«Einen Zufluchtsort in ein Zuhause verwandeln»
Wahidullah Alikhan ist aus Kabul in die Schweiz geflüchtet. Seine Fluchtgeschichte hat er aufgeschrieben. Nun spricht er darüber, was Heimat ist. Und wieso er seiner Mutter von unterwegs fröhliche Fotos schickte.
Nachdem wir die Fluchtgeschichte von Wahidullah Alikhan von Kabul nach Zürich in zwei Teilen veröffentlicht hatten (Surprise 619 und 620), fragten sich viele, ob er sich inzwischen eingelebt hat hier in der Schweiz und was seine Pläne sind. Ich habe Wahidullah Alikhan in den vergangenen Monaten mehrmals in Grenchen, wo er heute lebt, getroffen, um mit ihm zusammen seinen Weg in die Schweiz zu rekonstruieren und über seine Zukunft zu reden – irgendwann haben wir uns geduzt, was wir auch in diesem Gespräch tun.
Wahidullah, seit wir deine Geschichte veröffentlicht haben, wollen Leser*innen wissen: Wie geht es Wahidullah Alikhan heute?
Wahidullah Alikhan: Es geht mir gut. Ich habe Arbeit, bin gesund und in Sicherheit. Das mag für euch vielleicht seltsam klingen, aber: Mir wurde in der Schweiz ein neues Leben geschenkt! In meinem alten Leben, in Afghanistan wie auf der Flucht, war ich immer wieder in grosser Gefahr. Manchmal dachte ich, ich würde nicht überleben.
Kann man sagen, dass du angekommen bist? Ist das überhaupt möglich: Ankommen in einem fremden Land?
Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Ich glaube, ankommen in einem neuen Land ist ein langer, fortlaufender Prozess und nicht ein einzelner Moment, in dem man wie ich am 28. August 2023 in Zürich am Bahnhof ankommt. Seit ich in der Schweiz bin, habe ich mich darauf konzentriert, mich in diese Gesellschaft zu integrieren. Ich versuche, die Sprache zu erlernen, und beobachte die Eigenheiten und Gepflogenheiten der Leute, um jeden Tag ein wenig mehr über dieses Land zu erfahren.
Gibt es Dinge, die dich erstaunen – oder auch mal zum Schmunzeln bringen?
Ja. Zum Beispiel redet man hier unglaublich viel über das Wetter, das finde ich speziell – aber auch sympathisch. Will man mit jemandem ins Gespräch kommen, fragt man nicht nach der Familie oder wie es den Kindern geht, sondern man redet übers Wetter. Und natürlich ist mir sofort aufgefallen, wie wichtig Pünktlichkeit ist. Hat der Zug einmal zwei Minuten Verspätung, so wird man darüber informiert. Das finde ich schon lustig. Bei uns in Afghanistan hat man ein anderes Verhältnis zur Zeit, man nimmt das nicht so genau.
Sollten wir ein bisschen lockerer werden?
Zu Beginn kamen mir all die Regeln schon seltsam vor. Aber inzwischen weiss ich, dass sie auch ihr Gutes haben: Sie schaffen genau die Sicherheit, die ich so sehr schätze. Wenn ich spätabends spazieren gehe, telefoniere ich oft mit meiner Mutter. Sie sagt mir dann, ich solle vorsichtig sein und zu dieser Zeit nicht mehr vor die Tür gehen. Dann erkläre ich ihr, dass sie sich nicht sorgen muss und ich mich hier frei bewegen kann. In solchen Momenten werde ich daran erinnert, wie sehr sich mein Leben verändert hat.
Angenommen, deine Eltern würden dich besuchen. Was würdest du ihnen von der Schweiz zeigen?
Ich würde ihnen die Berge und die Seen zeigen! Afghanistan ist ein wunderschönes Land, ein Stück Paradies, vor allem die Berge sind gewaltig. Bevor ich hierherkam, dachte ich, so etwas kann es nur in meinem Heimatland geben. Aber das stimmt nicht. Als ich hier in der Schweiz zum ersten Mal sah, wie sich die Berggipfel im Wasser der Seen spiegeln, war ich überwältigt, und ein tiefes Gefühl der Gelassenheit überkam mich. Dieses Erlebnis würde ich gerne mit meinen Eltern teilen. Und ich würde mit ihnen eine lange Zugfahrt machen. Zu sehen, wie die Landschaft an einem vorbeizieht – und das ganz nach Fahrplan –, ist für mich zu einem Symbol der Stabilität geworden, die ich hier gefunden habe. Vielleicht würde ich mit ihnen nach Bern, Zürich oder Genf fahren und ihnen ein paar Sehenswürdigkeiten zeigen. Aber viel wichtiger wäre mir, sie an Orte mitzunehmen, die für mich zum Alltag geworden sind, damit sie mit eigenen Augen sehen können, wie ich lebe und arbeite. Ich möchte, dass sie wissen, dass ich in Sicherheit bin, mir eine Zukunft aufbaue und endlich an einem Ort bin, wo ich frei atmen kann.
Und wenn wir nach Afghanistan reisen würden, was würdest du uns zeigen?
Ich würde euch Seiten dieses Landes zeigen, die in den Nachrichten leider viel zu selten zu sehen sind: die Gastfreundschaft und Aufgeschlossenheit der Menschen zum Beispiel. Es gab Zeiten, da war Afghanistan ein friedliches, modernes, offenes Land, und dieser Geist lebt in vielen von uns noch immer weiter. Wir würden durch die belebten Strassen von Kabul, Dschalalabad und Herat gehen. Ich würde euch in die Provinz Bamiyan mitnehmen, die Wiege der Kultur der Hazara, einer Minderheit, die von den Taliban diskriminiert und verfolgt wird. Wir würden einen Abstecher in die Hügel von Kandahar machen, nach Nuristan an der Südseite des Hindukusch reisen und nach Aryub Zazai, einer Region im Südosten des Landes – und und und. Ihr würdet überwältigt sein von dieser atemberaubenden Landschaft. Es gibt so viele schöne Orte in diesem Land, die vergessen gehen wegen all den Kriegen und Konflikten.
Ohne hier in die Details gehen zu können: Was hat sich in Afghanistan verändert, seit du das Land vor gut viereinhalb Jahren verlassen hast?
Die Lage hat sich in vielerlei Hinsicht verschlechtert. Zwar gibt es in dem Sinn momentan keinen Krieg in Afghanistan, doch die Sicherheitslage ist nach wie vor prekär und instabil. Auch die wirtschaftliche Situation wurde durch die Herrschaft der Taliban nicht besser, im Gegenteil – die Arbeitslosigkeit hat zugenommen, die internationale Hilfe ist zurückgegangen. Es gibt grosse Armut im Land. Nicht zuletzt schränken die Taliban die Bürgerrechte ein, vor allem jene von Frauen und Mädchen. Sie dürfen nicht zur Schule oder an die Universität, überhaupt können sie am gesellschaftlichen Leben kaum noch teilnehmen. All das hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Entwicklung von Afghanistan.
Wie schätzt du in diesem Zusammenhang die Rolle des Westens und der USA ein?
Das ist eine vielschichtige Frage, die in meiner Heimat seit langem extrem kontrovers diskutiert wird. Einerseits ist der Westen schon seit zwanzig Jahren militärisch, politisch und wirtschaftlich in Afghanistan präsent und hat beim Aufbau von Infrastruktur und Institutionen mitgeholfen, was für die afghanische Bevölkerung wichtig war. Andererseits gab es in dieser Zeit eine Reihe von strategischen Fehlern, etwa beim Verteilen von Geldern. Auch ist der plötzliche Abzug der Truppen und diplomatischen Vertreter in den Augen vieler Menschen in Afghanistan für den Zusammenbruch des bestehenden Systems mitverantwortlich. Sie denken, der Westen habe den Taliban letztlich die Bühne überlassen – und also dazu beigetragen, dass sich das Land in der jetzigen Situation befindet.
Wenn du an deine Flucht zurückdenkst, was für Erinnerungen hast du?
Es ist ein Wirbelwind an widersprüchlichen Gefühlen, die in mir hochkommen. Auf der einen Seite erinnere ich mich noch genau an diese andauernde Angst und erdrückende Ungewissheit: Was wird als Nächstes passieren? Muss ich mich verstecken? Werde ich entdeckt? Schaffe ich es über die Grenzen oder werde ich zurückgeschickt? Und dann ist da immer wieder eine tiefe Traurigkeit. Es tut weh, wenn ich daran denke, was ich zurücklassen musste: meine Familie, meine Freunde, die Kultur und Sprache sowie das Gefühl der Zugehörigkeit und Verbundenheit. Es fühlt sich an, als wäre ein Teil meiner Seele dortgeblieben, daheim, in Afghanistan. Diese Traurigkeit wird wohl niemals ganz vergehen.
Und auf der anderen Seite?
Dankbarkeit und ein Gefühl der Erleichterung: Ich habe überlebt, ich bin in Sicherheit. Das fühlt sich wie ein Geschenk an. Und irgendwie bin ich auch stolz. Wenn ich zurückblicke, wird mir klar, wie stark ich sein musste. Ich erinnere mich, wie ich während der Flucht dachte: Wenn du das hier überlebst, wirst du auch alles andere überleben.
Du hast von Angstgefühlen gesprochen und von tiefer Traurigkeit. Oft ist in diesem Zusammenhang von einem Fluchttrauma die Rede.
«Trauma» ist ein grosses Wort, finde ich. Aber ja, solche Erlebnisse, wie ich sie hatte, hinterlassen tiefe Narben in der Seele. Wenn man extremer Gefahr ausgesetzt ist oder sogar den Tod fürchten muss, lässt man dieses Gefühl nicht einfach hinter sich, sobald man eine Grenze überquert hat. Bis heute bekomme ich Herzrasen bei lauten Geräuschen oder wenn sich jemand plötzlich schnell bewegt. Mein Körper glaubt, ich sei in Gefahr, noch bevor mein Verstand begriffen hat, dass ich in Sicherheit bin. Nachts tauchen Bilder in mir auf, die ich am liebsten vergessen würde, weil sie so schrecklich sind. Diese Albträume sind wie ein Schatten, der mich verfolgt und es mir schwer macht, voll und ganz darauf zu vertrauen, dass mein «neues Leben» von Dauer ist. Oft habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich weiss, dass meine Liebsten noch immer an dem Ort sind, von dem ich selber geflohen bin. Der Kontrast zwischen ihrer Realität dort und meinem Frieden hier ist nur schwer auszuhalten. Auf der anderen Seite waren da auch schöne Erlebnisse.
Zum Beispiel?
Ich erinnere mich an Menschen, denen ich unterwegs begegnet bin und die ich gar nicht kannte: Sie teilten ihr Brot mit mir, schenkten mir ein freundliches Wort, ohne dass sie etwas dafür verlangten. Solche Augenblicke haben meinen Glauben an die Menschlichkeit und das Mitgefühl gestärkt, als ich ihn schon beinahe verloren hatte. Auch unter uns Geflüchteten haben sich tiefe Freundschaften ergeben. Um all das zu überstehen, ist man aufeinander angewiesen. Diese Abhängigkeit verwandelte sich in gegenseitige Unterstützung und daraus ist zwischen uns ein enges Band entstanden.
Du hast mir Fotos gezeigt, die du während der Flucht gemacht hast. Darauf sehe ich einen entspannten, sogar fröhlichen Wahidullah. Oder täusche ich mich?
Nein, du hast recht. Solche Fotos zu machen, war für mich ein bewusster Entscheid. Wenn du dich in einer Situation befindest, wo du glaubst, alles verloren zu haben – deine Familie, dein Zuhause, deine Träume –, wird bereits ein Lächeln zu einer Form des Widerstandes. Und zu einem Schutzschild gegen die Realität: Manchmal muss man nach aussen so tun, als ginge es einem gut, nur um zu verhindern, dass man innerlich zusammenbricht. Der Anblick eines «glücklichen» Wahidullah half mir, mich daran zu erinnern, dass die Person, die ich vor der Flucht war und die lachen und Freude empfinden konnte, immer noch in mir war.
Mich dünkt, solche Fotos können einem auch die Kontrolle über die eigene Fluchtgeschichte – oder besser: was andere dafür halten – geben.
Es ist interessant, dass du das sagst. Ich habe mich oft gefragt, ob ich mit diesen Bildern mir selber oder anderen etwas vormache. Am Ende glaube ich: Nein, das tue ich nicht. Wir Flüchtlinge werden oft nur als Opfer gesehen oder als Menschen in Not. Doch wir sind viel mehr als das. Indem ich diese Fotos machte, wollte ich selber entscheiden können, wie man mich sehen oder sich an mich erinnern sollte – nämlich als jemand, der überlebt hat, der stark ist und bereit weiterzumachen. Insofern hast du recht: Ich wollte mit diesen Bildern auch die Kontrolle über meine eigene Geschichte behalten.
Allerdings waren die Fotos ja nicht nur für dich gedacht. Ich vermute, deine Eltern haben sie ebenfalls gesehen?
Ja, und natürlich spielte das auch eine Rolle. Wer will schon der eigenen Mutter Bilder schicken, die zeigen, wie schlecht es einem geht, wie man leidet und in welcher ausweglosen Situation man sich befindet? Sie ist in dem Moment ja weit weg, kann nichts tun für ihr Kind. Sie würde daran zerbrechen. Ein Foto zu schicken, auf dem ich fröhlich aussehe, war meine Art, ihr zu sagen: «Mach dir keine Sorgen, es geht mir gut, ich bin stark genug, um all das zu überstehen.»
Reden wir über deine Zukunft.
Bevor ich vor gut viereinhalb Jahren aus Afghanistan geflohen bin, habe ich in Kabul begonnen, Medizin zu studieren. Ich bin jetzt Mitte zwanzig und möchte so bald wie möglich meine Ausbildung fortsetzen. Ich möchte später einen Beruf haben, in dem ich mich weiterentwickeln und mit dem ich gleichzeitig anderen helfen kann. Wenn das klappt – und ich blicke hoffnungsvoll in die Zukunft –, kann ich mir gut vorstellen, hier in der Schweiz zu bleiben.
Und was wünschst du dir von der Schweiz?
Die Chance zu bekommen, wirklich dazuzugehören und als Mensch wahrgenommen zu werden, als Wahidullah Alikhan, nicht nur als jemand mit dem Etikett «Flüchtling». Ich denke, es ist wichtig, den Menschen, die aus anderen Ländern kommen, offen zu begegnen und daran zu denken, dass sie nicht bloss eine Geschichte aus der Vergangenheit mitbringen, sondern auch Potenzial für die Zukunft haben. Was bedingt, dass man uns Migrant*innen mit Neugier statt mit Angst begegnet. Nur so kann ein konstruktiver Austausch zwischen den Kulturen entstehen.
Du erhoffst dir Offenheit. Erlebst du stattdessen Diskriminierung und Rassismus?
Manchmal kommt das vor, aber nicht oft. Und wenn, so versuche ich dem durch mein Verhalten und mein Engagement etwas Positives entgegenzusetzen und so zu zeigen, dass am Ende Fähigkeiten wichtiger sind als Vorurteile. Ich möchte schon bald auf eigenen Beinen stehen und dieser Gesellschaft, die mich gerettet hat, etwas zurückgeben. Letztendlich ist es mein Wunsch, mir ein erfolgreiches Leben aufzubauen, damit ich meiner Familie eines Tages sagen kann, dass ich hier nicht nur in Sicherheit bin, sondern auch daheim. Womit wir wieder am Anfang des Gesprächs wären: Ich glaube, ankommen heisst viel mehr als nur physisch an einem Ort sein. Angekommen ist man, wenn man einen Zufluchtsort in ein Zuhause verwandelt hat.
Dann frage ich dich nochmals: Bis du angekommen?
Ich bin auf guten Wegen.
Das Leben nach der Flucht
Wahidullah Alikhan, 25, lebt in Grenchen und arbeitet in Zürich auf dem Flughafen als Aushilfe bei der
Passagierkontrolle. Alikhan hat derzeit den F-Ausweis (vorläufig aufgenommene Flüchtlinge). Seine Fluchtgeschichte
von Afghanistan in die Schweiz können Sie in den Ausgaben 619 und 620 nachlesen oder bei uns bestellen: redaktion@strassenmagazin.ch.
Hintergründe im Podcast:
Radiojournalist Simon Berginz spricht mit Klaus Petrus darüber, wieso beim Erzählen von Fluchtgeschichten Stereotypisierungen lauern. surprise.ngo/talk