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Verkäufer*innenkolumne
Was heisst «behindert»?

MICHAEL HOFER, 41, verkauft Surprise seit 2011 am Neumarkt Oerlikon. Er wurde noch vor dem Kindergarten mit frühkindlichem Autismus diagnostiziert. Nächsten Februar kandidiert er für die SP Winterthur für das Stadtparlament. Er nimmt an Klimastreiks teil und schreibt regelmässig Leserbriefe an Schweizer Tageszeitungen.

Mein Autismus ist für mich selbst absolut keine Behinderung. Ich merke zwar, dass ich Autist bin. Ich sehe auf einer Landkarte sofort, wo ein Dorf ist, während andere suchen müssen. Oder ich brauche schon gar keine Karte.

Das, was mich einschränkt, ist aber, dass ich eine IV-Rente und keine abgeschlossene Ausbildung habe. Ich stosse an Grenzen deswegen. Insofern, ja, ist es ein klarer Nachteil, behindert zu sein.

Bei der Post und den SBB habe ich schon angefragt, ob sie jemanden mit guten Geografiekenntnissen brauchen können. Aber das ging nicht. Sie wollten niemanden mit IV. Und vor allem niemanden ohne Schulabschluss. Ab wann gilt man denn als «behindert»? Dann, wenn man von der IV lebt?

1. Man kann auch Universitätsdozentin oder Starsänger sein, wenn man blind oder fast blind ist. Wie die sehbehinderte Thurgauer Kantonsrätin Barbara Müller, die einen Doktortitel hat. Oder wie Stevie Wonder, der blind ist und ein Weltstar.

2. Man kann auch Modeschöpfer, Wissenschaftler oder Popstar sein, wenn man Autist ist. Karl Lagerfeld war Autist, etliche Wissenschaftler*innen haben autistische Züge. Susan Boyle, die die englische Version von MusicStar gewonnen hat, ist Autistin. Und Robbie Williams ist möglicherweise Autist. Das hat er jedenfalls einmal über sich selbst gesagt.

3. Auch Diabetiker können Eishockeyprofi sein. Wie Caryl Neuenschwander.

4. Es geht auch im Rollstuhl, Anwalt und dazu noch FDP-Nationalrat zu sein. Wie der verstorbene Marc F. Suter gezeigt hat.

5. Auch wenn man HIV-positiv ist, kann man NBA-Basketballstar sein: Magic Johnson.

6. Der Schauspieler und Theaterleiter Daniel Rohr hat ADHS.

Ich kenne viele Beispiele von bekannten Persönlichkeiten, die eine Einschränkung haben. Liegt es daran, dass sie für mich eine Vorbildfunktion haben? Dass es mir hilft, wenn ich sehe, dass andere trotz Behinderung Erfolg haben? Nein. Ich kann sie mir einfach gut merken. Ich bin Autist, ich kann vieles auswendig.

«Behindert» heisst aus Sicht vieler Menschen, dass einem etwas fehlt. Dazu kommt, dass viele den Begriff als Schimpfwort brauchen. Fragt jemand: «Wer ist Robert?» Heisst es: «Der Behinderte.» Oft musste ich einschreiten, wenn jemand «behindert» als Schimpfwort benutzte. Denn er oder sie beleidigt damit alle, die es sind oder als solches gelten.


Die Texte für diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und Stephan Pörtner erarbeitet. Die Illustration zur Kolumne entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Studienrichtung Illustration.