Wohlfühlthema Migration

Seit 17 Staffeln begleitet SRF mit «Auf und davon» Menschen, die auswandern – und tut dabei so, als wäre Migration vor allem eine Sache von Mut, Leidenschaft und Selbstverwirklichung

29.01.2026KOMMENTAR: LEA STUBER

Waren Sie auch dabei, im Januar vor einem Jahr, als Sabina Kilchenmann und Patrick Lo Giudice nach Sizilien auswanderten? Als Familie Alvarado nach Ecuador migrierte? Und als Bauernfamilie Steinmann nach Kanada ging? Hören Sie sie schon, die sanfte Stimme aus dem Off, die uns erklärt: «Doch die Steinmanns wandern nicht wegen Not und Armut aus, die Schweiz bietet ihnen schlichtweg zu wenig Platz für ihre Ideen»? Wir hörten Dinge wie: «Manchmal muss man einfach etwas wagen, und das machen wir jetzt» (Sabina Kilchenmann) oder: «Das ist das Schöne, wir sind nicht am Fliehen, wir gehen nach Ecuador, weil wir da andere Chancen sehen» (Leo Alvarado).

Pro Folge schauten 670 000 Menschen die sechzehnte Staffel von «Auf und davon», ein SRF-Spitzenwert. Keine SRF-Dok-Serie hat mehr Staffeln («SRF bi de Lüt – Hüttengeschichten» schafft es auf vierzehn). Migration mögen viele nicht – Parteien vom rechten Rand bis zur Mitte äussern sich immer migrationsfeindlicher –, im Unterhaltungsfernsehen wollen sie jedoch alle. Der entscheidende Unterschied: Hier geht es nicht um Zu-, sondern um Auswanderung.

Unsere Sehnsüchte

Die siebzehnte Staffel startet am 2. Januar, es geht nach Frankreich, in die USA und nach Costa Rica. Sibylle Luisi und Thomas Neyerlin wollen in ihrem «Lieblingsland» einen Campingplatz kaufen, Mirjam und Marc Dunkel ziehen auf eine Ranch, und Familie Burkhalter will Gästebungalows bauen. Sie sagen: «Wir lassen das alles zurück, um uns in ein neues Abenteuer zu stürzen» (Mirjam Dunkel), «Wir wollen ein bisschen einfacher leben» (Michel Burkhalter), «Wir wollen nochmals was Neues machen (…), wo man sich noch ein bisschen verwirklichen kann» (Sibylle Luisi). Jahr um Jahr wiederholen sich die wohligen Sätze.

Die Menschen, die wir sehen, verwirklichen Träume – wie Mirjam Dunkel, die seit zwanzig Jahren von einem Leben mit ihren Pferden in den USA träumt –, sie sind leidenschaftlich, mutig und riskieren etwas. Es sind Geschichten von Veränderung, Neuanfang und von Selbstverwirklichung. Wem schwebt das insgeheim nicht selbst vor? Zumindest eines Tages vielleicht?

In der Welt von «Auf und davon» ist Auswandern und damit Migration ein Versprechen. Ist dir dein Leben in der Schweiz nicht genug? Dann suche dir einen Ort auf der Welt, wo es wärmer/grösser/weniger stressig ist, und ziehe los. Hier magst du Probleme haben, Sorgen oder Unzufriedenheiten – dort wird alles anders. Solche Sehnsüchte holt «Auf und davon» ab (und manchen geht es vielleicht nur um die Selbstvergewisserung: das Glück, hier ein sicheres, geregeltes Leben zu haben und dies nicht tun müssen, nochmals von vorne beginnen).

Die richtigen Voraussetzungen

Mirjam Dunkel hat Geld in einer Eventfirma angelegt, deshalb erhält sie ein Investorenvisum für die USA. Bei «Auf und davon» muss sich niemand damit herumschlagen, dass ein Diplom oder ein Abschluss nicht anerkannt würde. Hier bringen alle die richtigen Voraussetzungen mit: den Schweizer Pass, Geld, Bildung, auch Erfahrung und Ideen. Und die Rückkehr, sie bleibt eine Option. Das Weggehen ist ein Wollen, kein Müssen. Über 300 Millionen Menschen lebten 2024 in Ländern, in denen sie nicht geboren wurden. «Auf und davon» zeigt nur einen winzigen Teil davon, sozusagen die Vorzeige-Migration, die nicht wehtut, die nicht Gewissheiten infrage stellt, auch lieber nicht die eigene Mitverantwortung für die aktuelle Politik.

Bei «Auf und davon» wirken alle Hindernisse von persönlicher Art. Etwa wenn die Katze von Familie Burkhalter nicht einreisen darf. Was genau das Problem ist, verstehen auch die Burkhalters nicht; irgendwie haben sie nicht die richtigen Papiere dabei. Michel Burkhalter muss mit der Katze zurück in die Schweiz fliegen und lässt bei notfallmässig vereinbarten Terminen im Tierspital und beim Kantonstierarzt alle infrage kommenden Dokumente ausstellen. Beim zweiten Einreiseversuch dann werden die Papiere nicht einmal angeschaut. Solche Episoden werden nicht thematisiert als Teil eines Systems und einer Politik, die migrierende Menschen (und Tiere) willkürlich und ungleich behandeln – je nach Pass und finanziellen Mitteln. Manche werden kontrolliert und eingeschränkt, andere erhalten Vorzugsbehandlungen wie tiefe Steuern.

Erst recht privilegiert sind die «Auf und davon»-Auswander*innen in jenen Ländern, wo sie zwar als Immigrant*innen ankommen, ihnen dieses Label aber gar nicht zugeschrieben wird. Sie werden nicht als «Fremde» angeschaut, die den Menschen etwas wegnehmen könnten. Die Erzählung einer Bedrohung funktioniert halt weniger gut, wenn die Menschen mit Plänen und Projekten anreisen. Und dank der ökonomischen Situation in diesen Ländern mit tieferen Lebenshaltungskosten können sich die Schweizer*innen in Costa Rica dann ein Stück Land kaufen, das sie sich in der Schweiz so wahrscheinlich gar nicht leisten könnten. Kommt hinzu: Die «Auf und davon»-Auswander*innen sind weisse Menschen, sie haben in Costa Rica, aber auch in Frankreich oder den USA keinen Rassismus zu fürchten, keine Ausgrenzung und Abwertung deswegen. Wie gut sie sich «integrieren», wie wir das von Menschen, die in die Schweiz kommen, erwarten, lässt «Auf und davon» offen. Selbst wenn sie – wie die Burkhalters in Costa Rica – die Sprache kaum sprechen.

Gerade zu den USA gäbe es im Moment viel zu sagen, wo ein Präsident die Einwanderungsbehörde ICE Migrant*innen aufsuchen und ausschaffen lässt und er am liebsten keine Migrant*innen mehr ins Land lassen würde, schon gar nicht aus «Ländern der Dritten Welt». Zwei Schweizer*innen mit Geld sind jedoch willkommen.

Ungleichheiten und Gleichzeitigkeiten

Auch andere emigrieren aus der Schweiz, nicht nur der Typ «Auf und davon»-Auswanderer. Ehemals Geflüchtete, die nach Kriegsende und nach Jahrzehnten in der Schweiz zurückkehren. Arbeitsmigrant*innen, die ihr Leben lang viel gearbeitet haben und im Alter wieder in ihrem Herkunftsland leben wollen. Expats, die weiterziehen. Andere müssen hingegen weggehen. Abgewiesene Asylsuchende, die von selbst gehen oder unter Zwang ausgeschafft werden. Es gibt auch Menschen, die würden die Schweiz gerne verlassen – und sei es nur kurzfristig, für einen Besuch bei der kranken Mutter zum Beispiel –, können aber nicht, weil ihr Aufenthaltsstatus ihnen das nicht erlaubt.

Ohne ihre Privilegien würden die Burkhalters, Dunkels und Luisi/Neyerlin in ihrer neuen Heimat vielleicht eher als Care-Migrant*innen eine Person betreuen, auf dem Bau oder in der Landwirtschaft arbeiten. Das Weggehen wäre dann ein Müssen, kein Wollen. Und würden sie nicht aus einem EU-/EFTA-Land kommen, sondern aus einem sogenannten Drittstaat, wären die Hürden, in einem europäischen Land eine Arbeitsbewilligung zu bekommen, sehr hoch. Ohne diese hätten sie noch die Option, als Sans-Papiers schwarz zu arbeiten.

Abenteuer und Selbstverwirklichung als Motive einer Auswanderung machen wohl in der gesamten weltweiten Migration einen nebensächlichen Teil aus. Wer auswandert, weil er kaum überleben kann, wird nicht von Abenteuer und Selbstverwirklichung getrieben. Sondern von dem Wunsch nach einem besseren Einkommen – oder überhaupt einem. Auf der einen Seite also die privilegierten Auswander*innen aus einer Wohlstandsgesellschaft, die sich (noch mehr) verwirklichen wollen. Auf der anderen Seite Arbeitsmigrant*innen, die der Armut entkommen wollen und eine Perspektive sowie sozio-ökonomische Stabilität suchen. Diese Ungleichheiten und Gleichzeitigkeiten werden bei «Auf und davon» ausgeklammert.

«Auf und davon» auf Albanisch?

Dass SRF Migration als Wohlfühlthema verkaufen kann und alle zuschauen, funktioniert auch nur deshalb, weil nicht «zu viele» auswandern – wie es beispielsweise im Balkan geschieht. Viele gut ausgebildete Menschen wandern ab und bringen die Länder wegen des Fachkräftemangels in Schwierigkeiten, während die reicheren Zuwanderungsländer profitieren. Ende November hielt ein Bericht des Staatssekretariats für Migration fest: Die Zuwanderung ist für den Wohlstand und die wirtschaftliche Stabilität der Schweiz von «grundlegender Bedeutung».

Man stelle sich vor, das öffentlich-rechtliche Fernsehen von Albanien produziert eine Sendung wie «Auf und davon». Die Voraussetzungen wären ganz anders.

 

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