Darf ich mich setzen?

Sonntagnachmittag, warme Küche, irgendwo im Basler Stadtteil Gundeli. Es ist Anfang Dezember. Über der Stadt liegt Nebel, die dunklen Nächte dehnen sich aus, tagsüber bewegt sich der Himmel in Grautönen.
Als ich angefragt wurde, ob ich für das Strassenmagazin Surprise eine Kolumne schreiben möchte, erfasste mich eine leichte Panik. Was um Himmels willen soll ich Euch erzählen? Ich verlor mich in Gedanken, haderte mit meinen Ansprüchen – und prokrastinierte, wo es nur ging.
Den grössten Kampf führt der Mensch gegen die Ablenkung, die ihn mit mächtigen Mitteln bedrängt. Bevor ich noch mehr Chuchiplättli poliere oder in skurrile digitale Kaninchenlöcher falle, wende ich einen altbewährten Trick an, der auch bei schwierigen Gesprächen Wunder wirkt: das Setting ändern. Das verschafft eine kurze Verschnaufpause – und oft einen neuen Einstieg ins Thema. Also wechsle ich ins Café Bar Royal an der Güterstrasse: sieben Tage die Woche geöffnet und einer der wenigen Orte, an denen man noch für einen Fünfliber einen Cappuccino bekommt.
Ich bin die, die sich einfach dazusetzt. Auf ein Trottoir. Auf eine Parkbank. Auf den Boden, wenn’s sein muss. Ich bringe keine schnellen Lösungen mit, selten grosse Versprechen – aber immer Offenheit und Akzeptanz.
Ich bin Gassenarbeiterin in Basel. Das heisst: Ich gehe dorthin, wo Menschen meist unsichtbar sind – ausser ihre Sichtbarkeit fällt auf, stört oder beunruhigt. Dorthin, wo sich Brennpunkte auftun und es laut wird. Ich höre zu, frage nach, bleibe stehen.
Jetzt möchte ich mich auch hierhin setzen – auf die Seiten dieses Magazins. Nicht als Expertin, die alles weiss. Nicht als Stimme der Szene. Sondern als jemand, der unter Menschen unterwegs ist und etwas davon erzählen möchte. In diesen Randnotizen möchte ich teilen, was mir auf der Strasse begegnet – in meiner Arbeit, aber auch in meinem persönlichen Blick auf eine Stadt, in der Sichtbarkeit, Zugehörigkeit und öffentlicher Raum immer wieder neu verhandelt werden.
Es geht um Ausgrenzung, Aneignung, Ankommen und Fremdsein, um dieses Dazwischen, das viele kennen – aber auch um Mut, Überleben, Zugewandtheit, die Glut, die uns zusammenhält, und manchmal sogar um Liebe. Und um all die kleinen Dinge, die unser Leben gross werden lassen.
Es geht um die Winkel und Gassen von Basel, um die einschlägigen Kneipen, um Orte, an denen kein Konsumzwang herrscht, um Parkbänke, Mauern, um Unterführungen und Brückenpfeiler, um die stillen Ecken hinter den Bahnhöfen, um Nischen und öffentliche Toiletten, um Treffpunkte, die offiziell keine sind, um Kirchenportale bei Nacht, um Grünflächen, in denen niemand stört – solange niemand sichtbar ist.
Aber ich möchte nicht nur Eindrücke und Gedanken teilen. Ich möchte, wenn möglich, ins Gespräch kommen – mit Euch, liebe Leser*innen. Vielleicht interessiert Euch ja, wie Sozialarbeit aussieht, wenn sie draussen stattfindet? Oder was Menschen erzählen und erleben, die – scheinbar am Rand – doch mitten in der Stadt leben.
Was bewegt, berührt, verwundert oder irritiert Euch, wenn ihr durch Eure Stadt geht? Oder welche Fragen, die Euch persönlich oder gesellschaftlich beschäftigen, sollten hier Platz finden?
Schreibt mir. Ganz ehrlich, ganz direkt. Postkarten sind willkommen (an: Redaktion Surprise, Münzgasse 16, 4051 Basel). Ich komme hier gerne darauf zurück.
ÜBER ADRIANA RUŽEK
ADRIANA RUŽEK arbeitet als Gassenarbeiterin in Basel. Ihre Randnotizen erzählen vom Schönen, vom Schwierigen – und von allem, was sichtbar wird, wenn sich der Blick weitet.