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Urs bricht auf

Von einem, der auswandern will

Urs Saurer ist dienstältester Surprise-Verkäufer in Basel. Weil er sich das Altwerden in der Schweiz nicht vorstellen kann, plant er, nach Kamerun auszuwandern. Ein gewagtes Vorhaben.

TEXT: SARA WINTER SAYILIR

FOTOS: ROLAND SCHMID

ILLUSTRATIONEN: BIRGIT LANG

Vollbart, Arbeitskleidung, grauer Tirolerhut, in dessen Band ein kleiner Gamsbart und ein Fisch stecken. So kennt ganz Basel Urs Saurer. Am Bahnhof verkauft der Mann mit dem verschmitzten Lächeln Surprise, daneben verdient er etwas Geld als Taglöhner, hilft jemandem beim Zügeln, begrünt einen Vorgarten. Urs ist ein Stadtoriginal. Seit 20 Jahren lebt er in Basel, und doch ist er in der Stadt eher hängengeblieben als angekommen. Eigentlich ist er ein Landkind. Seine Kindheit verbrachte Urs als eines von fünf Geschwistern auf einem Bauernhof in Ringoldswil, einem 125-Personen-Dorf der Gemeinde Sigriswil im Berner Oberland. Die Familie Saurer besass ein paar Kühe und Ziegen, mit Viehwirtschaft kennt Urs sich deshalb aus. In seinem Lehrberuf als Autolackierer hielt er es nicht lange aus. Lieber fing er auf dem Bau an, kam in der ganzen Schweiz herum. Urs arbeitet gern draussen, er mag das Ungebundene. Am liebsten als Gärtner. Er arbeitet viel, nur selten ist er auf Sozialhilfe angewiesen. Und in der Weihnachtszeit sieht man Urs als Santiklaus mit Blinkemütze durch die Strassen spazieren. 

Oft trinkt Urs ein paar Bier zu viel, dann führt er laute Streitgespräche auf der Strasse, schreit herum oder schläft. Als Alkoholiker sieht er sich nicht. Er kann jederzeit aufhören, davon ist er überzeugt. Abhängig ist er nur von Zigaretten, zwei Päckchen am Tag. Langsam spürt er auch das Alter. 60 Jahre ist er jetzt. Und befürchtet, dass er zu wenig Geld haben wird, wenn er pensioniert wird.  

Eine folgenreiche Idee

Im Spätherbst 2017 bringen ihn zwei Kolleginnen auf eine Idee. Er trifft sie im Schwarzen Peter, dem Verein für Gassenarbeit an der Elsässerstrasse. Carole Erlemann Mengue und Kathrin Witschi leben in Kamerun, wo sie unter anderem ein Strassenfussball-Projekt betreiben. Carole war einmal Goalie beim Team Multicolor Basel. Die eine ist eine grosse, scheinbar alterslose Kamerunerin mit einem einnehmenden Lächeln, die andere ist kleiner und zarter, eine gebürtige Baslerin mit kritischem Blick und braunen Locken. 

Gerade sind sie zu Besuch in Basel. In Kamerun sind sie in einem Verein engagiert, dem Conseil de la diaspora africaine de Suisse – Branche Cameroun, kurz CDAS-BC. Gemeinsam trinken die drei Kaffee und überlegen, ob ihr Vereinsdomizil auf dem Land bei Yaoundé nicht was wäre für Urs. Seine magere AHV könnte er sich doch gut ins Ausland auszahlen lassen, wo er deutlich besser davon leben könnte als in der Schweiz. 

Das interessiert den Bergler sehr. Seit seine Eltern, die er immer regelmässig besucht hat, und seine Freundin verstorben sind, hält ihn nichts mehr in der Schweiz. Ihn lockt die Aussicht auf mehr Ruhe und Arbeit im Grünen, die Rückkehr in die Landwirtschaft, vielleicht eine Ziegenherde. Und er macht sogleich Pläne: Einfache land- wirtschaftliche Maschinen will er mitnehmen und den Leuten in Kamerun den Umgang damit zeigen. Vielleicht könnte man sogar einen kleinen Landwirtschaftsmaschinen-Import-Export aufziehen, stellt er sich vor.  

Sparen auf den Flug

Wo genau Kamerun liegt und was es alles braucht, um dorthin auszuwandern, hat sich Urs bereits von Kathrin und Carole im Detail erklären lassen. Er spricht keine andere Sprache als Deutsch, in Kamerun müsste er sich auf die beiden als Übersetzerinnen verlassen. Aber das schreckt ihn nicht. Er kommt schon zurecht. Urs hat einen starken Willen. In jungen Jahren war er Waffenläufer, und zwanzig Mal ist er den Swissalpine in Davos gelaufen, seinerzeit 78 Kilometer bis auf 3000 Meter Höhe. Er ist ein zäher Kerl. 

Bei Surprise, wo Urs wöchentlich seine Hefte bezieht, sind wir überrascht und erstaunt. In erster Linie aber freuen sich alle. Kamerun: Was für ein kühner Plan! Und was für eine Energie Urs plötzlich ausstrahlt, jetzt, wo er einen Plan für die Zukunft hat. Aber kennt er sich denn aus, weiss er, was ihn erwartet? «In Kamerun kosten Zigaretten nur einen Franken, im Gegensatz zu mehr als acht Stutz hier», rechnet Urs vor. Kaum jemand glaubt, dass er es wirklich bis nach Kamerun schafft. Unterschätzen wir ihn?  

Er geht es bedächtig an: Zunächst will er für drei Wochen nach Yaoundé reisen, um sich vor Ort ein Bild zu machen, ob das Auswandern in die zentralafrikanischen Tropen wirklich eine Perspektive für ihn wäre. Drei Wochen verreisen: Schon das ist ein Abenteuer für jemanden, der das letzte Mal in den Achtzigerjahren geflogen ist. Schein für Schein spart Urs sich das Geld für den Flug zusammen. Ursprünglich hatten sie geplant, dass alle drei gemeinsam fliegen: Carole, Kathrin und Urs. Doch weil Urs am Bahnhof gerade seine Tasche geklaut worden ist und er deshalb erst einen neuen Pass beantragen muss, fliegen Carole und Kathrin schon mal voraus. 

Als er seinen neuen Pass endlich bekommt, muss Urs für das Visum nach Bern zur Kameruner Botschaft. Am Berner Hauptbahnhof steht alles: Es ist Zibelemärit, ein Berner Feiertag. «So eine Scheisse», stellt er fest, lässt sich aber nicht aufhalten. Eine Dreiviertelstunde geht er zu Fuss bis zur Botschaft. Dort angekommen, setzt Urs Saurer sich ins Wartezimmer und wartet. Stundenlang. Keiner nimmt Notiz von ihm, er versteht nicht, warum, «die reden ja Französisch in Afrika». Als andere, die lang nach ihm gekommen sind, ihre Anliegen innerhalb weniger Minuten erledigen, wird er stutzig. «Die legten 150 Franken auf den Tisch, bekamen ihre Stempel und gingen wieder.» Erst um Viertel vor eins, gerade noch kurz vor der Mittagspause, bekommt auch Urs endlich seine Papiere. Das Visum kostet 140 Franken.  

Mit offenem Reissverschluss

In den folgenden Tagen frischt Urs im Tropeninstitut seine Impfungen auf und erhält Malaria-Prophylaxe-Tabletten. Kamerun ist Hochrisikogebiet. Der Tag der Abreise rückt näher. Nur wenn man online bucht, bekommt man bei Turkish Airlines den günstigsten Tarif. Kathrins Mutter Susanne leiht Urs netterweise ihre Kreditkarte. Wenn ihre Tochter und deren Freundin sagen, der Urs sei ein guter Typ, glaubt sie ihnen. Tatsächlich drückt Urs Susanne das Geld sofort bar in die Hand, ihm ist wichtig, möglichst wenigen etwas schuldig zu sein. Sie verabreden ausserdem, dass die 64-Jährige den Kamerun-Reisenden am Donnerstag, dem Tag seiner Abreise, mit dem Auto zum Bahnhof fährt, damit er seine schweren Koffer nicht allein durch die Gegend schleppen muss. Urs verspricht ihr einen Kaffee als Dank.

Anfang Dezember am Tag der Abreise, steht Susanne um halb sechs Uhr morgens vor der Haustür an der Vogesenstrasse, wo Urs bei der Tochter einer guten Bekannten wohnt. Doch dort ist niemand. Klingeln will Susanne auch nicht, ist ja noch so früh. Nach einer Weile ruft sie Urs auf dem Natel an. Eine verschlafene Stimme meldet sich. Urs hat am Abend zuvor mit viel Alkohol gefeiert, «wer weiss, wann es wieder was gibt», und ist weder zuhause noch parat. Susanne und er einigen sich auf einen Treffpunkt: die Margarethenbrücke. Sie fährt dorthin. Wieder kein Urs. Den direkten Zug zum Flughafen Kloten kann er bereits nicht mehr erreichen, mit dem nächsten muss er dann in Zürich umsteigen, allein mit den Koffern. Susanne hat einen Knoten im Magen. Als Urs endlich aufaucht, müssen sie mit dem Auto nochmal zurück in die Vogesenstrasse: Das Gepäck ist noch dort. Gemeinsames Packen im Eiltempo. Mit Mühe überzeugt Susanne Urs, eine offene Tragetasche mit 2,5 Kilo Vogelfutter doch lieber dazulassen. Dann bemerken sie, dass der Reissverschluss von Urs’ Hose nicht schliesst, zum Umziehen bleibt jedoch keine Zeit mehr. Wenn er den nächsten Zug nicht nimmt, kann er seinen Flug vergessen. Er werde die Hose dann im Zug wechseln, sagt er. In einem dieser vollbesetzten Pendlerzüge. Susanne ist froh, dass sie nicht dabei sein muss. Zehn Minuten vor Abfahrt des Zuges sind sie mit den zwei Koffern am Bahnhof. Für einen Kaffee bleiben weder Zeit noch Nerven. 

Anderthalb Stunden später bekommt Susanne eine SMS. Der Transfer hat geklappt, Urs ist am Flughafen. Aufatmen. Auch Urs in Kloten denkt zunächst, alles sei nun «piccobello». Dann bemerkt er, dass der Stress am Morgen doch seinen Tribut gezollt hat: Er hat die Malariatabletten zuhause vergessen. Ist schon nicht so schlimm, sagt er sich. Kathrin wird schon eine Lösung wissen, sie hat sicher auch noch Tabletten. Die verbleibende Zeit am Flughafen verbringt Urs bei Kaffee und Bier. Dann fliegt er los in Richtung Istanbul.   

Zwischenlandung auf dem Atatürk-Airport. Es ist Donnerstagnachmittag. Der Mega-Flughafen macht Urs schon nach den ersten Minuten Kopfschmerzen: «Überall Leute mit Waffen im Anschlag, im ganzen Flughafen nur Polizei». Mit einem Blick auf seine Armbanduhr stellt er fest, dass er bis zum nächsten Abflug noch fast drei Stunden hat: genug Zeit für ein weiteres Bier und einen Kaffee. Als er schliesslich eine halbe Stunde vor Abflug ans Gate kommt, warten dort nur ein paar vereinzelte Personen. Urs wundert sich, «da stimmt doch etwas nicht, wir waren doch vorher etwa 100 Personen im Flugzeug», da kann der nächste Flieger nicht ganz allein für ihn fliegen? «Da bin ich retour gelaufen und sehe, dass eine Uhr zwei Stunden mehr als meine hat. Ich habe immer nur stur auf meine geschaut.» Zwei Stunden Zeitverschiebung, von der Urs nichts wusste. Das Flugzeug ist weg.

Gestrandet in Istanbul

Wie kommt er jetzt nach Kamerun? Urs ist ratlos, findet nur mit Mühe jemanden, der deutsch spricht und den schweren Berner Dialekt des Gestrandeten auch versteht. Ein Angestellter der Fluggesellschaft erklärt ihm schliesslich, dass der nächste Flug nach Yaoundé erst in drei Tagen gehe und er zudem ein neues Ticket brauche. Das soll 970 Franken kosten. Urs kann es kaum glauben. Das Hin- und Rückreiseticket Zürich–Yaoundé hatte ihn 1170 Franken gekostet, wie kann dieser einzelne Flug nun fast noch einmal so teuer sein? Zudem besitzt er weder eine Kreditkarte noch hat er Bargeld in dieser Menge dabei. Urs, der wenig Erfahrungen mit Reisen hat, geschweige denn mit dem Ausland, weiss erst einmal nicht weiter. 

Freitagnacht, anderthalb Tage später, bekommt Susanne eine Nachricht: «Bin in Istanbul gestrandet. Brauche ein neues Ticket.» Susanne ist zu dem Zeitpunkt in Chur, sie bereitet dort eine Ausstellung mit Bildern ihres Vaters vor. Ihren Laptop hat sie nicht dabei. Helfen will sie trotzdem: Am nächsten Morgen, Samstag, klemmt sie sich in ihrem Hotel ans Telefon und erfährt über die Wochenend-Hotline der Fluggesellschaft, dass Urs das Ticket entweder bar bezahlen oder erneut per Kreditkarte buchen müsse. Susanne probiert mit ihrer Kreditkarte im Hotel, das neue Ticket zu buchen. Es klappt nicht. Die Rezeptionistin ist hilfsbereit und geduldig. Als es nach mehreren Versuchen immer noch nicht funktioniert, holt die Rezeptionistin den Hoteldirektor. Der lässt Susanne seine private Kreditkarte ausprobieren. Offenbar spürt er die Dringlichkeit. Doch auch seine Karte wird nicht akzeptiert. Kreditkartenbuchungen für Flugtickets brauchen eine gewisse Vorlaufzeit, die Zeitspanne bis zum Abflug am Sonntag ist wohl zu kurz. Der Hoteldirektor schlägt vor, einen befreundeten Reisebüroinhaber zu Hilfe zu ziehen. Der könne sicher helfen. Eine halbe Stunde vor Ladenschluss rennt Susanne am Samstagmittag durch Chur zum Reisebüro. Es lohnt sich: Sie bekommt das Ticket. Aus Rücksicht auf die Roaminggebühren und Urs’ angeschlagenen Akku kann sie ihm aber nur noch eine SMS schicken. Eine Bestätigung bleibt aus.

Urs verbringt derweil seine Zeit am Flughafen. Man lässt ihn auf den Bänken schlafen. Aber die Riesenstadt lässt seinen Kopf platzen, jeder zupft ihn am Ärmel, «Taxi, Taxi»-Rufe zerren an seinen Nerven, und überall sieht er Polizei. Zwei Tage und Nächte Ungewissheit. Nun ist es Sonntagmorgen. Mittlerweile ist sein Guthaben auf dem Natel aufgebraucht, eine Status-Nachricht nach der anderen hat ihm das Schmelzen seines Guthabens dokumentiert. Da erreicht ihn eine letzte SMS: eine Ticketnummer, Abflug in vier Stunden. «Wenn du diesen Flug verpasst, wünsche ich dir einen guten Winterschlaf in Istanbul», schreibt Susanne. 

Sonntagnacht um 23:55 Uhr landet Urs auf dem Flughafen von Yaoundé. Er lacht: Nun stimmt die Zeit wieder. Auch auf seiner Armbanduhr ist es fünf vor zwölf.

 

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Links:

Urs' Reiseziel in Kamerun: cdasbc.wordpress.com

Mehr von Roland Schmid: http://www.schmidroland.ch/koken/ 

Mehr von Birgit Lang: www.birgitlang.de