Orte der Zumutung
Man teilt den öffentlichen Raum mit Menschen, die man sich nicht ausgesucht hat. Mit Lauten und Leisen, mit Eiligen und Verlorenen, mit Menschen, deren Leben gerade gut funktioniert – und mit solchen, deren Leben verrutscht ist. Städte sind keine Systeme. Sie sind Lebensräume und damit zwangsläufig widersprüchlich.
In der Rheingasse klirren beim Apéro die Gläser, Gespräche über das Leben und alles, was einen Tag lang wichtig war. Tourist*innen ziehen durch die Strassen. Die Buvetten verbreiten im Sommer Riviera-Stimmung – während ein paar Meter weiter jemand die Rheindusche benutzt, weil es der einzige Ort ist, um sich waschen zu können. An der Peripherie der Stadt liegen die Kontakt- und Anlaufstellen – Orte, an denen suchtbetroffene Menschen geschützt konsumieren und zur Ruhe kommen können. Doch in den letzten Sommern gab es Unruhe. Auf dem Matthäusplatz wurde offen konsumiert. Die hohen Temperaturen trieben alle nach draussen. Viele leben in prekären Unterkünften, in denen man es im Sommer kaum aushält.
Der Ärger darüber ist verständlich. Die Frage ist nicht, ob diese Menschen Teil der Stadt sind, sondern wie wir mit ihnen umgehen. Der Schriftsteller Axel Hacke schreibt, dass wir allen Arten von Menschen etwas schulden. Nicht nur denen, die wir sympathisch finden, sondern auch den Fremden, den Lauten, den Unangenehmen. Was wir ihnen schulden, ist nichts Grosses. Kein moralischer Heroismus. Sondern Anstand. Respekt. Aufmerksamkeit. Die Bereitschaft, einen Menschen nicht sofort auf das zu reduzieren, was gerade stört.
Gerade in unsicheren Zeiten wächst das Bedürfnis nach Ordnung. Wenn die Welt unübersichtlich wirkt, versuchen viele Menschen, sich kleinere sichere Räume zu schaffen: die eigene Wohnung, das eigene Leben, die eigene Ordnung. Das Problem ist nur, dass die Wirklichkeit draussen bleibt. Dort gibt es Armut, Wohnungslosigkeit und Sucht. Menschen mit Brüchen in ihrer Biografie. Wenn diese Realität vor der eigenen Haustür sichtbar wird, fühlt sie sich schnell wie eine Zumutung an.
Vielleicht ist sie das auch. Aber Städte sind genau das: Orte der gegenseitigen Zumutung.
Interessant dabei ist, dass die Schweiz international weiterhin als Referenz im Umgang mit offenen Drogenszenen gilt, weil sie seit den 1990er-Jahren mit der Vier-Säulen-Politik ein Modell verfolgt, in dem Sozial- und Sicherheitspolitik strukturell zusammengedacht werden. Konsumräume, Substitution und aufsuchende Sozialarbeit werden politisch nicht als Gegensatz zur öffentlichen Ordnung verstanden, sondern als Voraussetzung dafür, offene Szenen überhaupt reduzieren zu können.
Natürlich heisst das nicht, dass alles einfach hingenommen werden muss. Zusammenleben bedeutet auch, einander anzusprechen. Wenn etwas stört oder laut wird, darf man sagen, was Sache ist – ohne den Menschen dahinter abzuwerten. Ein kleiner Akt von Zivilcourage. Gleichzeitig ist verständlich, dass viele zögern. Niemand möchte beschimpft oder gar angegriffen werden. Diese Unsicherheit gehört leider auch zum Zusammenleben im öffentlichen Raum.
Vielleicht haben wir die direkte Ansprache etwas verlernt. Wir beschweren uns lieber im Freundeskreis oder in Kommentarspalten, als eine Situation dort zu klären, wo sie entsteht.
Eine Stadt lebt davon, dass Menschen sich zeigen. Sich einmischen. Nicht wegschauen. Denn Zusammenleben beginnt damit, einander wahrzunehmen. Dahinter steht eine Haltung, die sich nicht dann zeigt, wenn alles glatt läuft. Sondern darin, wie wir mit den Menschen umgehen, die vermeintlich im Weg stehen.