Zusammenleben

Die Zumutung der Nähe

Alle paar Jahre kehrt sie zurück: die Debatte über Drogen, Lärm und Angst im Kleinbasel. Geführt wird sie von den Medien und in der Politik. Denn die Krise beginnt nicht auf den Plätzen, sondern dort, wo Menschen keinen Rückzugsort mehr haben.

Text
Hanna Girard
Fotos
Klaus Petrus
Nr. 628,

Es ist später Nachmittag, als Adriana Ružek und Mats Müller vom Basler Verein für Gassenarbeit «Schwarzer Peter» über den Claraplatz spazieren. Ein Dutzend Menschen haben sich um «den Sarg» versammelt, so wird das Betonsitzmöbel neben dem Kiosk genannt. Bierdosen stehen auf dem Boden, Zigarettenrauch hängt in der Luft, Plastiksäcke voller Hab und Gut sind an Rollatoren festgezurrt. Aus einem Lautsprecher dröhnt Achtzigerjahremusik. Es ist ihr Refugium. Kaum angekommen, werden Hände geschüttelt, Müller und Ružek umarmt. «Adriana! Mats!» Ein Mann winkt von der Bank herüber. Eine Frau mit Einkaufstasche steht auf und klatscht mit Müller ab. Ružek setzt sich hin und fragt, wer gerade Ärger hat, wem es schlechter geht als letzte Woche.

Mats Müller und Adriana Ružek von der Basler Gassenarbeit Schwarzer Peter.

«Der Claraplatz ist ihre Stube», sagt Ružek später. Seit 2010 arbeitet sie beim Verein Schwarzer Peter. Zusammen mit ihrem Kollegen geht sie regelmässig durch das Kleinbasel, spricht mit Menschen, schlichtet Streit, verteilt Wasser, hört zu. Die beiden kennen fast alle hier mit Namen, viele sind seit Jahren hier. Die Männer und Frauen an dem Sitzmöbel streiten um die letzte Kippe, tanzen ausgelassen um den Kiosk. Während die einen vorbeiziehen, bleiben andere sitzen. Ružek weiss, wer gerade eine Wohnung verloren hat, wer wieder trinkt, wer verschwunden ist, wer zurückkommt. Früher habe es am Claraplatz eine Art Ordnung gegeben, sagt Ružek. Diese Ordnung hiess René. Auch er war süchtig, «der Vater des Claraplatzes». René schaute, dass niemand abstürzte, er schlichtete Streit und wusste, wer gerade Hilfe brauchte. In einer alten Telefonkabine richtete die Gruppe ein improvisiertes «Alkistübli» ein, dekoriert mit einem Orang-Utan aus Plüsch. Nach Renés Tod, an der Abdankung 2023, war der ganze Platz voll. Es gab Wurstweggen aus der Migros, Renés Lieblingsessen. Einen Nachfolger für René gibt es nicht – keinen mehr, zu dem die anderen gehen können, wenn es kippt.

Ružek und Müller bleiben nicht lange am Claraplatz. Ihre Runde führt weiter durchs Kleinbasel, zu Strassen und Plätzen, über die in den vergangenen Wochen besonders heftig debattiert wurde. Medien wie die Neue Zürcher Zeitung schrieben vom «Drogen- und Gewalt-Hotspot Kleinbasel». Bajour zitierte einen Anwohner, der von «Zuständen wie auf dem Zürcher Platzspitz» sprach – jenem Zürcher Park, der Anfang der Neunzigerjahre als offene Drogenszene europaweit bekannt wurde. Natürlich gebe es Probleme, sagen Ružek und Müller. Die Konflikte seien real, die Erschöpfung im Quartier auch. Doch sie stören sich daran, dass meist erst dann über Menschen gesprochen werde, wenn sie draussen auffallen. Denn für sie beginnt die Krise nicht mit der Szene am Claraplatz. Sondern dort, wo Menschen keinen Ort mehr haben, an den sie sich zurückziehen können: beim Wohnen.

Wenn Wohnraum verschwindet

«Wer keinen privaten Rückzugsort hat, verlegt sein Leben zwangsläufig nach draussen», sagt Ružek. Viele ihrer Klient*innen hätten keine stabile Unterkunft mehr, manche seien obdachlos. Andere lebten in billigen Wohnungen, die sich im Sommer aufheizten. «Das Kleinbasel leidet unter der Hitze», sagt Müller. «Dann gehen die Leute halt raus.»

Günstiger Wohnraum verschwindet. Das sei das zentrale Problem, so Ružek und Müller. Und billige Wohnungen, wie es sie in den Altstadthäusern lange gegeben habe, würden rar. «Mit der Sanierung dieser Häuser verlieren Menschen, die sich die Miete nicht mehr leisten können, den Ort zum Rückzug», sagt Ružek. Die meisten möchten nicht in stationären Suchthilfeeinrichtungen leben, auch weil ihnen dann ein Teil ihres Geldes abgezogen wird. «Die Leute wollen nicht betreut werden», sagt Ružek. «Sie wollen begleitet werden.»

Der Rosenbogen bei der Matthäuskirche.

Basel-Stadt kündigte 2023 an, zusätzlichen Wohnraum für suchtkranke Menschen nach dem Konzept «Housing First Plus» zu schaffen. Möblierte Studios für selbstbestimmtes Wohnen: erst eine Wohnung, dann Stabilität – nicht umgekehrt. Das «Plus» bedeutet: Es gibt einen Pfortendienst, der den Zugang zum Haus regelt. Unterstützung ist möglich, aber nur auf Wunsch der Bewohner*innen. Bis heute lässt das Projekt jedoch auf sich warten. Laut Kanton werden konkrete Liegenschaften geprüft, die Suche sei jedoch anspruchsvoll. Eigentümer*innen hätten sich nach langen Verhandlungen zurückgezogen, weil ihnen diese Form der Nutzung nicht behagte, sagt Sonja Körkel, Sprecherin des zuständigen Departements für Wirtschaft, Soziales und Umwelt des Kantons, auf Nachfrage.

Doch nicht nur Housing First Plus kommt nicht voran. Es fehlen grundsätzlich Wohnangebote für Menschen, die Drogen konsumieren. Auch betreute Wohnplätze und niederschwellige medizinische Hilfe sind knapp. Es gehe dabei nicht nur um zusätzliche Betten, sagen Ružek und Müller, sondern um unterschiedliche Angebote: Nachtpensionen, Übergangswohnen, Wohnungen, in denen Konsum nicht sofort zum Ausschluss führt. Solche Modelle gebe es bereits in Zürich und sie hätten sich bewährt. Basel hingegen behandle soziale Probleme zu oft als Fragen des öffentlichen Raums: Wo stören Menschen, wie lassen sich Plätze beruhigen, wie Konflikte verschieben? Zu selten gehe es um die Lebenslage der Betroffenen selbst.

Vom Claraplatz laufen die beiden Gassenarbeiter*innen Richtung Matthäusplatz. Samstags ist hier Markt, die Primarschule nutzt den Kirchplatz als Spielplatz. Unter dem Rosenbogen hinter der Kirche treffen sich seit Monaten Suchtbetroffene. Spielplatz, Familien, Rosengarten, konsumierende Menschen, lärmende Gruppen – alles auf aufs engsten Raum. In der Debatte gilt der Platz deshalb manchen als Hotspot. Die Polizeizahlen stützen diese Wahrnehmung nur bedingt. Zwar hätten sich Lärmklagen gehäuft, bestätigt die Kantonspolizei auf Anfrage. Eine Häufung von Delikten stelle sie jedoch «subjektiv in den vergangenen Jahren» nicht fest. Wegen der Lärmbeschwerden prüfe die Polizei «zusammen mit Partnerorganisationen Massnahmen zur Verbesserung der Situation».

Unter dem Rosenbogen sitzt an diesem frühen Abend ein dünner Mann mit eingefallenen Wangen. In der Tasche seiner Lederjacke steckt eine Wodkaflasche. Als die Gassenarbeiter*innen vorbeigehen, grüsst er höflich. In der Nacht könne es hier schon laut werden, sagt Müller. Früher seien viele Süchtige stundenlang irgendwo gesessen. Heute sei es hektischer geworden. Eine wichtige Rolle dabei spiele Crack, rauchbares Kokain, das extrem schnell und extrem kurz wirkt. «Innerhalb von Minuten sind die Leute wieder im Beschaffungsstress», sagt Müller. Dadurch verändere sich alles: der Konsum, die Konflikte, die Stimmung im öffentlichen Raum. Die Menschen seien nervöser, unruhiger, weniger achtsam mit sich selbst und anderen. Konfliktsituationen könnten schneller kippen. «Das potenziert alles.»

Der «Sarg» am Claraplatz: Wer keinen privaten Rückzugsort hat, verlegt sein Leben zwangsläufig nach draussen, sagen Mats Müller und Adriana Ružek von der Basler Gassenarbeit Schwarzer Peter.

Plötzlich treffen Lebensrealitäten häufiger aufeinander, die lange eher nebeneinander existierten. «Die Stadt ist ein Aushandlungsort», sagt Müller. «Sie gehört nicht den Leuten mit dem meisten Geld. Sie gehört allen Menschen.» Die Stadt als Ort für alle wird in Basel derzeit auch städtebaulich versprochen. Mit sogenannten Superblocks nach dem Vorbild von Barcelona entstehen Begegnungszonen, wo die Anwohner*innen draussen picknicken, grillieren und sich näherkommen können: Parkplätze wurden aufgehoben, Strassen zu Aufenthaltsräumen umgebaut. Doch sind dort alle willkommen? Das neue Miteinander sei oft exklusiv, ist Horst Bühlmann überzeugt, der seit Jahren die Kontakt- und Anlaufstellen der Suchthilfe Region Basel leitet. Sichtbar Süchtige seien auf PalettSofas in den Begegnungszonen nicht vorgesehen. «Wir fordern gar kein Miteinander», sagt Bühlmann. «Ein Nebeneinander würde schon reichen.»

Plötzlich wird die Szene zum Problem

Wie fragil das Miteinander ist, zeigt sich auch auf der Dreirosenanlage. Sie gehört zu den erklärten Hotspots der Stadt. Die zeitweise installierten Kameras zeigen, wie sehr die Behörden die Lage dort als Sicherheitsproblem wahrgenommen haben. Kürzlich wurden Bänke entfernt. Für Ružek und Müller zeigt sich darin die Ambivalenz städtischer Ordnungspolitik: Es gibt Repression und Überwachung. Gleichzeitig versucht die Stadt, Gruppen nicht einfach zu vertreiben, sondern sie so durch den Raum zu lotsen, dass Konflikte kleiner werden – etwa mit einer neuen Sitzbank unter einer Brücke.

Neben dem Basketballplatz üben zwei junge Männer Boxschläge, auf der Wiese feiert eine Familie ein Kindergeburtstagsfest. Viele der jungen Männer, die sich in diesem Park und in der Nähe aufhalten, seien Asylsuchende, sagen Ružek und Müller. Die meisten traumatisiert, viele unterbeschäftigt, einige konsumierten die angstlösende Substanz Pregabalin oder eben Crack. Sprachliche und kulturelle Barrieren erschwerten den Zugang für die Sozialarbeiter*innen. «Diese jungen Menschen haben extrem wenig Perspektive.» Die Stadt reagiert mit dem Einsatz von Rangern, sie sollen zwischen Quartierbevölkerung, Konsumierenden und Behörden vermitteln. Beauftragt wurde mit der Organisation des ganzjährigen Ranger-Dienstes die Diakonische Stadtarbeit Elim.

Für Ružek und Müller ist der städtische Umgang ein Zeichen dafür, dass Basel verlernt hat, Konflikte direkt auszuhandeln. «Früher hätte man vielleicht einfach miteinander geredet», sagt Müller. Heute würden immer neue Zwischenstellen geschaffen: Ranger, Sicherheitsdienste, Moderationsgruppen. Es werde zu oft über Ordnung gesprochen und zu selten über die strukturellen Ursachen der Konflikte: fehlender Wohnraum, Armut, Sucht, Perspektivlosigkeit. Besonders problematisch sei die Vermischung von Fürsorge und Kontrolle. Dienste, die primär raumorientiert und ordnungspolitisch wirkten, arbeiteten zwar mit sozialarbeiterischer Sprache: Beziehung, Vermittlung, Niederschwelligkeit. Aber sie verfolgten primär Ordnungsziele. «Das ist berufsethisch problematisch», sagt Ružek. Denn Soziale Arbeit lebe von Vertrauen, Freiwilligkeit und Vertraulichkeit. Wenn sie zugleich ordnungspolitische Ziele verfolgt, verschwimmen die Rollen: Unterstützung und Kontrolle geraten ineinander. «Wir haben verlernt, aufeinander zuzugehen», sagt Ružek, und Müller nickt. Es wäre falsch, die Belastung im Quartier kleinzureden. Aber auch die Not jener Menschen, die draussen sichtbar werden, verschwinde nicht, wenn man sie weiterschiebe und verdränge. Es brauche die Bereitschaft, den Konflikt aus mehreren Perspektiven auszuhalten.

Horst Bühlmann kennt die Diskussionen. Neu sind sie nicht. Der Anwohner, der öffentlich den Vergleich mit dem Zürcher Platzspitz zog, ist ein Nachbar. Bühlmann sitzt auf einer gezimmerten Bank in der Zwischennutzung Erle Perle, mitten im neuen Erlenmattquartier im hinteren Kleinbasel, einen Steinwurf von der deutschen Grenze entfernt. Hinter ihm spielen Kinder, zwischen Hochbeeten sitzen Familien. Wo früher Industrie, Lagerhallen und Bahnareale waren, ist in den vergangenen Jahren eine hippe Wohnsiedlung entstanden. In die ehemaligen Fabrikräume nebenan sind nun Tanzschulen, Ateliers und kleine Büros eingezogen. Hier wohnen Expats, hier gehen auch geflüchtete Kinder zur Schule: Hier entsteht ein Quartier, das urban, durchmischt und offen wirken soll. Mittendrin sitzt Bühlmann, der seit fast dreissig Jahren mit suchtbetroffenen Menschen arbeitet und die Basler Kontakt- und Anlaufstellen, kurz K+A, leitet.

Eine K+A ist nur wenige Schritte entfernt. Es ist ein geschützter Ort, wo suchterkrankte Menschen unter hygienischen Bedingungen Drogen konsumieren können, medizinische Grundversorgung erhalten und sozialarbeiterisch beraten werden. Wer hierherkommt, kommt in erster Linie zum Konsumieren. Aber eben nicht nur: Bananenshake ist hoch im Kurs; etwas Nahrhaftes. Es gibt ein Café, an den Tischen spielen die Leute Schach. Die K+A ist auch ein Ort, an dem jemand fragt, wie es geht, an dem Spritzen entsorgt, Wunden angeschaut und Krisen aufgefangen werden.

Auch bei der K+A ist die Debatte über Spannungen zwischen den Schichten im Quartier angekommen. Anwohner*innen beklagen sich in lokalen Medien über Lärm, Konsum im Umfeld der K+A und ein wachsendes Gefühl der Unsicherheit. Forderungen nach mehr Präsenz der Sicherheitsbehörden oder dem Einsatz von mehr Rangern wurden da formuliert und eine altbekannte Aufteilung vorgenommen: Auf der einen Seite «das Quartier», auf der anderen die Konsument*innen und deren Hilfsstrukturen – als wünschte man sich das Quartier doch nicht als durchmischtes Stadtviertel, sondern als homogenen Block, in dem die Suchterkrankten keinen Platz haben.

Und das sollen jetzt die Behörden regeln, wenn es nach manchen Beschwerdeführer*innen geht, durch eine Verlegung der K+A an einen anderen Rand der Stadt.

Die Kontakt- und Anlaufstelle am Riehenring 200 besteht seit 2003. Im Erlenmattquartier gab es bereits Anfang der Neunzigerjahre eine K+A. Damals lag sie noch am Rand: nahe der Grenze, unter Autobahnbrücken, zwischen Gewerbe- und ehemaligen Industriearealen. Auch die K+A am Dreispitz liegt an einem solchen Rand, an der Kantonsgrenze zu Baselland. Doch die Stadt verändert sich. Auch am Dreispitz entsteht ein neues Quartier, am Riehenring ist mit der Erlenmatt ein Wohnquartier gewachsen. Orte, die einst Abstand versprachen, liegen heute neben Familienwohnungen, Kindergärten und Schulwegen. Und schon geht die Verdrängungsdebatte von Neuem los: Wo soll die Stadt das Angebot diesmal unterbringen? Bühlmann kennt diese Diskussion seit Jahrzehnten. Sobald Drogenkonsum sichtbar werde, werde es schwierig. Alles, was lange bilateral lösbar gewesen sei, werde plötzlich zum grossen Thema.

Was Bühlmann an der aktuellen Debatte am meisten erstaunt, ist ihre Intensität. «Medial ist es sehr gross.» In seinem Alltag sehe er keine explodierende Szene. Zweimal am Tag kämen durchschnittlich rund 170 Personen in die K+A, insgesamt rechne er mit etwa 400 bis 500 Nutzer*innen. Diese Zahl sei ungefähr gleich geblieben, seit er in diesem Beruf arbeite, so Bühlmann. Das Durchschnittsalter liege ebenfalls konstant bei ungefähr fünfzig Jahren. Es gebe junge Menschen, ja, auch neue Gesichter. Aber die Szene wachse nicht ständig. Neue kämen hinzu, andere blieben weg. Verändert habe sich weniger die Grösse der Szene als ihre Wahrnehmbarkeit. Seit der Pandemie, seit den heisseren Sommern und längeren Abenden seien insgesamt mehr Menschen draussen, länger und gleichzeitig: Familien, Jugendliche, Anwohner*innen, Suchterkrankte. «Dass man sich überhaupt sieht», sagt Bühlmann, «ist der wesentliche Unterschied.» Früher habe vieles besser in die Zwischenräume der Stadt gepasst: unter Brücken, an Rändern, an Orte, an denen die meisten vorbeischauten. Heute sitzen Familien am gleichen Ufer wie Drogen-Konsument*innen. Nicht die Szene sei explodiert, sagt Bühlmann. Verschwunden sei vielmehr der Platz, an dem sie niemanden störte. «Jetzt, wo die Stadt sich verändert, wird die Szene plötzlich zum Problem. Nicht, weil mehr Menschen konsumieren. Sondern weil weniger Platz übrig ist, um das zu verbergen.»

Die Stadt als «Aushandlungsort»: Wie sozial durchmischt soll der öffentliche Raum sein, wie sicher, wie kontrolliert?

Aus dieser Situation heraus entstehen nun die Vorschläge, die für Bühlmann nur nach einfachen Lösungen klingen, die aber kaum zum Alltag suchtbetroffener Menschen passen. An einem runden Tisch wird darüber diskutiert, die K+A langfristig zu verlegen oder rotierend durch verschiedene Quartiere wandern zu lassen. Für Bühlmann klingt das nicht praktikabel. Menschen mit Suchterkrankungen brauchten Verlässlichkeit. Sie müssten wissen, wo sie hingehen können. «Eine rotierende K+A wäre für viele eine riesige Verwirrung.» Auch darüber hinaus sei die Idee schwierig: Bewilligungen, Räume, Sicherheitskonzepte, Erreichbarkeit müssten jedes Mal neu erteilt, gesucht und erarbeitet werden. Eine K+A müsse zugänglich sein, aber die Menschen auch nicht ausstellen. Sie brauche Nähe und Abstand zur Stadt zugleich. «Das widerspricht sich zwar in gewisser Weise», sagt Bühlmann, «aber ich habe es aufgegeben, auf der grünen Wiese den schönsten Ort auszusuchen.»

HORST BÜHLMANN

Ebenso wenig überzeugt ihn der historische Vergleich, der in der Debatte immer wieder beschworen wird: «Wer den Platzspitz gesehen hat, würde das nie vergleichen», sagt er. Damals gab es viele Tote, der Ort war der grösste Drogenumschlagplatz Europas. Davon sei die Situation in Basel weit entfernt. Doch Bühlmann nimmt auch die Anwohner*innen ernst. Wer jeden Tag an konsumierenden Menschen vorbeilaufe, wer Lärm höre, wer Angst habe, mit dem Kind vorbeizugehen, dem könne man nicht einfach sagen, er solle sich nicht aufregen. «Meine Mitarbeiter*innen und ich haben andere Erlebnisse mit den Menschen als die Anwohner*innen», sagt er. Beide Erfahrungswelten seien real.

Sichtbarkeit macht Angst

Was ihn stört, ist die schnelle Verengung auf ein Feindbild. «Da gibt es Vorurteile und häufig auch die Frage, ob eine Interaktion gefährlich werden könnte», sagt Bühlmann. Sichtbarkeit mache Angst, und Angst mache aus einzelnen Menschen schnell ein Problem. Dabei seien suchtkranke Menschen nicht per se gefährlich. Viele suchten sogar Anonymität. Sie wollen nicht vor Nachbar*innen, Arbeitskolleg*innen oder Schulkindern konsumieren. Aber irgendwo müssten sie ja hin.

Vor der K+A sitzt ein hagerer Mann Anfang vierzig. Seine Hosen sitzen tief, die Augen sind glasig. Gegenüber sei er aufgewachsen, sagt er. Seine ganze Kindheit lang sei er an der Kontakt- und Anlaufstelle vorbeigelaufen. «Mit den Händen in den Hosentaschen bin ich vorbeigelaufen und dachte: Ich sicher nicht.» Jetzt steht er selbst dort. Er trinkt, nimmt Kokain, manchmal tagelang. Vor seinem Tod habe ihm der Vater aufgetragen, auf die Mutter aufzupassen. Aber bei ihr melden kann er sich nicht mehr. «Schau doch, wie ich aussehe», sagt er und zieht an seiner Zigarette. Dass sich Menschen über Lärm und grölende Gruppen aufregten, könne er verstehen. «Ich würde mich auch nerven.»

Das ist genau die Ambivalenz, von der Bühlmann spricht: Konsument*innen sind Teil der Stadt – und werden doch als Störung wahrgenommen. Anwohner*innen haben Ängste, die man ernstnehmen müsse – doch diese Ängste können dazu führen, dass andere verdrängt werden. «Das Miteinander und Nebeneinander muss man auch parallel verstehen», sagt Bühlmann. Nicht alles müsse gemeinsam geschehen. Manchmal wäre bereits viel gewonnen, wenn unterschiedliche Gruppen nebeneinander existieren könnten. Es müssen nicht immer die einen verschwinden, damit die anderen sich sicher fühlen.

Am Rheinufer wird es langsam dunkel. Unter den Brückenbögen glitzert das Wasser schwarzblau. Familien packen ihre Picknickdecken zusammen, Jugendliche sitzen noch auf den Mauern. Ein paar Meter weiter trinkt ein Mann alleine aus einem Tetrapack Wein und schaut auf den Fluss. Alle sitzen am selben Ufer.

Weitere Artikel zum Thema Sucht