Arme, reiche Schweiz
Der Bundesrat hat erstmalig einen umfassenden Bericht über die Armut in der Schweiz veröffentlicht – auch mit dem Anspruch, sie statistisch zu erfassen. Wir werfen einen Blick hinter die Zahlen.
650 Seiten, Dutzende Statistiken, Berechnungen und Analysen, Stimmen von Betroffenen sowie Grundlagen für konkrete sozialpolitische Massnahmen – soeben hat der Bundesrat einen umfassenden Bericht über die Armut in der Schweiz vorgelegt, ein Nationales Armutsmonitoring. Und über allem steht immer wieder diese Zahl: 708 000. So viele Arme gibt es in der reichen Schweiz.
In loser Abfolge werden wir, ausgehend vom Nationalen Armutsmonitoring, über neueste Entwicklungen in der Schweizer Armutsforschung sowie -politik berichten, sie einordnen und auch kritisch beleuchten. An dieser Stelle soll es um allgemeine Fragen gehen: Was ist Armut, wie berechnet man sie und was fällt dabei unter den Tisch? In der Folge werden wir auf Zusammenhänge zwischen Armut und finanziellen Verhältnissen, Erwerbsarbeit sowie Bildung eingehen.
Armut – was ist das eigentlich?
Ob jemand arm ist, hängt davon ab, was «arm» bedeutet. Das klingt banal, ist aber folgenreich. Denn eine eindeutige Definition von Armut gibt es nicht. Was auch damit zu tun hat, dass Armut kein natürliches Phänomen ist wie das Nordlicht, das sich physikalisch neutral beschreiben lässt. Vielmehr handelt es sich bei Armut um ein soziales Konstrukt, welches Politik, Wissenschaft und Medien (stets aufs Neue) entwerfen und über das in gesellschaftspolitischen Debatten bisweilen heftig gestritten wird.
Trotzdem gibt es immer wieder Versuche, Armut möglichst neutral zu bestimmen. Schon Karl Marx sprach von «objektiver Armut»; heute ist von «absoluter Armut» die Rede. Absolut arm ist demnach, wer infolge mangelnder Güter wie Nahrung, Wasser, Kleidung oder Obdach sein Überleben nicht sichern kann. Doch ist auch diese Definition nicht unabhängig von den Umständen, unter denen Menschen leben. So mag jemand in Polarländern «absolut arm» sein, wenn er sich keine warmen Kleider leisten kann; für Menschen in der Sahelzone gilt das trivialerweise nicht, sie haben in Bezug auf Kleidung andere Bedürfnisse.
Bei der Definition von Armut geht es also immer auch um die jeweilige Lebenslage der Menschen – das ist der Kerngedanke der «relativen Armut». Arm ist diesem Konzept nach jemand, der über deutlich weniger Einkommen oder andere Ressourcen verfügt im Vergleich, also relativ zum Durchschnitt seines sozialen Umfeldes. Auf die finanzielle Situation bezogen ist dieser Durchschnitt das übliche Einkommensniveau des Landes, in der diese Person lebt. Doch muss sich relative Armut – und das ist der springende Punkt – nicht allein auf das ökonomische Kapital beziehen. Entscheidend ist auch, welche Möglichkeiten jemand hat (oder eben nicht), um ein gesundes, selbstbestimmtes und sinnerfülltes Leben zu führen und an der jeweiligen Gesellschaft teilzunehmen.
Auch das Nationale Armutsmonitoring geht von einem solchen mehrdimensionalen Armutskonzept aus. Auf der Basis einer finanziellen Definition der Armut wird die Analyse sukzessive erweitert um soziale Dimensionen wie Bildung, Gesundheit, Wohnen und – dies die Schlagworte der letzten Jahre – soziale und politische Teilhabe. Dieser Ansatz hat gesellschaftspolitische Konsequenzen. Geht es um Armutsbekämpfung – ein erklärtes Ziel auch des Bundesrats –, steht nicht bloss die materielle Existenzsicherung zur Debatte. Es geht auch um die anderen genannten sozialen Faktoren wie Bildung, Wohnen etc. sowie um die Frage, wie sich diese gegenseitig beeinflussen. Dass es hier Zusammenhänge gibt, gilt inzwischen als gesichert. So sind zum Beispiel 9,6 Prozent der Personen zwischen 25 und 64 Jahren ohne nachobligatorische Ausbildung von Armut betroffen, das sind 3,3 Prozent mehr als die Gesamtbevölkerung in diesem Alter.
Auf der Grundlage dieses mehrdimensionalen Ansatzes operiert das Nationale Armutsmonitoring mit dem Begriff des sozialen Existenzminimums. Über das physische Existenzminimum hinaus, welches sich auf das körperliche Überleben beschränkt, beinhaltet das soziale Existenzminimum auch ein Mindestmass an gesellschaftlicher Teilhabe. Derzeit (Stand 2024) beträgt das (kantonal festgelegte) soziale Existenzminimum der Sozialhilfe gemäss den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) für einen Einpersonenhaushalt um die 1000 Franken pro Monat. Es umfasst den Grundbedarf für den Lebensunterhalt wie Nahrung und Kleidung, die Wohnkosten sowie die medizinische Grundversorgung.
Lücken und Tücken der Armutsdefinition
Obschon das mehrdimensionale Konzept von Armut möglichst viele Faktoren einzubeziehen versucht, bleiben doch relevante Aspekte unberücksichtigt.
Erstens bezieht sich das Nationale Armutsmonitoring einzig auf die Einkommensarmut; diese war von 2014 bis 2017 von 6,7 auf 8,2 Prozent angestiegen, seither bewegt sie sich zwischen 7,9 und 8,7 Prozent. Was in solchen Berechnungen jedoch fehlt, sind Angaben über das Vermögen, also über stille Reserven in Form von Guthaben auf Bankkonten oder Wertschriften. Sie lassen sich über nationale Steuerdaten erschliessen. Doch stehen diese für statistische Auswertungen auf gesamtschweizerischer Ebene bisher nicht zur Verfügung. Wo verlässliche Daten zugänglich sind (wie für die Jahre 2020 bis 2022), ergibt sich folgendes Bild: Werden neben dem Einkommen auch die Vermögen berücksichtigt, reduziert sich die Zahl armutsbetroffener Menschen in der Schweiz von über 700 000 auf etwa 450 000, das heisst: etwa eine Viertelmillion Menschen könnte die Armut mithilfe von Reserven vorübergehend oder dauerhaft verhindern.
Zweitens werden in der Statistik des Nationalen Armutsmonitorings bestimmte Personengruppen nicht erfasst, bei denen die Wahrscheinlichkeit, von Armut betroffen zu sein, hoch sein dürfte. Dazu gehören unter anderem Menschen ohne festen Wohnsitz (die Zahl der Obdachlosen in der Schweiz wird auf 2000 bis 4000 geschätzt) sowie Sans-Papiers (bis zu 300 000).
Drittens sagen Armutsdefinitionen wenig bis nichts über Menschen aus, die nur knapp über dem Existenzminimum leben. Das Nationale Armutsmonitoring des Bundesrates räumt ein, dass es sich hierbei um eine signifikante Personengruppe handelt – zumal das soziale Existenzminimum, auf das sich der Bericht stützt, keine fixe Grösse darstellt und die Grenze zwischen arm und nicht-arm somit veränderbar ist. An einem Beispiel gesagt: Würde man das jetzige Existenzminimum um 500 Franken monatlich erhöhen, so wären nach Berechnungen der SKOS nicht 700 000, sondern 1,6 Millionen Schweizer*innen arm – was verdeutlicht, wie viele Menschen am heutigen Existenzminimum leben. Um welche Personengruppen es sich dabei handelt, ist bisher nur ansatzweise erforscht; Working Poor gehören nachweislich dazu, ebenso alleinerziehende Frauen. Die Gründe für ihre zunehmend prekäre Lebenslage sind insbesondere gestiegene Lebenshaltungskosten (wie Mieten und Krankenkassenprämien), aber auch die veränderte Arbeitswelt (z.B. Folgen der Digitalisierung, der Einsatz von KI, erhöhte Anforderungen an Flexibilität oder die Zunahme der Gig Economy).
Sozialwissenschaftliche Studien und Analysen zeigen für Deutschland, dass Personen, die zunehmend knapp über dem Existenzminimum leben, häufig Handwerksberufen nachgehen oder im Dienstleistungssektor tätig sind; sie bilden also Teile der ehemals stabilen, nicht-akademischen Mittelschicht, die durch Arbeit und Leistung zu einem einigermassen gesicherten Lebensstandard gekommen sind. Aber nicht nur: Offenbar sind vermehrt auch Menschen betroffen, die beispielsweise Kreativberufe ausüben im Bereich Medien, Design, Fotografie oder Grafik. Bemerkenswert ist diese Entwicklung, weil es sich hierbei um Personen aus der sog. akademischen Mittelschicht handelt. Sie verfügen (wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu sagen würde) oft über vergleichsweise hohes kulturelles sowie soziales Kapital, also über Bildung, ein ausgeprägtes Sozialnetz sowie über politische wie soziale Teilhabe – und passen damit nicht recht ins Bild von armutsbetroffenen oder -gefährdeten Personen in Berichten wie dem Nationalen Armutsmonitoring.
Die Sozialwissenschaftler Andreas Reckwitz und Oliver Nachtwey sehen in dieser Entwicklung eine potenzielle Umstrukturierung der alten Sozialklassen. Aus Teilen der ehemals stabilen – sowohl nicht-akademischen wie akademischen – Mittelklasse könnte ihrer Ansicht nach eine neue Unterklasse entstehen. Was dies gesellschaftspolitisch bedeutet und ob sich ein Konflikt zwischen sozialen Klassen anbahnt, sind bisher offene Fragen.
Mit den Augen der Armutsbetroffenen
Ob nun von absoluter oder relativer Armut die Rede ist, von ein- oder mehrdimensionalen Ansätzen – Armut wird hier immer von aussen betrachtet. Die Sicht der Betroffenen, in der Forschung auch «subjektive Armut» genannt, ist damit noch nicht erfasst. Erst dann aber zeigen sich ansonsten verborgene, d.h. der empirischen Wissenschaft nur schwer zugängliche Dimensionen von Armut. Typische Beispiele dafür sind Schamgefühle, mangelnder Selbstwert oder die Angst vor Autonomieverlust. Gerade sie haben unbestritten sozialpolitische Konsequenzen. So beziehen über 200 000 Schweizer Rentner*innen, obschon sie Anspruch darauf hätten, keine Ergänzungsleistungen (EL) – und zwar, wie Befragungen zeigen, überwiegend aus Scham.
Das Nationale Armutsmonitoring enthält zwölf kurze Porträts von Armutsbetroffenen, die aus ihrer Lebenswelt berichten. Ihre Geschichten sind auf die Themen Einkommen sowie Bildung zugespitzt und werden den Statistiken und Analysen vorangestellt. Damit sollen sowohl individuelle wie auch strukturelle Facetten der Armut thematisiert werden. Interessant ist, dass fast alle Porträtierten in der einen oder anderen Weise die Armut überwunden oder ihr getrotzt haben, sie sind gestärkt aus dem Prekariat hervorgegangen und haben sich zu «Experten der Strasse» entwickelt – oder wie eine Person sagt: «Ich bin der lebende Beweis dafür, dass man aus einer schlechten Situation wieder herauskommen kann.»
Dieses Konzept von Armen nicht als «Opfer», die unser Mitleid verdienen, sondern als «Resiliente» dominiert seit Jahren auch die Sozialwissenschaft und Soziale Arbeit. Ob sich Armutsbetroffene tatsächlich mit dieser Rolle als Widerständige identifizieren können, lässt sich allerdings nicht herausfinden, solange man vorgefasste Hypothesen aus der Sozialwissenschaft in Form von Fragebögen oder Interviews an sie heranträgt. Hierfür bräuchte es einen konsequent partizipativen Ansatz, bei dem die Beteiligten, nebst anderem, selber bestimmen, über welche Themen sie reden möchten.
Und was ist mit den Reichen?
In nahezu allen Arbeiten über Armut in der Schweiz ist von den Reichen nicht die Rede, und das Nationale Armutsmonitoring macht hier keine Ausnahme. Tatsächlich gibt es mit wenigen Ausnahmen – dazu gehören die Arbeiten des Soziologen Ueli Mäder oder der Wirtschaftswissenschaftlerin Isabel Martínez – keine vertieften Studien über die Reichen in diesem Land, wie sie zu Reichtum gelangt sind und welchen Einfluss sie auf Wirtschaft und Politik ausüben. Entsprechend gibt es kaum Analysen über strukturelle Zusammenhänge zwischen Armut und Reichtum in der Schweiz.
Dass es diese Zusammenhänge gibt, ist hingegen offenkundig. Auf einer Makroebene entzündet sich die Frage, ob Reichtum soziale Ungleichheit begünstigt oder nicht, an der Besteuerung von Vermögen, am geltenden Erbrecht oder der Diskussion über Mindest- sowie Maximallöhne – um nur die offensichtlichsten Beispiele zu nennen. Auf einer Mikroebene lassen sich Zusammenhänge etwa im Bereich der Arbeit herstellen. So lagern Gutverdienende zunehmend bestimmte Jobs aus, um die so gewonnene Zeit in die Vermehrung ihres ökonomischen Kapitals zu investieren – wohingegen die ausgelagerte Arbeit (wie Reinigung oder Care-Arbeit) minderbezahlt sowie sozial unterversichert ist und sich arbeitsrechtlich oft im Graubereich befindet. Tatsächlich lässt sich auch in der Schweiz zunehmend eine soziale Klasse ausmachen, die sich – freilich überspitzt formuliert – ihren Wohlstand auch mithilfe einer «neuen Dienerschaft» erkauft.
Solange Zusammenhänge wie diese unberücksichtigt bleiben, verfestigt sich die irrige Idee, dass Armut und Reichtum zwei Phänomene sind, die zwar gleichzeitig bestehen, im Grunde aber voneinander unabhängig sind – so, als wären die einen nicht auch deshalb so arm, weil die anderen so reich sind.
