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Urs bricht auf

Von einem, der auswandern will

Urs Saurer ist dienstältester Surprise-Verkäufer in Basel. Weil er sich das Altwerden in der Schweiz nicht vorstellen kann, plant er, nach Kamerun auszuwandern. Ein gewagtes Vorhaben.

TEXT: SARA WINTER SAYILIR

FOTOS: ROLAND SCHMID

ILLUSTRATIONEN: BIRGIT LANG

Vorgeschichte: Urs Saurer ist der dienstälteste Verkäufer von Surprise, ein Basler Stadtoriginal. Mittlerweile ist er 60 und macht sich Gedanken über seine Pensionierung. Seine AHV wird mager ausfallen, viel verdient hat er nie. Mit zwei Kolleginnen kommt er auf eine Idee: Warum nicht auswandern? Die Frauen laden ihn in ihr Landwirtschaftsprojekt in Kamerun ein. Urs reist für drei Wochen hin und kann sich gut vorstellen, dort zu bleiben. Nach der Rückkehr in die Schweiz wird Urs mit einer akuten Malaria ins Spital eingeliefert. Erst zwei Monate später kann er das Unispital wieder verlassen. Seinen Traum vom Auswandern lässt er nicht los. Doch zum Pläneschmieden bleibt Urs keine Zeit: Mitte März muss er erneut ins Spital.

Anderthalb Monate verbringt Urs Saurer mit einem zweiten Anfall von Malaria tropica im Spital. Der erste Schub hatte bereits zu Organversagen von Leber und Nieren geführt und Urs mit abgestorbenen Zehen am rechten Fuss zurückgelassen. Er ist kraftlos, kaum noch kommt seine Stimme über seine Lippen. Bis zu einem Jahr können diese Rückfälle bei Malaria tropica auftreten. Das Rauchen hat Urs im Gegensatz zum Alkohol nicht aufgegeben, immer noch hält er an seinen zwei Päckchen pro Tag fest. Für jede Zigarette schleppt er sich mit dem Rollator durch die Gänge nach draussen. Die breiten Balkone des alten Felix-Platter-Spitals bieten eine schöne Aussicht. Wenn er nur wüsste, was mit ihm passieren soll, sobald das Spital ihn wieder entlässt. Zurück zu seinem Kollegen von Surprise, bei dem er zwischendurch unterkam, möchte er nicht. Der Kollege hat selbst genug Probleme und befürchtet zudem durch Urs als Untermieter Einbussen bei den Ergänzungsleistungen. Irs fällt anderen nicht gern zur Last.

Vom Spital ins Hotel

Eine andere Bleibe muss gefunden werden. Die Sozialarbeiterin des Felix-Platter-Spitals möchte helfen. Doch Urs erzählt ihr kaum etwas von sich. Es fällt ihm schwer, über sich und seine Bedürfnisse zu sprechen. Besonders mit jemand Unbekanntem von einer Institution, die ihn bisher zwar gut umsorgt hat, jetzt aber offenbar loswerden will. So erscheint es ihm. Erst als die Surprise-Sozialarbeiter Anette Metzner und Thomas Ebinger sich vermittelnd einschalten, lässt er mit sich reden. Doch obwohl die beiden Urs schon viele Jahre kennen, sind auch sie nicht über alle Details seines Lebenswandels unterrichtet. Wo hast du denn vor deiner Reise nach Kamerun gewohnt? Kochst du dein Essen selbst? Als man ihm noch einmal das Männerwohnheim der Heilsarmee vorschlägt, wird Urs laut. Dorthin will er auf keinen Fall, da gebe es keinen Privatbesitz, das Zimmer müsse man mit einem Fremden teilen und teuer sei es obendrein, ist er überzeugt. Und er koche gern. Es gebe doch spezielle Wohnungen für Alte, warum könne er denn nicht in so eine einziehen, will er wissen.

So wenig Betreuung wie möglich, das ist Urs wichtig, er möchte für sich selbst sorgen. Seiner Meinung nach käme er auch ohne festen Wohnsitz irgendwie zurecht. Doch seine in Folge des Organversagens blau angelaufenen Zehen erholen sich nur langsam, sie müssen regelmässig feucht in Jodverband eingeschlagen werden. Dazu muss die Spitex Urs alle zwei Tage am selben Ort und zur selben Zeit antreffen und versorgen können. Das sieht er nur ungern ein. Er würde lieber selbständig ins Spital gehen und sich dort versorgen lassen. Dort kennt er schon alles und wäre gleichzeitig unabhängiger. Eine ambulante Nachversorgung dieser Art aber sieht das Spital nicht vor, dazu müsste er zu seinem Hausarzt, und das möchte Urs wiederum nicht.

Mit vereinten Kräften nden die Sozialarbeiterinnen von Surprise und dem Spital schliesslich eine Lösung: das Hostel Volta. Das Mietshaus in der Voltastrasse bietet günstige Wohngelegenheiten für Menschen in prekären Lagen an. Urs könnte sofort dort einziehen, gerade ist ein Zimmer frei geworden. Die Sozialhilfe übernähme auch die Miete, das ist schnell geklärt. Anette von Surprise und Urs vereinbaren einen Besichtigungstermin. Das Hostel scheint ein idealer Ort: Gerade so viel Betreuung wie nötig, aber nicht zu viel Einmischung. Urs sagt zu.

Am 30. April wird er schliesslich aus dem Spital entlassen. Vertriebsmitarbeiter Christian Müller von Surprise holt ihn vom Felix-Platter-Spital ab und bringt ihn in sein neues Zuhause an der Voltastrasse. Es war ein immenser Aufwand herauszu nden, wo Urs noch überall Sachen gelagert hat, die nun gezügelt werden müssen. Und dann alle zu koordinieren: Das Umzugsteam von Overall, einem sozialen Integrationsprojekt. Den Kollegen von Surprise, wo Urs untergekommen war. Und eine weitere Person, die Urs ein Bett schenken will, das abgeholt werden muss.

Auf dem Weg zum Hostel Volta wirkt Urs zufrieden, er ist immer noch gezeichnet von der langen Krankheit, aber deutlich tter als noch vor zwei Wochen. Gemeinschaftsräume gebe es nicht in der neuen Unterkunft, es seien Einzelwohnungen, erzählt er. Mit Christian unterhält er sich über den Sieg von YB über den FCB wenige Tage zuvor, obwohl Urs sich eigentlich nicht besonders für Fussball interessiert – und wenn, dann für den FC Thun.

Mit Rollator ohne Lift

Am Eingang zum Hostel Volta muss Urs ein paar Stufen zur Haustür hochsteigen, den Rollator trägt Christian ihm ins Treppenhaus. Dort ist wenig Platz. Eine dauerhafte Lösung ist das nicht für die Gehhilfe. Hochtragen geht auch nicht, Urs kann sich ja kaum selbst die Stufen hochhieven. Es gibt keinen Lift, die Wohnung ist im dritten Stock. Langsam erklimmt Urs die Treppe. Ein Herr Ende 60 nimmt ihn oben in Empfang, stellt sich vor als Herr Bof, er ist einer der beiden Betreiber der vivere e abitare GmbH, die das Hostel besitzt. Daniel Bof schliesst die Tür zur Dreizimmerwohnung auf. Eines der Zimmer gehört Urs, Küche und Bad teilt er sich mit zwei Mitbewohnern, von denen allerdings keiner auftaucht oder sich vorstellt. Urs ist unzufrieden, lässt sich seinen Unmut aber kaum anmerken.

Jovial freundlich erklärt Daniel Bof Urs die wichtigsten Infos. «Wir haben da natürlich keinen Luxus, aber sind wir auch nicht gewöhnt, gell?» Urs reagiert verhalten auf den Unbekannten und dessen Ansagen. «Eigentlich wollte ich ja nach Kamerun», erzählt er. Da nden sie sich kurzzeitig, Daniel Bof hat dort mal gearbeitet, hatte ebenfalls Malaria und lag auf der Intensivstation. Urs erzählt vom Koma und von seinen blau angelaufenen Zehen, die sich langsam erholen. «Da haben Sie ja Sauglück gehabt, auf gut Deutsch gesagt», bemerkt Daniel Bof. Aber jetzt gehe es ja hier weiter. Nun müsse Urs nur noch aufpassen, dass er keine schwarzen Füsse bekomme, weil er sie nicht wasche, versucht Daniel Bof sich an einem Scherz. Urs ist noch ganz woanders. «Jetzt kann ich nicht mehr nach Kamerun», sagt er und schaut aus dem Fenster. Der Gedanke, dass er nun hierbleiben soll, in dem spartanisch eingerichteten Zimmer mit zwei fremden Mitbewohnern in der Wohnung, sagt ihm nicht zu. Wo soll er denn seine Sachen unterbringen, seine Pokale von den Waffen- und Marathonläufen? Im Zimmer ist wenig Platz, ein Bett, ein Couchtisch, ein kleines Gestell. Lieber erstmal wieder raus und irgendwo einen Kaffee trinken, wo er sich wohler fühlt. Im Quartier St. Johann ist er für viele ein alter Bekannter, man freut sich, ihn zu sehen. Wie im Café New Point an der Elsässerstrasse. Dort kommt die Wirtin persönlich an den Tisch und erkundigt sich, wo Urs denn so lange gewesen sei, sie habe ihn ja ewig nicht mehr gesehen. «Im Gefängnis war ich wieder mal», scherzt er. Dann erzählt er ihr von seinen wirklichen Abenteuern, von Kamerun und dem Spital.

Rund einen Monat später sieht Urs wieder fast aus wie vor seiner Kamerun-Reise. Er kann wieder ohne Rollator laufen, sein Fuss erholt sich gut, und seit er einen eigenen Kühlschrank im Zimmer hat, ist es auch im Hostel Volta aushaltbar. Zumindest für den Übergang, denn dort wird er nicht alt werden. Derweil arbeitet er wieder volle Tage für Overall in den Gärten der Umgebung und verkauft Surprise am Bahnhof. Immer noch träumt er vom Land, von Ruhe und vom Ziegen züchten. Er hat da mal jemanden kennengelernt, der ist nach Kanada ausgewandert. Da gibt es keine Malaria.

 

Teil 1

Teil 2