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Strassenverkaufende
«Wie ein Fels, ruhig und freundlich»

Tinu Jost (57), früher im Sicherheitsdienst tätig, verkauft Surprise im Brunnmatt-Quartier in Bern.

«Surprise gibt mir schon zum zweiten Mal Halt im Leben und ermöglicht mir, einen wichtigen Zustupf zu verdienen, damit ich besser über die Runden komme. Beim ersten Mal stand ich nach einer gescheiterten Beziehung ohne Wohnung und ohne Arbeit da. Nach einem halben Jahr im Passantenheim der Heilsarmee fing ich im Februar 2008 an, in der Christoffel-Unterführung im Berner Hauptbahnhof Surprise zu verkaufen. Wenige Monate später fand ich eine Wohnung in Münsingen und eine Stelle in einer Eier-Verpackungsfirma in Bern.

2017, nicht ganz zehn Jahre später, bekam ich nach der vierten Hüftoperation von der Eier-Firma die Kündigung. Das kam so: 2015 brauchte ich auf der rechten Seite ein neues Hüftgelenk. Die Operation und die Heilung verliefen problemlos. Dann war im März 2016 die linke Hüfte dran, aber dieses Mal wollte mein Körper das Gelenk nicht annehmen. Es brauchte zwei weitere Operationen, die letzte war im August vor einem Jahr. Das Resultat: Um meine linke Hüfte steht es bis heute nicht gut, und mein langjähriger Arbeitgeber hat mich entlassen.

In die nächste Besprechung mit dem Spezialisten setze ich aber wieder grosse Hoffnung; sie wird noch Ende Sommer sein. Mein Hausarzt meint, man könne meine Hüfte mit einer erneuten Operation vielleicht wieder hinkriegen. Mein längerfristiges Ziel ist ganz klar, ich will wieder eine Stelle finden und mich vom RAV abmelden. Momentan ist die Arbeitssuche aber harzig, weil ich gemäss Arzt nur fünfzig Prozent leichte Arbeit verrichten soll. Wenn ich wieder ‹instand gestellt› bin, würde ich gerne in einem Lager, in der Logistik oder im Sicherheitsdienst arbeiten, da habe ich überall schon Erfahrung. Eine Lehre habe ich nie gemacht. Ich bin in einer Pflegefamilie auf dem Bauernhof aufgewachsen – dort war ich mehr Verdingals Pflegkind. Meinen Vater habe ich nur einmal im Leben gesehen, die Mutter zum letzten Mal an der Konfirmation. Keine Ahnung, ob ich noch Geschwister habe.

Als vorigen März meine Ex-Freundin nach nur drei Monaten Knall auf Fall aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen ist, habe ich für einen Moment den Boden unter den Füssen verloren. Ich habe mir überlegt, was ich jetzt machen soll. Da kam mir Surprise in den Sinn. Beim Heftverkauf würde ich auf andere Gedanken kommen und dazu noch ein willkommenes Sackgeld verdienen. Mein früherer Verkaufsort im Bahnhof war natürlich nicht mehr frei, dafür bekam ich einen Platz vor dem Coop in einem Aussenquartier, wo man sich eine Stammkundschaft aufbauen kann. Und so ist es auch gekommen: Ich kenne schon einige Leute in diesem Brunnmatt-Quartier und habe einen sehr guten Kontakt zum Personal der Coop-Filiale. Wenn möglich, bin ich täglich für ein paar Stunden an meinem Platz, und dann stehe ich dort wie ein Fels, ruhig, freundlich und hilfsbereit. Wenn zum Beispiel jemand mit einem vollbepackten Velo kommt, biete ich an, auf das Gepäck zu schauen, damit er oder sie schnell ihre Besorgungen im Coop machen kann. Dass man mich wahrnimmt, merke ich daran, dass mich die Leute fragen, wo ich war, wenn ich einen Tag nicht vor dem Coop stehe – das freut mich sehr.

Weil ich Münsingen vor allem wegen der Episode mit der Ex-Freundin so bald als möglich vergessen und hinter mir lassen möchte, bin ich auf der Suche nach einer Wohnung in Bern. Im Brunnmatt-Quartier könnte ich es mir gut vorstellen, aber es kann auch anderswo sein. Eine kleine Wohnung mit zwei Zimmern genügt mir – nur einen Wunsch habe ich: Es sollte ein grosser Tisch darin Platz haben, auf dem ich nach und nach eine Modelleisenbahn aufbauen kann. Das ist ein langgehegter Wunsch von mir.»