Gekündigt an der Scheibenstrasse
In zwei Häusern im Berner Breitenrainquartier haben alle 66 Mietparteien die Kündigung erhalten. Ein 60-jähriger Mann, eine WG und eine Familie über ihre Sorgen und Hoffnungen während der Wohnungssuche.
Die Scheibenstrasse verbindet den Breitenrainplatz mit dem Wylerbad auf der anderen Seite der Bahngleise. Hier, mitten im Breitenrainquartier in Bern, kann man Kaffee trinken und Bier, Pizza essen oder ein Gelato, man kann sich die Haare schneiden und das Velo reparieren lassen, eine neue Brille kaufen oder das Kind in die Montessori-Tagesbetreuung bringen. Auch die Post, eine Apotheke, ein Kiosk und ein Fachgeschäft für CBD und Hanfprodukte, alles da. Man könnte sagen: das ganze Leben in einer Strasse. Und mittendrin die Mieter*innen der Scheibenstrasse 27 und 29. Jedoch nicht mehr lange: Sie haben im Juni 2025 die Kündigung erhalten und müssen bis April 2027 ausziehen.
Daniel Honegger wohnt seit 25 Jahren hier. Er sagt: «Wenn ich nur wüsste: Wo bin ich heute in einem Jahr?» Karin Wallner ist mit ihrer Familie eine seiner Nachbar*innen. Sie sagt: «Ich weiss nicht, was mit Mieter*innen passiert, die bis April 2027 keine Wohnung finden.» Elena und Lisa leben in einer WG. Elena sagt: «Wir geniessen die Zeit hier noch sehr.»
Ein Block, so nennen die Bewohner*innen ihn. Sieben Stockwerke, 66 Wohnungen, im Erdgeschoss ein Supermarkt fürs kleine und einer fürs grössere Budget. Zweckmässig, ohne Schnörkel, gebaut im Jahr 1969. Der Breitenrain ist eines der teuersten Quartiere der Stadt, durchschnittlich zahlt man für eine 3-Zimmer-Wohnung netto 1410 Franken, für eine 4-Zimmer-Wohnung netto 1783 Franken, wie die Mietpreiserhebung von Statistik Stadt Bern vom November 2025 ergab (sie erfasst die Bestandes- und nicht die Angebotsmieten). Günstigen Wohnraum gibt es hier wenig. Genaue Angaben, wie viel die günstigsten Wohnungen an der Scheibenstrasse 27 und 29 kosten, will die Eigentümerin, die Badertscher Liegenschaften AG, nicht machen. Klar ist: Sie werden verschwinden.
Denn: Bei der Heizung, Waschküche, Einstellhalle und bezüglich des barrierefreien Zugangs sind umfassende Sanierungen nötig, das hat eine Beurteilung der Liegenschaft ergeben, wie die Badertscher Liegenschaften an die Mieter*innen schreiben. Um gesetzliche Auflagen zu erfüllen, braucht es zudem Massnahmen bei Brandschutz und Erdbebensicherheit. Bei Bedarf helfe man bei der Wohnungssuche, und wer zurückkehren möchte, habe Vorrang, schreiben die Badertscher Liegenschaften weiter. Aber auch: Die Mieten werden steigen. Eine Untersuchung der ETH Zürich in den fünf grössten Agglomerationen – Basel, Bern, Genf, Lausanne und Zürich – von 2025 zeigt: Die Haushalte, die wegen einer Totalsanierung ausziehen mussten, hatten ein tieferes medianes Einkommen als die Gesamtbevölkerung (um gut 30 bis 39 Prozent). Diejenigen hingegen, die nach der Sanierung einzogen, hatten ein höheres medianes Einkommen als die Gesamtbevölkerung (um gut 14 bis 38 Prozent).
In Bern sind derzeit einige von Leerkündigungen betroffen – so heisst es, wenn allen Mieter*innen gekündigt wird, damit das Gebäude saniert werden kann: 144 Wohnungen in Bümpliz, 142 Wohnungen am Loryplatz, 84 städtische Wohnungen in Bethlehem, Holligen sowie Bümpliz. 2025 standen in Bern 0,44 Prozent der Wohnungen leer, deutlich mehr als in Zürich (0,1 Prozent) und trotzdem längst schon Wohnungsnot (ab weniger als 1 Prozent). Schweizweit ist die Leerwohnungsziffer gemäss Angaben des Bundes in den letzten Jahren von 1,72 (2020) auf 1 Prozent (2025) gesunken. Wohnungsnot fast im ganzen Land.
Ende August 2025 kontaktiert Surprise alle Mieter*innen der Scheibenstrasse 27 und 29 mit einem eingeworfenen Schreiben: Wer mag von der Wohnungssuche erzählen? An den Briefkästen von Nummer 27 bereits die erste Begegnung mit einem Mieter. 77 Jahre alt, seit 48 Jahren im Haus. Er überlege sich «Wohnen Plus», eine eigene Wohnung in einem Alterszentrum. Aber er frage sich, was er dann mit seinen Möbeln machen werde. Bald fünfzigjährige Möbel könne man doch schlecht zügeln? Er wirkt gelassen.
Im Haus nebenan, der Nummer 29, erzählt ein 35-jähriger IT-Projektleiter, er sei überrascht worden von der Kündigung, seine Wohnung sei im Oktober 2023 vor seinem Einzug erst saniert worden. Aber er wäre sowieso nicht mehr allzu lange geblieben, unter anderem wegen der lauten Anlieferung des Detailhandels. Mit der Wohnungssuche habe er sich noch nicht befasst. «Vielleicht ist es eine falsche Sicherheit, aber ich habe keine Angst, nichts zu finden.» Seine Freundin und er überlegten, zusammenzuziehen. Ihre Lage sei komfortabel: keine Kinder, keine anderen Verpflichtungen, zwei gute Löhne. «Vielen Leuten in diesem Block geht es anders: Sie müssen hier wohnen, weil sie sich etwas anderes nicht leisten können.» Unter ihm wohne eine Familie, die Kündigung sei für sie ein grosser Stress.
Noch am gleichen Tag der erste Anruf. «Daniel Honegger», meldet er sich bei Surprise. Er habe sich schon ein Angebot für ein betreutes Wohnen angeschaut, zusammen mit Herrn Kupferschmied vom Sozialdienst. Doch das sei nichts für ihn.
Als zweites melden sich Elena und Lisa. Per E-Mail schreiben sie über die Leerkündigung: «Wir beide sehen darin eine Chance, unser Leben neu zu gestalten, ‹weiterzugehen›, und sind gespannt auf die Optionen, die sich bis April 2027 ergeben werden.»
Der IT-Projektleiter aus der 29 vermittelt den Kontakt zur Familie Wallner. «Unsere Situation ist ganz doof», sagt Karin Wallner am Telefon. Erst vor einem Jahr seien sie eingezogen, kurz vor dem Kindergarteneintritt des jüngsten Kindes.
Ein weiterer Mann meldet sich. Bei sich daheim erzählt er von seiner Situation. Am Ende möchte er doch nicht, dass seine Geschichte publiziert wird, auch nicht anonymisiert. Er habe genug Probleme. 66 Wohnungen, 66 Geschichten. Drei davon hat Surprise begleitet.
***
Klingeln bei der WG. Lisa öffnet die Tür und Elena biegt aus ihrem Zimmer. Es duftet warm und süss, im Backofen ist eine Apfelwähe. Elena, Ketteli um den Hals und ein Kapuzenpullover, und Lisa, Bluse, kannten sich nicht, bevor sie zusammenzogen. Mittlerweile sind sie Freundinnen und unternehmen viel zusammen. «Das ist das, was man sich erträumt», sagt Elena. Lisa: «Ein Riesenglücksfall.» Auf dem Regal in der Küche Pflanzen und Gläser mit Pasta, Reis, Kokosraspeln. Sonntags kochen sie Ofengemüse oder Pizza und machen Filmabende. Ein fast schon imposantes Wohnzimmer, vom grossen Balkon, den sie lieben, reicht die Sicht bis zu den Alpen.
Als der Pöstler mit der eingeschriebenen Kündigung klingelte, sei im Treppenhaus so viel los gewesen wie selten, alle Nachbar*innen mit dem gleichen Brief in den Händen. Elena sagt: «Im ersten Moment dachte ich: Hä?! Mir war noch nie irgendetwas gekündigt worden.» Die Gründe für den Umbau finden sie insgesamt legitim. Elena sagt: «Und doch: Wir wohnen in einer renovierten Wohnung. Hat man sich das nicht früher überlegt?»
Sie möchten möglichst lange hier bleiben, bis April 2027, wenn es geht. Danach will Elena ins Ausland gehen, diese Idee schwirrt schon länger in ihrem Kopf herum. Ihre Möbel kann sie bei den Eltern in ihr altes Kinderzimmer stellen. Nach der Sanierung zurückzuziehen, war keine Option. Denn Elena und Lisa glauben nicht, dass ihre Wohnung mit all den Veränderungen – eigener Waschturm, Bodenheizung, Schalldämmung, Schrittdämpfer – unter 2000 Franken kosten wird. Mehr als die 1750 Franken, die sie jetzt zahlen, können sie sich nicht leisten.
Lisa hätte Lust, weiterhin im Quartier und vielleicht alleine zu wohnen. Ein familiäres, nicht zu grosses Haus würde ihr gefallen. Es dürfte aber schwierig werden, im Breitenrain etwas zu finden, das ihr gefällt. Trotz ihres durchschnittlichen Lohnes. Mit der Wohnungssuche wird Lisa aber noch lange nicht beginnen, sagt sie, irgendwann im Herbst 2026.
***
1. Stock an der Scheibenstrasse 27. Daniel Honegger, freundlicher Blick, ein Käppi, bittet in seine Wohnung. Eine Eckbank mit Tisch, das Bett, ein Schrank. Und ein Velo, plus eines auf der Terrasse. Das eine war das Abschiedsgeschenk der Velostation, wo er bis im Herbst 2024 gearbeitet hat; das andere schenkte ihm sein Bruder. Seit ihm unten eines weggekommen ist, lässt er sie nicht mehr draussen stehen. An der Wand ein Schwarz-Weiss-Foto seiner Tochter. Er sei jetzt doch lange genug hier, es sei Zeit für etwas Neues, habe sie ihm gesagt. «Ja, wenn ich einen Vertrag in den Händen hätte, würde ich das vielleicht auch sagen.»
Daniel Honegger (60) lebt seit Februar 2000 in einer 1-Zimmer-Wohnung für 804 Franken (inkl. NK) und bezieht Sozialhilfe. Höchstmögliche Miete für eine neue Wohnung: 1050 Franken zzgl. NK (der Maximalbetrag, den die Sozialhilfe übernimmt).
Er sei trockener Alkoholiker, sagt Honegger. Das «Dolce Vita» nebenan sei lange seine Stammwirtschaft gewesen. Anfang 2025 war er für acht Wochen in einer Entzugsklinik, und seit dem 19. Mai 2025 habe er gottseidank kein einziges Bier mehr getrunken. Er hatte wieder mehr getrunken wegen dem Stress bei der Arbeit. Nun hat er zu Glasdesign Bern gewechselt, einem anderen Integrationsprojekt. Und dann ist da die Geschichte mit Franziska. Er hatte sie 2021 bei einem früheren Entzug kennengelernt. Sie habe ihm jedes Museum in Bern gezeigt, die Giessbachfälle am Brienzersee im Oberland, eine Woche waren sie in Italien. 2022 sei so ein schönes Jahr gewesen. Doch dann hat sie wieder angefangen mit dem Rotwein. Er stellte ihr ein Ultimatum. Entweder ihre Beziehung oder der Alkohol. Noch ehe die zehn Tage um waren, starb Franziska. Ihre Tochter habe es ihm gesagt, sagt Honegger. Er erinnere sich noch an die Uhrzeit, es war abends um zwanzig vor zehn.
Und jetzt diese Kündigung, sie macht Honegger Kopfschmerzen. Bald wird er 60, seit 53 Jahren lebt er im Quartier. «An der Ecke, wo ein Veloladen ist, war früher der Blatter, ein Lebensmittelladen. Aus einer Art Automat konnte man Brot beziehen, auch um drei oder vier Uhr morgens. Als Jugendliche waren wir nächtelang im Pärkli gegenüber, das war eine gute Zeit.»
Nächste Woche hat er einen Termin mit Herrn Kupferschmied beim Sozialdienst. Dieser habe gesagt: Er solle sich nicht den Kopf zerbrechen, es werde schon eine Lösung geben. Herr Kupferschmied habe von einem Angebot eines betreuten Wohnens in Thun gesprochen, wunderschön solle es da sein. «Nein, das geht nicht. Ich war immer in Bern, ich wäre wahrscheinlich verloren woanders.» Und sowieso, er sei froh um Frau Mügeli von der Psychiatriespitex, die alle vierzehn Tage vorbeikommt; mit ihr geht er spazieren, die Nachsorge nach dem Klinikaufenthalt tue ihm gut, die Gespräche gäben Halt. Ansonsten brauche er keine Betreuung.
Ein Kollege aus dem 4. Stock, ein pensionierter Lehrer, habe bereits eine Wohnung gefunden, um die Ecke an der Flurstrasse. 2 Zimmer, 1850 Franken. An der Scheibenstrasse habe er für seine 3,5- oder 4-Zimmer-Wohnung nur 1750 Franken bezahlt. «Aber eben, das sind andere Leute, sie haben gearbeitet, sie haben eine Pension.» Honegger hat 16 Jahre als Versandmitarbeiter in einer Druckerei gearbeitet. Wegen dem Alkohol verlor er die Stelle und seit 2019 bezieht er Sozialhilfe. Auch er hat an der Flurstrasse eine Wohnung besichtigt. 1 Zimmer, 960 Franken. Gerade mal sein Bett habe Platz gehabt. Ab und zu bekomme er von Frau Badertscher von der Verwaltung eine Mail mit einem Wohnungsinserat. «Sie hatten ja gesagt, man könne sich melden, wenn man Hilfe braucht – und das habe ich gemacht», sagt Honegger.
All die Absagen auf seine Wohnungsbewerbungen, es kommt ihm vor wie früher, als er die Stelle wechseln musste und nichts Neues fand. «Wenn die Verwaltungen sehen: Der wird vom Sozialdienst unterstützt, ist es für sie vielleicht nicht das Richtige. Dabei ist das doch das sicherste Geld?»
Eine der günstigen subventionierten Wohnungen der Stadt wäre eine gute Sache, es gibt ein paar Hundert davon, in einer Stadt mit knapp 80 000 Wohnungen. Eine 1-Zimmer-Wohnung kostet netto 500, eine 2-Zimmer-Wohnung 700 Franken. «Ich weiss nicht, ob ich einfach zu Immobilien Stadt Bern gehen und sagen kann: ‹Ich suche eine Wohnung.› Ich muss mit Herrn Kupferschmied reden.»
***
Ein paar Wochen später geht Daniel Honegger bei der Heilsarmee vorbei, auf Empfehlung von Herrn Kupferschmied. Im Auftrag der Stadt führt die Heilsarmee seit 2024 eine niederschwellige Wohnberatungsstelle für armutsbetroffene Menschen. Herr Kindli hat Honegger geholfen, ein Bewerbungsschreiben zu verfassen; einen eigenen Computer hat Honegger nicht. Er hatte sich mehr erhofft. «Ich bin nicht so wortgewandt, ich hätte sagen sollen: ‹Ich habe gelesen, dass Sie auch Wohnungen vermieten.› Ich darf nicht denken, das käme schon von ihnen.»
Mieter*innen finden auch direkt in den Quartieren Unterstützung. Montags und freitags kann man sich im Quartierzentrum Bern Nord, gelegen am Ende der Scheibenstrasse kurz vor der Brücke über die Bahngleise, niederschwellig beraten lassen. Auch eine Person der Scheibenstrasse – sie ist mobilitätseingeschränkt, hat eine andere Erstsprache als Deutsch – hat sich dort gemeldet. Markus Flück ist Quartierarbeiter und unterstützt sie , zusammen mit den Badertscher Liegenschaften sowie der Wohnberatungsstelle Bern, bei der Wohnungssuche. Er sagt: «Ob eine Person sich Unterstützung holen kann, hängt davon ab, welche Ressourcen sie hat. Traut sie sich, bei der Verwaltung um Unterstützung zu bitten? Kann sie sich einen Überblick über Unterstützungsmöglichkeiten verschaffen?»
Bei den Badertscher Liegenschaften haben sich deswegen zehn Parteien gemeldet, sagt Geschäftsführer Stefan Kurt. Weniger, als er erwartet hatte. Sie baten sie um Angaben zur gesuchten Wohnung – Anzahl Zimmer, Postleitzahl, Budget für die Miete –, dann schickten ihnen die Badertscher Liegenschaften entsprechende Wohnungsinserate. Und wenn sich eine Person bewarb, schrieben sie die Verwaltungen an und empfahlen sie als Mieterin. Die Badertscher Liegenschaften besitzen weitere Immobilien, zwei Parteien konnten in eine davon im Breitenrain umziehen. «Die meisten sind jetzt untergebracht», sagt Kurt. Und relativiert: «Wenn jemand für 900 bis 1000 Franken Miete weiterhin im Breitenrain wohnen möchte, wird das extrem schwierig. Dann muss die Person einen Kompromiss eingehen und auch andere Quartiere in den Blick nehmen.»
Besonders schwierig ist die Wohnungssuche für ältere Menschen, für jene, die seit Jahren in der gleichen und entsprechend günstigen Wohnung leben, die vielleicht nicht so flexibel sind und wenige Ressourcen haben. Diese Erfahrung macht Quartierarbeiter Flück. Wegen der angespannten Situation auf dem Wohnungsmarkt empfiehlt er den Menschen, das eigene soziale Umfeld zu nutzen. Damit sie so im Idealfall als Nachmieter*in vorgeschlagen werden, wenn eine Person aus dem Bekanntenkreis aus ihrer Wohnung zieht.
Die Absagen machen Daniel Honegger Angst. Sein Bruder habe angekündigt, ihm zu helfen. Doch seit vierzehn Tagen hat er nichts von ihm gehört, er wartet auf seinen Anruf. Weil er so unruhig werde, will er die Wohnungssuche für den Moment ruhen lassen. «Jetzt kommt der Herbst, das wird grau und traurig.»
***
Einen Monat später sagt Daniel Honegger: «Es treibt mich, ich muss etwas machen. Die Zeit läuft, das stresst.» Früher war die Wohnungssuche anders, erinnert er sich: Vor gut 30 Jahren habe man mit dem Dossier einfach ins Büro von Immobilien Stadt Bern gehen können, es wurde entgegengenommen, und wenn eine passende städtische Wohnung frei wurde, wurde man angerufen. Nun geht Honegger nach der Arbeit nicht mehr für einen Kafi oder ein Cola ins «Dolce Vita». «Ich habe jetzt dieses Problem, und das muss ich lösen. Man ist nicht mehr so frei, man ist in einer unübersichtlichen Lage. Man weiss nicht: Kommt das gut, kommt das nicht gut? Wo bin ich im April 2027? Im Altersheim? Oder auf der Strasse?»
***
Inzwischen ist November 2025. Mit einer ganzen Schlange anderer Interessent*innen war Daniel Honegger wieder an einer Besichtigung, doch die Wohnung war dunkel und nur halb so gross wie seine. «Ich bin nicht so flexibel, das macht mir Kummer.»
Seine Alkoholsucht habe 2013 angefangen. Nach dem Tod seiner Mutter, die sein Schutzschild gewesen sei, stand er alleine da. Auch heute bekomme er, wenn er abends um sieben alleine in der Stadt unterwegs sei, Angst und Panikattacken. Hier im Quartier hingegen, wenn er aus dem Haus gehe, höre er: «Tschou Dänu, wie geits?» Es ist ihm vertraut, das gebe ihm Sicherheit.
Vielleicht wird er während der Sanierung in ein betreutes Wohnen ziehen und dann einfach an die Scheibenstrasse zurückkehren. Er will die Idee mal mit seinem Bruder und seiner Tochter besprechen. «Eh, ich nehme es jetzt, wie es kommt.»
***
Ebenfalls 1. Stock, im Haus nebenan. Karin Wallner trägt einen salbeifarbenen Wollpullover, Lidstrich an den Augen. Das Kind ist im Kindergarten, der Mann bei der Arbeit und die zwei älteren Kinder des Mannes, 13 und 17 Jahre alt, sind ebenfalls nicht da. Alles in dieser Wohnung ist grosszügig, modern, hochwertig. Durch die bodentiefen Fenster sieht man auf die Terrasse mit Bassin. Zwei Bäder, eine eigene Waschmaschine.
KARIN WALLNER (43)lebt mit ihrer fünfköpfigen Familie seit August 2024 in einer 5,5-Zimmer-Wohnung für 3400 Franken (inkl. NK), die Wohnung wurde vor ihrem Einzug saniert. Sie ist in Ausbildung zur Sozialarbeiterin, ihr Mann ist Therapeut. Höchstmögliche Miete für eine neue Wohnung: 3500 Franken.
«Wenn wir gewusst hätten, dass wir nur bis April 2027 hierbleiben können, wären wir nicht eingezogen», sagt Karin Wallner. «Wir haben keine überschüssigen Ressourcen, wir sind beide am Limit.» Ihr Mann ist Therapeut für Osteopathie und führt eine Praxis; Wallner studiert Soziale Arbeit, macht verschiedene Praktika und betreut das Kind. Die Familie lebte vorher in der Altstadt, mit dem Kindergarteneintritt des Kindes wollten sie in ein Quartier ziehen, um langfristig zu bleiben. Als sie nach längerer Suche diese Wohnung fanden, über Vitamin B, war das «der Sechser im Lotto», sagt Wallner.
Die ersten zwei Tage nach der Kündigung habe sie viel geweint. Danach fand sie die Zuversicht, wieder eine schöne Wohnung zu finden. «Und jetzt? Ich suche seit bald einem halben Jahr jeden Tag, habe vier Suchabos, schaue mir die Inserate von x Wohnungen an. Doch es gibt nichts Gescheites.» 4500 Franken für 5 Zimmer sei gang und gäbe. Vorhin kam ein Inserat rein: 4,5 Zimmer, 108 Quadratmeter, 1190 Franken. «Das kann gar nicht sein, das ist ein Fake. Ah, nein, jetzt sehe ich: Es ist befristet.»
Im Moment ist der Wohnungsmarkt in der Schweiz so knapp wie seit 2014 nicht mehr, nicht nur Haushalte mit einem tiefen, sondern auch jene mit einem mittleren Budget finden deutlich weniger bezahlbare Wohnungen. Das zeigt der «Monitor Wohnungsmarkt» des Bundesamts für Wohnungswesen vom März 2026. Voraussichtlich wird die Nachfrage weiterhin schneller wachsen als der Bestand der Wohnungen, weshalb sich die Situation in diesem Jahr kaum entspannen wird. Auch der «Mietbarometer» des Mieter*innenverbandes Schweiz vom März 2026 zeigt: 72 Prozent der Befragten fanden die Suche nach ihrer aktuellen Wohnung eher schwierig bis sehr schwierig. Und wer kann, bleibt gerne lange in der Wohnung: 39 Prozent wohnen seit über sechs Jahren in ihrer Wohnung, 15 Prozent sogar seit über 21 Jahren.
Wallners erster Gedanke war, nach der Sanierung in ihre Wohnung zurückzukehren. Doch die Grundrisse würden laut der Verwaltung anders. Grosse Wohnungen mit Terrasse gebe es im Dach, die Höhe der Miete stehe erst Ende 2026 fest. «Erst vier Monate, bevor wir ausziehen müssen, entscheiden zu können, ob das für uns infrage kommt, war uns zu hoch gepokert.» Zudem: Während des Umbaus in eine befristete Wohnung zu ziehen und dann wieder zurück, ist ihnen zu viel Aufwand und zu teuer. Bisher habe sie erst eine ausgeschriebene Wohnung gesehen, die infrage gekommen wäre, doch die hätte 4000 Franken gekostet. 600 Franken mehr, als sie hier zahlen. «Selbst wenn ich wieder ein Einkommen haben werde: Ich weiss nicht, ob ich noch mehr Geld in eine Miete stecken möchte.» Andererseits: Seit sie hier wohnen, seien sie mehr zuhause, im Sommer hätten sie praktisch auf der Terrasse gelebt. Mit den Nachbar*innen von gegenüber verstünden sie sich gut, die Kinder spielten mal hier, mal dort.
Würden Wallners eine Wohnung finden, müssten sie an der Scheibenstrasse trotzdem die üblichen drei Monate Kündigungsfrist einhalten. «Wenn wir Nachmieter*innen suchen wollten: Wer will schon in unsere Wohnung ziehen – befristet und in diesem Preissegment? Vielleicht Expats, aber sonst?»
Manuela Badertscher von der Besitzerfamilie sagte gegenüber der Berner Zeitung und Der Bund: Normalerweise sei die Strategie, bei einem Mieter*innen-Wechsel Wohnung für Wohnung zu sanieren. Doch ein Zustandsbericht habe gezeigt, dass dies im Gebäude an der Scheibenstrasse nicht möglich sei, weil es Arbeiten braucht, die tief in die Bausubstanz eingreifen. Karin Wallner fragt sich, warum die Verwaltung dies nicht früher kommen sah: «Wenn man im Keller die Risse an der Decke und in den Grundpfeilern sieht, wird auch mir als Laiin klar: Früher oder später muss das Grundgerüst gemacht werden.»
Wallner würde der Tochter wegen am liebsten im Breitenrain bleiben. «Doch so wie der Wohnungsmarkt aussieht, wäre es ein Glück, etwas im Quartier zu finden.» Sie weiss von einer anderen Familie, die seit so vielen Jahren, Jahrzehnten sogar, hier wohnt, dass die Wohnung noch Spannteppiche hat. Weil es nie einen Mieter*innen-Wechsel gab, wurde die Wohnung nie saniert.
***
Dann kommt die Veränderung schneller als gedacht: Wallners werden Mitte Februar 2026 umziehen. Beim Eigerplatz im Mattenhof haben sie eine Wohnung gefunden: mit Terrasse, ein Zimmer weniger als jetzt, gleich hohe Miete. Im Haus und in der Siedlung lebten viele Kinder, die Nachbarschaft sei gemäss dem Vormieter super.
Die Wohnung wäre sogar ab Anfang Februar frei gewesen, das Vermieter-Ehepaar kam ihnen auf Mitte Monat entgegen. Wallners hatten gehofft, dass sie die Miete an der Scheibenstrasse nur bis zu ihrem Auszug zahlen müssen, doch nach längerem Hin und Her mit der Verwaltung müssen sie bis Ende Februar zahlen. Und zahlen so wie bei ihrem letzten Umzug für einen halben Monat zwei Mieten.
***
Für Daniel Honegger steht am 9. Dezember um 15.45 Uhr an der Parkstrasse, wenige Fussminuten von seinem Daheim, eine Wohnungsbesichtigung an. Er sei mit einem mulmigen Gefühl unterwegs, wie immer, sagt er. Das Haus ist eingerüstet. Auch hier wird das ganze Gebäude saniert. Eine Kulisse aus Radiomusik und Baulärm. Honegger steigt über Kabel und schaut sich die zwei Wohnungen an, die bereits umgebaut sind.
Die Wohnung im Parterre mit Terrasse, für 1100 Franken, interessiert ihn. Er möchte sein Dossier dem Mann von der Verwaltung überreichen. In der Klarsichtmappe sind die Bestätigung der Mietzinsübernahme vom Sozialdienst, ein Empfehlungsschreiben der Badertscher Liegenschaften sowie sein Bewerbungsschreiben:
«Sehr geehrte Damen und Herren
Mein Name ist Daniel Honegger und ich bewerbe mich auf Ihre ausgeschriebene Wohnung. Ich verbringe meine Freizeit gerne in der Natur und mache gerne gemütliche Filmabende.»
Doch der Mann von der Verwaltung winkt ab. Man nehme Bewerbungen nur online entgegen. Er könne online sein Interesse kundtun, dann erhalte er einen Link. Aha, Sie haben Ihre Unterlagen nur gedruckt? Und einen Scanner haben Sie nicht? Okay, vertröstet er Daniel Honegger, falls es wirklich nicht gehe, werde man schauen. Honegger, sein Dossier noch immer in der Hand, bedankt und verabschiedet sich.
Er verstehe nicht, wie das gehe, sagt Honegger. Er werde trotzdem mal versuchen, sich online zu bewerben. Und danach müsse er wohl einen Kurs machen zum Thema Digitales. Markus Flück von der Quartierarbeit Bern Nord sagt: Es gibt relativ viele Angebote zur digitalen Unterstützung, etwa der wöchentliche «DigiTreff» der Kornhausbibliothek (zusammen mit der Caritas), die Frage sei, ob die Menschen sie kennen. Lernen, wie die digitale Welt funktioniert, ist das eine, hinzu kommt das Tempo. Flück sagt: «Es geht extrem schnell. Sobald ein Inserat aufgeschaltet ist, muss man innerhalb weniger Tage die Unterlagen zusammenstellen und sie abschicken.»
Wäre Franziska noch da, hätte Daniel Honegger dieses ganze Problem nicht. Dann könnte er zu ihr ins Mattequartier an die Aare ziehen. Heute Abend, nach dem Abendessen, wenn er im Bett liegt, wird er wieder durchs Handy scrollen und nach Wohnungen suchen.
***
Das neue Jahr hat begonnen und bei der WG ist von ihrer Sorglosigkeit nicht mehr viel übrig: Elena hat im Dezember die Kündigung erhalten, auch Lisas Situation bei der Arbeit ist herausfordernd; sie möchte sich nach etwas Neuem umsehen. Noch immer wollen die beiden eigentlich nicht weg von der Scheibenstrasse. Aber: Sie werden Ende April ausziehen. April 2026 statt wie ursprünglich gedacht April 2027.
Elena wird übergangsmässig zu ihren Eltern in die Agglomeration ziehen und dann nach Kanada gehen. 2022 war sie dort als Aushilfe auf einer Farm, ihrem «zweiten Daheim». Sie hat es gut mit ihren Eltern und ist froh um die Option. «Trotzdem: Wenn man einmal alleine gelebt hat, ist es nicht das Einfachste, wieder mit den Eltern zu wohnen.»
Auch Lisa wird wahrscheinlich erst mal zu ihren Eltern «als sicheren Hafen» ziehen, denn als Erstes will sie einen neuen Job finden oder sich für eine Weiterbildung einschreiben. «Das beeinflusst das Wohnen: Was kann ich mir leisten? Und: Wo will ich wohnen?» Sie überlegt sich sogar, allenfalls in eine andere Branche zu wechseln. Dann müsste sie wohl mit einem Praktikum beginnen. «Alleine wohnen, diese Idee ist wieder in weite Ferne gerückt.»
ELENA UND LISA leben seit April 2023 in einer 3-Zimmer-Wohnung für 1750 Franken (inkl. NK), die Wohnung wurde vor Kurzem saniert. Elena arbeitet in einer Kita, Lisa in einem Büro. Höchstmögliche Miete für eine neue Wohnung: 1500 Franken (Lisa). Aus arbeitsrechtlichen Gründen möchten sie anonym bleiben, Elena und Lisa sind Pseudonyme; einige Details, die möglicherweise Rückschlüsse erlauben würden, wurden minim verändert.
Sowieso, dass sie nach all den Bewerbungen noch immer keinen Job gefunden hat, verunsichert Lisa langsam. Sie dachte immer, dass ihr Profil gesucht sei. Sie habe eine Zusage für ein Praktikum gehabt, das sie gerne gemacht hätte. Doch Lisa musste absagen. «Mit dem Lohn hätte ich nicht einmal in einer WG leben können.»
***
Daniel Honegger hat weitere Absagen bekommen, ansonsten wenig Neues. Einen Kurs für Digitales hat er noch nicht gemacht, erst brauche er einen neuen Termin bei Herrn Kupferschmied. Noch immer schicke ihm Frau Badertscher von der Verwaltung manchmal Immoscout24-Inserate. «Ich öffne das Mail und sehe, dass ich das Inserat selber schon gesehen habe.» Sonst gehe es ihm ja wunderbar, auf der Büez sei er zufrieden und auch an Weihnachten sei es cheibe guet gegangen. Doch langsam frustriere ihn die Wohnungssuche.
***
Ein paar Wochen später, Ende März 2026, ist Daniel Honegger erleichtert und zuversichtlich. Er hatte das halbjährliche Gespräch mit seinem Arbeitscoach. Und dieser hat nun mit Herrn Kupferschmied gesprochen. Er werde sich mit Immobilien Stadt Bern in Verbindung setzen. So soll Honegger eine städtische Wohnung bekommen. «Ich bin nicht alleine, es wird geschaut. Ich werde nicht auf der Strasse landen.»
***
Nach ihrem Umzug Mitte Februar seien sie alle noch immer ziemlich kaputt, sagt Karin Wallner im April 2026. Doch die neue Wohnung sei fast schöner als die alte, sie seien happy. Ihre Familie gehört zu dem knappen Drittel der 66 Mietparteien, die – Stand Anfang Juni 2026 – ausgezogen sind, wie Kurt von den Badertscher Liegenschaften sagt. 46 Parteien leben noch hier. Karin Wallner erzählt: Auch die Familie, die seit Jahrzehnten an der Scheibenstrasse wohne, habe noch nichts gefunden. Ihr Budget für eine 4-Zimmer-Wohnung: 1500 Franken.
Sie suchen eine Wohnung in Bern?
Unterstützung finden Sie bei der WohnBeratung und in Ihrem Quartier.
Günstiger Wohnraum in Bern gibt es hier. Und hier noch weitere Tipps von der Heilsarmee und Hallo Bern (in 19 Sprachen).