Strassenmagazin
Standhaft bleiben
Unser Strassenmagazin erlebte im letzten Jahr ein beeindruckendes Jubiläum: Am 16. Mai 2025 kam die 600. «Surprise»-Ausgabe in den Verkauf. Zum 600. Mal hatten wir ein Heft zusammengestellt, das unabhängig und sorgfältig recherchiert ist, kritisch berichtet und hinschaut, wo andere wegschauen, und das sich für eine gerechtere und menschlichere Schweiz und Welt starkmacht. Dass wir diese Arbeit in Zeiten vehementer Angriffe auf die freie Presse noch machen können, ist nicht selbstverständlich. Darum haben wir, auch wenn wir ebendiese Angriffe und die düstere Weltlage insgesamt natürlich mit grösster Sorge beobachten, den Mut nicht verloren. Mit einem Fokus auf unsere Kernthemen Armut, Ausgrenzung und Migration haben wir uns im vergangenen Jahr dazu bekannt, nicht zu verzweifeln und nicht klein beizugeben. Zu einem Weg «Raus aus der Ohnmacht!», wie auch der Untertitel der Jubiläumsausgabe 600/25 lautete.
Facetten der Benachteiligung
Erneut haben wir 2025 mit einer grossen Themenvielfalt die Perspektiven derjenigen Menschen abgebildet, die von der Mehrheitsgesellschaft kaum gesehen werden. Die mentalen, sozialen oder ganz realen physischen Grenzen, weswegen sie oft aussen vor bleiben, haben wir in den ersten sechs Teilen unserer Serie «Hinter Mauern» erforscht: Sie befasste sich z. B. mit häuslicher Gewalt (594/25), Vorurteilen und Feindbildern (596/25), der Massentierhaltung (598/25), Asylunterkünften (601/25), Museumsmauern (608/25) und Superreichen (611/25). An der Schnittstelle von gesellschaftlicher und räumlicher Ausgrenzung liegt auch das Phänomen der defensiven Architektur, das wir mit der Covergeschichte «Die Unerwünschten» (601/25) in den Blick rückten. Sie zeigte auf, wie bauliche Massnahmen Feindbilder stützen.
Ketevan Kobiashvili, eine der im Heft 598 zu Kindernothilfe portraitieren Personen. © Jonathan Liechti.
Einen weiteren wichtigen Artikel konnten wir in Heft 598 publizieren. Dafür organisierten wir einen runden Tisch mit einer Jugendlichen, einer Mutter, einer Psychotherapeutin und einer Vertreterin des Kantons Bern. Gemeinsam sprachen die vier darüber, wie es Kindern und Jugendlichen geht, die mit Nothilfe leben. Besonders waren wieder die beiden Weihnachtshefte, in denen wir – als Adventskalender im Querformat produziert – viele Geschichten unserer Verkäufer*innen publizierten. Auch unsere regelmässigen Autor*innen haben für uns ungewöhnliche Anekdoten aufgeschrieben, von den Knallfröschen der Tante bis zur eigenen Punk-Vergangenheit (Ralf Schlatter und Stephan Pörtner, 614/25) und von Weihnachten am polnischen Familientisch bis zu einer Eierpunsch induzierten Beinahe-Meuterei in einer amerikanischen Kaserne (Emilia Sulek und Andres Eberhard, 615/25).
Erfrischende Perspektivwechsel
Unsere Leser*innen äussern immer wieder den Wunsch nach einem gelegentlichen Aufatmen zwischen all den ernsten Themen. Deshalb lancierten wir bereits 2024 die Serie «Orte der Begegnung», die wir 2025 weiterführten und abschlossen. Eine leichte, aber nicht seichte Reihe, in der wir über Räume in unserer Gesellschaft nachdachten, in denen ein ungezwungener Austausch zwischen Menschen stattfindet, die sonst vielleicht wenig gemeinsam haben. Dafür sind wir weit herumgekommen, so waren wir zum Beispiel bei der Recyclingstelle (599/25), in der Chorprobe (601/25), im Zug (603/25), auf der Hundewiese (608/25) und im Supermarkt (613/25).
Ermutigend war auch das Schwerpunktheft über Strassenfussball (602/25). Vor dem Start der Fussball-Europameisterschaft der Frauen in der Schweiz und der von Surprise organisierten Women’s Streetfootball EURO in Basel produzierten wir im Juni eine Sonderausgabe – mit einem Porträt über eine junge Frau, die das erste Strassenfussballteam Graubündens gegründet hat, einem Essay über die Bedeutung von Leistung, einer Geschichte über den Besuch bei unseren Basler Strassenfussballerinnen und einem Live-Podcast mit der Nationaltrainerin.
Unser Sonderheft 602 begleitete unter anderem die Strassenfussball-Nati bei den Vorbereitungen zur "Women's Streetfootball EURO 2025". © Jonas Schenk.
Seite an Seite
Mit Blick auf die Heftproduktion stellten wir auch im letzten Jahr fest: Es ist eine Herausforderung, einen Stamm an festen Freien aufzubauen und zu halten. Einerseits, weil die Honorare, die wir mit unseren beschränkten Ressourcen bezahlen können, nur teilweise den Aufwand entschädigen, der für die benötigte Qualität und Tiefe geleistet wird. Andererseits, weil es durch das fortschreitende Sterben der Medienbranche immer weniger freie Journalist*innen gibt. Um das Magazin trotzdem in gewohnt hoher Qualität produzieren zu können, steuerten wir dieser Problematik entgegen. Wir sprachen gezielt Journalist*innen an und investierten in eine gute Vernetzung.
Den bewährten engen Austausch mit Recherchekollektiven (WAV, Correctiv) sowie mit den Redaktionen des Internationalen Netzwerks der Strassenzeitungen (INSP) führten wir fort, um gemeinsam grössere Geschichten und Recherchen zu verwirklichen, uns auszutauschen und über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. In einer Kooperation mit der ETH Zürich sind wir dem Motto «A Future for Whose Past?» nachgegangen, unter dem das 50. Jubiläum des Europäischen Denkmalschutzjahres 2025 stand. In einer Kooperation mit dem Institut für Konstruktionserbe und Denkmalpflege (ETH Zürich) recherchierten vier Student*innen für uns und trugen zusammen, was in der Schweiz «Orte des Ankommens» für geflüchtete Menschen sind. Sie stellten auch die Frage, ob nicht auch Notschlafstellen unter Denkmalschutz gestellt werden könnten oder sollten – und was das verändern würde in der öffentlichen Wahrnehmung ihrer Bewohner*innen (609/25).
Jwan Mohamad wächst gehörlos in Syrien auf und muss fliehen. Mit dreizehn Jahren erlernt er zum ersten Mal eine Sprache – mit Gebärden. © Meinrad Schade.
Weiter nutzten wir unseren Recherchefonds, um im Inland komplexere Recherchen voranzutreiben. Daraus entstanden ein Bericht über einen gehörlosen geflüchteten Jugendlichen (591/25), eine Recherche über die unfreiwillige Mobilität von Armutsbetroffenen (606/25) und ein Einblick in die Rolle von Dolmetscher*innen in Asylverfahren (612/25). Und nicht zuletzt haben wir auch (wieder) vermehrt selbst geschrieben, was unter anderem möglich war, da wir mit einer Produktionsstelle mehr Ressourcen schaffen konnten: Seit Februar 2025 verstärkt die Journalistin Esther Banz unser Team in einem Teilzeitpensum und unterstützt so die Redaktion spürbar.
Weiterhin unabhängig und kritisch
Während der Tagung der deutschsprachigen Strassenmagazine tauschten wir uns über die Zukunft von ähnlichen Projekten aus. © Sebastian Sellhorst.
Mit Blick in die Zukunft lassen wir uns auch 2026 von der düsteren Lage der Welt nicht entmutigen. Wie alle Strassenzeitungen ist «Surprise» aus dem Widerstand von benachteiligten Menschen gegen gesellschaftliche Ungleichheit entstanden, und in diesem Geist engagieren wir uns weiter. Dazu gehören auch organisatorische Massnahmen, um handlungsfähig zu bleiben, wie die Modernisierung der Infrastruktur oder eine Weiterbildung zur digitalen Sicherheit in der journalistischen Arbeit mit gefährdeten Menschen. Und natürlich bedeutet das vor allem, dass wir weiterhin unabhängigen und kritischen Journalismus betreiben.
So haben wir für den Jahresstart 2026 schon im Herbst 2025 zwei neue Kolumnen aufgegleist, die die langjährige «Tour de Suisse» von Autor Stephan Pörtner ersetzen: Die «Randnotizen» der Basler Gassenarbeiterin Adriana Ružek und die Fotokolumne «Was gibt dir Hoffnung?» mit visuellen Antworten aus dem Fotografinnen-Netzwerk «Purple Eye». Ausserdem haben wir neue Ideen für wichtige, aber oft übersehene Schwerpunktthemen, die wir bearbeiten werden.
Wie im Vorjahr möchten wir auch 2026 grösseren Geschichten und Projekten in der Zusammenarbeit mit freien Journalist*innen, Recherchekollektiven sowie dem INSP ein grosses Gewicht geben. Zudem setzen wir unseren Austausch mit den Strassenzeitungen in Weltregionen fort, in denen die erstarkte (bis radikale) Rechte die Arbeit bereits massiv einschränkt – damit wir vorbereitet sind auf Entwicklungen, die auch auf uns zukommen könnten.
Zahlen und Fakten
- Zwanzig Autor*innen haben einen Text zu unseren Literaturausgaben beigesteuert, die wir jeweils im Sommer veröffentlichen.
- Acht Extraseiten hatte unsere 600. Ausgabe im Mai, um das Jubiläum zu würdigen.
- 2’165’769 Zeichen in 318’644 Wörtern auf 808 Seiten gegen Ungleichheit und Ausgrenzung haben wir gesetzt.