Schutzlos ausgeliefert
Erst die Finanzkrise, dann vermehrte Polizeikontrollen und jetzt Donald Trump: in den USA verschlimmert sich die Situationen der Obdachlosen mit jedem Tag.
«Wir wissen alle, dass unsere Tage gezählt sind, seit Trump im Amt ist und unser Land immer weiter in Richtung Faschismus abgleitet», sagt Amber Whitson. Mit «wir» meint sie all jene, die wie sie in den USA auf der Strasse leben. Rund 770 000 Menschen sind das. Knapp 40 000 davon leben wie Whitson in der Bay Area, dem Ballungsraum in Nordkalifornien, der sich von San Francisco über Oakland bis hinunter nach San José erstreckt und der als «Mekka» der Tech-Industrie gilt.
Whitson selbst ist seit fast dreissig Jahren wohnungslos. Zwar hat sie zwischendurch auch mal kurz in verschiedenen Häusern gewohnt, doch das war nie von langer Dauer. Heute lebt sie in einem Campingbus auf den Strassen von Berkeley. Sie weiss also nur zu genau, wovon sie spricht, und sie hat den – wie man es nennen könnte – sozialen Klimawandel der letzten Jahre hautnah miterlebt. «Die ersten Jahre über war der Zusammenhalt auf der Strasse noch sehr gut», schreibt sie dem Hamburger Strassenmagazin Hinz&Kunzt per Mail. «Und auch die Polizei begegnete uns mit deutlich mehr Respekt.»
Der grosse Umbruch kam rund um die globale Finanzkrise 2008. Damals verloren Hunderttausende ihr Zuhause und landeten auf der Strasse, weil sie nach dem Platzen der Immobilienblase ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen konnten und die Banken, die ihnen die überteuerten Hypotheken überhaupt erst verkauft hatten, sie aus ihren Häusern warfen. Gleichzeitig begann die Polizei immer gewaltvoller gegen Wohnungslose vorzugehen. Räumungen wurden häufiger und auch brutaler – nicht selten wurden Rauchgranaten und Gummigeschosse eingesetzt.
«In den letzten zwei Jahren hat sich die Lage noch einmal deutlich zugespitzt», sagt Bradley Penner von Street Spirit, dem Strassenmagazin von Berkeley und Oakland im Grossraum San Francisco. Die Ursache dafür liege in einem Entscheid des Supreme Court, des Obersten Gerichtshofs der USA, so Penner. Dieser hatte im Juni 2024 entschieden, dass Gemeinden den Wohnungslosen vor der Räumung durch die Polizei keine adäquate Unterkunft mehr anbieten müssen. Das sei eine «grausame und ungewöhnliche Strafe und somit verfassungswidrig», hatte zuvor das für die Staaten westlich der Rocky Mountains zuständige Bundesbezirksgericht entschieden.
Doch damit ist es nun vorbei. Der amerikanische Präsident Donald Trump hatte während seiner ersten Amtszeit gleich drei neue Verfassungsrichter*innen ernannt – mehr als jeder andere Präsident in einer einzigen Amtszeit seit Herbert Hoover vor fast 100 Jahren – und konnte so für eine stabile rechte Mehrheit in der Kammer sorgen. Seither läuft die politische Uhr in den USA rückwärts. Das verfassungsmässige Recht auf Abtreibung wurde genauso ausgesetzt wie die Affirmative Action – die Regelung erleichterte Angehörigen einer ethnischen Minderheit den Zugang zum Studium.
Viele Expert*innen sehen die Neubesetzung des Supreme Court als den grössten Erfolg Trumps während seiner ersten Amtszeit. Tatsächlich hatte er damals kaum eines seiner zentralen Wahlversprechen halten können. In seiner zweiten Amtszeit wirkt er dagegen bislang deutlich besser vorbereitet. Zwar stagniert das Wirtschaftswachstum, während die Preise steigen und seine Beliebtheitswerte sinken. Doch bei der Zerschlagung des Sozialstaats und der Umverteilung von Wohlstand von unten nach oben ist seine Regierung inzwischen durchaus erfolgreich.
Das gilt auch und insbesondere für die Politik gegenüber Wohnungslosen. Bereits während des Wahlkampfs hatte Trump angekündigt, «alle Mittel, Hebel und Befugnisse einzusetzen, um die Obdachlosen von unseren Strassen zu holen». Damit meinte er nicht, dass man ihnen nun besser helfen sollte. Sein Kampf richtet sich mitnichten gegen Obdachlosigkeit, sondern vielmehr gegen die Obdachlosen selbst, denen er im gleichen Atemzug vorwarf, die Städte in «unhygienische Albträume» zu verwandeln. In der Hauptstadt Washington setzte er 2025 sogar die Nationalgarde ein, um Wohnungslose von den Strassen zu vertreiben.
Wer wissen möchte, wie Trump und seine Regierung sich eine Lösung des Problems vorstellen, braucht lediglich einen Blick auf Salt Lake City im Bundesstaat Utah zu werfen. Dort, am Stadtrand nahe dem Flughafen, soll eine neue Einrichtung für Wohnungslose entstehen, zu der eine von der New York Times interviewte Wohnungslose sagte: «Ganz ehrlich, das erinnert mich an ein Konzentrationslager.»
Der Komplex soll Platz für 1300 Menschen bieten. Jeweils 400 Betten sind dabei für Menschen mit psychischen Erkrankungen und für solche auf Drogenentzug vorgesehen. Man wolle damit «eine Alternative zu Gefängnissen» bieten, wie Randy Shumway sagt, der Vorsitzende der amtlichen Obdachlosenhilfe des Bundesstaats. «Doch in Wahrheit ist es ein Gefängnis: Ohne Erlaubnis dürfen die Insassen den Plänen zufolge den Wohnkomplex nicht verlassen.»
Das Vorhaben steht symbolisch für die Abkehr von «Housing First» und die Wiederhinwendung zu «Treatment First». Vereinfacht gesagt will Housing First den Menschen zuerst ein Dach über dem Kopf verschaffen und sich dann um alles Weitere kümmern, wie zum Beispiel Schulden oder Sucht. Treatment First hingegen macht Abstinenz und psychische Gesundheit überhaupt erst zur Voraussetzung für jede weitere Hilfe. Housing First gilt weithin als erfolgreich – dagegen verkennt der Treatment-First-Ansatz, dass Menschen nicht einfach so drogen- oder alkoholabhängig werden, sondern dass Suchterkrankungen häufig soziale Ursachen haben, die sich nicht einfach durch individuelle Therapien beheben lassen. Erst recht nicht durch Zwang.
In «JAMA Psychiatry», einer Fachzeitschrift der American Medical Association, erschien 2024 eine Studie, der zufolge 44 Prozent der Obdachlosen an einer Suchterkrankung leiden. An psychischen Erkrankungen, inklusive Suchterkrankungen, leiden 67 Prozent. Sie sind also nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall. Dass dem so ist, liegt nicht zuletzt an einem völlig unzureichenden Gesundheitssystem. Kein anderes Land der Welt gibt pro Kopf mehr Geld für die Gesundheit aus. Gleichzeitig haben 8,2 Prozent der Menschen in den USA keine Krankenversicherung, das sind insgesamt 27 Millionen. In Deutschland sind es weniger als 0,5 Prozent.
Die Situation lässt sich auch daran ablesen, dass man in den Drogerien Sets kaufen kann, um sich selbst Löcher in den Zähnen zu verschliessen. Und wer keine verschreibungspflichtigen Schmerzmittel bekommt, greift nicht selten zu illegalisierten Opioiden wie Heroin oder Fentanyl. Die Folge: Jedes Jahr sterben in den USA mehr als 100 000 Menschen an einer Überdosis.
«Es gibt in den USA eine Kultur der Angst rund um Wohnungslosigkeit», sagt Bradley Penner. «Die meisten Menschen hier leben von der Hand in den Mund.» Tatsächlich können für rund die Hälfte der Amerikaner*innen bereits ein oder zwei Monate ohne Einkommen den Verlust der Wohnung bedeuten. Einen effektiven Schutz von Mieterinnen und Mietern gibt es nicht.
«Das ist es, wovor die Menschen Angst haben», so Penner. Das Schicksal der Wohnungslosen würde ihnen vor Augen führen, was auch ihnen sehr leicht passieren könnte. «Dabei macht es keinen grossen Unterschied, ob sie liberal oder konservativ eingestellt sind», gibt Penner zu bedenken. «Die meisten Menschen wollen am liebsten gar nicht mit Wohnungslosen und Wohnungslosigkeit konfrontiert werden.»
Schlimm an der ganzen Situation sei auch, so Penner weiter, dass es überhaupt keine Wohnungslosigkeit geben müsste. Tatsächlich stehen über zehn Prozent der Wohnungen in den USA leer. Insgesamt sind das mehr als fünfzehn Millionen oder anders gesagt: knapp zwanzig Wohnungen pro wohnungslose Person. Auch in der Bay Area gibt es mehr Leerstand als Wohnungslose. «Das Problem ist also nicht die mangelnde Verfügbarkeit. Das Problem ist die Verteilung», so Penner. Wohnungen stehen leer, weil diejenigen, die sie bräuchten, sie sich nicht leisten können. «Vermögensungleichheit ist wie eine Krankheit für unsere Gesellschaft», sagt die Wohnungslose Amber Whitson. Dennoch hält sich hartnäckig die Vorstellung, man könne sich aus eigener Kraft aus Wohnungslosigkeit und Armut herausarbeiten. Die Schuld wird einseitig den Betroffenen zugeschoben, während sich der Rest der Gesellschaft die Hände in Unschuld wäscht. Ohne dieses gemeinschaftliche Wegschauen, ohne die kollektive Verweigerung jeglicher Empathie könnten menschenfeindliche Ideen wie der Einsatz des Militärs in Washington oder die geplanten Internierungslager in Utah niemals Wirklichkeit werden.
«Es ist entscheidend, dass Menschen mit aktueller oder ehemaliger Obdachlosigkeit in alle Programme und Massnahmen zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit einbezogen werden», fordert auch Whitson. «Wer nie auf der Strasse gelebt hat, kann nicht wirklich verstehen, wie das ist. Jeder Versuch einer Lösung sollte auf den Erfahrungen derer basieren, die es selbst erlebt haben.»
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Mit freundlicher Genehmigung von HINZ&KUNZT, HAMBURG/INSP.NGO
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