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Verkäufer*innenkolumne
Verrückte Jahre

URS HABEGGER, 66, verkauft Surprise seit 14 Jahren in der Bahnhofunterführung in Rapperswil. Sein Ziel ist, mindestens noch das 90'000. Heft zu verkaufen. Er findet diese Zahl gigantisch und sagt: Noch gigantischer wären 100'000. Er denkt

aber nicht, dass er das noch erreichen wird.

In diesem Monat sind es vierzehn Jahre her, seit ich im Surprise-Büro angefragt habe, ob ich als Heftverkäufer mitmachen könne. Ich konnte und wurde in die Bahnhofunterführung zu Rapperswil geschickt. Bis heute, Stichtag: 6. März 2022, habe ich an genanntem Ort genau 86'297 Surprise-Hefte verkauft.

Rückblick auf meinen ersten Tag als Surprise-Verkäufer: Exponiert; willkommene Zielscheibe für so manchen Schabernack und Lausbubenstreich; verständnisloses Kopfschütteln; abschätzige Gesten; spöttische Bemerkungen; herablassende Blicke; verächtliche Zurufe; mit Schimpf und Schande davongejagt. Meine Gemütslage vor dem ersten Einsatz liess keine anderen Vorstellungen zu. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet, bevor ich mich an meinem ersten Tag als Surprise-Verkäufer mit meinen Heften in der Bahnhofunterführung zu Rapperswil hinstellte, nicht ohne mir vorher ein Bier als Mutmacher genehmigt zu haben.

Nichts Beklemmendes geschah. Ganz im Gegenteil: Aufmunternde Blicke hier, freundliche Worte da, und der Absatz meiner Hefte übertraf meine kühnsten Erwartungen. Ein überaus freundlicher Empfang wurde mir bereitet.

Wenn ich auf meine vierzehn Jahre als Surprise-Verkäufer zurückblicke, habe ich von der Kategorie «Bedrohliches» tatsächlich nicht viel zu berichten. Hin und wieder ein verächtliches Lächeln in einem vorbeihuschenden Gesicht. Blöde Sprüche, spöttische Bemerkungen oder eine abwehrende Handbewegung kommen auch mal vor. Sollen sie ihre Sprüche klopfen, süffisant lächeln, ihre Hände verwerfen, so viel sie wollen. Mir ist das schnuppe. Wenn es ihnen Freude macht; ich zeige keine Reaktion. Richtig brenzlige Situationen habe ich in all den Jahren deren drei erlebt: Bei der ersten bedrohte mich ein durchgeknallter, unberechenbarer Betrunkener massiv. Was ist bei der zweiten geschehen? Hmmm ..., na sowas, ich hab’s vergessen. Bei der dritten hat sich ein lüsterner Hammel breitbrüstig vor mich hingestellt und hat mir nichts, dir nichts seine Hosen runtergelassen. Aber das war’s auch schon.

All die Jahre, das ist schon verrückt. Und stets war und bin ich in Rapperswil willkommen. Viele Bekanntschaften und Freundschaften habe ich geschlossen. Millionen Gespräche geführt. Und meine Hefte verkauft. «Wir Rapperswilerinnen und Rapperswiler haben dich adoptiert», hat mir mal jemand gesagt. Ich bin ihnen dankbar für alles, den Rapperswilerinnen und Rapperswilern und den Leuten aus der nahen und ferneren Umgebung.


Die Texte für diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und Stephan Pörtner erarbeitet. Die Illustration zur Kolumne entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design und Kunst, Studienrichtung Illustration.