Der lange Weg der Cashew
Cashews machen glücklich, sagt man. Das mag für die Schweiz gelten. In Afrika sorgt das Trendprodukt vor allem für viel Arbeit – und wenig Gewinn.

Hier beginnt sie, die Geschichte der Globalisierung eines Snacks, der weltweit boomt wie kein anderer und der gut sein soll für unser Gehirn, fürs Herz, für die Augen, Haare, Haut und die Fruchtbarkeit: im Innern von Ghana, westafrikanisches Land, im dichten Hinterland mit Trampelpfaden, tausenden Mücken und meterhohen Bäumen voll quittenförmiger Äpfel – grüne, gelbe, orange, rote –, alle mit Kapseln an der Unterseite wie herausgestülpte Nieren.
Yaaba Addo, Mitte sechzig, Bäuerin, Mutter von einem Dutzend Kindern und seit zwanzig Jahren verwitwet, beisst in die Frucht, kaut hin und her, spuckt aus. Bitter-süsslich schmeckt sie. Es heisst, man sterbe qualvoll, wenn man von ihr koste und gleichentags die Milch von Schafen oder Ziegen trinke. Die Frau lacht darüber, sie trennt die braune Kapsel von der Frucht, hält sie hoch, als wäre sie ein kostbarer Stein, und sagt: «Das ist mein Leben.»
Yaaba Addos Leben, unser Luxus.
Die Rede ist von Cashewnüssen, die botanisch gesehen eigentlich keine Nüsse sind, sondern Kerne von Steinfrüchten – wie die von Mangos, Mirabellen oder Zwetschgen. Nur dass sie bei der Cashew nicht in der Frucht wachsen, sondern ausserhalb. Seit Jahren sind sie bei uns so beliebt – und so teuer – wie keine andere «Nuss». 40 Prozent der weltweiten Cashewkerne werden nach Europa exportiert, das sind umgerechnet 172 000 Tonnen; die Grösse des europäischen Cashew-Markts wird auf 1,5 Milliarden Euro geschätzt, Tendenz steigend. Der Trend ist auch in der Schweiz zu beobachten, wie die Grossverteiler bestätigen. Wenig Fett, dafür viele Proteine, Vitamine und Mineralien, mild im Geschmack und in der veganen Küche der perfekte Ersatz für Käse. Cashew, so verspricht es ein Anbieter, mache schlank, stark und glücklich.
Von diesen Ernährungstrends hat Addo gehört. Und auch, dass Leute in Europa für ein Kilogramm Cashewkerne 16 Franken bezahlen – oder auch 38. Was sie wundert. Über einen Stundenlohn hat sie bisher nicht nachgedacht, Addo rechnet Säcke à 80 Kilogramm ab. Pro Sack Kerne mitsamt Schale bekommt sie vom Händler um die 800 Cedi, das sind umgerechnet knapp 50 Rappen pro Kilogramm, manchmal können es auch mehr sein.
Seit einem halben Jahrhundert pflanzt Yaaba Addo Cashew an, ihr Mann war einer der ersten im westlich gelegenen Wenchi Distrikt. Erst lachten sie über ihn, doch in den letzten drei Jahrzehnten setzen immer mehr Bäuerinnen und Bauern neben Kakao auf Cashew. Auch, weil der Baum klimaresistent ist, kaum Wasser braucht und keinen Dünger.
52 Prozent der weltweiten Cashew-Ernte stammen aus Afrika. Zuoberst steht die Elfenbeinküste, den dritten Platz belegt Ghana mit 230 000 Tonnen Kerne im letzten Jahr – 2021 waren es noch 160 000 Tonnen. Über 100 000 Farmer*innen pflanzen in Ghana Cashew an. Acht von zehn sind Kleinbäuerinnen und -bauern wie Addo, sie besitzen eine Anbaufläche von höchstens drei Hektaren, darauf haben knapp hundert Bäume Platz. Auf einen grünen Zweig kommen sie damit nicht. Addo bewirtschaftet das Feld zusammen mit ihrer Schwägerin Efua, einer schweigsamen Bäuerin um die siebzig, auch sie ist verwitwet. Während der Haupterntezeit, die von Januar bis Juni dauert, stellt Addo tageweise Leute an, die meisten sind Frauen. «Die Männer ziehen in den Süden nach Accra und versuchen dort ihr Glück. Hier bei uns im Norden des Landes gibt es keine Perspektiven, wir leben von der Hand in den Mund», sagt Addo.
Ausserhalb von Accra, der Hauptstadt Ghanas, wo inzwischen ein Fünftel der 34 Millionen Einwohner*innen lebt, befindet sich die Firma Agroking von Ed-Malvin Nii Ayibontey Smith. Sie ist eines von wenigen Unternehmen, die Cashew vor Ort verarbeiten. Das Gelände von Agroking, so gross wie vier Fussballfelder, ist in Hallen unterteilt, die den einzelnen Verarbeitungsschritten entsprechen: Erst werden die rohen Cashews erhitzt und gedämpft, damit die Schale weich wird, dann nach Grösse sortiert und einzeln mit einer von Hand bedienten Maschine geknackt. Anschliessend müssen die Kerne von der Schale entfernt sowie gereinigt werden, bevor man mit einem Messer eine Haut entfernt, die den Kern umgibt. Dann werden die ganzen Kerne nach Grösse und Form sortiert und von zersplitterten Kernen getrennt. Schliesslich müssen die Cashewkerne erneut getrocknet werden, bevor man sie vakuumiert und per Lastwagen nach Tema zum Hafen von Accra transportiert. Von dort werden sie in Containern nach Europa verschifft und stehen irgendwann womöglich auch in der Schweiz im Regal eines Supermarkts oder Bioladens.
Wie auf den Feldern sind auch in Smiths Firma die meisten Angestellten Frauen. «Sie arbeiten genauer als Männer, beklagen sich weniger – und können länger stillsitzen», witzelt der Chef. Eine von ihnen ist die 23-jährige Esi Danso. Zusammen mit ihrer Schwester arbeitet sie während der Saison fünfmal die Woche in Smiths Fabrik – bis zu neun Stunden am Tag. Es ist heiss und stickig in diesen Hallen, die Arbeit eintönig. Danso verdient im Monat umgerechnet 50 Franken, das ist mehr als in der Küche eines Restaurants, wo sie sonst noch arbeitet. «Ich bin zufrieden, es ist nicht leicht für uns Frauen, Arbeit zu finden.» Während ihre Schwester die Cashewkerne häutet, holt Danso sie aus der Schale, «eine heikle Arbeit», wie sie sagt. «In der Schale befindet sich ein Öl, das den Kern nicht angreifen darf, denn es ist giftig. Zudem verletzt es unsere Haut.»
Tatsächlich kann das toxische Cardol in der Cashew-Schale die Hände der Arbeiterinnen verätzen sowie Stoffwechselstörungen hervorrufen, wenn es über Nase oder Mund in den Körper dringt. «Deshalb tragen die Frauen Plastikhandschuhe. Hygiene heisst Sicherheit, das wird bei uns grossgeschrieben», betont Smith und lässt durchblicken, dass dies nicht überall zum Standard gehört. Obschon er plant, weiter in sein Unternehmen zu investieren, ist Smith skeptisch, was den Cashew-Markt angeht.
«Es wird zu wenig Geld in die lokale Verarbeitung gesteckt. Uns fehlen grosse Investoren, von einer Unterstützung seitens der Regierung nicht zu reden», klagt der frühere Präsident der Association of Cashew Processors. Zwar habe man mit Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit immer wieder Projekte zur Stärkung der einheimischen Cashew-Verarbeitung angestossen, wie die Competitive Cashew Initiative mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). «Letztlich haben wir es verpasst und das grosse Geschäft Asien überlassen.» Smith nennt als Beispiel Vietnam, wo inzwischen über 50 Prozent der weltweiten Cashew-Produktion verarbeitet und in alle Welt exportiert wird. «Sie haben die neuesten Maschinen, alles ist vollautomatisiert. Während wir an einem Tag pro Arbeiter*in zwischen 20 und 30 Kilogramm Kerne knacken, schafft dort eine Maschine in einer Stunde 100 Kilo.»
Smith bringt ein grundsätzliches Problem auf den Tisch: «Hält man eine Cashew in der Hand, sind über 80 Prozent Abfall – jedenfalls aus europäischer Sicht, denn dort will man bloss die ganzgebliebenen, grossen, weissen Kerne.» Dabei könnte man aus allem etwas machen, erklärt Smith: Aus dem Apfel lässt sich vitaminreicher Fruchtsaft gewinnen, die Schale kann zu Brennmaterial verarbeitet werden, das Öl wird in der Automobilindustrie gebraucht und das tanninhaltige Häutchen in der Lederproduktion. «Für all das gibt es in Asien einen riesigen Markt, bei uns aber landet es auf dem Müll», sagt Smith. Besonders störend sei das bei den zerbrochenen Kernen und den Splittern. In der asiatischen Küche sind sie begehrt, in Europa kaum gefragt – und das, obschon sie sich in Geschmack und Wertigkeit nicht von den ganzen Kernen unterscheiden. «Wir müssten diese Ware nach Asien verschiffen. Doch das ist zu teuer, wir können mit den dortigen Marktpreisen nicht mithalten.»
Dass es grundsätzlich möglich ist, auch zerbrochene Kerne oder Splitter in Europa abzusetzen, zeigt Gebana. Das Schweizer Fairtrade-Unternehmen betreibt in Burkina Faso, einem Nachbarland von Ghana, eine eigene Cashew-Fabrik mit dem Anspruch, die gesamte Wertschöpfungskette vor Ort zu belassen, also vom Anbau über die Verarbeitung bis zum Vertrieb. Damit soll nicht bloss die lokale Wirtschaft gestärkt, sondern auch der ökologische Fussabdruck verringert werden, indem der Umweg über Asien vermieden wird. Nebst ganzen Cashewkernen für einen Kilopreis von bis zu 46 Franken bietet Gebana hier in der Schweiz auch Cashewsplitter an – für 28 Franken pro Kilo. Für Smith von Agroking gehen Projekte wie Gebana in die richtige Richtung. Doch er zweifelt, ob sie ökonomisch gesehen wegweisend sind. «Wer kann sich schon Cashewkerne zu diesen Preisen leisten?», fragt Smith rhetorisch. Bisher zeige der Trend klar in die andere Richtung. Weswegen Smith sich mitunter in der, wie er sagt, «absurden» Situation befindet, dass er rohe Ca shewkerne aus benachbarten westafrikanischen Ländern wie der Elfenbeinküste zukaufen muss. Doch wie kann das sein – ist Ghana doch eines der grössten Cashew-Anbaugebiete Westafrikas? Die Antwort findet man in Accra, in einem unscheinbaren und spärlich eingerichteten Büro einer Firma namens Ecom. Der Konzern ist ein Familienunternehmen, das 1849 vom Spanier Jose Esteve gegründet wurde und inzwischen in vierzig Ländern tätig ist. Den Hauptsitz hat Ecom in Pully im Kanton Waadt. Das Unternehmen, das nach eigenen Angaben 6000 Angestellte beschäftigt, handelt mit Baumwolle, Kaffee, Kakao und nun auch mit Cashew. Anders als Agroking von Smith verarbeitet Ecom aber keine Cashews vor Ort in Ghana, im Gegenteil: Das Geschäftsmodell des Konzerns besteht darin, den Farmer*innen in Ghana ihre Ernte abzukaufen und sie nach Indien oder Vietnam zu verschiffen. Erst dort werden die Kerne von Partnerfirmen des Unternehmens verarbeitet und anschliessend nach Europa oder in die Staaten verkauft, wo sie von Abnehmern je nach Bedarf noch gesalzen und geröstet und über den Grosshandel vermarktet werden.
«Wir kaufen keine Arbeit, wir kaufen Produkte»
Dass es Ghana – obschon eines der grössten Anbaugebiete Westafrikas – inzwischen an Cashew fehlt, hat aus Sicht von Smith also auch mit Konzernen wie Ecom zu tun, welche die rohen Kerne aufkaufen und ins Ausland verschiffen. Tatsächlich werden inzwischen nur noch sieben Prozent der Gesamternte in Ghana selbst verarbeitet, der Rest wird exportiert.
Immer wieder gerät Ecom negativ in die Presse, einmal ist es der Verdacht auf Korruption, ein andermal soll das Unternehmen beim Kakao in Kinderarbeit verstrickt gewesen sein. Sudhir Kumar, Geschäftsleiter von Ecom Ghana, weiss um die Kritik. Auf die Frage, was sein Unternehmen besser machen sollte, meint er: «Wir müssen offensiver nach aussen tragen, was wir für nachhaltigen Handel tun und wie sehr wir in Ausbildung und Trainings der Farmer investieren.» Tage später wird der Inder tief im Busch auf der Farm von Yaaba Addo auf einen Sack Cashewkerne zeigen und den trockenen Satz sagen: «Wir kaufen keine Arbeit, wir kaufen Produkte.»
Tatsächlich schliesst Ecom mit den Arbeitern nur ausnahmsweise Verträge ab, um Arbeitsbedingungen und soziale Standards geht es dabei nicht. Die Farmer*innen werden, wie Addo, pro Sack bezahlt. Andere, welche die Ware auf Lastwagen oder in Schiffscontainer verladen, sind Tagelöhner*innen. Weil der Cashew-Markt, anders als beim Kakao, in Ghana noch weitgehend unreguliert ist, gibt es weder Handelslizenzen noch Abnahmegarantien, auch ist kein branchenüblicher Mindestlohn festgelegt – der gesetzliche Mindestlohn beträgt in Ghana 14,88 Cedi pro Tag, umgerechnet sind das 80 Rappen, was unter der Armutsgrenze liegt. Über die Gewinnmarge – vom Ankauf der Ernte in Ghana bis zu verarbeiteten Kernen in Asien – möchte sich Ecom nicht äussern. Die Rechnung sei kompliziert und hänge von vielen Faktoren ab, sagt Kumar. Buchstäblich ein Knackpunkt sei, dass Ecom die Cashewkerne mitsamt Schale beziehe und nicht genau wisse, von welcher Qualität der Inhalt sei. «Wir kaufen die Katze im Sack», so Kumar. Um das Risiko zu mindern, lässt Ecom seine Spezialisten aus Indien nach Ghana einfliegen. In Lagerhäusern werden Stichproben nach Grösse, Form und Farbe genommen, um sie anschliessend zu knacken und auf ihren Wert zu prüfen. «So können wir in etwa hochrechnen, was eine Ernte einbringt.» Zahlen aus der Elfenbeinküste dürften als Richtlinie gelten: Der Preis für ein Kilogramm Cashew-Ernte – rohe Kerne mitsamt Schale – beträgt umgerechnet 55 Rappen. Dieselbe Menge verarbeiteter Kerne kostet 4,25 Franken. Und bis die Ca shews bei uns im Laden sind, liegt der Preis pro Kilogramm zwischen 16 und 28 Franken.
Sudhir Kumar schnippt mit den Fingern durch die Luft und sagt: «Wer mit Cashew so richtig Geld macht, ist der Grosshandel in Europa und in den Vereinigten Staaten.» Wie Ecom wollen auch die Grossverteiler keine Angaben über ihre Gewinnmargen machen – aus «wettbewerbstechnischen Gründen», wie es heisst. Während Coop und Denner verneinen, mit Ecom Geschäfte zu machen, möchten sich LIDL, ALDI Suisse und Migros dazu nicht äussern. Alle genannten Grossverteiler beziehen jedoch Cashewkerne aus Westafrika. Nicht in jedem Fall wird dies auf der Verpackung ausgewiesen. Bei Migros beziehe sich die Herkunftsangabe auf das Land, in dem die Kerne verarbeitet werden, so Mediensprecherin Melanie Ott. «Das entspricht nicht immer dem Land, in dem die Cashews angebaut wurden.»
Mit anderen Worten: Steht «Vietnam» auf der Verpackung, könnten die Kerne in Ghana angebaut worden sein. Theoretisch könnte es sich gar um Ware handeln, die Ecom auf der Farm von Yaaba Addo eingekauft und nach Vietnam verschifft hat, um sie dort zu verarbeiten und dann in die Schweiz zu verkaufen. Aber davon wissen die Konsument*innen nichts. Anders bei Bio-Cashews, dort müssen laut den Zertifizierungsbedingungen Anbau- und Verarbeitungsland identisch sein, so Ott. Sie machen aber nur einen Drittel des Gesamtsortiments aus.
Die Rückverfolgbarkeit von Cashew ist allen Anbieter*innen ein zentrales Anliegen, und das schon deswegen, weil damit sensible Themen wie Arbeitsbedingungen, Löhne oder Kinderarbeit verbunden sind. Auch Kumar von Ecom bestätigt, dass sich immer mehr Abnehmer*innen Transparenz in Bezug auf die gesamte Wertschöpfungskette wünschen. Er warnt allerdings vor allzu überzogenen Vorstellungen und nennt als Beispiel die Kinderarbeit. «Es ist wichtig und unerlässlich, dass es Richtlinien gibt, welche die Arbeitsbedingungen in globalen Lieferketten regulieren, sowie soziale Programme wie Krippen oder Schulen, damit die Eltern entlastet werden und die Kinder eine Ausbildung bekommen.» Eine vollständige Kontrolle aber sei unmöglich, die meisten Farmer*innen würden irgendwo auf dem Land auf ihrem Familienbetrieb arbeiten, so Kumar. «Kommt hinzu, dass sie die Ärmsten in der ganzen Kette sind. Wenn sich eine Farmerin von dem wenigen Geld, das sie verdient, überlegen muss, ob sie jemanden anstellt oder ihre Kinder losschickt, um Cashewkerne von den Früchten zu trennen und sie einzusammeln – wie wird sie sich da wohl entscheiden?»
«Anspruch und Realität liegen oft weit auseinander»
Am Ende sei alles eine Sache des Geldes, sagt Kumar lapidar. «Wer faire Arbeitsbedingungen will, muss dafür bezahlen.» Während vor zehn Jahren zertifiziertes Cashew noch Nische gewesen sei, könne man inzwischen einen Anstieg in der Nachfrage feststellen. Kumar kann sich vorstellen, dass sich der Cashew-Markt in den nächsten Jahrzehnten ähnlich entwickeln wird wie beim Kakao. Hier habe das Bewusstsein für Nachhaltigkeit stark zugenommen – auch wenn die Zahlen immer noch eine klare Sprache sprechen würden. «Anspruch und Realität liegen oft weit auseinander, wenn es um Geld geht», sagt Kumar. Tatsächlich liegt der weltweite Anteil an nachhaltig erzeugtem Kakao immer noch unter zehn Prozent.
Dass in Ghana viele auch deswegen nicht ausreichend Geld mit Cashew verdienen können, weil der Grossteil der Wertschöpfung – nämlich die Verarbeitung der Kerne – nicht im Land verbleibt, sondern durch den Export an ausländische Unternehmen geht, erwähnt Kumar an dieser Stelle nicht. Ebenso, dass dies auch eine direkte Folge der Firmenpolitik von Grosskonzernen wie Ecom ist.
Yaaba Addo, die Farmerin im Wenchi Distrikt von Ghana, dürfte sich um diese globalen Zusammenhänge wenig kümmern. Ihr geht es um Handfestes: die Ernte ist zusammentragen, die Säcke sind abgefüllt. Nun müssen sie abgeholt werden. Die nächste Hauptstrasse liegt gut zwei Stunden entfernt. Von dort muss das Cashew auf grosse Camions geladen und 500 Kilometer südlich nach Tema verfrachtet werden, in ein Lagerhaus unweit des Hafens, von wo man die Säcke in Containern nach Asien verschifft. Ein eigenes Fahrzeug hat Addo nicht, dafür fehlt das Geld. Würde sich nicht Ecom um den Transport kümmern, die Farmerin wüsste nicht, was tun.
So wird es auch diesmal sein. Der Grosskonzern wird seine Pickups losschicken und die Säcke verladen. Ist das Geschäft getan, wird man sich die Hände reichen. Und Yaaba Addo wird zufrieden sein. Eine Wahl hat sie freilich nicht.
Die Recherche wurde vom Schweizer Medienfonds REAL21 sowie vom «JOURNAFONDS» unterstützt. Mit seiner Reportage, die ebenfalls im BEOBACHTER erschienen ist, hat Klaus Petrus den «real21»-Medienpreis 2025 gewonnen.
Wer verdient an den Cashews?
93 Prozent der Cashewernte in Ghana werden exportiert. Erntepreis: 50 – 80 Rappen pro Kilogramm. Nach 17 000 Kilometern Schiffsreise werden sie in Vietnam erhitzt, entkernt, gewaschen, getrocknet, sortiert und vakuumiert. Vietnam ist weltweit der grösste Exporteur und einer der wichtigsten Verarbeitungsorte von Cashews. Verarbeitungspreis (Vietnam/Indien): Fr. 8.90 pro Kilogramm. Nach weiteren 24 000 Kilometern per Schiff kommen die Cashews in Hamburg oder Bremerhaven, Deutschland, an. Hier werden sie geröstet, gesalzen und gewürzt. Deutschland importiert fast 60 Prozent der Cashews aus Vietnam, 90 Prozent des Gesamtimports gehen weiter in andere europäische Länder. Grossistenpreis Deutschland: unbekannt. Bis die endverarbeiteten Cashews im Schweizer Detailhandel verkauft werden, legen sie nochmals rund 1000 Kilometer mit dem Lastwagen zurück. Ladenpreis Schweiz: 19 bis 46 Franken pro Kilogramm. KP







