Sucht

«Ich war noch ein Kind, ich hatte keine Ahnung»

Wonach suchen junge Menschen, wenn sie sich berauschen? Ein runder Tisch mit fünf Jugendlichen im Emmental.

TEXT
LEA STUBER
ILLUSTRATIONEN
Anica Lora Nižić
Nr. 687,

Emmanuel: «In der Pause geht man raus und drückt einen Snus hoch.»

Gianna: «Es ist normal geworden, etwas, das man im Alltag halt macht.»
Timm: «Alkohol brauche ich nicht, ich trinke einfach gerne. Das ist der Unterschied zu Snus.»

Es ist Freitagabend, im Gasthof an der Dorfstrasse sitzen die Erwachsenen beisammen, die Jungen treffen sich im Jugendtreff am Rande des Emmentaler Dorfes. Die Schulferien sind vorbei, man freut sich, sich wiederzusehen. Drinnen sucht man die schwarze Billardkugel oder fläzt sich bei lauter Musik auf dem Sofa. Draussen fährt man mit dem Töffli über den Vorplatz. In einer Ecke ist Rauchen, Vapen und Snusen erlaubt, alle anderen Suchtmittel sind verboten.

Fünf der Älteren haben sich um einen Tisch gesetzt, Surprise hat sie um ein Gespräch über Rausch gebeten. Unter dem Tisch nervöses Wippen mit den Beinen. Gekicher, wenn in der Ferne jemand hupt oder grölt. Die fünf Jugendlichen, die nicht alle in der gleichen Klasse, aber in der gleichen Schule waren, haben zwei grosse Themen: Snus und Alkohol. Dabei geht es natürlich um mehr als um zwei Substanzen. Damit sie offen erzählen können, bleiben sie anonym, ihre Vornamen sind Pseudonyme.

Emmanuel, 15, in der 9. Klasse, konsumiert Snus und Alkohol, eine Zeit lang auch Schmerzmedikamente. Er ist im Hornusser- und Schwingclub.

Gianna, 15, in der 9. Klasse, raucht und konsumiert Alkohol, ab und zu kifft sie oder konsumiert Snus. Sie ist im Schiessverein. Timm, 16, angehender Detailhandelsfachmann, konsumiert

Snus und Alkohol. Er fährt gerne Snowboard.
Ella, 16, in einer Lehre im Gesundheitsbereich, konsumiert

Alkohol und Zigaretten, ab und zu kifft sie. Mit E-Zigaretten, dem Vapen, hat sie inzwischen aufgehört.

Sara, 16, aktuell im grafischen Vorkurs, konsumiert manchmal E-Zigaretten oder Schnupftabak. Sie ist im Schiessverein.

Was führt dazu, dass Jugendliche psychoaktive Substanzen konsumieren? Als Risikofaktoren nennt die Stiftung Sucht Schweiz: Stress, schlechte Gesundheit, starkes Produktmarketing und leichte Verfügbarkeit. Im Schweizer Suchtpanorama 2024 stellt Sucht Schweiz fest, dass die psychische Gesundheit der Jugendlichen sich verschlechtert hat.

Am Tisch im Jugendtreff erzählen die fünf von Stress daheim, von Depressionen und ADHS-Abklärungen. Eine Zigarette von den Eltern oder vapen helfe dann, es lenke ab. In der Schule schnupften sie in der Pause auf der Toilette. Probierten Vape und Snus, sie hatten es bei anderen gesehen, fanden, es sah «fein» aus und «entspannend».

Ella: «Alle um einen herum machen es – in der Schule, die Leute in deinem Alter. Es war nicht Gruppendruck, es hat mich einfach immer mehr interessiert. Und wenn du es dann nicht schlecht findest, kaufst du dir selber mal ein Dösli und daraus werden zwei.»

Emmanuel: «Eine Woche und ich war schon süchtig. Ich war noch ein Kind, ich hatte keine Ahnung, was Snus und Nikotin mit mir machen können. Am Anfang habe ich gesnust, um Stress abzubauen. Inzwischen tue ich es aus Reflex. Nach dem Essen brauche ich Snus. Vor dem Schlafen. Eigentlich immer.»

Timm: «Wenn ich lange kein Snus drin habe, so einen Tag, dann bin ich schnell angepisst, raste schnell aus. Snusen hilft mir, wenn mein Chef oder eine Kundin nerven.

Immer am Ende des Schuljahres feiern die Neuntklässler*innen in der Abschlusswoche das Ende ihrer Schulzeit, Alkohol und andere Substanzen wie selbstverständlich gehören dazu. Timm betrank sich jeden Tag, Sara hat zum ersten Mal Snus probiert und eine Zigarette geraucht.

Sara: «Dieses kleine Kissen unter dem Zahnfleisch fand ich sehr unangenehm. Und rauchen ist einfach grusig.»

Gianna: «In der 7. Klasse mussten wir einen Brief an uns selber schreiben, den wir Ende der 9. Klasse lesen dürfen. Ich schrieb: ‹Ich hoffe, du fängst nie an zu rauchen, es ist etwas vom Grässlichsten.›»

2022 haben 33 Prozent der 15-Jährigen im Monat vor der Befragung mindestens ein Nikotinprodukt konsumiert, 2018 waren es nur 30 Prozent. Sucht Schweiz führt diese Zunahme unter anderem auf Snus sowie auf E-Zigaretten vom Typ Puff Bar zurück, deren Geschmacksrichtungen auf Jugendliche ausgerichtet sind. 7 bzw. 8 Prozent der Buben bzw. Mädchen konsumieren E-Zigaretten häufig, das heisst an mindestens zehn Tagen im letzten Monat. Bei den herkömmlichen Zigaretten sind es 7 bzw. 6 Prozent. Seit Oktober dürfen Zigaretten und andere Tabak- produkte schweizweit nur noch an Personen über 18 Jahren verkauft werden.

Jedes Wochenende unterwegs

Seit er seine Lehre begonnen hat, geht Timm jedes Wochenende feiern. Unter der Woche arbeite er dauernd, da sei es ihm wichtig, am Wochenende Zeit mit seinen Freund*innen zu verbringen. Auch Ella ist jedes Wochenende unterwegs. Sommerendparty, Chilbi, Houzschnitzuparty, Hornusserfest und wie sie alle heissen.

Ella: «Irgendwann werde ich nur noch jedes zweite Wochenende ausgehen, dann jedes dritte. Nach einer Zeit wird es ja auch langweilig. Ich hoffe nicht, dass ich zur Alkoholikerin werde.»

Sara: «Bitte nicht! Mein Vater ist Alkoholiker. Wenn er erschöpft von der Arbeit kommt, hängt er sich direkt ein Bier an, er trinkt sicher fünf am Tag. Er hatte eine schwierige Zeit und denkt, Alkohol löse seine Probleme. Dabei schafft er sich nur neue. Er pisst mich an, er beschuldigt meine Mutter, er ist dann ein Arsch. Ich will nicht so enden.»

Emmanuel: «Einmal mussten wir meine ältere Schwester vor dem Eingang einer Dorfparty abholen, sie hatte beim Vorglühen übertrieben. Ich dachte mir: Was läuft denn mit ihr? Und als ich selber zum ersten Mal trank, merkte ich: Oha! Das kann ja wirklich recht zünden.»

Timm: «An die Houzschnitzuparty wäre ich nicht gegangen, ohne zu trinken. Diese Ballermann-Hits ertrage ich nüchtern nicht.»

Emmanuel: «Beim Jugendtreff ist es anders, man trinkt keinen Alkohol. Aber man kennt alle, man kann ein wenig reden.»

Gianna: «Den Geschmack von Alkohol finde ich enttäuschend, bei Bier würgt es mich manchmal. Ich hatte mehr erwartet.»

43 Prozent der 15-Jährigen geben an, im letzten Monat mindestens einmal Alkohol getrunken zu haben. Rauschtrinken betrifft etwa 25 Prozent, sie haben im letzten Monat mindestens einmal fünf oder mehr alkoholische Getränke bei einer Gelegenheit getrunken.

Wie bei der Abschlusswoche in der Schule gehört auch beim Schützenfest oder beim Hornussen Alkohol dazu, sei es als selbstgemachte Shots oder Bier, das «à gogo über den Tresen» geht, wie Emmanuel sagt. Wer bei einem Schiesswettkampf weiterkomme, trinke darauf.

Sara: «Sie zwingen dich zu nichts. Aber es ist der Schiessverein, da ist es normal, dass du mal ein Bierli nimmst.» Emmanuel: «Es erschreckt mich auch ein wenig, aber nächstes Jahr werde ich auch trinken, das weiss ich. Und es ist ja auch geil: Man hornusst den ganzen Tag, am Abend kann man dann zusammen sein, Weissen oder Bier bechern.»

Timm: «Das gehört doch auch zum Thema Gruppendruck.» Emmanuel: «Ich könnte ja Nein sagen, das will ich aber nicht.
Es geht ums Dazugehören und die Freude, endlich legal Alkohol zu trinken. Gleichzeitig habe ich schon Angst, ich vertrage viel. Wo lande ich, wenn ich das immer weiter steigere? Was, wenn ich meinen Kindern ein schlechtes Leben biete? Alles Geld für Alkohol ausgebe, jeden Abend besoffen
nach Hause komme und nicht ich selbst bin?»

Timm: «Dass man immer härtere Sachen nimmt, kann schnell gehen. Vor allem wenn es einem schlecht geht. Man sucht etwas, damit es einem besser geht, und dann kommt man nicht mehr heraus.»

Emmanuel: «Irgendwann hat Snus bei mir nichts mehr gebracht, also nahm ich es zusammen mit Dafalgan. Ich musste mindestens drei am Tag nehmen, um etwas zu merken. Zum Aufstehen, am Mittag und am Abend. Zum Glück bin ich wieder rausgekommen. Es wurde mir zu blöd, das Dafalgan zu organisieren, und es kostete viel.

Die Ambivalenz des Rauschs

12 Prozent der 15-Jährigen haben schon Erfahrungen mit Medikamentenmissbrauch oder -mischkonsum gemacht. 2022 haben 4,3 Prozent der Buben und 4,8 Prozent der Mädchen mindestens einmal Medikamente genommen, um sich zu berauschen. Also Benzodiazepine, opioidhaltige Schmerzmittel oder Hustensirupe mit Codein oder Dextromethorphan. 6 Prozent der Buben und 1,8 Prozent der Mädchen haben schon Purple Drank/Lean konsumiert, also Hustensirup gemischt mit Limonade und häufig auch Alkohol.

Kaum ein Thema unter den fünf ist Cannabis. Timm hat auch schon gekifft, fand es aber nicht gut. Ella kifft nur ab und zu; sie fürchtet sich, abhängig zu werden oder eine Schizophrenie zu entwickeln.

2022 gaben 20,8 Prozent der 15-jährigen Buben und 16,1 Pro- zent der 15-jährigen Mädchen an, schon einmal Cannabis konsumiert zu haben, 2018 waren es 27,3 bzw. 17,3 Prozent. Nicht rückläufig, sondern stabil ist hingegen der Anteil der 15-Jährigen, die angeben, im letzten Monat Cannabis konsumiert zu haben. 2022 waren es 12,1 Prozent der Buben und 8,4 Prozent der Mädchen. Weniger als 1 Prozent konsumiert Cannabis an mindestens zehn Tagen pro Monat.

Der Kokainkonsum nimmt seit Jahren leicht zu. Mittlerweile gibt 1 Prozent der 15- bis 64-Jährigen an, im letzten Jahr Kokain konsumiert zu haben. Der Konsum, insbesondere in den rauchbaren Formen Crack und Freebase (siehe Text S. 20), könnte laut Sucht Schweiz auf die hohe Verfügbarkeit zurückzuführen sein, auf die verschlechterte Wohn- und Arbeitssituation suchtbetroffener Menschen sowie auf neue Konsumentengruppen.

Wonach suchen die fünf, wenn sie sich berauschen? Suchen sie nach Ablenkung und nach Verbundenheit? Wenn sie gestresst sind, Leistung bringen müssen und Druck spüren – von den Eltern, in der Schule oder in der Lehre –, dann hilft ihnen ein Rausch, um Dinge zu vergessen und abzuschalten. Bei der Ablenkung geht

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