Arbeitsmigration

Unsichtbare Arbeit

In der Schweiz arbeiten zehntausende Erntehelfer*innen aus dem Ausland. Ihre Arbeitsbedingungen unterscheiden sich von Kanton zu Kanton.

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KLAUS PETRUS
Nr. 632,

Sie kommen aus Spanien und Portugal, aus Polen, Tschechien, Rumänien und Bulgarien und bleiben meist für ein paar Monate in der Schweiz – wo sie auf den Feldern unserer Landwirt Kartoffeln, Rüben und Spargeln ernten, Salate sortieren und Äpfel, Birnen, Beeren und Trauben pflücken.

Wie viele es sind, weiss niemand so genau. Statistiken über Erntehelfer*innen in der Schweiz gibt es nicht. Laut Bund arbeiten rund 19 000 Menschen aus dem Ausland in der Schweizer Landwirtschaft, die 150 000 Beschäftigte zählt. Allerdings wird diese Zahl jeweils im Januar erhoben und damit zu einem Zeitpunkt, da kaum saisonale Angestellte in der Schweiz sind. Dagegen waren 2024 beim Staatsekretariat für Migration (SEM) rund 28 000 Personen gemeldet, die für weniger als ein Jahr in der Landwirtschaft tätig waren. Der Schweizer Bauernverband (SBV) hält selbst diese Zahl für zu tief: Von den etwa 50 000 familienfremden Angestellten würden bis zu 70 Prozent aus der EU stammen, das sind 35 000 Personen.

Unklar ist auch, unter welchen rechtlichen Bedingungen Erntehelfer*innen in der Schweiz arbeiten. Die Landwirtschaft ist eine der wenigen Branchen, die vom Arbeitsgesetz ausgenommen sind. Was nicht nur bedeutet, dass sie in der Lohnstatistik des Bundes nicht auftaucht, sondern auch, dass bisher kein Gesamtarbeitsvertrag (GAV) existiert. Dafür gibt es Normalarbeitsverträge (NAV), die kantonal geregelt werden –und entsprechend unterschiedlich ausgestaltet sind.

Beispiel Arbeitszeiten: In vielen Kantonen hat sich die 55-Stunden-Woche etabliert; im Kanton Genf allerdings liegt das Arbeitspensum wesentlich tiefer bei maximal 45 Stunden pro Woche, wohingegen es im Kanton Glarus bei 66 Stunden liegt. Auch puncto Lohn gibt es keine festen Vorschriften. Die Landwirte halten sich in der Regel an die Vorgaben des SBV: Für Hilfskräfte – und dazu zählen auch Erntehelfer*innen – beträgt der empfohlene monatliche Mindestlohn derzeit 3385 Franken brutto, wobei den Angestellten für Kost und Logis monatlich 990 Franken abgezogen werden; auch das ist eine Empfehlung des Bauernverbandes.

Vorbehalte gegen mehr Lohn

55 Stunden die Woche für monatlich rund 2400 Franken, das ergibt einen Stunden- lohn von unter 20 Franken. Der Bauern- verband weiss nur zu gut, dass viele Schweizer*innen dafür nicht arbeiten wür- den. Diese Erfahrung haben die Landwirte zu Beginn der Corona-Pandemie gemacht, als Erntehelfer*innen nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen in die Schweiz einreisen durften. Entsprechend versuchte man einheimische Arbeitskräfte anzuwerben – ohne Erfolg. Daraufhin wurden die Einreisebedingungen für saisonale Ange- stellte aus dem Ausland gelockert.

Die Arbeitsbedingungen von Erntehelfer*innen sind auch politisch ein Thema. 2021 übergab das Netzwerk «Widerstand am Tellerrand» in Bern und Zürich eine Petition an die jeweiligen Kantonsregierungen. Die zentrale Forderung: Reduzierung der Arbeitszeit auf 45 Stunden pro Woche sowie Einführung eines Mindestlohns von monatlich 4000 Franken. Vor zwei Jahren gelang es der Organisation Arbeitsgemeinschaft Berufsverbände landwirtschaftlicher Angestellter (Abla), bei den kantonalen Sektionen des SBV eine Lohnerhöhung für Erntehelfer*innen von einem Prozent durchzusetzen.

Aber nicht alle sehen solchen Forderungen nach mehr Lohn optimistisch entgegen. In einer früheren Ausgabe haben wir über Kamil W. berichtet, einen Erntehelfer aus Polen, der im Berner Seeland arbeitet (Surprise 538, Seite 22). Natürlich würde er gerne weniger arbeiten und dabei mehr verdienen, sagte er im Gespräch. Doch er hatte auch Vorbehalte. «Bisher ist diese Arbeit für Schweizer*innen unattraktiv. Was aber, wenn sie dabei besser verdienen würden?»

Hinter der Frage von Kamil W. steht die Befürchtung, dass ausländische Erntehelfer*innen gegenüber Arbeiter*innen aus der Schweiz den Kürzeren ziehen und ihre Jobs verlieren könnten, falls die Löhne erhöht würden. «Dann lieber das als nichts», brachte Kamil W. damals seine Bedenken auf den Punkt.

Doch Geld ist nur der eine Punkt. Ein anderer sind die sozialen Kosten, die mit einer solchen Arbeit einhergehen. Viele Erntehelfer*innen sind über Monate von ihren Familien getrennt. Derweil fassen sie auch hier in der Schweiz kaum Fuss. Neben dem Job haben sie häufig weder Zeit noch Energie, um sich in den Dörfern, wo sie leben und arbeiten, zu integrieren. Und so klagen nicht wenige über soziale Isolation.

Tatsächlich bleiben Erntehelfer*innen weitgehend unsichtbar: Die Behausungen, in denen sie leben, sind oft hinter den Bauernhöfen verborgen, von der Strasse aus sieht man sie jedenfalls nicht.

Und auch auf den Plakaten der Grossverteiler, die für Lebensmittel aus der Region werben, kommen sie nicht vor, die Menschen aus Ost- oder Südeuropa. Darauf sind nur Schweizer Landwirte zu sehen, die Tomaten pflücken, und Bäuerinnen, die Salate schneiden, sie schauen zufrieden und die Sonne lacht.

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