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Trocken ist Michel Dewulf nicht. Aber seit der in der eigenen Wohnung lebt, trinkt er deutlich weniger.

Housing First
Zwei, die auszogen, das Wohnen zu lernen

Der Deutsche Harry Neumann und der Belgier Michel Dewulf waren beide obdachlos und wollen zurück in ein geordnetes Leben. Die Voraussetzungen könnten unterschiedlicher nicht sein.

Harry Neumann und seine Hütte.
Michel Dewulf schätzt das Leben in der eigenen Wohnung.

Den Rucksack geschultert, die grauen Haare nach hinten gegelt und eine Sonnenbrille auf der aufgedunsenen Nase, verlässt Harry Neumann, 51 Jahre, um zehn Uhr morgens sein Berberdorf. Die Siedlung aus Blockhütten und Containern liegt am Stadtrand von Esslingen in BadenWürttemberg. «Nicht in die Gegend pissen oder scheissen», steht auf einem Schild am Ausgang. Harry humpelt Richtung Supermarkt, manchmal schlägt sein Bein zur Seite aus oder der Oberkörper zuckt. «Die Nerven», sagt Harry. «Vom Saufen.» Trotz der Schwierigkeiten beim Gehen kauft er jeden Tag ein: «Wenn ich nur mit den anderen Wohnungslosen rumhänge, werde ich bekloppt.»

Vor dem Aufzug eines Appartement-Blocks in Brüssel, Belgien. Eine Frau mit Dauerwelle schiebt ihren karierten Einkaufstrolley in den Fahrstuhl und drückt den Knopf fürs Erdgeschoss, als ein hagerer Mann mit Flipflops und einer Bierdose in der Hand zu ihr in den Aufzug springt. «Bonjour Michel, spielen Sie heute gar nicht Boule mit den anderen?», fragt sie und lässt ihre Dauerwelle in Richtung des kleinen Sandplatzes vor dem Hochhaus wippen. «Puh, non, impossible» – unmöglich – erwidert Michel Dewulf, 47 Jahre, und wedelt sich Luft zu. «Ich habe gehört, dass wir seit 1905 nicht mehr so eine Hitze hatten.»

Zwei lange, spitze Zähne sind von seiner unteren Zahnreihe übriggeblieben, von der oberen nur Zahnstümpfe. Seine Arme sind gezeichnet von tiefen, wulstigen Narben. Im Erdgeschoss angekommen, öffnet er das Türchen seines Briefkastens: «Nichts», sagt Michel und lächelt zufrieden. Keine Mahngebühren, keine Aufforderung, die Wohnung wieder zu verlassen. Es ist die erste Wohnung in seinem Leben. Michel drückt die 4 und fährt zurück nach oben.

Vertrauensvorschuss für Michel

Harry und Michel – zwei Obdachlose in der Warteschleife für ein geordnetes Leben. In Deutschland gilt für Harry: Zuerst den Alkohol besiegen, dann eine richtige Wohnung bekommen. In Belgien gilt für Michel: Zuerst die Wohnung beziehen, dann die Sucht besiegen. «Stufenmodell» heisst der in Deutschland vorherrschende Weg und gilt für über eine Million Menschen ohne festen Wohnsitz. Sie müssen in einem komplexen System aus Notunterkünften und Übergangsheimen ihre Eignung und Zuverlässigkeit beweisen. «Housing first» heisst der belgische Weg. Er stattet Obdachlose mit einem grossen Vertrauensvorschuss aus. Welcher Weg funktioniert besser?

Um 11 Uhr morgens ist es noch ruhig in Harry Neumanns Berberdorf. Es gehört mit seinen 25 Bewohnern zu einem «Aufnahmehaus mit sozialer Betreuung». Zwölf Holzhütten mit Heizung und Strom. Toiletten, Duschen und Waschmaschinen sind in Containern untergebracht. Ein Übergangsheim auf dem Weg in die Sesshaftigkeit, aufgehübscht von seinen Bewohnern mit Beeten und Gartenzwergen, Lampions, Holztischen und Bänken.

Die meisten schlafen noch, nur Harry ist von seinem Einkauf zurück und dreht sich eine Zigarette am Holztisch vor seiner Hütte. Ein Bootsruder hängt über der Tür, darunter ein aufgeblasener Ball, bedruckt mit einer Weltkarte. Harrys Garten: rissige Erde, aus der nichts wächst.

Harry kommt aus Nordfriesland, unweit der dänischen Grenze. Das hört man, wenn er «dat» sagt oder das «nee» ganz lang zieht. Als er sich mit 24 Jahren von seiner Frau trennte, wollte er nur noch weg, sagt er. Er zog auf die Strasse, das Freiheitsgefühl lockte. Harry betont, dass er noch ein richtiger Landstreicher war. Einer, der mit Rucksack von einem Ort zum nächsten wanderte, unter Brücken und freiem Himmel übernachtete. Harry kam bis nach Dänemark, Norwegen, Frankreich und Italien. «Die meisten Obdachlosen heutzutage sind doch nur Stadtratten», sagt Harry. «Ich hatte das grösste Schlafzimmer und Bad, das man sich vorstellen kann.» Eigentlich wollte er sein Landstreicherleben nur ein Jahr durchziehen. Aber dann sei er auf den Geschmack gekommen. «So bin ich OFW geworden», sagt Harry. Ohne festen Wohnsitz. 20 Jahre «auf der Platte» liegen hinter ihm. Eigentlich sollen die Leute spätestens nach drei Monaten wieder raus aus dem Berberdorf und rein in eine Existenz mit Wohnung, Job und sozialen Kontakten. So sieht es das Konzept vor. Harry steckt nach sieben Jahren noch immer im Provisorium fest. Es misst 16 Quadratmeter, vorne am Eingang ein Kühlschrank und eine kleine Kochstelle, hinten ein Doppelbett mit Ventilator und Fernseher davor, an der Wand hängen zwei Hüte, fünf Basecaps, vier Sonnenbrillen, ein Schränkchen mit Medizin, auf einem Regal DVDs, Taschenlampen, Fotos von Harrys Neffen und Eltern.

So lange wie er hat niemand im Berberdorf gelebt. Er ist gleichzeitig Vergangenheit und Zukunft seiner Nachbarn. Als Harry auf der Strasse lebte, sei Alkohol kein grosses Problem gewesen. Vor allem Bier habe er getrunken. «Der Absturz kam erst hier», sagt Harry. Hier, im Berberdorf, weg von der Strasse, aber auch noch weit davon entfernt, ein normales Leben in den eigenen vier Wänden zu führen. «Ich weiss gar nicht genau, warum ich das Saufen angefangen habe.» Harry überlegt. «Alle hier saufen.»

Eigentlich sind harter Alkohol und Drogen im Berberdorf verboten. Aber das können Betreuer, die um 10 Uhr kommen und um 16 Uhr wieder gehen, nicht kontrollieren. Eine Wohnung unter diesen Umständen zu finden, ist nicht leicht. Überall, in jedem Supermarkt, in jeder Bank, an jedem Pfahl, hat Harry Steckbriefe verteilt, mit einem Foto drauf: Harry mit Lederhut und seinem schwarzen Hund Gero. Angerufen habe kaum jemand. Wenn, dann waren die Wohnungen zu teuer. Einmal hätte er eine Dachgeschosswohnung haben können. «Wie hätte ich denn da hochkommen sollen mit meinen Gehproblemen?»

Vier Entgiftungen hat Harry in sieben Jahren Berberdorf hinter sich. «Gehen werden Sie nie mehr können», hatte der Arzt gesagt. Und ein anderer: «Das nächste Weihnachten werden Sie nicht mehr erleben.» Zwei Jahre ist das her.

Suchtvergangenheit schreckt Vermieter ab

Er hat es tatsächlich geschafft, Harry ist trocken – und findet dennoch keine Wohnung. «Wenn ich irgendwo anrufe und gefragt werde, wo ich aktuell wohne, heisst es immer, nee, die Wohnung ist schon vergeben. Oder, ich hatte schon mal jemanden aus dem Berberdorf, der hat mir die ganze Wohnung verhunzt.» Harry sagt dann, nein, ich bin sauber, meine Hütte ist immer aufgeräumt, Sie können kommen und gucken, jederzeit. Gekommen ist nie jemand. Vor ein paar Monaten hat sich Harry im Internet auf einer Immobilienseite registriert. Er holt sein Handy aus der Brusttasche und fährt mit den Fingern über das Display. Harry hat das Nötigste eingetragen: Wohnung bis zu zwei Zimmern, Kaltmiete maximal 425 Euro, Nebenkosten 150 Euro, plus minus fünf Kilometer. «Keine aktuellen Angebote», liest Harry vor und steckt das Handy zurück.

Die Zahl an Sozialwohnungen in Deutschland ist massiv zurückgegangen. 2017 gab es nur noch 1,2 Millionen Wohnungen mit Mietpreisbindung. Eine Wohnung zu Marktpreisen kann sich Harry nicht leisten. Auch in Deutschland steigen die Mieten kontinuierlich, seit 2013 um durchschnittlich drei Prozent pro Jahr. «Wir bekommen immer mehr Menschen aus der Mittelschicht, solche, die gar nicht lange obdachlos waren und die ein grösseres Bündel an Problemen mitbringen, wie Sucht und Überschuldung», sagt Anja Wessels, die Leiterin des Berberdorfes. Eigentlich sollte sie Harry helfen, eine Wohnung zu finden. «Eine Suchtvergangenheit schreckt Vermieter ab.» Sie geht raus vor ihren Container und zündet sich eine Zigarette an. «Ich halte nicht viel vom Stufensystem», schimpft sie und schildert den Ablauf: Erst landeten Obdachlose in der Notunterkunft, dann geht’s ins Aufnahmehaus, dann komme vielleicht irgendwann die Übergangswohnung oder das Wohnheim, dann die Trainingswohnung. Der Wohnungslose soll langsam an das normale Wohnen herangeführt werden, «mitwirken», wie es im Amtsdeutsch heisst, indem er eine Therapie macht, um von der Alkoholoder Drogensucht wegzukommen. «Viele schaffen das nicht», sagt Wessels. «Sie erleben in dem Prozess Stress und Frust, weil so wenig vorangeht, und verfallen dann erst recht der Sucht. Ich würde mir in Deutschland ein Housing-First-Konzept wie in Finnland oder Belgien wünschen.»

Brüssel im August, das Thermometer zeigt 31 Grad Celsius. Michel Dewulf schaut fragend auf das Gerät vor seiner Wohnungstür, das ihm jemand hingestellt hat. Ein schmaler Korpus mit einem Stecker dran und ein paar «Plus»und «Minus»-Knöpfen. «Eine Klimaanlage», vermutet Michel, trägt das Ding in seine Wohnung und will es wegräumen, was nicht einfach ist, weil alles zugestellt ist: Tüten und Kisten unter dem Tisch, Klappstühle an der Wand, ein riesiger Eisbär aus Plüsch bewacht den schmalen Flur. «Ich bin noch nicht so gut im Aufräumen», sagt Michel. «Das muss ich noch lernen.» 30 Quadratmeter, ein grosses Bett unter dem Fenster, daneben eine durchgesessene speckige Couch, gegenüber ein Kleiderschrank, aus dem kaputte Schubladen hängen, eine Küchenzeile, die lange nicht mehr geputzt wurde, und ein Bad, das gerade verstopft ist, weshalb Michel zum Pinkeln bei den Nachbarn klingeln muss. «Ich bin der glücklichste Mensch auf der Welt», sagt Michel. «Ich werde alles tun, um diese Wohnung behalten zu können.»

In Michels Kleiderschrank hängt nur eine rote Steppjacke. Elf Jahre trug Michel sie auf Brüssels Strassen, sie ist die einzige Erinnerung an damals. Und die kleine Plastikdose, die Michel aus der Innentasche hervorholt. «Das war meine Klimperdose.»

Fünf bis zehn Bier und ein paar Kekse

Wenn Michel von seiner Vergangenheit erzählt, verformt sich sein zappeliger Körper zu einem buckeligen Rücken, der über den verglasten Couchtisch gebeugt ist. Bier neben einem Tabakbeutel. Früher trank Michel bis zu 40 Dosen am Tag. Starkbier, Alkoholgehalt bis zu 14 Prozent. Heute sind es fünf bis zehn Dosen vom leichten Jupiler-Pils. Zwischen den Aschekrümeln liegt eine Packung Kekse. Wenn Michel isst, dann höchstens in Form einer kleinen Portion Zucker. Mehr als 20 Kilo hat er seit Anfang des Jahres verloren. Obwohl er es immer wieder versucht, will keine Mahlzeit im Magen bleiben.

An seinem 18. Geburtstag steht die Mutter mit gepacktem Koffer in der Tür. Doch nicht etwa sie will die Familie verlassen, ihr Sohn soll gehen. «Ich war ein ungewolltes Kind», sagt Michel lapidar. Die Brüssler Börse wurde Michels neues Zuhause, dort, wo die meisten Touristen herumlaufen: Fotos machen auf dem Grossen Markt, feinste belgische Schokolade kaufen, frische Waffeln mit Maronencreme. Dazwischen Michel im Kampf um Essen und Alkohol, der in bewaffneten Raubüberfällen und zwei versuchten Morden endet.

2015 kommt Michel mit zwei Plastiktüten aus dem Gefängnis. Elf Jahre draussen und 15 Jahre drinnen liegen hinter ihm. «Viel Glück», hatte ihm der Pförtner mit einem Händedruck gewünscht. Michel geht zum nächsten Superarkt und kauft sich eine Flasche Whiskey.

Wenige Monate später wacht er im Krankenhaus auf. Er hatte am Strassenrand gelegen, blutüberströmt, das lange Messer noch in der Hand. Die Arme aufgeschlitzt. Der Bauch auch. Als Michel wieder zu Kräften kommt, packt er den Arzt am Arm und sieht ihn vorwurfsvoll an: «Warum haben Sie mich nicht sterben lassen?»

Eines Tages steht eine Sozialarbeiterin an seinem Spitalbett. Sie kennen sich schon lange. War Michel nicht an seinem Stammplatz an der Börse anzutreffen, erkundigte sie sich bei anderen Obdachlosen nach ihm. Zwischen Atmungsgeräten und weissen Kitteln sehen sie sich nun wieder. Sie gibt ihm, Michel, einem Ex-Knasti, Säufer und Obdachlosen, der sich eben noch gewünscht hatte, tot zu sein, einen Schlüssel zu seiner ersten Wohnung. Das war vor neun Monaten.

«Als ich die Tür aufgeschlossen habe, habe ich geweint.» Hier kann er schlafen ohne Angst zu haben, dass ihm jemand etwas klaut. Hier kann er sich waschen, ohne dafür anstehen zu müssen. Hier kann er sich Essen zubereiten, das er oft mit Gästen teilt. Und er ist in seinem Wohnblock umgeben von Durchschnittsbürgern, für die ein geregeltes Leben normal ist, von Angestellten, von Rentnern. Eine soziale Immobilienagentur hat ihm die Wohnung beschafft. Er bezahlt 30 Prozent weniger als auf dem normalen Wohnungsmarkt, 500 Euro, die er durch seine Invalidenrente abdeckt. Ausserdem bekommt er vom Staat jede Woche 80 Euro zum Leben.

Der Fussboden ist mit Farbklecksen übersät. Michel hat angefangen zu malen, unter der roten Jacke im Schrank stehen ein Dutzend Leinwände. Michel holt ein Bild hervor, ein Farbenmeer aus violetten, blauen und grünen, dicken Pinselstrichen, darüber hat er Glitzer gestreut. «Das ist ein Hund, erkennt man, oder?» Michel dreht das Bild um. «Nun kann man einen Menschen erkennen, hier die Nase.» Immer wieder holt er neue Bilder aus seinem Schrank. Neulich habe ihm jemand 200 Euro für ein Bild gezahlt. «Ja», sagt er, «ich habe wieder Lust zu leben.»

Die ersten Tropfen sind für die Verstorbenen

Auf dem Weg zur Metrostation läuft Michel an einem jungen Mann vorbei, der auf einem Schlafsack vor einem Elektroladen kauert. «Salut, Christophe, alles klar, hast du Hunger?» – «Ich will ein Bier», ist die Antwort. «Ah, nein, damit kann ich nicht dienen, mein Freund.» Michel geht weiter: «Ruh dich aus, such dir ein Plätzchen im Schatten.» Im Brüssler Stadtkern thront König Leopold II. vor dem königlichen Palast auf einem Sockel, ein paar Meter weiter steht Michel vor dem «Baum zum Gedenken an die Toten auf der Strasse» und liest die Namen auf den Papierschnipseln, die am Baumstamm angebracht sind. «Letzte Nacht ist Brigitte gestorben», ruft ein Mann Michel zu.

«Die Blonde?», fragt Michel.

«Ja, die hing hier immer rum.»

«Warum ist sie denn gestorben?»

«Was glaubst du denn?»

«Ah, ja, die Drogen.»

«Die wollen einen zweiten Baum in der Stadt aufstellen», sagt der Mann.

Michel lässt seine Bierbüchse aufploppen und schüttet ein paar Tropfen an den Baum. «Die ersten Tropfen sind immer für die, die auf der Strasse gestorben sind», sagt Michel.

Ein paar Tage später trifft er eine Entscheidung: «Ich hör auf mit dem Trinken. Ich will meine Medikamente nehmen.» Die Schlafmittel und Antidepressiva liegen unangebrochen in Michels Badezimmer. «Und eigentlich müsste ich auch zum Arzt. Ich muss essen.»

Im Berberdorf in Esslingen sitzt Harry mit einem Nachbarn vor seiner Hütte. Stumm trinkt der andere seine Dose Bier. Harry legt Tabak aufs Blättchen, hält die Zunge dran, rollt das Papier zu einer Zigarette. Kein Filter. «Bis heute Morgen um sieben hatte ich keine Ruhe, ständig klopfte einer und wollte Bier», sagt der Nachbar und wischt sich über die trockenen Augen. «Wenigstens musste ich nicht wieder die Bullen rufen», kontert Harry. Bis zu viermal im Monat meldet sich Harry bei der Polizei, weil jemand ausgetickt ist. Seine Nummer kennen sie schon. «Herr Neumann, was ist jetzt schon wieder los im Berberdorf?»