Randnotizen

04.06.2026

In meiner Arbeit begegne ich Menschen oft erst an dem Punkt, an dem ihr Leben aus dem Gleichgewicht geraten ist. Aber fast nie beginnt die Geschichte dort. Sie beginnt viel früher, es sind die kleinen Verschiebungen davor. Eine Trennung, Herzschmerz, schlaflose Nächte. Daraus wird eine Depression, und irgendwann geht auch die Arbeit verloren. Man trinkt immer mehr, weil die Schmerzen nicht aufhören. Die Scham wird grösser. Briefe, die liegenbleiben. Die Menschen werden müde, sie vergessen Dinge, verlieren langsam den Überblick. Irgendwann fehlen Unterlagen, Fristen verstreichen, und am Ende bricht auch der Ort weg, den man Zuhause nennt.

Wir sprechen oft über existenzielle Brüche, als würden sie ausserhalb des normalen Lebens stattfinden. Als beträfen sie immer nur die anderen. Der Journalist Nils Minkmar schreibt, Verletzlichkeit sei vielleicht das Einzige, das allen Menschen gemeinsam ist. Und dass ein grosser Teil unserer Gesellschaft damit beschäftigt sei, diese Brüchigkeit zu verdecken. Mit Arbeit, Beziehungen, Versicherungen, Wohnungen oder einem festen Platz in der Welt. Dinge, die uns Halt geben und uns fester mit der Welt verschrauben sollen. Ein Bruch wird oft genau dann sichtbar, wenn diese Verbindungen langsam verloren gehen.

Die Biografien, denen ich bei meiner Arbeit begegne, beginnen selten am Rand. Sie beginnen mitten im Leben. Mit Arbeit. Beziehungen. Gewohnheiten. Kaffeetasse in der Chuchi. Fotos vom letzten Sommer an der französischen Riviera. Die Schweiz verfügt über ein engmaschiges soziales Netz. Ja, es gibt Beratungsstellen, Sozialhilfe, Therapien, Übergangslösungen. Ein dichtes Netz, zumindest auf dem Papier ist das so. Aber jedes Netz hat Maschen. Unterstützung in Anspruch zu nehmen, braucht oft genau das, was in Krisen verloren geht: Handlungsfähigkeit. Mitwirkung. Vertrauen. Die Fähigkeit, Formulare auszufüllen, Termine einzuhalten, Dokumente zu organisieren, zurückzurufen und immer wieder die eigene Geschichte zu erzählen.

Vor einigen Sommern begegnete ich B. am Bahnhof. Mitte siebzig, wohnhaft in einem Nachbarkanton, Zigarette und Bier in der Hand, mit wachem Blick und entwaffnendem Lächeln. Wir sprachen über die Welt, über klassische Musik und Woodstock, wo er in jungen Jahren dabei gewesen war. Einmal fragte ich ihn, warum ausgerechnet dieser Bahnhof zu seinem Ankerpunkt geworden sei. «Freiheit», sagte er. In seinem Heimatdorf, einer Gemeinde mit kaum tausend Einwohner*innen, falle man auf, wenn man zu lange am Bahnhof sitze. Hier sei das anders. Hier könne man in der Gruppe sein, dazugehören, ohne sich ständig erklären zu müssen. Er passe auf D. auf, sagte er, die mit ihrem Hund ebenfalls hier lebe und schlafe. Zurück wolle er im Moment nicht. Seine Ehe sei zerbrochen, er müsse sich zuerst wieder sortieren.

Dann kam der ungastliche Herbst. Und mit ihm die gesundheitlichen Bräschte, die Erschöpfung, die Grenzen des Körpers. Irgendwann fragte B., ob ich ihn bei der Suche nach einer Unterkunft unterstützen könne, es isch jetzt an dr Zyt, meinte er.

Da wir akzeptierend arbeiten, massen wir uns nicht an zu wissen, was für einen Menschen «das Richtige» wäre. Stattdessen versuchen wir präsent zu bleiben und Vertrauen entstehen zu lassen, indem wir regelmässig wiederkommen, zuhören und gemeinsam Zeit verbringen. Und manchmal entsteht daraus wieder Handlungsspielraum. Menschen müssen nicht zuerst wieder funktionieren, um Unterstützung zu verdienen. Niemand sollte erst beweisen müssen, pünktlich, stabil, abstinent oder organisiert genug zu sein, um Hilfe zu erhalten.

Und um mit Nils Minkmar zu schliessen: Verletzlichkeit ist kein Randphänomen. Sie ist etwas Menschliches. Die Brüchigkeit von Körper, Seele und Schicksal verbindet uns alle – auch wenn wir noch so versuchen, uns dagegen abzusichern.

ADRIANA RUŽEK

ADRIANA RUŽEK arbeitet als Gassenarbeiterin in Basel. Sie glaubt, dass Verletzlichkeit nicht nur etwas ist, vor dem wir uns schützen müssen, sondern auch etwas, das uns lebendig macht.

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