Menu

Textwerkstatt

Worte finden

Regelmässigen Leser*innen unseres Strassenmagazins ist die Kolumne auf Seite 6 bestens bekannt, in der wir bereits seit 2020 Texte unserer Verkäufer*innen publizieren. Aber ist ihnen auch bewusst, wie die Beiträge entstehen? Sie stammen alle aus unserer «Textwerkstatt», einem interdisziplinären Projekt an der Schnittstelle von Redaktion, sozialer Arbeit und Literatur. Mittlerweile hat sie sich zu einem vielseitigen und wirksamen Mittel zur Sichtbarkeit und kulturelle Partizipation von armutsbetroffenen und ausgegrenzten Menschen entwickelt – weshalb wir ihr nun erstmalig eine eigene Rubrik im Jahresbericht widmen.

Produktiver Courant normal

Das Herzstück des Projekts sind die Treffen zur gemeinsamen Arbeit an den Beiträgen. Dafür standen der Autor Ralf Schlatter, der das Projekt als Textcoach begleitet, und die Angebotsleiterin Diana Frei 2025 jede zweite Woche im Einsatz. Es fanden sieben Gruppentreffen statt, an denen die Teilnehmer*innen einander näher kennenlernten, Ideen entstehen liessen und sich zu Themen austauschten. Knapp zwanzig Einzeltermine dienten dann der intensiven Textarbeit, wobei die Beiträge detailliert besprochen und lektoriert wurden.

Daraus gingen 21 Kolumnen hervor – eine für jede reguläre «Surprise»-Ausgabe. Wobei tatsächlich noch viel mehr Texte entstanden sind, zu viele, um sie alle in diesem Gefäss unterzubringen. Einen Teil davon publizierten wir darum in unseren Literatur- und Weihnachts-Ausgaben (604 bzw. 614/615), andere trugen die Autor*innen auf Lesungen vor, etwa anlässlich des Festivals «About Us» oder bei «Zürich liest». So konnten wir noch mehr Texten die Aufmerksamkeit zukommen lassen, die sie verdienten.

Diversität als Mehrwert

Die Themen der Beiträge wurden von den Autor*innen frei gewählt. Alltägliches wie eine Zugfahrt nach Österreich kam genauso vor wie problematischere Geschichten, etwa die einer posttraumatischen Belastungsstörung oder die der eigenen, nicht immer einfachen Verortung in der Gesellschaft in einer fast normalen Kindheit. Auch über migrantische Erfahrungen schreiben die Autor*innen regelmässig, besonders vielschichtig etwa in der mit subversivem Witz erzählten Geschichte über einen versehentlich ausgelösten Feueralarm oder in jener über die Unterstützung, die eine Verkäuferin von ihren Stammkund*innen erhielt. Wichtig im Prozess ist, dass die Deutungshoheit über die eigene Geschichte bei den Schreibenden liegt. Dass sie die Inhalte und Themen selbst setzen. Viele Beiträge sind Erzählungen aus dem eigenen Leben, manche sind fiktive Geschichten oder lyrische Texte – neben der inhaltlichen Vielfalt besteht auch bei der Form eine bereichernde Varianz.

Bebildert werden die Texte von jungen Illustrator*innen aus dem Studiengang Illustration an der HSLU (wie hier Mina Roth in Heft 608) – eine Form, wie sie auch bei anderen professionellen Autor*innen gewählt wird.

Wirkungsvoller Ausdruck

Am AboutUs-Festival in Zürich lasen Autorinnen Texte aus ihren Kolumnen vor. © Yasmin Müller.

Die Erfahrungen und Perspektiven von marginalisierten Menschen in die Öffentlichkeit zu tragen, ist ein wichtiges, aber nicht das einzige Ziel des Projekts. Denn für die Autor*innen bedeutet die Textarbeit auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst: Durch das Formulieren und die stetige Reflexion darüber, was sie zu erzählen haben, werden sie sich oft bewusst, mit welchen Themen im eigenen Leben sie sich eingehender beschäftigen wollen. Da dies ein herausfordernder Prozess sein kann, war auch im vergangenen Jahr an den Treffen jeweils eine unserer Sozialarbeiterinnen anwesend, um bei Bedarf Unterstützung zu leisten. Die Teilnehmer*innen erkennen, dass viele Aspekte ihres Lebens erzählenswert sind. Und sie entdecken in der literarischen Verarbeitung eigene Fähigkeiten neu.

Möglichkeiten erweitern

Dass wir mit der Textwerkstatt auf verschiedenen Ebenen wirken, zeigten auch im vergangenen Jahr viele positive Rückmeldungen. Die Teilnehmer*innen berichteten uns vielfach von den wertvollen Erfahrungen, die sie im Rahmen des Projekts machten. Leser*innen und Besucher*innen der Lesungen schickten uns bisweilen begeistertes Feedback zu den Beiträgen und öffentlichen Auftritten, bedankten sich für die ermöglichten Perspektivwechsel und lobten die literarische Qualität. Und auch für uns als Verein ist es immer wieder bereichernd, in der intensiven Zusammenarbeit mit den Autor*innen ihre Lebenswelt besser kennenzulernen.

Diesen wirksamen Ansatz werden wir 2026 weiterverfolgen und ausbauen. Neben den etablierten Formaten der Verkäufer*innenkolumne, weiteren Platzierungen im Heft und öffentlichen Lesungen ist es unser Ziel, auch grössere Beiträge für das Strassenmagazin stärker zusammen mit schreibenden Verkäufer*innen zu verfassen. So werden sie von Protagonist*innen von Magazinbeiträgen zu schreibenden Mitarbeiter*innen und können ihre oft verdrängten Perspektiven selbstbestimmter in den öffentlichen Diskurs einbringen.

Zahlen und Fakten

  • 82’403 Zeichen aus der Textwerkstatt haben wir im vergangenen Jahr in dreissig Beiträgen im «Surprise»-Magazin publiziert.
  • Mit einer Gruppe von Frauen mit Fluchtgeschichte haben wir begonnen, Geschichten aus ihrer Lebenswelt festzuhalten – hier auch mithilfe von Dolmetscher*innen, um ein differenziertes Erzählen zu ermöglichen.