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Koordination Strassenverkauf & Soziale Arbeit

Strassenzeitung neu denken

Unsere «KoSAs», die Mitarbeiter*innen der «Koordination Strassenverkauf und Soziale Arbeit», erlebten auch 2025 wieder ein intensives Jahr. Neben dem anspruchsvollen Alltag mit der Organisation des Heftverkaufs und der sozialarbeiterischen Begleitung der Verkäufer*innen galt es weiterhin, den rückläufigen Heftabsatz ankurbeln; zudem gab es mehrere personelle Wechsel. Durch einen aktiven Austausch im Team und mit Vertreter*innen verwandter Projekte wurden die «KoSAs» motiviert, sich trotz der anspruchsvollen Umstände weiter für das geniale Konzept der Strassenzeitung einzusetzen. Sie erhielten aber auch ganz konkrete Ideen, wie sie die bestehenden Herausforderungen bewältigen können. Dadurch gelang es ihnen, den Rückgang beim Heftabsatz abzubremsen und die Beratung und Begleitung sogar weiter auszubauen.

Das Herz von Surprise: der Heftverkauf

Eine zentrale Herausforderung der KoSA im vergangenen Jahr war, die Verkaufszahlen von «Surprise» zu stabilisieren, um das Einkommen der Verkäufer*innen (und ein finanzielles Standbein des Vereins) langfristig zu sichern. Wir hatten natürlich schon in den Vorjahren Massnahmen ergriffen, wie 2022 die Einführung der Bezahlmöglichkeit TWINT. Diese wird übrigens auch immer häufiger genutzt: Knapp 20’000 Mal wurde «Surprise» 2025 digital bezahlt, was erneut fast eine Verdopplung zum Vorjahr darstellt. Andere Schritte hatten wir ebenfalls schon zuvor angestossen; sie kamen aber im vergangenen Jahr erstmals voll zum Tragen.

Dazu gehört, dass wir viele Ressourcen investierten, um geeignete Stadtplätze für unsere Verkäufer*innen zu finden und zu erhalten. Auch haben wir uns noch stärker mit Behörden und anderen sozialen Institutionen vernetzt, um auf diesem Weg armutsbetroffene und ausgegrenzte Menschen auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, mit dem «Surprise»-Verkauf ein Einkommen zu erwirtschaften. Und gemeinsam mit den Verkäufer*innen haben wir daran gearbeitet, dass sie – in einem angemessenen Rahmen – am Verkaufsstandort sichtbarer werden.

Zum Jubiläum kreierten viele Verkäufer*innen eigene kleine Werbeplakate, wie hier Seynab Ali Isse in Zürich.

Zusammen mit den Initiativen unseres Marketing-Teams und der Redaktion, die wie immer und nochmal verstärkt daran arbeiteten, wichtige und spannende Geschichten ins Heft zu bringen, zeigten diese Massnahmen eine spürbare Wirkung. Insgesamt 433’942 «Surprise»-Magazine haben wir 2025 verkauft – das sind immer noch gut 2 % weniger als im Vorjahr, aber der Rückgang ist deutlich geringer als in den Vorjahren (durchschnittlich 6 %). Ausserdem war die Gesamtzahl der Verkäufer*innen mit 525 Personen zwar minimal tiefer als im Vorjahr (542), dafür verkauften sie im Schnitt etwas mehr Strassenmagazine; entsprechend verdienten sie mehr, was eine positive Entwicklung ist.

Viel mehr als Geld

Das erwirtschaftete Einkommen ist oft der wichtigste, aber nicht der einzige Grund für den «Surprise»-Verkauf. Die niederschwellige und professionelle Beratung und Begleitung durch unsere Sozialarbeiter*innen ist für viele Verkäufer*innen eine essenzielle Stütze im Alltag und bei Herausforderungen. 2025 ist der Bedarf danach weiter gestiegen: Insgesamt leisteten wir 3’126 Stunden Sozialberatung.* Besonders im Umgang mit Behörden und bei Finanzthemen boten wir zusätzliche Unterstützung; durch die fortschreitende Digitalisierung halfen wir deutlich öfter, wenn es z.B. um Online-Terminvereinbarungen, E-Banking oder Krankenkassen-Portale ging. Bei der Job- und Wohnungssuche sowie bei administrativen und gesundheitlichen Anliegen war die Nachfrage nach Mithilfe ungebrochen hoch. Weniger Beratungsbedarf als im Vorjahr gab es in Fragen zur persönlichen Situation.

Die niederschwellige professionelle Beratung der Verkäufer*innen gehört zu den Kernaufgaben unserer KoSA-Mitarbeiter*innen.

Das Menschliche entscheidet

Dass wir mehr Zeit in die Beratung und Begleitung unserer Verkäufer*innen investieren konnten, war möglich, weil sich das KoSA-Team im Hintergrund umorganisierte. Ein kleines, aber wichtiges zusätzliches Pensum zur Qualitätssicherung erlaubte es, parallele Arbeiten zu bündeln. Zudem haben wir uns in mehreren Retraiten intensiv ausgetauscht und durch konzeptuelle Arbeit viele Prozesse geklärt und verschlankt. Dazu kamen gleich mehrere personelle Wechsel – diese Umstellungen ohne negative Auswirkungen auf die Verkäufer*innen zu bewältigen, war herausfordernd. Dank einer vorzüglichen Absprache im Team funktionierte die Transformation gut und stärkte unseren Bereich.

Ebenfalls und erneut sehr positiv war der Austausch mit anderen Strassenzeitungen. Als Gastgeber*innen der Tagung der deutschsprachigen Strassenmagazine konnten wir kleinere Projekte mit unserem Wissen unterstützen und von anderen lernen, uns weiter vernetzen und neue Inspiration für die Zukunft von Surprise sammeln. Besonders intensiv haben wir uns mit dem Team des «20er» ausgetauscht, das wir in Innsbruck besuchten – eine bereichernde und wohltuende Reise. Diese positiven Erlebnisse halten wir uns vor Augen, um uns auch in Zukunft mit voller Energie für die einzigartige Idee der Strassenzeitung einzusetzen.

Stabilität in Basel

In Basel nutzen wir seit dem Sommer 2025 ein Lastenvelo unter anderem als mobile Ausgabestelle für die Hefte.

Für die KoSA an unserem Hauptsitz in Basel war der Austausch ein zentrales Thema, sowohl die Kommunikation zwischen den Verkäufer*innen als auch zwischen diesen und dem KoSA-Team. Manchmal brauchte es den Austausch aus einem tragischen Grund, etwa als eine Verkäuferin und ein Verkäufer zufällig an ein und demselben Tag starben, was gemeinsam verarbeitet werden musste. Es gab aber auch schöne kommunikative Anlässe, etwa unser monatliches gemeinsames Frühstück, das Sommerfest oder der winterliche Ausflug in den Europapark. Unsere KoSA-Mitarbeiterin Anina Büchenbacher, die Ende 2024 zum Team gestossen war, konnte 2025 voll mitarbeiten. Sie half massgeblich mit, den auch hier hohen Bedarf nach Sozialberatung mitzutragen – trotz vieler Herausforderungen war das vergangene Jahr damit für das Basler KoSA-Team sehr positiv.

Abschied einer Legende in Bern

Für uns alle, besonders aber für das Team und die Verkäufer*innen in Bern war es ein bewegender Moment, als Alfred «Fredi» Maurer Ende November nach zwanzig Jahren bei Surprise in Pension ging. Mit einem berührenden geselligen Abend und einem grossen Beitrag im Magazin konnten wir Fredi würdig verabschieden. Seinen Nachfolger Roman Magri konnte Fredi in der zweiten Jahreshälfte 2025 noch selbst einarbeiten, sodass Roman die grossen Fussstapfen bereits gut ausfüllte. Daneben verlief der KoSA-Alltag gewohnt intensiv mit vielen niederschwelligen, oft aber auch anspruchsvollen Beratungen. Nicht zu vergessen sind auch die vielen schönen Momente, etwa das Neujahrsessen oder das Sommerfest, an dem bis spät in die Nacht zur Musik eines eritreischen DJ getanzt wurde.

Gemeinsam für YB zu fanen macht Freude und stärkt das Zugehörigkeitsgefühl.

Umbruch in Zürich

Ebenfalls einen einschneidenden Personalwechsel hatte unser Team in Zürich zu bewältigen, als beide Leitungspositionen unabhängig voneinander in relativ kurzer Zeit neu besetzt werden mussten. Auch hier konnten wir mit Dante Alahiari und Sarah Röthlisberger zwei neue kompetente und motivierte Mitarbeiter*innen finden und eine gute Übergabe gewährleisten, was es den Verkäufer*innen ermöglichte, die Veränderung zu verarbeiten. Es war keine einfache Situation, zumal unsere Mitarbeiter*innen sie teilweise in grossen persönlichen Krisen begleiten und so zu engen Bezugspersonen werden. Besonders positiv waren auch in Zürich die zahlreichen gemeinschaftlichen Anlässe und die soziokulturellen Aktivitäten, wie beispielsweise das «Bäcki singt» im Quartierzentrum Bäckeranlage, das wir mit ins Leben gerufen haben und an dem jeweils rund ein Dutzend Verkäufer*innen mit Freude teilnehmen.

Beim «Bäcki singt» kommen Menschen von Surprise und anderen sozialen Organisationen zusammen, um gemeinsam zu musizieren.

Anhaltende Aufbauarbeit in Aarau

Soziale Teilhabe ist ein wichtiger Aspekt der Arbeit bei Surprise, wie hier am Weihnachtsessen in Aarau.

Unser Aarauer Ableger ist ja noch vergleichsweise jung – erst seit 2024 ist Aarau ein «offizieller» Surprise-Standort. Dadurch standen im vergangenen Jahr noch einige besondere Herausforderungen an, wie beispielsweise der weitere Ausbau des lokalen Netzwerks. Ausserdem gab es viele Anfragen von Menschen, die das «Surprise» verkaufen wollten, die wir aber leider nicht aufnehmen konnten, weil wir keine freien Plätze hatten oder weil sie die Kriterien (z. B. eine gültige Arbeitsbewilligung in der Schweiz) nicht erfüllten. Dennoch war 2025 insgesamt ein positives Jahr, in dem sich der Standort weiter als Treffpunkt und Anlaufstelle für die Verkäufer*innen der Region etablieren konnte.

Zahlen und Fakten

  • 77 neue Verkäufer*innen haben wir 2025 eingestellt, zum Jahresende waren 26 von ihnen wieder weitergezogen und 51 weiterhin im Strassenmagazinverkauf tätig.
  • 46 % betrug der Frauenanteil bei unseren Verkäufer*innen; damit war er genau gleich hoch wie im Vorjahr.

*Im Jahresbericht 2024 haben wir 2’212 Stunden an sozialarbeiterischer Beratung und Begleitung durch die Mitarbeiter*innen der KoSA ausgewiesen. Die deutliche Steigerung um rund 40 % beruht einerseits auf der tatsächlich geleisteten Mehrarbeit, andererseits auf einem Wechsel in der Erfassungsmethode, wodurch die Beratungsleistung genauer erfasst wird.