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Soziale Stadtrundgänge

Die wahren Expert*innen

Unser Team der Sozialen Stadtrundgänge war auch im vergangenen Jahr äusserst aktiv: Eine Rekordzahl an durchgeführten Touren und Schulworkshops, drei neue Stadtführer*innen mit wichtigen neuen Themenfeldern, zahlreiche Beteiligungen an Fachgremien, Dutzende öffentliche Auftritte und Presseinterviews – die Liste scheint kein Ende zu nehmen. Auf diese Wirkung sind wir nicht nur aufgrund der blossen Menge stolz. Sondern insbesondere, weil die Stadtführer*innen als (ehemalige) Betroffene eine Rolle als Expert*innen einnehmen. So sprechen diejenigen Menschen über Armut und Ausgrenzung, die diese Themen aus erster Hand kennen. Damit leisteten die Stadtführer*innen auch 2025 wieder einen einzigartigen Beitrag zum Abbau von Vorurteilen und zur Veränderung gesellschaftlicher Strukturen.

Erstklassige Aufklärung

Unsere 15 Stadtführer*innen in Zürich, Bern und Basel leisteten 2025 grossartiges. © Maurice Haas / Ruben Hollinger / Kathrin Schulthess.

Die Sozialen Stadtrundgänge waren im vergangenen Jahr erneut ein Grundpfeiler der Aufklärungsarbeit von Surprise. Fünfzehn Stadtführer*innen führten in Basel, Zürich und Bern 1’148 Rundgänge für 17’933 Besucher*innen durch – so viele wie nie zuvor. Auch die 55 realisierten Schulworkshops sind ein Rekord – wenn auch ein knapper. Die überwältigend positiven Rückmeldungen zeigen, dass wir damit viele Menschen berühren und für die wichtigen, aber oft verdrängten Themen von Armut, Ausgrenzung, Obdachlosigkeit, Gewalt und Sucht- oder psychischen Erkrankungen sensibilisieren konnten. Darauf sind wir stolz.

Erfolgreiche Stabsübergaben

Lilian Senn entwickelte ein neues Tourenformat, das schwierige Themen für Kinder verständlich vermittelt. © Ketty Bertossi.

Besonders erfreulich war auch, dass wir gleich mehrere neuartige Touren erfolgreich etablieren konnten. In Zürich erzählt die ehemalige Sexarbeiterin Dodo seit März 2025 über ihr Leben zwischen Luxus, Drogen und Armut. In Basel startete im August mit Lucy Oyubo die erste Stadtführerin, die über Migration als Armutsrisiko informiert; zeitgleich brachte die langjährige Stadtführerin Lilian Senn die erste interaktive Tour für Kinder zum Thema Obdachlosigkeit an den Start. Und seit Oktober zeigt – wiederum in Zürich – Christian Gabriel, wie nah Armut und Reichtum beieinanderliegen und wie wichtig staatliche Auffangnetze in der Not sind.

Dem gegenüber stand der Abschied von zwei etablierten Stadtführer*innen: Roger «Röschu» Meier in Bern ging in seine wohlverdiente Stadtführer-Pension, und Sandra Brühlmann in Zürich verspürte nach sechs Jahren bei den Sozialen Stadtrundgängen den Wunsch nach Veränderung und beendete deshalb ihre Tätigkeit als Tourguide. Sie waren über viele Jahre wichtige Stimmen zu Obdachlosigkeit und Frauenarmut. Wir verabschiedeten sie mit grossem Dank und Anerkennung für ihren Einsatz. Glücklicherweise bleiben Röschu und Sandra Surprise verbunden und führen noch Schul-Workshops durch. Ebenso verabschiedeten wir uns von der langjährigen Leiterin der Sozialen Stadtrundgänge in Zürich, Carmen Berchtold, die nach über zehn Jahren bei Surprise eine neue Herausforderung suchte. Als Nachfolgerin ist seit August Lea Schmidmeister Teil des Zürcher Teams und bereits bestens integriert.

Roger «Röschu» Meier auf seinem letzten Sozialen Stadtrundgang durch Bern. Tschou Röschu, u merci viumau!

Empowerment in Aktion

Die Surprise-Stadtführer*innen haben sich mittlerweile weit über ihre eigenen Touren hinaus als Fachpersonen zu Themen wie Schulden, Missbrauch, Armut und Obdachlosigkeit etabliert. Im vergangenen Jahr leisteten sie über 1’100 Stunden Extraeinsätze in verschiedensten Formaten: etwa im politischen Kontext wie beispielsweise im Rahmen einer Podiumsdiskussion über defensive Architektur des Polit-Forums Bern oder der Teilnahme am Zürcher Armutsforum, in der Lehre und Forschung mit Kooperationen mit der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz, mit der Berner Fachhochschule und der Pädagogischen Hochschule Zürich, aber auch im kulturellen Bereich mit Beteiligungen am Theaterstück «Monopoly» der Bühne Aarau oder an der Ausstellung «Wirtschaft mit Armut» des Helmhauses Zürich und mit einem «amuse tête» in der Dampfzentrale Bern.

Vor ihrem Abschied als Stadtführerin gab Sandra Brühlmann 20 Minuten noch ein ausführliches Interview über ihre Touren und ihr Leben. © 20min/Samira Kunz.

Auch die Presse war wieder sehr am Wissen und an den Erfahrungen unserer Stadtführer*innen interessiert, die Zeitungen und Onlinemedien, Radio und Fernsehen (z. B. SRF, Watson, 20 Minuten oder Kanal K) 35 Mal ein Interview gaben. Zusammen mit den Rundgängen leisteten sie damit erneut einen enorm wichtigen Beitrag zur Sensibilisierung für Armut und Ausgrenzung und gegen Vorurteile gegenüber Betroffenen. Zudem profitieren sie auch selbst (über den finanziellen Aspekt hinaus) von dieser Arbeit. Denn die positive Wirkung ihrer Tätigkeit zu erleben, stärkt ihr Selbstbewusstsein und das Vertrauen in die eigenen Ressourcen.

Trotz allem

Angesichts dieser beeindruckenden Erfolge könnte leicht vergessen gehen, dass sich unsere Stadtführer*innen weiterhin in besonders vulnerablen Situationen befinden. Manche haben Probleme mit der psychischen oder physischen Gesundheit oder erleben besonders einschneidende persönliche Krisen. Und sie alle leben trotz des zusätzlichen Einkommens durch ihre Arbeit bei Surprise in angespannten finanziellen Verhältnissen. Deshalb war für sie auch im vergangenen Jahr die Unterstützung durch unsere Sozialarbeiterinnen eine wichtige Stütze, die dafür rund 450 Beratungsstunden aufwendeten. Die meisten Herausforderungen konnten wir so bewältigen; in einem Fall mussten wir einen Vertrag mit einem Stadtführer aus gesundheitlichen Gründen auflösen, und eine angehende Stadtführerin brach ihre Ausbildung aufgrund einer persönlichen Krise ab.

Unsere Stadtführer*innen wie hier Christian Gabriel haben grosse Krisen überwunden, befinden sich aber auch weiterhin in vulnerablen Situationen. Dass sie auf den Rundgängen so ehrlich und stark auftreten, ist keine Selbstverständlichkeit.

Keine Stagnation in Sicht

Aufgrund der sich ständig verändernden persönlichen und gesellschaftlichen Umstände entwickeln auch unsere Stadtführer*innen sich und ihre Rundgänge laufend weiter. Im vergangenen Jahr tauschten sie sich beispielsweise mit dem Dachverband der Schuldenberatung Schweiz aus, diskutierten mit Fachpersonen über Housing-First-Angebote oder bildeten sich in Wien über das wichtige Thema Peer-Involvement weiter. Und natürlich sind bereits wieder neue Angebote in Entwicklung. Neben der Ausbildung weiterer sechs Stadtführer*innen mit ihren jeweiligen Themen, Geschichten und Hintergründen werden wir beispielsweise 2026 an unserem innovativen Format «Audio-Walk» weiterarbeiten, um die versteckte Welt von Sans Papiers in Basel sichtbar zu machen – es gibt also auch zukünftig viel zu entdecken und zu lernen auf unseren Sozialen Stadtrundgängen.

Zahlen und Fakten

  • 167’750 Teilnehmer*innen haben unsere Sozialen Stadtrundgänge seit dem Start 2013 besucht. Mit rund 15’000 Personen waren fast 10 % der Teilnehmer*innen auf einer Tour von Surprise-Urgestein Roger «Röschu» Meier in Bern dabei, bevor er in Pension ging.
  • Die Ausbildung zur Stadtführerin bzw. zum Stadtführer dauert in der Regel ein bis zwei Jahre und beinhaltet unter anderem eine intensive Biografiearbeit, Trainings in Auftrittskompetenz und die Aneignung von Fachwissen zu Armut und weiteren Themen.