Ich war letztens bei einer Veranstaltung mit dem Titel «Mehr Kopf als Tuch», benannt nach dem Buch der Wiener Pädagogin Amani Abuzahra, die mit zwei anderen muslimischen Frauen auch auf dem Podium sass. Das Motto des Abends war «Muslimische Frauen sprechen für sich», es ging um Rassismus und den Umgang mit dem Vorurteil der unterdrückten muslimischen Frau.

Ein weisser älterer Mann meldete sich und erklärte in einem recht langen Redebeitrag, woher der Rassismus in der Schweiz käme: Die, die anders waren, kamen, und man musste sich erst an sie gewöhnen. So sei das mit den Italienern gewesen, dann mit den Serben, bei den Türken sei dann das erste Mal auch noch eine fremde Religion im Spiel gewesen. Dann mutmasste er, dass die Islamfeindlichkeit der Angst vor dem Frauenbild in Ländern wie Saudi­Arabien geschuldet sein könnte.

Beeindruckend! So kann man Rassismus nur rechtfertigen, wenn man das Gefühl hat, ItalienerInnen und SerbInnen erleben heute keine Diskriminierung mehr in der Schweiz, seitdem man sich an ihre «mitgebrachte Andersheit» gewöhnt hat. Und wenn man nicht versteht, wie gewaltvoll Rassismus ist. Amani Abuzahra war immerhin gerade direkt ins Gesicht gesagt worden, dass die Diskriminierung, die sie erlebt, nichts mit der Mehrheitsgesellschaft, sondern mit ihren «zurückgebliebenen» Glaubensbrüdern zu tun habe. Plötzlich meldete sich ein zweiter weisser, älterer Mann in aggressivem Tonfall zu Wort: «Aber sagen Sie doch endlich mal was zur Rolle der Frau im Islam!», er möchte weiter über Saudi­Arabien reden.

Beide Männer kamen mir irgendwie bekannt vor. Der forsche, fordernde Ton, die Länge des Beitrags, die unausgereiften, schon viel zu oft gehörten und unermüdlich widerlegten Argumente, die mit einer Selbstsicherheit vorgetragen werden, die mich neidisch macht.

Wenn Leute sich gegen die Verallgemeinerung des Typs «weisser alter Mann» (im Folgenden: WAM) wehren, kann ich das sehr gut nachvollziehen: Ich muss mich selbst immer wieder gegen alle möglichen Klischees wehren. Aber es gibt eben WAM, die sich wie solche benehmen, oder sagen wir besser: wie das Klischee eines WAM. Und das ist: Ignoranz, resultierend aus den Privilegien, die sich aus der Mischung von weisser Haut, männlichem Geschlecht und Heterosexualität ergeben in einer Gesellschaft, die mal offensichtlich, mal niederschwellig rassistisch, patriarchal und homophob ist. Man kann sich seiner Privilegien natürlich auch bewusst werden, für den WAM wäre das ein Ausbrechen aus dem Klischee, was gar nicht so ungewöhnlich ist: Es gehört ja zum Vorurteil, dass es zum dominanten Merkmal einer Gruppe wird, deren einzelne Mitglieder dieses Merkmal gar nicht alle teilen. Davor sind inzwischen nicht einmal WAM sicher.

Ich glaube nicht, dass jeder junge weisse Mann gezwungenermassen zu einem WAM wird. Ich glaube nicht einmal, dass jeder alte weisse Mann ein WAM ist. Aber ich glaube zu wissen, warum es so viele Klischee­WAM auf Podiumsveranstaltungen gibt. Sie sind zu lange nicht herausgefordert worden in ihrem Denken. Zu lange durften sie durch ihre soziale Rolle ungestraft ihre Meinung in die Welt krakeelen. Aber Schluss damit. Auch die müssen mal auf die Welt kommen. Wir sehen uns auf der nächsten Podiumsdiskussion.