Sergio, Strassenfussballer aus St. Gallen
Sergio lebt in St. Gallen – noch. Seit seiner Kindheit ist er dort, aufgewachsen in Heimen, geprägt von einer Stadt, in der er lange Teil der Drogenszene war. Heute will er nur noch weg, am liebsten zurück nach Spanien, wo er geboren wurde. «In St.Gallen kennt jeder alle und alle kennen jeden. Ich kann mich so nicht von Altem lösen», meint er bedauerlich.
Seit April steht der 47-Jährige als Goalie bei Surprise im Tor, doch Fussball begleitet ihn schon viel länger. Die Teilnahme am Homeless World Cup in Oslo erfüllt ihn einerseits mit Vorfreude, aber auch mit Zweifel. «Ich weiss nicht, ob ich den Ansprüchen gewachsen bin.» Er ist impulsiv, war früher auch gewalttätig. Er hat gelernt, viel ruhiger zu sein. Aber er kennt seine eigenen Grenzen und verspürt deswegen einen Anflug von Unsicherheit, wenn er an das Turnier denkt. Unterstützung dafür findet er bei den Coaches und im Surprise-Team, wo er einen Ort hat, der ihm Halt gibt. Auch wenn er spürt, dass seine Lebenserfahrung manchmal eine andere Sprache spricht und er sich verantwortlich fühlt für das Wohlergehen der Jüngeren im Team.
Sergio ist ein Mann, der zu seinem Wort steht. Ein Steinbock, fokussiert, diszipliniert. «Nur durch Fehlentscheide lernt man fürs Leben.» Er hat schwierige Jahre hinter sich: Scheidung der Eltern, Heime, Gewalt, später Drogen. Familie ist für ihn ein Wort, dessen Gefühl er kaum kennt – ein Einzelgänger, der gelernt hat, sich selbst zu tragen. Heute wohnt er wieder allein, nach Jahren im betreuten Wohnen. Sein Ziel: die IV-Rente hinter sich lassen und in Spanien neu anfangen.
Für Oslo wünscht er sich, das gesamte Erlebnis mit einer inneren Ruhe erleben zu können, seinen Beitrag im Tor zu leisten – und dass Menschen hinter die Fassade von Menschen am Rande der Gesellschaft blicken. «Es gibt Gründe, warum wir sind, wer wir sind. Mitleid will ich nicht. Nur, dass man mich als Menschen sieht.»
Dieser Text wurde im Vorfeld des Homeless World Cup 2025 in Oslo von Alina Kilongan verfasst.