«Hajde, hajde» – los, los
Einst von Gastarbeitern gegründet, gehören Fussballklubs mit Bezug zum Balkan heute fest zur Schweizer Vereinslandschaft. Besuch beim SV Slavonija, FK Drina und FC Prishtina in Bern.

Die Turnringe sind hochgezogen und die Festbänke an den langen Tischen bereits gut besetzt, als die Band den ersten kroatischen Pop-Schlager anstimmt. Kinder klettern die Sprossenwände hoch, Eltern begrüssen einander, alle haben sich schick gemacht für die Plava Noć – die blaue Nacht –, das Vereinsfest des kroatisch-bernischen Fussballvereins SV Slavonija. An der Seitenlinie wartet bereits eine Gruppe Tänzer*innen mit golden bestickten Westen und roten Blumen im Haar auf ihren Auftritt.
Auch in der Küche der Zollikofer Mehrzweckhalle Geisshubel ist einiges los. Aktive und ehemalige Spieler kümmern sich um die Versorgung der Gäste mit Pitabrot, rohen Zwiebeln, Ajvar und natürlich Ćevapi. Mario Marić wendet die Hackfleischröllchen, die auf der Grillplatte brutzeln und ihr Aroma verströmen. Der 39-jährige Vizepräsident hat jahrelang für den SV Slavonija gespielt. «Im Fussball steckt so viel mehr, als die meisten denken», ruft er über den Lärm des Dampfabzugs hinweg, «Zusammenhalt, Freundschaft, Engagement!» Und wirft eine neue Ladung Ćevapi auf den Grill.
Im Einwanderungsland Schweiz sind in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Diaspora-Fussballklubs entstanden – eritreische, italienische, spanische, vor allem viele aus dem postjugoslawischen Raum: kosovo-albanische, serbische, kroatische oder bosniakische. In der ganzen Schweiz gibt es gemäss Daten des Schweizerischen Fussballverbands (SFV) über fünfzig Fussballklubs mit Namen wie FC Kosova oder FK Drina, allein im Raum Bern sind es sechs aktive Klubs. Der SV Slavonija ist der älteste. Der Verein wurde 1971 von der ersten Generation jugoslawischer Gastarbeiter gegründet.
Ab Ende der 1960er-Jahre hatten die Schweizer Branchenverbände vermehrt Arbeitskräfte aus dem damaligen Jugoslawien rekrutiert. Der sozialistische Staat litt nach radikalen Wirtschaftsreformen unter einer hohen Arbeitslosigkeit und erhoffte sich eine Lösung in einem vergleichsweise liberalen Ausreiseregime und der Vermittlung von Arbeiter*innen ins Ausland. In der Schweiz wiederum prägte die «Überfremdungsdebatte» im Vorfeld der Schwarzenbach-Initiative 1970 den Diskurs vor allem gegenüber italienischen Gastarbeiter*innen. Als Schweizer Unternehmen zunehmend Mühe hatten, in Italien Arbeitskräfte anzuwerben, sahen sich die Behörden nach neuen, weniger problematisierten Rekrutierungsgebieten um. Anfang der 1970er-Jahre stellten die 20 000 bis 40 000 jugoslawischen Gastarbeiter*innen einen kleinen Teil der ausländischen Wohnbevölkerung der Schweiz dar, bis 1990 stieg ihre Zahl auf über 170 000 Menschen.
Ende der 1960er-Jahre gab es in Bern kaum Freizeitangebote für jugoslawische Gastarbeiter. «Wo konnten sich die Leute damals schon treffen? Es gab keinen kroatischen Verein, kein kroatisches Café, viele sprachen kein Wort Deutsch. Also traf man sich im Hotel National», erzählt der 33-jährige Ivo Ćurić, Sportchef des heutigen SV Slavonija, was er aus den Erzählungen der Gründungsmitglieder weiss. Man beschloss, einen eigenen Fussballverein auf die Beine zu stellen, und nannte ihn SV National – dem Berner Hotel zu Ehren. Im Team spielten vor allem Kroaten, aber auch Serben, Bosnier, ein paar Ungarn. «So wie das damals auch in Jugoslawien war.»
Im Verlauf der 1980er-Jahre nahmen die Spannungen im jugoslawischen Vielvölkerstaat zu, und nationalistische Symbole und Einstellungen hielten auch Einzug in die Fussballstadien. 1990, im Jahr der ersten jugoslawischen Mehrparteienwahlen, kam es beim Spiel Dinamo Zagreb gegen Roter Stern Belgrad zu massiven Ausschreitungen. Fans zerstörten Zäune und stürmten das Feld, sie warfen Sitzschalen und Steine, das Spiel endete, bevor es begonnen hatte. Die Ausschreitungen im Maksimir-Stadion in Zagreb offenbarten das Ausmass der jugoslawischen Staatskrise. 1991 erklärten sich Kroatien und Slowenien zu unabhängigen Staaten, 1992 folgte Bosnien-Herzegowina. Jugoslawien zerfiel in mehrjährigen Kriegen.
Auf dem Balkan trägt die Fankultur vieler Fussballvereine bis heute nationalistische Züge: Radikale Fangruppen skandieren im Stadion den Gruss der faschistischen Ustascha aus dem Zweiten Weltkrieg oder feiern den Kriegsverbrecher Ratko Mladić, der den Genozid in Srebrenica verantwortete.
FK Drina: «Ein paar heisse Matches»
Die Ereignisse gingen auch am SV National in Bern nicht ohne Spuren vorbei. Ende der 1980er-Jahre wurde nationale Identität wichtiger. Serben und Bosniaken traten aus dem Verein aus, nun spielten dort nur noch Kroaten. Der SV National wurde in SV Slavonija umbenannt – nach der nordkroatischen Region, aus der viele der Spieler kamen. In den kommenden Jahrzehnten entstanden in Bern weitere Klubs entlang ethnisch-nationaler Linien: die serbischen FC Jedinstvo und FK Drina, der kosovo-albanische FC Prishtina Bern, der mazedonische FC Makedonija Bern, der bosniakische FC Bosna-Bern und der zweite kroatische Klub NK Tomislavgrad. Alles Männerteams. Die erste und bislang einzige Frauenequipe gründete der FC Prishtina Bern dann im Jahr 2017, wegen fehlendem Nachwuchs gab er sie 2024 wieder auf.
«Das ist der heilige Trifun.» Radovan Milinković deutet auf die Ikone, die im Glaskasten gen Osten hängt: Sie zeigt einen jungen Mann mit leicht zerzaustem Haar und einem Kreuz in der rechten Hand. «Jeder serbische Verein hat seinen Heiligen.» Das Klubhaus des FK Drina liegt am Ende einer ungeteerten Strasse hinter einem Betonwerk unter der Autobahnbrücke der Berner Agglomerationsgemeinde Ittigen. Nebenan bimmeln die Glöckchen weidender Schafe. In der Ecke gegenüber vom heiligen Trifun hängt ein Plakat mit Bildern verschiedener Kaninchenrassen – der FK Drina konnte das Lokal vor eineinhalb Jahren vom Kaninchenzüchterverein Papiermühle übernehmen.
«Es ist schön, ausserhalb der Familie einen Ort zu haben, wo wir unsere Muttersprache reden können», erklärt Milinković, 31 Jahre alt und Präsident des FK Drina. Die meisten Spieler gehören zur Zweit- oder Drittgeneration, sind in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Für Leute wie sie bieten die Fussballvereine eine Möglichkeit, die Muttersprache zu verbessern, je nachdem ein anderes Alphabet zu erlernen, den Bezug zur eigenen Herkunft zu pflegen. Und für Neuankommende, Männer, die für die Arbeit oder die Liebe vom Balkan in die Schweiz ziehen, sind die Vereine mit ihren Netzwerken eine Möglichkeit, Anschluss zu finden.
Goran Marinković, 52 Jahre alt, hatte dieses Netzwerk nicht. Der Serbe wuchs nahe der Drina auf, dem Grenzfluss zwischen Serbien und Bosnien-Herzegowina. Kurz vor Kriegsbeginn 1991 kam er in die Schweiz, wo seine Eltern lebten. Der damals 17-Jährige suchte sich einen Fussballklub, begann beim FC Schönbühl. «Ich sprach kein Wort Deutsch», erinnert er sich, «zum Glück spielte dort ein Mazedonier, der für mich übersetzen konnte.» 1996 übernahm Marinković mit anderen serbischen Spielern den FC Solar, der ebenfalls in Schönbühl beheimatet war, später benannten sie den Verein in FK Drina um.
«Während der Kriege gab es schon ein paar heisse Matches», erinnert sich Marinković. 1999 spielten sie gegen den kosovo-albanischen Verein FC Besa Biel – mitten im Kosovo-Krieg, zur Zeit, als die Nato Serbien bombardierte. «Da war die Stimmung schon aufgeladen. Aber keine Schlägerei, nichts. Wir haben den Match verloren, ‹eine ufd Schnurre becho›. Aber nur im übertragenen Sinn.» Nicht zuletzt wollte man sich gegenüber der schweizerischen Öffentlichkeit und dem Verband beweisen. Zeigen, dass man keine Probleme machte.
Und wie ist das Verhältnis zwischen den Klubs heute? Die Antwort fällt unterschiedlich aus, je nachdem, wen man fragt. Die meisten betonen, dass es keine Konflikte mehr gebe. Im Gegenteil: Man kenne sich sehr gut untereinander, sei teilweise befreundet, besuche sich an Festen, gehe nach einem Match noch etwas zusammen trinken. Das zeigt sich auch in den Teams: Beim serbischen FK Drina spielten auch schon Kroaten mit, der Juniorentrainer beim kroatischen SV Slavonija ist Serbe, die erste Mannschaft des kosovo-albanischen FC Prishtina hat in ihren sowieso sehr durchmischten Teams auch serbische Spieler dabei. Radovan Milinković vom FK Drina sagt: «Wenn Männer aus Serbien oder Bosnien hierherziehen und neu bei uns spielen, sind sie oft erstaunt, wie gut wir miteinander auskommen.»
Fragt man den 46-jährigen Nedžad Avdić vom inzwischen nicht mehr aktiven Verein FC Bosna-Bern – ihnen fehlte der Nachwuchs –, zögert dieser mit seiner Antwort. «Der Krieg hallt leider immer noch nach, auch wenn alle sehr bemüht sind, die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund zu stellen. Je nachdem, gegen welches Exil-Balkan-Team wir spielten, war die Spannung im Vorfeld grösser.» Dann schiebt er nach: «Wahrscheinlich hängt die Antwort auf diese Frage auch davon ab, wo und wie man den Krieg erlebt hat.»
SV Slavonija: Weniger Vorurteile
Es ist ein aussergewöhnlich warmer Novembertag, als die Junioren des SV Slavonija im letzten Spiel vor der Winterpause auf den FC Rubigen treffen. Trotz des milden Wetters haben sich am Rand des Fussballplatzes Bodenweid in Bern-Bümpliz nur wenige Zuschauer*innen eingefunden, einzelne Eltern, die ihre Jungs auf Kroatisch und Schweizerdeutsch anfeuern. Erst vor Kurzem hat der SV Slavonija seine erste Juniorenmannschaft gegründet. In dieser spielen nicht nur Kinder aus kroatisch-stämmigen Familien, das Team ist durchmischt. Die Herangehensweise des Vereins habe sich in den letzten Jahren verändert, erklärt Sportchef Ivo Ćurić, sportlicher Erfolg sei wichtiger geworden. Er sitzt auf den Betonstufen, die als Zuschauertribüne dienen, und beobachtet das Spiel. «Wir wollen keine Mannschaft, die zwar das sportliche Niveau nicht halten kann, aber Hauptsache, es laufen nur Kroaten auf dem Feld.»
Auch auf Seiten der sogenannten Mehrheitsgesellschaft hat sich etwas verändert in den letzten Jahren. Die Vorurteile, die Schweizer*innen gegenüber Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien hegten, wurden früher auch den Klubs entgegengebracht: Spieler aus gegnerischen Teams vom Land machten ausländerfeindliche Sprüche, Schiedsrichter kamen voreingenommen auf den Platz, Gemeinden blickten skeptisch auf die Klubs, die plötzlich neben den lokalen Fussballvereinen auftauchten und mehr Zuschauer*innen zu ihren Spielen brachten.
Heute sei das anders: Die Vereine betonen, dass rassistische Beschimpfungen viel seltener geworden seien und man zu den Schweizer Klubs und den Gemeinden ein gutes Verhältnis habe. In den Juniorenteams ist es keineswegs ungewöhnlich, dass Eltern mit einem anderen Hintergrund ihr Kind fürs Fussballtraining zu einem kroatischen oder kosovo-albanischen Verein schicken.
Trotzdem bleibe der Eindruck, als Verein mit ausländischen Wurzeln nicht ganz gleichgestellt zu sein, sagt Ivo Ćurić vom SV Slavonija, «im Zweifelsfall benachteiligt zu werden». Immer wieder legen sie beim Verband Rekurs gegen Schiedsrichterentscheide ein, weil sie eine rote Karte an Trainer oder Spieler für unverhältnismässig halten. Ćurić sagt: «Manchmal habe ich den Eindruck, dass uns sportlicher Erfolg nicht ganz gegönnt wird.» Er spüre Neid, ein «Wieso schaffen die das?». Vielleicht auch, fügt Ćurić hinzu, weil die klassischen Schweizer Vereine viele Spieler ausgebildet hätten, die nun bei ihnen spielen.
Nicht für alle Vereine ist sportlicher Erfolg gleich wichtig. Für Klubs wie den FK Drina oder NK Tomislavgrad steht die Gemeinschaft im Vordergrund. Sie spielen in der fünften bzw. in der vierten Liga Amateurfussball. Der SV Slavonija ist in der dritten Liga, möchte aber weiter oben spielen. Dazu braucht er ein gutes Team, Nachwuchs und Geld. Ćurić zeigt auf das hintere Spielfeld, wo rot-schwarze Werbebanner am Gitter hängen: «FC Prishtina me zemër». FC Prishtina mit Herz. «Dieser Klub macht es vor», sagt Ćurić.
FC Prishtina Bern: «Ein Klub für alle»
Ein Tag Anfang Jahr, wieder auf der Bodenweid, aber diesmal riecht die Luft nach Schnee, der kurz darauf zart auf den Kunstrasen fällt. Heute findet hier kein Spiel des SV Slavonija statt, sondern ein Training des FC Prishtina Bern. Die erste Mannschaft hat sich trotz zehn Grad Minus zu einem Konditionstest versammelt. Es gehe darum, zu sehen, wo sie individuell, aber auch als Team stehen würden, erklärt der Trainer. Sportchef Gazmend Tetaj steht in einer dicken Daunenjacke an der Seitenlinie und beobachtet, wie die Spieler joggen, dribbeln und stretchen.
«Unser Ziel war es immer, ein Klub für alle zu werden», sagt der 45-Jährige. Mit alle meint Tetaj, dass sich der Fussballklub längst von einem kleinen Klub zu einem der wichtigsten Vereine im Westen Berns gemausert hat – neben einem SC Bümpliz beispielsweise. Zu ihm kommen nicht mehr nur Albaner, sondern alle, die in der Region Fussball spielen wollen, von Kindern bis Senioren, auch ein Frauenteam soll es bald wieder geben. «Ich finde es schön, dass wir so kulturell durchmischte Teams haben», sagt Tetaj: «Es hat dem Platz Bern gutgetan, von diesem Nationendenken wegzukommen.»
Der Verein entstand 1990 aus einer Grümpelturnier-Mannschaft. Die Anfänge waren hart. Trainiert wurde auf dem Rasen der Grossen Allmend, oft spät abends, irgendwo am Rand, im Scheinwerferlicht der eigenen Autos, weil es keine Beleuchtung gab. Das Team schaffte es bis in die 3. Liga. Dann, 2010, kamen neue Spieler zum Verein, Spieler wie Tetaj, die in Schweizer Klubs ausgebildet worden waren und den Traum einer Profikarriere zwar aufgeben mussten, aber Arbeit, Energie und Geld in ein Projekt wie den FC Prishtina Bern stecken wollten.
«Ich habe grossen Respekt davor, was die erste Generation geleistet hat, die nicht dieselben Möglichkeiten hatte wie wir heute», sagt Tetaj. Er wollte einen professionellen Klub mitaufbauen, «der auch zeigt, wie gut wir integriert sind». Sie professionalisierten die Strukturen, das Training, sorgten für neue Ausrüstung und holten erfahrene Leute ins Team. Darunter auch Unternehmer, die den Klub als Sponsoren finanziell unterstützen konnten und in der kosovo-albanischen Community verwurzelt sind. Beispielsweise ist Tetaj selbst mit seinem Carrosserie- und Lackierzentrum CLZ ein Sponsor des Klubs. Ohne die Sponsoren wäre der steile Aufstieg des FC Prishtina Bern nicht möglich gewesen. Man kann sagen: Es ist der berufliche Erfolg der Zweit- und der Drittgeneration, der den Verein trägt. Saison um Saison stieg der Klub auf, bis er 2023 schliesslich die 1. Liga Classic erreichte – seither spielen sie auf nationaler Ebene gegen Klubs wie das U21-Team von Servette oder den FC Monthey. «Langfristig möchten wir den Schritt in den Profifussball schaffen», sagt Gazmend Tetaj vom FC Prishtina Bern.
Während sich die Spieler neben ihm im Training aufwärmen und der Schnee mittlerweile in dicken Flocken fällt, läuft laute albanische Musik. Und der Trainer spornt die Spieler mit «Hajde, hajde» an – los, los.
Diese Recherche entstand in Zusammenarbeit mit dem Berner Online-Medium Journal B und wurde mit Unterstützung von JournaFONDS realisiert.







