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Illustration: Rahel Nicole Eisenring

All Inclusive
Weniger ist mehr

Eine junge Frau mit Autismus ist vermutlich so ungefähr die letzte Person, der arrivierte Herren aus den Zeitungsredaktionen unter normalen Umständen Aufmerksamkeit schenken würden. «Was kann so ein Mädchen schon Wichtiges zu sagen haben», würden sie denken. Nun ist die Schwedin Greta Thunberg aber nicht mehr irgendwer, sondern die Ikone einer Bewegung, die rund um den Erdball hunderttausende Schülerinnen und Schüler zu Schulstreiks für das Klima inspiriert. Und die älteren Herren in den Redaktionen sind nicht nur verstimmt, sondern richtig schlecht gelaunt.

«Diese Kinder werden instrumentalisiert», behaupten die einen. «Sollen besser zur Schule gehen», muffeln die anderen. Gar von «Kinderkreuzzügen» spricht der Chefredaktor der NZZ und entwirft ein düsteres Zukunftsszenario, wonach die geforderte CO2-Reduktion direkt in die Planwirtschaft und den antikapitalistischen Abgrund führt: «Wenn etwa die Autoindustrie an den Herausforderungen scheitert, müssten sich die bei den Zulieferern in Süddeutschland und der Schweiz beschäftigten Eltern ernsthafte Gedanken machen, wie sie ihren schwärmerischen Sprösslingen künftig noch Handy und Sneakers finanzieren könnten.»

Viele Kritiker ignorieren das ernsthafte Bemühen der Jugendlichen absichtlich. Beispielsweise dass Greta Thunberg konsequent mit dem Zug anreist oder dass diverse Gymiklassen bei ihrer Maturareise bewusst aufs Fliegen verzichten. Vielmehr wird versucht, sie lächerlich oder unglaubwürdig zu machen. Das geht sogar so weit, dass ein ehemaliger NZZ- Journalist in den sozialen Medien ein Foto weiterverbreitete, das angeblich die Abfallberge nach einer Klimademonstration zeigte. Nur: Das Foto stammt von der Streetparade.

Die Unterschiede könnten grösser nicht sein. Die Streetparade ist ein Kind der Neunzigerjahre, grösstenteils unpolitisch und konsumorientiert. Der Klimajugend hingegen geht es nicht ums Feiern, sondern um Verzicht. Und das ist vermutlich genau der Punkt, der die meisten Kommentatoren so beunruhigt. Zwar höhnen sie über die Handys und Turnschuhe der streikenden Jugendlichen, fragen sich aber vermutlich insgeheim bange: Muss ich mein eigenes Verhalten ändern? Werde ich mich einschränken müssen? Das thematisieren sie aber nicht. Man hat immer viel gearbeitet, da steht es einem doch zu, dass man sich im gesetzteren Alter ein grosses Auto oder regelmässige Flugreisen leistet. Das sind natürlich auch Statussymbole: «Also, letztes Wochenende in New York (...)», klingt halt kosmopolitischer als: «Kürzlich in der SAC-Hütte auf der Blüemlisalp (...)». Und jetzt fordern diese Jugendlichen, dass man plötzlich auf all diese Freiheiten verzichtet und ein furchtbar freudloses Leben führt?

Vor einigen Jahren veröffentlichte die australische Palliativpflegerin Bronnie Ware ein vielbeachtetes Buch darüber, was Sterbende am Lebensende am häufigsten bereuen. Materielle Dinge spielen dabei überhaupt keine Rolle. Vielmehr bereuen es viele Menschen, dass sie so viel gearbeitet und darüber oft ihre eigenen Bedürfnisse vernachlässigt haben. Oft bedauern sie, dass sie ihren Liebsten nicht öfter gezeigt haben, dass sie ihnen wichtig sind, und die Kontakte zu ihren Freunden nicht besser gepflegt haben. Viele wünschten sich auch, sich hätten mehr Mut gehabt, sich selbst treu zu bleiben und sich mehr Freude zu gönnen.

Im Interview mit der deutschen Talkmasterin Anne Will erzählte Greta Thunberg kürzlich, ihre Eltern sagten, sie sei heute viel fröhlicher als früher. Warum? «Ich habe das Gefühl, dass ich etwas bewege. Ich denke, dass ich einen Sinn gefunden habe. Und das fehlt uns. Es geht uns nur um oberflächliche Sachen. Wir brauchen etwas, wofür wir kämpfen.» Viele ihrer Mitstreitenden dürften das ähnlich sehen.

Vielleicht sollten die mürrischen älteren Herren das mit dem Weltretten auch mal versuchen.