Skip to main content
Moumouni...
... und die Würde

FATIMA MOUMOUNI glaubt, jetzt, wo die Schuld an Covidfällen in der Schweiz den Albanern zugeschoben wurde, müssen wir uns langsam um neue Sündenböcke für in zwanzig Jahren kümmern. Und um Leute, die dann ohne mit der Wimper zu zucken unsere WCs putzen.

Meine Urgrossmutter hatte eine schöne Beerdigung. Das halbe Dorf, in dem sie fast ihr ganzes Leben verbracht hatte, war da, auch die Familie, die sich in alle Himmelsrichtungen verstreut hatte. Sogar mein Vater, der sonst kaum an Familienanlässe der Familie meiner Mutter ging, war anwesend. Das Essen war gut, ich erinnere mich noch an den Apfelstreuselkuchen, auch wenn mir der Begriff «Leichenschmaus» äusserst suspekt war.

Nur meinem Vater blieb ein bitterer Geschmack. Der Pfarrer, der eine ergreifende Rede hielt, hatte zu fest betont, dass sie, die über 50 Jahre in dem Dorf gelebt hatte, ja ein Flüchtling gewesen sei. Und wie warmherzig das Dorf sie aufgenommen hatte! «Wie lang muss man in Deutschland eigentlich zuhause sein, bis einem nicht mehr vorgehalten wird, dass man Flüchtling ist?», fragte er. Die anderen verstanden nicht so recht, was er meinte und fanden, das gehöre eben zu ihrem Leben dazu: Sie war nach dem Krieg mit ihrer Familie als Deutsche aus der Tschechoslowakei geflohen. Für ihn jedoch, der Asylheime von innen kannte und ausserdem die deutschen Neunzigerjahre überlebt hatte, war es eine Frage der Würde. «Flüchtling» – das war für ihn despektierlich, nicht aus linguistischer Perspektive, also wegen der Nachsilbe «-ling», sondern aus praktisch-empirischer Perspektive.

Ich weiss nicht, wie meine Urgrossmutter darüber gedacht hätte. Ob es sie gestört hätte. Ob sie einfach dankbar war. Und wie lang sie sich selbst als Flüchtling sah.

Heute, wo geflüchtete Menschen aus Afghanistan Tagesthema sind, muss ich manchmal daran denken, wie wütend mein Vater war. Vielleicht war es für ihn so etwas wie eine Prophezeiung für sein eigenes Schicksal. Wenn schon eine deutsche Frau, die längst im Badenser Singsang sprach, Knödel kochte und dem Dorfpfarrer jeden Sonntag ein wenig Geld zusteckte, an ihrem Grab noch Flüchtling genannt wurde – dann würde sein mühsam erlangter deutscher Pass ihn wohl nie im Leben davor schützen, wie ein Ausländer behandelt zu werden.

Ich muss daran denken, wie wir hier so tun, als wäre alles, was nicht Taliban und Krieg ist, ein Leben in Würde. Und daran, was die wenigen, die es bis hierher schaffen werden, alles über sich ergehen lassen müssen, während von ihnen ewige Dankbarkeit verlangt wird.

Ich rede nicht gern über Menschenrechte. Mir ist unwohl, Forderungen so weit unten anzusetzen. Wer von Menschenrechten redet, muss offenbar immer noch beweisen, dass wir (oder die betroffene Gruppe) überhaupt Menschen sind – und das ist so banal, dass es schmerzt. Denn das bedeutet irgendwie auch: X können nicht auf Menschenrechte zählen, weil sie nicht bedingungslos als Menschen gesehen werden.

Der Kern der Menschenrechte ist die Unantastbarkeit der Würde des Menschen. Jetzt, wo sich in Afghanistan wieder die würdelosen Seiten der «ewigen Retter» zeigen, muss ich eben doch wieder an die Würde denken. Wie viel davon wird man den «-lingen» wohl lassen?

Werden sie hier sicher sein? Vor der Babysprache, mit der man hier Ausländerli anspricht. Vor der Missgunst der misstrauischen Steuerzahlenden? Vor frühzeitigen Abschiebungen? Vor Rassismus? Was bedeutet es, als geflüchtete Person zu hören, wie Flucht als Feigheit diskutiert wird? Am besten kommen nur ein paar Frauen und Kinder, die kann man so schön vor dem orientalischen Mann retten!

Was, wenn es nie aufhört?