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Foto: Klaus Petrus

Strassenverkäufer*innen
«Unser Leben wird jetzt ruhiger»

Ketema Ghezae, 47, meistert sein Leben als alleinerziehender Vater und verkauft Surprise in Spiez.

«Nach mehr als siebzehn Jahren in der eritreischen Armee, in denen ich ohne Aussicht auf ein Dienstende die meiste Zeit an der Grenze zu Äthiopien stationiert war, hielt ich es nicht mehr aus. Ich desertierte im Oktober 2014 und flüchtete wenige Monate später ins Nachbarland Sudan, weil die Militärpolizei nach mir suchte. Meine Frau, unsere Tochter und unsere drei Söhne musste ich zurücklassen. Vom Sudan aus machte ich mich dann auf Richtung Norden, nach Europa. Am 29. Dezember 2015 erreichte ich die Schweiz und beantragte hier Asyl.

Eineinhalb Jahre später, im Juli 2017, erhielt ich die Aufenthaltsbewilligung B und damit auch die Möglichkeit, das Gesuch um Familiennachzug zu stellen. Die Hoffnung und die Freude darüber, dass wir in Zukunft wieder zusammenleben werden, war gross – doch leider nur von kurzer Dauer. Meine Frau brach zwei Monate später auf einmal zusammen und war danach halbseitig gelähmt. Acht Tage später starb sie. Die Kinder, damals zwischen fünf und dreizehn Jahre alt, kamen je eins bei meiner Mutter und bei meiner Schwiegermutter unter, zwei bei meiner Schwester, während ich von der Schweiz aus versuchte, ihren Nachzug so schnell wie nur möglich zu organisieren.

Ein Jahr später war es dann so weit. Weil die eritreische Regierung aber die direkte Ausreise aus dem Land nicht bewilligte, mussten die Kinder mit fremden Leuten über die Grenze in den Sudan gebracht werden, um von dort aus in die Schweiz zu fliegen. Gott sei Dank kamen sie gut in der Hauptstadt Khartum an. Doch dann war Schluss. Die politischen Unruhen und Proteste im Sudan, die erst mit der Absetzung des bisherigen und der Vereidigung des neuen Präsidenten endeten, verhinderten lange Zeit das Ausstellen der nötigen Dokumente und somit die Ausreise. Das bedeutete: Meine Kinder mussten ein Jahr bei einem Kollegen in Khartum ausharren. Am 11. September 2019 konnten meine Kinder endlich in die Schweiz fliegen.

Heute wohnen wir zusammen in Uetendorf bei Thun, die beiden älteren Söhne, fünfzehnund siebzehnjährig, besuchen Integrationsklassen in Thun und Spiez, der zwölfjährige Sohn und die neunjährige Tochter gehen im Dorf zur Schule. Ich selbst gehe ebenfalls in die Schule: Weil ich mein Deutsch verbessern will, besuche ich einmal pro Woche einen Deutschkurs. Und seit Anfang August absolviere ich in der Velostation Thun ein 50 Prozent-Praktikum zur Arbeitsintegration. Davor war es fast unmöglich, mich neben der Organisation des Familienlebens auch noch um die Arbeitssuche und das Deutschlernen zu kümmern. Hinzu kam Corona und eine Zeitlang das Homeschooling.

Die vergangenen Jahre waren für uns alle fünf sehr schwierig und belastend, doch zum Glück normalisiert sich unsere Situation jetzt nach und nach. Ich habe das Gefühl, unser Leben wird jetzt besser und ruhiger. Deswegen ist es mir nun auch möglich, dass ich ein paar Stunden pro Woche in Spiez vor der Migros und manchmal in Steffisburg Surprise verkaufen kann. Empfohlen hat mir diese Arbeit eine Surprise-Verkäuferin aus der Region Thun. Sie sagte, das wäre etwas für mich, weil man sich die Verkaufszeiten selbst einteilen kann. Und sie hatte recht: Diese Flexibilität hilft mir sehr, gerade wenn etwas mit einem der Kinder ist. Ruft mich zum Beispiel jemand von der Tagesschule an, weil ein Kind krank ist, muss ich reagieren können, es gibt sonst niemanden.

Das ist, was mich noch belastet: Ich bin ganz allein für die Kinder da. Das macht es auch schwierig, eine Vollzeitstelle anzunehmen, was ich gerne tun würde, um unseren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Ich wünsche mir deshalb, dass meine Kinder und ich im Dorf mehr Kontakte knüpfen können – so etwas wie Ersatz-Grosseltern zu finden, das wäre schön.»