Wer hat, dem wird gegeben
Armutsmonitoring (Teil 2): Wer prekär lebt, hat oft weniger Chancen auf Bildung, und wer weniger Bildung hat, rutscht häufiger in die Armut ab. Weswegen die Forderung «Bildung für alle» für Chancengleichheit stehen soll. Aber ist es so einfach?
Es ist ein alter Hut: Zwischen Armut und Bildung gibt es einen engen Zusammenhang – auch in der Schweiz. Wie eng er ist und vor allem wie aktuell, zeigt das Nationale Armutsmonitoring, ein neuer, mehrere hundert Seiten umfassender Bericht vom Bund über die Armut in der Schweiz (siehe Box). So liegt bei Personen im Alter von 25 bis 64 Jahren mit obligatorischem Schulabschluss die Armutsquote bei rund 15 Prozent, bei der Gesamtbevölkerung beträgt sie etwa 6 Prozent – in der Armutsforschung ein Beleg dafür, dass mangelnde Bildung zu Armut führen kann. Auch kann die Herkunft einen Einfluss auf Bildungschancen haben: Im Jahr 2023 erreichten 9,6 Prozent der jungen Erwachsenen in der Schweiz keinen Abschluss auf Sekundarstufe II (Berufslehre/Gymnasium), davon stammt fast die Hälfte aus Haushalten mit einem tiefen Erwerbseinkommen sowie aus Familien mit Sozialhilfebezug. Im Nationalen Armutsmonitoring ist in diesem Zusammenhang von der Gefahr eines «Teufelkreises» die Rede: Armut verringert die Bildungschancen, was wiederum ein erhöhtes Risiko für Armut mit sich bringt.
Komplexe Zusammenhänge
Trotz dieser einleuchtenden Erklärung ist der Zusammenhang von Armut und Bildung im Detail äusserst komplex. So lässt sich aus dem Befund, dass mangelnde Bildung das Armutsrisiko erhöhen kann, nicht einfach schliessen, Bildung sei ein Garant dafür, nicht in Armut zu geraten. Auch dazu eine Zahl: In der Schweiz haben über 40 Prozent aller von Armut betroffenen Personen im Alter zwischen 25 und 64 Jahren einen Abschluss auf Sekundarstufe II und weitere 40 Prozent sogar eine Tertiärbildung (Hochschule/Höhere Berufsschule) (siehe Abb. Seite 18). Die Gründe für Armut sind also offenkundig vielfältig und Bildung ist nur einer unter anderen. Dennoch gilt weitherum das Credo, Bildung sei ein überaus effizientes Instrument, um Armut zu bekämpfen. So steht es auch im Nationalen Armutsmonitoring.
Wieso gerade Bildung? Obschon man Bildung als lebenslangen Prozess begreifen kann – man denke an Weiterbildungen, die von über der Hälfte der Schweizer Bevölkerung in Anspruch genommen werden –, gibt es keinen anderen gesellschaftlichen Bereich, in dem dermassen früh gesellschaftliche Türen geöffnet oder geschlossen werden. Entsprechend naheliegend ist der Anspruch, das Bildungssystem solle präventiv auf soziale Ungleichheit einwirken und für Chancengleichheit sorgen. Dabei heisst Chancengleichheit nicht, dass am Ende alle das Gleiche tun. Vielmehr soll für alle die Chance gleich gross sein, ihre Fähigkeiten zu entwickeln, um an der Gesellschaft teilzuhaben – und zwar unabhängig von Geschlecht, Alter, Hautfarbe, körperlicher wie psychischer Beeinträchtigung und eben auch: unabhängig von der sozialen Herkunft oder Klasse.
Seines Glückes Schmied
Dass alle dieselben Chancen haben sollen, um sich zu entwickeln, ist ohne Zweifel ein zentrales Anliegen und Versprechen auch der Schweiz. Daneben gibt es noch ein anderes Prinzip, das unsere Gesellschaft dominiert: das Leistungsprinzip. Es gründet auf der Überzeugung, dass jeder Mensch aus eigener Kraft, mit Fleiss und Geschick, «seines Glückes Schmied» werden kann. Die beiden Aspekte – Chance und Leistung – sind aufeinander bezogen und definieren das gesellschaftlich akzeptierte Mass an sozialer Ungleichheit, im Sinne von: Falls alle dieselben Chancen haben, ist es okay, wenn manche aufgrund ihrer Leistung mehr haben als andere. Haben hingegen einige die besseren Chancen als andere und profitieren sie davon, ist das nach dieser Auffassung unfair – und zwar egal, ob sie fleissig sind oder nicht.
Wenn nun gewisse Menschen, wie auch das Nationale Armutsmonitoring dies nahelegt, weniger Chancen auf Bildung haben, weil sie aus armutsbetroffenen oder prekären Verhältnissen stammen, liegt der Gedanke nahe, in ein Bildungssystem zu investieren, in dem Unterschiede der sozialen Herkunft möglichst keinen Einfluss auf die Chancen haben, welche einem im Leben durch Bildung eröffnet werden.
Aber ist dieser Anspruch realistisch? Am ehesten dürfte er dann überzeugen, wenn man soziale Herkunft vor allem über finanzielle Verhältnisse definiert, wie das in vielen Studien und auch im Nationalen Armutsmonitoring geschieht. Dann könnte man nämlich argumentieren: Ob jemand aus einer Familie mit viel Geld kommt oder nicht, soll für die Bildungschancen nicht ausschlaggebend sein.
Doch wird die soziale Herkunft eines Menschen nicht allein durch ökonomisches Kapital bestimmt. Auch, was der französische Soziologe Pierre Bourdieu das kulturelle Kapital genannt hat, ist relevant: Wissen, Sprache, Beziehungen, Auftreten, Titel, Einfluss und Macht – um bloss die offensichtlichsten Komponenten eines sozialen Milieus zu nennen, in das Menschen hineingeboren werden und das wiederum selbst viel mit Bildung zu tun hat.
Dabei wird dieses kulturelle Kapital häufig sozial vererbt, also von Eltern (oder anderen Bezugspersonen) an die Kinder weitergegeben. Oft passiert das subtil und ausserhalb des eigentlichen Bildungssystems. Zum Beispiel vermitteln Eltern den Kindern bereits im Vorschulalter grundlegende Kompetenzen wie Sprechen und Lesen oder unterstützen sie bei Verständnisproblemen oder Lernschwierigkeiten; auch organisieren sie für ihre Kinder häufig ein anspruchsvolles ausserschulisches Rahmenprogramm, bestehend etwa aus Musikunterricht oder Sport; zudem werden sie schon früh in ein Beziehungsnetz eingebettet, das ihnen später womöglich soziale Vorteile verschafft.
Die Bildung der Eltern prägt also die Bildungschancen der Kinder. Dass es diese Korrelation zwischen hohem kulturellem Kapital bzw. Bildung (der Eltern) und besseren Bildungschancen (der Kinder) tatsächlich gibt – ganz nach dem Matthäus-Effekt «Wer (schon) hat, dem wird (noch mehr) gegeben» –, ist auch für die Schweiz belegt. So hat eine Studie von 2023 gezeigt, dass 70 Prozent der Personen mit Eltern, die eine höhere Ausbildung haben, ebenfalls eine höhere Ausbildung abschliessen.
Umgekehrt zeigen Studien auch: Wer in einem Milieu mit geringem kulturellem Kapital heranwächst, hat es von Beginn weg schwerer. Das Nationale Armutsmonitoring verweist auf eine Untersuchung von 2023 aus dem Kanton Zürich: Kinder aus sozial benachteiligten Familien haben demnach bereits beim Eintritt in die erste Klasse ein signifikant tieferes Kompetenzniveau etwa der Sprache als Kinder aus privilegierten Familien. Für sein Buch «Mythos Bildung» hat der Sozialwissenschaftler Aladin El-Mafaalani entsprechende Langzeitstudien für Deutschland untersucht und dabei festgestellt, dass diese Startschwierigkeiten im Verlauf der Schuljahre nicht eingeebnet werden, sondern sich im Gegenteil häufig noch stärker bemerkbar machen. Er kommt daher zum Schluss, dass «die ungleichen Startbedingungen oft schon relativ früh institutionalisiert werden». Was darauf hinweist, dass das Bildungssystem selbst nicht in der Lage ist, diese durch die soziale Herkunft verursachte Ungleichheit zu beseitigen, sondern eher Gefahr läuft, sie zusätzlich zu zementieren.
Bildung als Problem?
Solche Zusammenhänge geraten nur in den Blick, wenn man soziale Herkunft weiter fasst als in Begriffen von Einkommen und Vermögen und auch das kulturelle Kapital eines Milieus miteinbezieht – und damit die Rolle der Bildung als Teil des sozialen Milieus. Wenn nun aber das kulturelle Kapital bzw. die Bildung der Eltern massgeblich für ungleiche Start- und Rahmenbedingungen der Kinder mitverantwortlich ist, so könnte man daraus den Schluss ziehen: Bildung ist nicht so sehr die Lösung für soziale Ungleichheit, sondern eher selbst das Problem – insofern sie diese Ungleichheit nämlich begünstigt. Oder wie Bourdieu es überspitzt formuliert hat: Statt Chancengleichheit zu fördern, reproduziert Bildung bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten und Machtverhältnisse.
Interessant ist hierbei, dass es Menschen gibt, die prekär leben – also wenig ökonomisches Kapitel haben –, jedoch über ausreichend kulturelles Kapital verfügen. Gemeint sind Kultur- und Kunstschaffende, aber auch immer mehr Personen aus der sogenannten akademischen Mittelschicht, die etwa Kreativberufe im Bereich Medien, Design, Fotografie oder Grafik ausüben. Die Gründe für ihre zunehmend prekäre Lebenslage sind bekannt: gestiegene Lebenshaltungskosten (wie Mieten und Krankenkassenprämien), aber auch die veränderte Arbeitswelt (z.B. Folgen der Digitalisierung, der Einsatz von KI, erhöhte Anforderungen an Flexibilität oder die Zunahme der Mini-Jobs oder Gig Economy). Sozialpolitisch interessant ist diese Personengruppe, weil sie von Theorien, welche einseitig auf Einkommen fokussieren und daher von der Korrelation «weniger Geld = weniger Bildung» ausgehen, nicht erfasst werden. Vielmehr entsprechen diese Personen dem Muster «weniger Geld, aber viel Bildung»; sie können ihren Kindern also trotz geringem Einkommen bessere Start- oder Rahmenbedingungen geben als Eltern, denen es an beidem mangelt: an ökonomischem wie auch an kulturellem Kapital.
Sich die Startbedingungen bewusst machen
Aus der Tatsache, dass der Grundstein für soziale Ungleichheit bereits in ungünstigen Start- und Rahmenbedingungen gelegt wird, ziehen Sozialwissenschaftler*innen wie Aladin El-Mafaalani den Schluss, dass neben zahlreichen anderen bildungspolitischen Massnahmen die frühe Kindheit stärker in den Fokus geraten müsse: «Kinder mit benachteiligter sozialer Herkunft benötigen dringend stärkere Unterstützung», schreibt er in seinem Buch «Mythos Bildung». Die Idee dahinter ist quasi eine rechnerische: Wenn ungleiche Start- und Rahmenbedingungen im Verlauf der Zeit nicht kleiner, sondern eher grösser werden, gilt es diese Ungleichheit schon möglichst früh zu verringern. Auch das Nationale Armutsmonitoring widmet der frühen Kindheit in seinem Bericht entsprechend ein gesondertes Kapitel und nennt als bildungspolitische Massnahmen nebst anderem: frühkindliche Bildung in familienergänzenden Betreuungsangeboten, Hausbesuchsprogramme, Elternbildung, frühe Sprachförderung, sonderpädagogische Angebote sowie Begegnungsorte für Familien.
Man mag einwenden, dass es sich hier bloss um Schlagworte handle. Tatsächlich aber wurden und werden in der Schweiz die entsprechenden Betreuungsangebote in den vergangenen zwanzig Jahren stetig ausgebaut. Dass vermehrt auf die soziale Herkunft geachtet wird und dabei auf die Rolle der Bildung, ist positiv zu sehen. War man vor Jahren noch überzeugt, Bildung habe das Potenzial, Chancengleichheit zu gewährleisten, gelangt man immer mehr zur Einsicht, dass Bildung eben auch für ungleiche Start- und Rahmenbedingungen sorgen und damit die soziale Ungleichheit mitverursachen kann. Auch deswegen ist immer weniger von Chancengleichheit die Rede. Im Zentrum steht vielmehr «Chancengerechtigkeit» und damit die Idee, dass alle Kinder trotz unterschiedlicher Startvoraussetzungen ihr Potenzial entfalten können. In diesem Konzept soll Bildung zumindest dazu beitragen, die durch soziale Herkunft verursachte Ungleichheit zu verringern. Und wenn das gelingt, ist das nicht wenig.
Wieso ein Nationales Armutsmonitoring?
Eine im Juni 2020 überwiesene Motion der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Ständerates (WBK-S) beauftragte den Bundesrat, ein regelmässiges Monitoring der Armut in der Schweiz einzurichten.
Ziel des vom Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Statistik (FS) und weiteren Fachleuten verfassten Berichts ist es, die Armutsentwicklung empirisch zu erfassen und den Forschungsstand systematisch aufzubereiten, um so Bund, Kantonen und Gemeinden Wissen für die Armutsprävention und -bekämpfung zur Verfügung zu stellen.
Im ersten Teil des Berichts (2025 erschienen) wurden die Bereiche Finanzielle Verhältnisse, Erwerbsarbeit und Bildung behandelt, für den zweiten Teil (voraussichtlich 2030) werden die Felder Gesundheit, Wohnen und gesellschaftliche Teilhabe aufbereitet.
Das Nationale Monitoring kann kostenlos bestellt werden unter: armutsmonitoring.ch KP