Arm trotz Arbeit
Armutsmonitoring (Teil 3): Wer genau sind «Working Poor», und warum reicht ihnen ihre Arbeit nicht zum Leben? Das Nationale Armutsmonitoring erklärt Hintergründe und Folgen dieses Phänomens. Und lässt manches aus.
Selbstverwirklichung, Anerkennung, Zugehörigkeit und Geld: Arbeit spielt in Gesellschaften wie der unsrigen eine herausragende Rolle für ein gelungenes Leben – oder zumindest für eine im ökonomischen Sinne sichere Existenz. Ist Arbeit für sich genommen noch kein Garant für Reichtum, so soll sie doch ein Schutz gegen Armut sein.
Diese Schutzfunktion von Erwerbsarbeit ist eines der zentralen Themen im Nationalen Armutsmonitoring, ein neuer, mehrere hundert Seiten umfassender Bericht des Bundes über die Armut in der Schweiz (siehe Box). Darin wurde die Armutsquote von Menschen mit und ohne Arbeit statistisch errechnet und dies – wenig überraschend – mit eindeutigem Befund: Wer Arbeit hat, läuft weit weniger Gefahr, arm zu werden. In Zahlen ausgedrückt: Bei Nichterwerbstätigen stieg die Armutsquote im Zeitraum zwischen 2014 und 2023 von 11 auf 17 Prozent an, bei Erwerbstätigen blieb sie konstant bei etwa 4 Prozent. Letztere machen 67 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren aus, eine der höchsten Erwerbstätigenquoten in Europa; die Arbeitslosenzahl in der Schweiz liegt seit Jahren mit etwa 3 Prozent im internationalen Vergleich sehr tief.
Gründe für Erwerbsarmut
Dass Menschen ohne Arbeit öfter unter dem Existenzminimum leben, bedeutet allerdings nicht, dass Menschen mit Arbeit nicht armutsbetroffen sind. Im Gegenteil: Man kann trotz Arbeit arm sein. In der Sozialwissenschaft werden diese Personen «Working Poor» genannt. So waren 2023 in der Schweiz 168 000 Menschen zwischen 18 und 64 Jahren, die offiziell arbeiten dürfen, trotz Erwerbsarbeit von sogenannter Einkommensarmut betroffen – eine Zahl, die das Armutsmonitoring als niedrig bezeichnet. Dabei ist allerdings zu beachten, dass Armut immer einen ganzen Haushalt betrifft und dass in der Schweiz über sechzig Prozent aller Haushalte aus mehreren Personen bestehen. Berechnet man also die Anzahl der Menschen, die in Working-Poor-Mehrpersonenhaushalten leben, inklusive der nicht arbeitenden Mitbetroffenen wie Kinder, Rentner*innen oder nichterwerbstätige Partner*innen, sind gemäss Bundesamt für Statistik (BfS) insgesamt 300000 Personen von Erwerbsarmut betroffen, darunter 78000 Kinder.
Doch wie kann es sein, dass man arm ist, wenn man doch arbeitet? Die Gründe für Erwerbsarmut sind vielfältig. Die Palette reicht von übergeordneten, makroökonomischen Rahmenbedingungen wie Trends auf dem Arbeitsmarkt – Stichwort KI – über soziodemographische Merkmale wie Alter, Geschlecht, Bildung und Migrationshintergrund bis hin zu individuellen Komponenten wie dem persönlichen Gesundheitszustand oder der Anzahl unterhaltspflichtiger Kinder.
Immer wieder taucht in diesem Zusammenhang das Thema Tieflöhne auf. Dieser Begriff steht für Löhne, die 2024 unter CHF 4683 brutto pro Monat (Vollzeit) lagen, das entspricht zwei Dritteln des standardisierten Bruttomedianlohnes desselben Jahres. Damit verbunden ist die Hypothese, dass Menschen, die bei hohen Arbeitspensen wenig verdienen, überdurchschnittlich oft einkommensarm sind. Die Zahlen des Armutsmonitorings bestätigen das allerdings nicht: Nur eine Minderheit der Tieflohnbeziehenden – sie machen 10 Prozent der Erwerbstätigen aus – sind Working Poor.
Auch die Umkehrung «Wer Working Poor ist, verdient wenig» gilt nicht allgemein: Rund ein Drittel der Erwerbsarmen hat ein durchschnittliches oder gar überdurchschnittliches Einkommen. Auch dies hat damit zu tun, dass Armut ganze Haushalte betrifft, der (Tief-)Lohn dagegen Individuen. So kann es sein, dass der Bedarf eines Haushalts von vier Personen nicht gedeckt ist, also armutsbetroffen, obschon die einzig Erwerbstätige in diesem Haushalt durchschnittlich gut verdient; umgekehrt gibt es Fälle, wo der Haushaltsbedarf von zwei Personen problemlos gedeckt werden kann, obgleich die zweite erwerbstätige Person im betreffenden Haushalt im Niedriglohnsektor arbeitet.
Das Thema Tieflohn führt zu einem weiteren wichtigen Aspekt, der die Frage betrifft, welche Personengruppen im Zusammenhang mit Erwerbsarmut besonders gefährdet sind. Unterschiedlichen Studien zufolge gehören Menschen mit Migrationshintergrund (vor allem aus Drittstaaten, also Nicht-EU-Bürger*innen), ältere Arbeitnehmende, die ihre Stelle wechseln müssen, sowie Frauen überdurchschnittlich oft zu den Working Poor, die im Niedriglohnsektor tätig sind. Das Armutsmonitoring hebt zu Recht hervor, dass sich viele dieser Personen infolge soziodemografischer oder biografischer Faktoren – wie mangelnde Bildung (siehe Surprise 624/26), sprachliche Hürden oder unbezahlte Care-Arbeit – in sogenannt atypische Arbeitsverhältnisse begeben müssen und genau diese Arbeiten oft mit niedrigen Löhnen vergütet werden. Zu solch atypischen Beschäftigungsformen zählen viele Teilzeitverhältnisse, befristete Verträge, Arbeit auf Abruf, unregelmässige Arbeitszeiten oder Minijobs. In der Schweiz gehen rund 942 000 Menschen solchen Arbeiten nach; demgegenüber arbeiten 3,7 Millionen in regulären, stabilen Verhältnissen, die meisten von ihnen mit Pensen zwischen 80 und 100 Prozent. Tatsächlich ist unterbezahlte Teilzeitarbeit einer der wichtigsten Risikofaktoren für Erwerbsarmut. So liegt die Armutsquote von Teilzeitbeschäftigten bei 5,8 Prozent, während sie bei Vollzeitbeschäftigten 2,8 Prozent beträgt; dabei arbeiten 12 Prozent aller erwerbstätigen Männer Teilzeit, bei Frauen liegt der Prozentsatz bei 54 Prozent.
Hinter all diesen Zahlen steht der gesellschaftspolitische Anspruch, der im oft zitierten Grundsatz «Existenzsicherung durch Arbeit» zum Ausdruck kommt; er gehört zu den Minimalforderungen eines Sozialstaates namentlich in kapitalistischen Wirtschaftssystemen. Die Existenz von Menschen jedoch, die trotz Arbeit unterhalb des Existenzminimums leben, untergräbt diesen Anspruch. Weswegen ein Gutteil der Sozialpolitik um Massnahmen kreist, Working Poor zu vermeiden. Dabei geht es um die Regulierung der Erwerbsarbeit durch Arbeitsrechte wie Kündigungsschutz oder geregelte Arbeitszeiten, ferner um den Ausbau der sozialen Absicherung, um die Reglementierung oder Einschränkung atypischer Arbeitsverhältnisse sowie schliesslich um Mindestlöhne und Gesamtarbeitsverträge – alles Massanahmen, die bekannt sind und eingehend diskutiert werden, so auch im Armutsmonitoring.
Bedrohte Mittelklasse
Bemerkenswert ist, dass dagegen in vielen Studien die wahrscheinlichen bis tatsächlichen Folgen der Tatsache, dass Arbeit vor Prekariat nicht (mehr) schützt, weitgehend ausgeblendet werden: Was passiert mit einer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen ihren durch Arbeit erworbenen Lebensstandard nicht mehr halten können und in Richtung Armut schlittern? Droht damit eine Krise der bisher stabilen Mittelklasse – also jener sozialen Schicht, die einen Grossteil der Kaufkraft ausmacht, ohne die so etwas wie nachhaltiger Wohlstand kaum aufrechtzuerhalten ist und die in Bezug auf soziale Ungleichheit ausgleichend wirkt oder zumindest soziale Spannungen mindert?
Zu Fragen wie diesen gibt es erst jüngst empirische Studien. Was auch damit zu tun haben dürfte, dass in den vergangenen Jahrzehnten statt von Klassenbewusstsein (wie das ehemals für die Arbeiter*innenbewegung massgeblich war) von gesellschaftlicher Individualisierung und Durchlässigkeit die Rede war. Dazu passt die Metapher vom «Fahrstuhleffekt» des deutschen Soziologen Ulrich Beck aus den 1980er-Jahren: Trotz nach wie vor bestehenden sozialen Unterschieden puncto Einkommen, Bildung etc. bewegten sich letztlich doch die allermeisten Mitglieder unserer Gesellschaft nach oben.
Inzwischen ist der Fahrstuhl jedoch ins Stocken geraten, einige Sozialwissenschaftler*innen reden offen von einer neuen «Abstiegsgesellschaft». So konnte der Wirtschaftssoziologe Daniel Oesch von der Universität Lausanne nachweisen, dass in den vergangenen Jahren vor allem im oberen Segment der Mittelklasse (z.B. Manager*innen, Ingenieur*innen, Bankangestellte) neue Jobs geschaffen oder bereits bestehende ausgebaut wurden; zugleich sind im unteren Segment (z.B. Bau-, Industriebranche) Arbeitsstellen weggefallen. Interessant ist hier auch eine Berechnung der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS): Angenommen, man würde die Armutsgrenze bei einem Existenzminimum ansetzen, das 500 Franken höher ist als das jetzige; dann würden gemäss dieser Definition 1,6 Millionen Menschen als arm gelten und nicht 708000, wie das gegenwärtig der Fall ist. Was zeigt, wie viele Menschen bereits jetzt nur knapp über dem Existenzminium leben – und zwar trotz Arbeit.
Das mögen noch keine Belege dafür sein, dass die Mittelklasse als Ganze in einer Krise ist, wohl aber, dass es die Mittelklasse womöglich nicht mehr geben wird, genauer: dass sie zunehmend fragmentiert wird. Tatsächlich ist bereits von einer «oberen» und einer «unteren Mittelklasse» die Rede; letztere wird als «near poor» bezeichnet, als fast arm. Dabei ähneln die Gründe für die zunehmend prekäre Lebenslage der Menschen aus der unteren Mittelklasse stark jenen der Working Poor; dazu gehören gestiegene Lebenshaltungskosten (wie Mieten und Krankenkassenprämien), aber auch die veränderte Arbeitswelt (z.B. Folgen der Digitalisierung, der Einsatz von KI, erhöhte Anforderungen an Flexibilität oder die Zunahme der Mini-Jobs oder Gig Economy).
Laut Studien zählen zu diesem Teil der Mittelklasse, der zunehmend in Richtung Armut rutscht, vor allem Personen mit Handwerksberufen oder mit Jobs im Dienstleistungssektor. Aber nicht nur: Vermehrt sind Menschen betroffen, die z.B. Kreativberufe ausüben im Bereich Medien, Design, Fotografie oder Grafik (die derzeit von KI-Anwendungen wegrationalisiert werden). Bemerkenswert ist diese Entwicklung, weil es sich hierbei um Personen handelt, zwar immer weniger ökonomisches Kapital zur Verfügung haben, aber – wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu sagt – über vergleichsweise hohes kulturelles und soziales Kapital verfügen, also über höhere Bildung, ein ausgeprägtes Sozialnetz sowie über politische wie soziale Teilhabe. Sie führen anderen aus der Mittelklasse somit vor Augen, dass der soziale Abstieg selbst unter «Gebildeten» eine reale Möglichkeit darstellt. In jedem Fall passen diese Menschen nicht recht ins bisherige Bild von armutsbetroffenen oder -gefährdeten Personen in Berichten wie dem Nationalen Armutsmonitoring.
Dass die Studie des Bundes soziale Klassen nicht zum Thema macht und sich damit auch nicht mit einer möglichen weiteren Fragmentierung der Mittelklasse mitsamt den Konsequenzen für eine Wohlstandsgesellschaft auseinandersetzt, mag verschiedene Gründe haben. Womöglich werden Erwägungen in diese Richtung als noch zu spekulativ erachtet; man will sich stattdessen auf verfügbare Zahlen und Statistiken über Armutsbetroffene hier und jetzt stützen. Vielleicht ist es aber so, dass die Existenz ungleicher sozialer Klassen nicht thematisiert wird, weil sich diese nur schwer ins Bild eines auf Gleichheit und Wohlstand ausgerichteten Staates fügen lassen. Oder wie die Sozialwissenschaftlerin Nicole Mayer-Ahuja das unlängst formuliert hat: «Weil es Klassenunterschiede nicht geben soll, werden sie kaum dokumentiert und selten untersucht.»