Hesch mir e Stutz?
Ich habe eine grosse Liebe für Postkarten. Sie sind klein, 146 mal 105 Millimeter, und tragen doch ganze Welten in sich. Sie sind aus der Zeit gefallen. Und in ihnen liegt diese einfache Geste: Ich denke an dich. Dieser kleine Textkasten, der alles können muss: Wetterbericht, Sehnsucht, Ironie, Trost. Heimweh in drei Zeilen, eine Liebeserklärung, ein Versprechen, ein «Bin gut angekommen», ein literarischer Schnellschuss oder eine Skizze am Rand.
In meinem Badezimmer hingen lange Literatur-Postkarten des Verlags Droschl mit Zitaten wie:
Lebensgefahr wie Lebensgefährte.
So nebenbei geschieht das Ausserordentliche.
Einen Kuss, bitte.
Aber ich schweife ab und merke, dass ich ausgerechnet über ein Format, das von Begrenzung lebt, mühelos eine ganze Kolumne füllen könnte. Eigentlich wollte ich etwas anderes teilen: Zwei Postkarten von Leser*innen haben mich erreicht – eine mit wertschätzenden Worten, eine mit geteilten Beobachtungen, auf die ich gerne zurückkomme. Ich danke von Herzen für beides. Also: Zückt weiter den Stift und schreibt mir, was euch bewegt.
So wie Thomas. Er fragte: Wie hilft man richtig? Direkt Geld geben – oder lieber spenden? Und wie verhindert man, dass Helfen kränkt oder bevormundet?
Wir entscheiden grossenteils selbst, wofür wir unser Geld ausgeben – für Ferien, Bücher oder ein gutes Essen. Auffallend nur, dass diese individuelle Freiheit gerade dann häufig hinterfragt wird, wenn es um Menschen in extremer Not geht. Wir schauen ihnen beim Leben auf die Finger. Da steht jemand vor uns und fragt nach Geld. Manchmal so charmant, dass sich eine lüpfige Konversation ergibt. Manchmal aber auch fordernd. Wir wissen nicht, ob diese Person seit Tagen nicht geschlafen hat, unter Entzug leidet, Schmerzen hat oder schlicht einen Moment braucht, um zu funktionieren. Vielleicht geht es um warmes Essen. Um eine SIM-Karte. Um eine Übernachtung. Vielleicht einfach um einen Moment Stabilität – ein Stück Kontrolle über ein sonst sehr unvorhersehbares Leben.
Das Unbehagen bei den Gefragten kommt oft schnell. Werde ich ausgenutzt? Unterstütze ich die Abhängigkeit? Doch dieses Gefühl sagt häufig mehr über unsere eigenen Ängste aus als über die Person vor uns. Und ja, es kann sein, dass von dem Geld ein Ankerbier gekauft wird. Oder das Nötigste, um Entzugssymptome zu vermeiden. Nüchternheit muss man aushalten können. Konsum ist Fluch und Segen zugleich. Er hilft, Gefühle und Gedanken in Schach zu halten. Natürlich leiden Menschen am Konsum. Doch sie leiden auch unter ihrer Abstinenz.
Für mich liegt der entscheidende Punkt im Loslassen. Helfen sollte möglichst bedingungslos geschehen. Schwingen Erwartungen mit, geht es schnell mal auch um Macht.
Man kann fragen: «Was brauchst du?» Man kann gemeinsam etwas zu Essen holen. Und wenn es Stutz ist, dann ist es Stutz. Entscheidend ist die Haltung dahinter. Geben oder nicht geben, beides darf sein. Augenhöhe entsteht durch Respekt.
Wer an Organisationen spenden möchte, schaue dorthin, wo das eigene Herz sich öffnet. Manchmal genügt schon ein geschobener Kaffee. Der Caffè sospeso stammt aus Neapel: ein Espresso, bezahlt für jemanden, der sich gerade keinen leisten kann. So funktioniert auch «Café Surprise». Manchmal reicht eine Tasse Solidarität. Und vielleicht ist auch das eine Form von Postkarte – eine kleine, zeitversetzte Aufmerksamkeit.