Arbeitsmigration

Beeren mit Beigeschmack

Erntehelfer*innen aus Thailand haben der finnischen Heidelbeerindustrie einen Boom beschert. Der Preis: Ausbeutung und Menschenhandel.

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TUUKA TUOMASJUKKA
ILLUSTRATIONEN
PAULI SALMI
Nr. 632,

Zunächst war es nur ein Video auf TikTok, das Sukanya eingespielt wurde. Die 41-jährige Thailänderin heisst in Wirklichkeit anders, zu ihrem Schutz bleibt sie anonym. Sie arbeitete damals in ihrer Heimat als Bauarbeiterin und suchte nach einem Zusatzeinkommen für die Regenzeit, wenn es weniger Aufträge gibt. Im Video erzählte ein Mann, ebenfalls aus Thailand, von einer Heidelbeerernte in Finnland. Als Sukanya ihn über seinen TikTok-Account kontaktierte, lockte er sie mit der Nachricht, dass sie als Erntehelferin in nur wenigen Monaten mehr als 200 000 Baht verdienen würde, das sind umgerechnet 4825 Franken.

Die Aussicht auf das Zehnfache ihres damaligen Gehalts überzeugte Sukanya. Sie reiste daraufhin in die nahegelegene Stadt Khon Kaen im Nordosten Thailands. Dort nahm sie an einer Schulung für Erntehelfer*innen teil, die von einer thailändischen Firma in Kooperation mit einem finnischen Heidelbeerunternehmen veranstaltet wurde. Am Ende der Tagung drängte man sie dazu, einen dicken Stapel Dokumente zu unterschreiben. Diese in Ruhe durchzulesen, dafür blieb keine Zeit. Sukanya unterschrieb.

Geschwollene Hände, Suppe aus Fischköpfen

Im Juli 2022 reiste sie gemeinsam mit ihrem Ehemann nach Finnland, sie wollten ihr Glück mit der Heidelbeerernte versuchen. Doch es lief nicht so, wie Sukanya es sich erhofft hatte. «Es war eine Qual», erinnert sie sich. Einen festen Arbeitsplan gab es nicht. Wie ihre Kolleg*innen versuchte auch Sukanya, jeden Tag so viele Heidelbeeren wie möglich zu pflücken. Sie begann morgens um sechs Uhr, manchmal schon nachts um drei, und hörte abends erst gegen zehn oder gar zwölf Uhr auf – bis es zu dunkel war, um die Beeren zu sehen. Sukanyas Hände und Füsse waren von der Arbeit geschwollen. «Es war die schwerste Arbeit, die ich je verrichtet habe. Wer das übersteht, überlebt alles», sagt sie.

Zu essen erhielten die Erntehelfer*innen meist eine Suppe aus Fischköpfen, die in einem weissen Plastikeimer aufbewahrt wurde, der tagsüber im Wald erkaltete und gelierte. Davon bekam Sukanya Durchfall. Untergebracht waren die Erntehelfer*innen in grossen Lagern mit unzureichenden Sanitäranlagen. Es gab nicht genügend Toiletten und Waschmaschinen, oft ging ihnen das warme Wasser aus. In vielen Nächten schlief Sukanya nur vier bis fünf Stunden.

Sukanya verkaufte ihre geernteten Beeren zu einem vom Unternehmen festgelegten Kilopreis. Im Gegenzug stellte ihr die Firma verschiedene Dienstleistungen in Rechnung wie Flüge, Verpflegung, Unterkunft, Arbeitsgeräte sowie Autos und Benzin für die Suche nach weiteren Heidelbeer-Standorten. Oft verrechnete die Firma den Erntehelfer*innen mehr als die tatsächlichen Kosten. Weil sie sich betrogen fühlten, wollten einige der Erntehelfer*innen ein paar Wochen vor Ende ihres Vertrages das Lager verlassen, so auch Sukanya. Wegen der hohen Zusatzausgaben befürchteten sie, dass der Lohn ihre Kosten nicht decken würde. Über Verbindungen innerhalb der finnisch-thailändischen Community bekam die Gruppe Kontakt zu Victim Support Finland, einer vom finnischen Justizministerium finanzierten Organisation, die Opfer von Straftaten unterstützt.

Erste Ermittlungen gegen die Beerenindustrie

Und so flohen an einem Sonntagmorgen achtzehn Erntehelfer*innen aus dem Lager. Für eine Woche kamen sie in einer Zwischenunterkunft unter, bis man ihnen schliesslich die Rückreise nach Thailand ermöglichte. Nach ihrer Rückkehr musste Sukanya ihr Haus verkaufen, da das verbleibende Einkommen nicht ausreichte, um die Schulden zu begleichen, die sie für die Reise nach Finnland anhäufen musste. «Ich war sehr enttäuscht», erinnert sie sich.

Sukanya ist eine von zehntausenden Erntehelfer*innen, die in den letzten zwanzig Jahren für die Heidelbeerernte aus Thailand nach Finnland eingeflogen wurden. Die Ersten stellte 2005 der finnische Lebensmittelhersteller Riitan Herkku an. Die Idee dazu stammte aus dem benachbarten Schweden, wo in der Beerenernte bereits thailändische Arbeitskräfte eingesetzt wurden. Früher hatten finnische Rentner*innen sowie Migrant*innen aus der ehemaligen Sowjetunion die Beeren gepflückt. Gemäss der finnischen Lebensmittelbehörde stieg die Menge der gepflückten Beeren deutlich an, nachdem die Unternehmen damit begonnen hatten, Erntehelfer*innen aus Thailand einzufliegen. Wurden bis ins Jahr 2003 in einem guten Jahr rund 8 Millionen Kilogramm Beeren geerntet, waren es 2012 fast 16 Millionen Kilogramm, davon wurden 68 Prozent von Ausländer*innen gepflückt. Im Jahr 2022 betrug der Anteil ausländischer Erntehelfer*innen 92 Prozent, wobei die allermeisten aus Thailand stammten. Die Branche floriert.

Minna Seikkula, eine finnische Soziologin mit Schwerpunkt Migration, kritisiert das hohe Risiko, das Erntehelfer*innen von den Unternehmen aufgebürdet werde. Als Voraussetzung für einen Arbeitsplatz in der finnischen Heidelbeerindustrie müssten sie einen Kredit aufnehmen, um die Kosten für Reise, Vermittlungsgebühren und andere migrationsbezogene Ausgaben zu decken, so Seikkula. In Finnland gab es für diese Art saisonaler Arbeit lange Zeit keinen Mindestlohn; thailändische Erntehelfer*innen fielen nicht unter das finnische Arbeitsrecht. In den Augen der Behörden galten sie als selbständig, obwohl die Unternehmen sie streng kontrollierten, ihnen manchmal sogar die Pässe abnahmen. Wie Sukanya blieben in vielen Fällen die Arbeiter*innen nach einer Saison harter Arbeit verschuldet zurück.

Im Winter 2023 begann das System zu bröckeln. Die finnischen Behörden leiteten Ermittlungen gegen drei der grössten Beerenunternehmen des Landes ein, und zwar wegen des Verdachts auf Menschenhandel. Eines dieser Unternehmen war Kiantama, jene Firma, bei der auch Sukanya gearbeitet hatte. Im September 2025 wurde deren Geschäftsführer in 62 Fällen des schweren Menschenhandels für schuldig befunden und zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Auch der Geschäftsführer der beauftragten thailändischen Personalvermittlungsagentur bekam eine dreijährige Haftstrafe. Im Falle von zwei weiteren Beerenunternehmen stehen die Urteile noch aus: Polarica wird in 78 Fällen des schweren Menschenhandels beschuldigt, Arctic Group in 140 Fällen. Polarica steht zudem in Verbindung mit derselben Personalvermittlungsagentur, deren Geschäftsführer bereits im Kiantama-Prozess verurteilt wurde.

Natalia Ollus, Direktorin des Europäischen Instituts für Kriminalprävention und -bekämpfung (HEUNI), sieht mehrere Gründe, warum in Finnland zwei Jahrzehnte lang Erntehelfer*innen auf diese Weise ausgebeutet werden konnten. Ein Grund ist die kulturelle Bedeutung der wildwachsenden Heidelbeeren, die der Beerenindustrie eine Art Sonderstellung beschert. Dadurch konnten deren Machenschaften auch nach Bekanntwerden der Probleme fortgesetzt werden. Ollus ist überzeugt, dass es in Finnland nur ein beschränktes Verständnis für den engen Zusammenhang zwischen Menschenhandel und Arbeitsausbeutung beim Beerenpflücken gibt. Obwohl finnische NGOs sowie der Ombudsmann für Nichtdiskriminierung schon früh auf Missstände in der Heidelbeerindustrie hingewiesen hatten, blieben die Behörden untätig. «Man hat zwar darüber geredet», erklärt Ollus, «unternommen wurde aber nichts.»</P >

Erst im März 2024 setzte das finnische Aussenministerium die Bearbeitung von Schengen-Touristenvisa für Erntehelfer*innen für die Heidelbeer-Ernte aus. Seit Juni desselben Jahres wird von Erntehelfer*innen, die nach Finnland einreisen, eine Arbeitsbewilligung verlangt. Auch in Thailand äusserten sich unterdessen einige Politiker*innen besorgt darüber, dass ihre Bürger*innen in Finnland ausgebeutet würden. All dies hatte erhebliche Auswirkungen auf die finnische Beerenindustrie. Die Menge der für die Industrie gepflückten Heidelbeeren sank 2024 auf fast die Hälfte, während sich gleichzeitig der Preis für ein Kilo fast verdoppelte.

Wegschauen statt handeln

Kaari Mattila, Expertin für Menschenrechte an der Universität von Ostfinnland sowie ehemalige Generalsekretärin der finnischen Menschenrechtsorganisation Ihmisoikeusliitto, kritisiert, dass es so lange gedauert hat, bis gegen die Missstände vorgegangen wurde. «Es ist schwer zu verstehen, wie Regierungsbeamte dies so lange zulassen konnten, obwohl sie selber über genügend Beweise für Arbeitsausbeutung verfügten.» Mattila verweist auf einen Bericht aus dem Jahr 2014, den die finnische Regierung in Auftrag gegeben hatte und in dem bereits Bedenken hinsichtlich der Arbeitsrechte im Beerensektor geäussert wurden. Die darin formulierten Empfehlungen wurden jedoch nicht befolgt. Beamt*innen und Politiker*innen zogen es vor, gemeinsam mit der Industrie freiwillige Richtlinien zu entwickeln. Diese waren juristisch jedoch nicht durchsetzbar und die darin festgelegten Richtlinien wurden oft ignoriert oder umgangen. «Das System bot Raum für Ausbeutung», sagt Mattila. Lauri Ihalainen, der damalige finnische Arbeitsminister, will sich auf Anfrage dazu nicht äussern; er habe ein schlechtes Gedächtnis und möchte nicht über «so alte Dinge» nachdenken.

Im Nachhinein sieht es so aus, als wäre die Lage der thailändischen Erntehelfer*innen über Jahrzehnte hinweg nicht ernst genommen worden. Die finnische Europaabgeordnete Li Andersson macht hierfür den starken Einfluss der Unternehmen verantwortlich. «Im Vergleich zu den thailändischen Betroffenen war die Beerenindustrie sehr laut. Schliesslich haben diese Menschen, die kein Englisch sprechen, hierzulande keine Organisation, die sie unterstützt, und niemanden, der ihre Stimme in die Öffentlichkeit tragen könnte.» Sie selbst engagierte sich erstmals im Sommer 2013 politisch für ein Umdenken, als eine Gruppe von 50 thailändischen Erntehelfer*innen gegen das Unternehmen Ber-Ex streikte. Die Aktion fand in den nationalen Medien grosse Beachtung und Andersson, damals Vorsitzende des Jugendflügels der Finnischen Linksallianz, sprach sich öffentlich für die Rechte der Erntehelfer*innen aus.

Die eigentliche Heldin aber heisst Junya Yimprasert, eine 59-jährige thailändische Aktivistin, die seit fünfzehn Jahren in Finnland lebt. Sie war es, die in den letzten zehn Jahren mit den Erntehelfer*innen sprach, Erfahrungsberichte sammelte und Daten zusammentrug, um deren Situation zu verbessern. Sie bezeichnet den Umgang mit der Situation der Erntehelfer*innen in der finnischen Öffentlichkeit als «Konsens der Verleugnung»: Niemand habe sich verantwortlich gefühlt und deshalb habe auch keiner eingegriffen, so Yimprasert. Die noch laufenden Gerichtsverfahren könnten zu Entschädigungszahlungen für einige hundert thailändische Erntehelfer*innen führen. Die meisten der ausgebeuteten Erntehelfer*innen jedoch – es handelt sich um tausende – werden wahrscheinlich keine Gerechtigkeit mehr erfahren. Im Falle der Unternehmen Kiantama und Polarica schätzte das finnische Kriminalamt die Zahl der möglichen Opfer allein für das Jahr 2023 auf über 2000 Personen; doch nur 140 Fälle wurden vor Gericht verhandelt.

Und kein Ende in Sicht

Zu den Erntehelfer*innen, die möglicherweise nie eine Entschädigung erhalten werden, gehören auch die 50 streikenden Erntehelfer*innen von Ber-Ex. Sie reichten damals, im Jahre 2013, eine Anzeige bei einer örtlichen Polizeidienststelle in Finnland ein. Ihre Aussagen wurden jedoch nie aufgenommen und die Ermittlungen bereits nach zwei Tagen eingestellt.

Praisanti Jum-Angwa, ein 55-jähriger Bauer, war damals dabei. Im Videocall erzählt er, dass Finnland die Arbeitsbedingungen der Erntehelfer*innen seitdem zwar verbessert habe, die Fehler der Vergangenheit jedoch nicht wiedergutgemacht wurden. Er und andere ehemalige Erntehelfer*innen hätten nach ihrer Rückkehr nach Thailand vom finnischen Staat eine Entschädigung für ihren Einkommensverlust gefordert. «Dies wurde nie in Betracht gezogen», sagt Jum-Angwa. Er habe drei Jahre gebraucht, um seine Schulden abzubezahlen. Viele seiner Kolleg*innen hätten weniger Glück gehabt und ihr Land verkaufen müssen.

Finnische NGOs weisen derweil darauf hin, dass die Ausbeutung nach wie vor andauere. Zwar seien Erntehelfer*innen inzwischen formell angestellt und durch das finnische Arbeitsrecht geschützt. Doch gäbe es in der Lieferkette für Heidelbeeren weiterhin Strukturen, die den Menschenhandel begünstigen – so seien die Arbeiter*innen nach wie vor gezwungen, Schulden zu machen, um in der finnischen Heidelbeerindustrie arbeiten zu können. Und obwohl sie das Risiko von Zwangsarbeit anerkennen, würden finnische Lebensmitteldetailhändler*innen nach wie vor auf diese Weise geerntete Beerenprodukte in ihr Sortiment aufnehmen.

Im Sommer 2024 formulierte die Organisation Fairtrade Finland deshalb einen Standard für zertifizierte Heidelbeeren, der laut Expert*innen die meisten Probleme in der Branche lösen würde. Dennoch gibt es in Finnland bisher kein einziges Produkt mit diesem Zertifikat, da die Unternehmen einige der Bedingungen des Labels nicht akzeptieren – so beispielsweise die Übernahme der Flugkosten für die thailändischen Arbeiter*innen.

Zurück in Thailand arbeitet Sukanya derweil als Nanny und verdient monatlich rund 30 000 bis 40 000 Baht, das sind umgerechnet 720 bis 960 Franken. Mit dem Geld, das nach dem Verkauf ihres Hauses und der Tilgung der Schulden noch übrigblieb, baute sie zusammen mit ihrem Ehemann ein neues Zuhause. Es ist kleiner als das alte und liegt weiter vom Zentrum ihrer Provinz entfernt. Vom Gericht wurde Sukanya eine Entschädigung für den noch ausstehenden Lohn ihrer Erntearbeit in Finnland zugesprochen sowie ein Schmerzensgeld von 7300 Franken. Bis sie das Geld bekommt, kann es aber noch Jahre dauern. Das verklagte Unternehmen Kiantama hat Berufung eingelegt.

Aus dem Englischen übersetzt von SARA WINTER SAYILIR und KLAUS PETRUS.

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