Fest im Griff
Mario Stöckli ist pathologisch misstrauisch. Was seinen Alltag seit Jahren bis ins Letzte bestimmt. Hier erzählt er, wieso er trotzallem ein gutes Leben führt.
Was ihn dazu gebracht hat, allem und jedem zu misstrauen, weiss Mario Stöckli, der eigentlich anders heisst, nicht mehr. An ein bestimmtes Ereignis, einen Auslöser für das, was später zu einer Paranoia werden sollte, kann er sich jedenfalls nicht erinnern. Eher kam es schleichend, dieses Misstrauen, das sein Leben so fest im Griff hat. Dabei hatten ihm seine Eltern, der Vater ein Versicherungskaufmann, die Mutter arbeitete in der Pflege, viel Frohmut, Zuversicht, gar Beschwingtheit mit auf den Weg gegeben. Von einer idyllischen Kindheit spricht der heute 51-Jährige und erinnert sich: «Ich wuchs mit den Eltern und meinem Bruder in Liestal auf, streifte durch die Wälder, spielte Fussball, Handball, ich war Trommler in einer Fasnachtsglygge, voll der Teamplayer, und auch in der Schule lief es ordentlich.»
Erst Jahre später wird sich Stöckli fragen, ob solch ein behütetes Aufwachsen – man ist lieb zueinander, sorgt füreinander, hält zusammen – wirklich eine so gute Vorbereitung war auf dieses Leben, in dem jeder dem andern ein Wolf ist.
Das Gymnasium brach Stöckli ab, er kam mit dem Klassenverbund und der Konkurrenz zunehmend nicht mehr klar. Stattdessen machte er die Handelsschule, suchte sich daraufhin einen Job und holte, da durchaus ehrgeizig, mit zwanzig berufsbegleitend die Matura nach, drei Jahre lang. Zu jener Zeit wurde ihm immer mehr vieles zu viel: die Studis und das Lehrpersonal, die Ansprüche und Erwartungen, der Neid und der Wettstreit. Dann tat Stöckli das, was er bis heute tut in solchen Momenten: zog sich zurück aus dieser so unverschämt aufdringlichen Welt.
Stöckli war Mitte zwanzig, als er eine Stelle bei einer Bank bekam. Worüber er sich freute. Doch sollten die nächsten Jahre für ihn erst zur Prüfung werden, dann zur Hölle. Er sagt es so: «In dieser Branche schaut jeder für sich, alle wollen hoch hinaus. Jeder gegen jeden, so kam mir das vor. Also versuchst du den anderen auszubooten, nimmst deine Arbeitskollegen, einen nach dem anderen, haargenau unter die Lupe, registrierst jeden Satz, jede Regung von ihnen, fragst dich die ganze Zeit, was sie wohl im Schilde führen. Und weisst irgendwann nicht mehr, wem du noch was sagen darfst. Dann sagst du zu niemandem mehr was und traust keinem mehr über den Weg.» Natürlich merkten die anderen das auch und dachten sich: So ein seltsamer Kauz! Was sie misstrauisch machte. Und Stöckli, der ohnehin alles bemerkt, nur noch misstrauischer. «Ein Teufelskreis», sagt der Mann mit den schmalen Lippen und dem festen Kinn lapidar.
Schon bald weitete sich sein Misstrauen wie ein Spinnennetz aus: auf Freunde und Bekannte, auf die Verkäuferin im Lädeli, auf den Coiffeur, die Gesangslehrerin, den Briefträger, auf irgendeinen im Sportclub oder irgendeine schräg gegenüber im Zug, die ihn womöglich einfach so anspricht, und er sich als Erstes denkt: Will die mich aushorchen?
Irgendwann wurde alles körperlich, nervlich, es rebellierten Magen und Darm. Woraufhin Stöckli zum Arzt ging. Nur, was sagen? Dass sich da draussen alle gegen ihn verbündet haben? Das glaubt mir doch sowieso keiner, dachte er bei sich. Und Stöckli musste lernen: Misstrauisch sein macht einsam.
Zu eng, zu laut, zu wild
Nach zwei Jahren bei der Bank war Schluss. «Wenn du morgens mit einer Tonne Misstrauen in den Laden kommst, an Meetings musst, Kund*innen beraten, lukrative Mandate ergattern, um Boni kämpfen, bist du nicht in der Lage zu arbeiten. Dann kannst du genauso gut aufhören und nach Hause gehen. Und ich musste aufhören. Da war ich 27.» Das klingt, im Rückblick, beinahe lässig. Tatsächlich folgten daraufhin lange Monate in Kliniken, hunderte Therapiestunden, unzählige Abklärungen und am Ende die Diagnose: paranoide Schizophrenie, arbeitsunfähig, 100 % IV-Rente.
Im medizinischen Klassifikationssystem (ICD-10) wird paranoide Schizophrenie, an der in der Schweiz schätzungsweise zwischen 40 000 und 90 000 Menschen leiden, unter dem Index F20.0 geführt. Demnach ist paranoide Schizophrenie häufig mit starkem Misstrauen verknüpft, das sich als tiefes, unbegründetes Gefühl der Bedrohung, Verfolgung oder Beeinflussung äussert, welches für die Betroffenen die absolute Realität ist; dazu kommen oft Halluzinationen wie das Hören von Stimmen.
Stöckli zuckt mit den Schultern, also Stimmen höre er keine, sagt er, und auch: «Inzwischen lebe ich ganz gut mit alldem.»
Doch bis dahin war es ein harter Weg. Arbeiten kam nicht mehr infrage; auch an sogenannt geschützten Arbeitsplätzen ist Teamwork angesagt, und Team heisst für Stöckli: Anforderungen, Erwartungen und Stress, ergo Misstrauen. Seine Ehe hielt gerade einmal fünf Jahre, dann hatte der Argwohn alle Liebe und Vertrautheit weggefressen. Von alten Freunden hielt er sich zunehmend fern und neue machte er keine mehr. Medikamente, darunter Neuroleptika und Schlafmittel, gehören seit zwanzig Jahren zu seinem Alltag, inklusive Nebenwirkungen. Dazu eine Aggression, die sich anstaut, wenn alles zu viel wird, zu eng, zu wild, zu laut – Überforderung pur –, und die, psychologisch betrachtet, ein naheliegendes Mittel ist, um sich zu wehren, wenn man sich überall und jederzeit von Feinden umgeben fühlt. Sowieso diese Obsession, alle ringsherum einzuschätzen: was sie sagen und wie sie es sagen oder warum sie nichts sagen und stattdessen so eigenartig schauen, sich räuspern, mit den Augen rollen, tuscheln, grinsen, auffallend sympathisch sind – und das alles nur, um herauszufinden, ob sie einem eventuell Böses wollen.
Dass so manches davon seiner Fantasie entspringt – Menschen mit paranoider Schizophrenie haben laut Medizin eine nachweislich ausgereifte Vorstellungskraft – und seine Urteile über andere deswegen vielleicht voreilig oder ungerechtfertigt sind, weiss Stöckli am allerbesten. Nur, was genau stimmt nicht mit der Realität überein? Und wie viel davon sehr wohl? Diese quälende Ungewissheit lässt die Fantasie zur Wirklichkeit werden: Alle gegen Mario.
Ausnahme war und ist die Familie, seine Eltern und der Bruder, angeblich ein mit Zuversicht gesegnetes Gemüt. Sie wurden über die Jahre zu einer Insel des Vertrauens, Rettung für den von Skepsis besetzten Stöckli. «Irgendjemandem musst du noch vertrauen können. Damit dein System zur Ruhe kommt, wenigstens für ein paar Momente. Denn niemand kann immer nur misstrauen. Wie keiner immer nur vertrauen kann. Ausser die vielleicht, die blind vertrauen. Was ja auch schräg ist und nicht nur gesund, oder?»
Recht hat Stöckli. Wir wissen es aus dem richtigen Leben, und auch die Wissenschaft ist zur Erkenntnis gelangt, dass unbedingtes Vertrauen unvernünftig ist und sogar grosse Gefahren bergen kann. Denn Vertrauen heisst ja nichts anderes als: Wir erwarten etwas Positives, obschon wir nicht wissen, ob es auch eintrifft. Was wir hingegen können: nach Gründen fragen, ob unser Vertrauen gerechtfertigt ist. Blindes Vertrauen dagegen schert sich um Gründe, blindes Vertrauen sagt: Kommt bestimmt gut!
Angenommen, ich möchte darauf vertrauen, dass Sie zum vereinbarten Zeitpunkt am vereinbarten Ort sind. Dann kann ich mich vorweg vergewissern, ob Sie grundsätzlich zuverlässig sind, genügend Zeit haben, ortskundig sind, etc. Habe ich aufgrund dieser Erwägungen Gründe, an Ihnen zu zweifeln, werde ich mich nicht auf Sie verlassen. Vertraue ich dagegen blind, ist mir das einerlei – und muss mir für den Fall, dass Sie nicht auftauchen, halt vorwerfen lassen, ich sei blauäugig gewesen. Das Beispiel ist natürlich völlig belanglos. Was aber, wenn ich Ihnen mein gesamtes Vermögen anvertraue oder gar mein Leben? Dann kann mich mein blindes Vertrauen teuer zu stehen kommen.
Das Beispiel zeigt nicht nur, dass blindes Vertrauen unklug und gefährlich sein kann. Sondern auch, dass Misstrauen nicht zwingend das Gegenteil von Vertrauen ist. Misstrauen kann nämlich auch bedeuten: Solange keine Gründe vorliegen, um zu vertrauen, habe ich einen richtig guten Grund, skeptisch zu sein. Begründetes Misstrauen wird so gesehen zum Prüfstein für Vertrauen. Nur wenn ich ein gerüttelt Mass an Misstrauen aus dem Weg geräumt habe, kann ich beruhigt vertrauen.
Ohne Misstrauen also kein Vertrauen. Das klingt fast wie eine Ode an das Misstrauen. Und vielleicht würde Stöckli einstimmen, sagt er doch Sätze wie: «Misstrauen ist nicht immer verkehrt, Misstrauen hat auch sein Gutes.»
Und tatsächlich, Misstrauen kann ein gewaltiges progressives Potenzial entfalten. Nehmen wir das Misstrauen gegenüber politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Institutionen wie Regierung, Justiz, Polizei, politische Parteien oder Konzernwirtschaft. Eine solche kritische Haltung war schon immer eine Triebfeder für Soziale Bewegungen, um Machtverhältnisse zu hinterfragen und zu bekämpfen.
Zufrieden mit dem Leben
Natürlich gibt es auch die Kehrseite des Misstrauens, zumal wenn es grundlegend ist und sich aus Prinzip gegen das System oder die Eliten richtet. Dann kommt es vor, dass sich die Misstrauischen untereinander vernetzen, dass sie über alternative Medien und Kanäle «Misstrauensgemeinschaften» bilden, wie der Soziologe Aladin El-Mafalaani das nennt, sich abkapseln und offen werden für Populismus und Verschwörungsideologien.
All das ist Stöckli fremd. Misstrauen gegen so etwas Abgehobenes wie ein System, damit kann er nichts anfangen. Sein Misstrauen ist konkret, es nährt sich aus Begegnungen mit einzelnen Menschen, denen er gegenübersteht – oder die er in seinem Rücken wähnt. Aus Situationen, in denen er mit, aus seiner Sicht, überzogenen Erwartungen konfrontiert ist, mit schiefen Blicken und aufgesetztem Lächeln. Aus Augenblicken der Nähe mit Leuten, die er sich lieber vom Leibe hält. Oder aus Erfahrungen, in denen sein – zugegeben spärliches – Vertrauen enttäuscht, gar missbraucht wurde.
Nein, Stöcklis Misstrauen ist nicht abstrakt, es hat Hand und Fuss und Haut und Haar.
Doch damit kann er ganz gut, wie er immer wieder sagt. Weil er sich das Leben nicht kontra Misstrauen eingerichtet hat, sondern mit ihm. Das verlangt Struktur, Kontrolle und ein ausgeprägtes Gespür dafür, was ihm wohltut. Beispiel Beziehungen: Mit manchen Freunden verabredet sich Stöckli auf einen Spaziergang, mit anderen geht er auswärts was trinken, wieder andere trifft er zum Schwimmen, er nimmt Gesangsunterricht – Singen ist sowieso Balsam für Stöcklis Seele –, auch im Surprise-Chor macht er mit. Doch das alles nur, wie er sagt, in kleinen Dosen und zu fixen, abgemachten Zeiten. Sonst wird es ihm womöglich zu viel, zu viel an Reizen, zu viel an Nähe, zu viel an Erwartungen – alles ein Nährboden für Misstrauen. Weswegen Stöckli nur ausnahmsweise bei ihm zuhause abmacht. «Man schaut sich zusammen ein Match an, danach wollen die Leute noch bleiben, mir aber wird eng, und rausschmeissen will ich sie nicht. Das stresst mich. Ich muss mich zurückziehen können, das ist überlebenswichtig für mich.» Auch darum ist er keine Beziehung mehr eingegangen. Zusammenwohnen, das würde ihn aufgrund der Nähe überfordern, sich bloss zweimal die Woche für ein paar Stunden treffen, darin sieht er keinen Sinn.
«Mir ist wohl so, ich bin zufrieden mit meinem Leben», sagt Stöckli, und man glaubt ihm aufs Wort.
Stigmatisiert fühlt er sich nicht. «Man sieht mir ja nichts an, und solange ich die Kontrolle über mein soziales Umfeld habe und die Möglichkeit, mich zurückzuziehen, merkt sowieso keiner was», sagt Stöckli. Seine Krankheit hänge er nicht an die grosse Glocke, frage aber einer nach, habe er kein Problem damit.
Schlimm sei einzig das Gedankenkarussell, in das er, zum Glück, nur noch selten gerät und aus dem herauszufinden so verdammt anstrengend ist. «Ganz unten angekommen, ist alles Vertrauen dahin. Dann solltest du eigentlich zum Arzt, doch du bist felsenfest davon überzeugt, dass er dich reinlegen wird. Auch die Tabletten rührst du nicht mehr an, sie könnten dich ja vergiften. Dabei sind Medikamente in diesen Momenten das Einzige, was dich noch retten und aus diesem Sog herausziehen kann.»
Um gar nicht erst in diesen unsäglichen Misstrauensstrudel zu geraten, treibt Stöckli Sport, er steigt einmal die Woche in den Ring. «Hier begegnet man sich mit offenen Karten. Klar wird gekämpft und jeder will gewinnen. Doch der Gegner steht vor dir, da ist keiner, der hinter deinem Rücken was ausheckt. Es gibt kein Versteckspiel, die Regeln sind klar, alles ist transparent. So einfach ist es.»
Das Leben ist es nicht.