Kompetent in eigener Sache
Wenn in der Schweiz zu Armut geforscht wird, fehlen meistens ausgerechnet die Fragen und die Expertise der Betroffenen. Umso interessanter sind die Ergebnisse zweier Studien.
Im Zentrum der Armutsforschung stehen Definitionen, Analysen und Zahlen: was Armut ist, wie viele Personen davon betroffen sind, welche Faktoren für Armut ausschlaggebend sind und was, auf der Basis von Statistiken, dagegen zu machen ist. Um die Menschen selber – die Armen – geht es dabei, so erstaunlich das klingen mag, eher am Rande. Sicher, sie kommen vor. Oft sind es aber bloss kurze Porträts zu Beginn oder am Ende der wissenschaftlichen Analysen, in denen Armutsbetroffene ihre Lebensgeschichte schildern, warum sie in Armut geraten sind und wie sie damit umgehen – so auch im Nationalen Armutsmonitoring, ein neuer, mehrere hundert Seiten umfassender Bericht des Bundes über die Armut in der Schweiz (siehe Box).
Das Bild, das auf diese Weise von armutsbetroffenen Menschen gezeichnet wird, ist unterschiedlich. Es reicht von «Opfern», die unser aller Mitleid verdienen, bis hin zu «Resilienten», die aufgrund ihrer Lebensumstände als besonders Widerständige dargestellt werden. Fast immer werden die so Porträtierten zu Stellvertreter*innen für andere Armutsbetroffene oder gelten als typische Beispiele, wie mit den offensichtlichen Dimensionen der Armut wie Einkommen, Wohnen, Bildung und soziale Teilhabe umgegangen wird – alles Themen, die als feste Bestandteile der Armutsforschung in Fragebögen oder Interviews an die Armutsbetroffenen herangetragen werden.
Was aber wäre, wenn Armutsbetroffene von sich aus bestimmen könnten, worüber sie reden möchten? Wenn ihre persönlichen Geschichten nicht bloss als ein weiterer Beleg für statistische Berechnungen gälten, sondern wenn sie die Armutsforschung selber mitprägten?
Armutsforschung mit einem solch partizipativen Ansatz ist bisher die Ausnahme. Dazu gehört die Studie «Die verborgenen Dimensionen der Armut», die 2019 von der Universität Oxford in Zusammenarbeit mit ATD Vierte Welt veröffentlicht wurde. Im Anschluss daran lancierte ATD Vierte Welt das speziell auf die Schweiz gemünzte Forschungsprojekt «Armut – Identität – Gesellschaft». Wie in der Oxforder Studie wird auch hier die Methode des «Merging of Knowledge», des «Wissen-Kreuzens» angewandt: Die Erfahrungen und Kenntnisse sowohl von Wissenschaftler*innen und Fachkräften aus der Sozialen Arbeit als auch von Armutsbetroffenen werden zusammengetragen und einander gegenübergestellt, um so «gleichberechtigt und auf Augenhöhe», wie es in der Oxforder Studie heisst, über Armut zu forschen und entsprechende Massnahmen zu deren Bekämpfung auszuarbeiten.
Der Verlust der Autonomie
Schaut man sich die beiden Berichte an, so werden zwar auch hier die typischen Bereiche von Armut thematisiert, namentlich das geringe Einkommen, erschwerte Arbeitsbedingungen, die fehlende Bildung oder prekäre Wohnsituationen. Im Zentrum aber stehen Aspekte, die in der bisherigen Armutsforschung – wenn überhaupt – nur am Rande unter dem Stichwort «Subjektive Armut» zur Sprache kommen. Vier davon sollen kurz erwähnt werden (schematisch ausgedrückt: S. 21, oben).
Armut wird von den Betroffenen in erster Linie als Mangel an Kontrolle über das eigene Leben wahrgenommen. Dieser Verlust von Handlungsmacht oder Autonomie bedeutet, dass die Möglichkeiten und Mittel, eigene Ziele zu erreichen, von Dritten abhängen oder vorgegeben werden. Zu diesen Dritten zählen aus Sicht der Betroffenen auch der Staat, die Behörden oder die Sozialhilfe. Um das Recht auf Hilfe in Anspruch zu nehmen, müsse man sich solchen Institutionen gegenüber häufig rechtfertigen oder gar unterordnen; bei Verweigerung lebe man in Angst vor negativen Folgen, schildern Armutsbetroffene immer wieder. Indem sie ihre Wahlmöglichkeiten verlieren, werden sie in ihrer Identität verletzt und von Behörden und letztlich auch von der Gesellschaft nicht als handelnde Subjekte wahrgenommen, sondern als willenlose Objekte. Weshalb Armutsbetroffene aus der Oxforder Studie für sich in Anspruch nehmen, als «Aktivist*innen» bezeichnet zu werden.
Unterschätzte und ignorierte Fähigkeiten
Ebenfalls zentral ist für Betroffene die Erfahrung der sozialen Misshandlung und Herabsetzung. Damit ist die Art und Weise gemeint, wie Armutsbetroffene von anderen Personen, aber auch von Institutionen negativ wahrgenommen und mit Vorurteilen bedacht werden. Die Stigmatisierung betrifft Vorwürfe der Art «Wer arm ist, ist selber schuld», aber auch Stereotypisierungen von Armen als die «Schwachen» der Gesellschaft. Diese wiederkehrende Ab- und Ausgrenzung vom vermeintlich «Normalen» könne zu einer nachhaltigen Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls der Betroffenen führen, was wiederum ihre Handlungsmöglichkeiten einschränke, so die beiden Studien übereinstimmend. Die Betroffenen selber reden vom «täglichen Kampf» eines Lebens in Armut – ein Kampf, der eng verknüpft sei mit den Anstrengungen zu überleben, aber auch mit einem Gefühl der Solidarität mit Menschen, die Ähnliches erfahren, sowie mit gemeinsamem Widerstand.
Damit hängt ein dritter Punkt zusammen, der sowohl in der Oxforder wie auch der Schweizer Studie einen wichtigen Platz einnimmt: die von den Behörden, aber auch von der Gesellschaft insgesamt häufig nicht erkannten Kompetenzen der Armutsbetroffenen. Menschen in Armut, so heisst es in den Berichten, würden oft nur überleben können dank ihres Einfallsreichtums, ihrer ausgeprägten Menschenkenntnis sowie ihrer Strategien im Umgang mit Behörden und Bürokratie. Dagegen würde diese Art von Expertise «oft nicht oder nur negativ gesehen», womit ihnen eine gewisse Wertschätzung verwehrt bleibe.
Wohnort und Alter spielen eine Rolle
Schliesslich weist die Oxforder Studie auf eine Reihe von Faktoren hin, welche die Auswirkungen von Armut verschlimmern oder lindern können (in Abb. S. 21 ganz aussen). Dazu gehört etwa der Zeitpunkt oder das Alter, wann jemand in Armut gerät, sowie die Dauer der Armut. Beides bestimmt massgeblich die Ressourcen der betreffenden Person, um mit der Situation umzugehen und gegebenenfalls die eigene Armut zu überwinden.
Daneben spielen auch der Ort oder die Region, in der sich die armutsbetroffene Person befindet, eine Rolle: Lebt jemand in der Stadt oder auf dem Land – und in welchem Kanton? Je nachdem unterscheidet sich das Angebot an Dienstleistungen, Infrastruktur und Arbeitsplätzen; auch in Bezug auf soziale Scham und Vorurteile erweist sich Armut häufig als ortsabhängig. Gerade was die Stigmatisierung angeht sowie die Frage, ob Armut ein persönliches Versagen sei oder von strukturellen Bedingungen abhänge, kann der kulturelle Hintergrund eine wichtige Rolle spielen. Das arbeitet die Oxforder Studie an Beispielen heraus.
Dies sind einige Punkte, die aus der partizipativen Armutsforschung zweier Studien hervorgehen und die – weil bisher wenig beachtet – zu den «verborgenen Dimensionen» der Armut gezählt werden. Doch weshalb kommen sie in der klassischen Armutsforschung nur beiläufig oder gar nicht vor?
Warum so wenig Partizipation?
Eine Vermutung mag darin bestehen, dass sich die Forschung vor allem auf Ursachen und Faktoren von Armut beschränkt, die als messbar gelten, die «verborgenen Dimensionen» aber nicht von dieser Art sind. Was so allgemein formuliert aber nicht zutrifft. So hat das Nationale Armutsmonitoring im Rahmen einer Erhebung über die Einkommen und Lebensbedingungen von 19 000 Haushalten mit 9000 Personen einige dieser verborgenen Dimensionen der Armut durchaus zu quantifizieren versucht.
Dabei liess sich – Stichwort: Verlust der Handlungsmacht – in Prozenten bestätigen, dass armutsbetroffene Personen signifikant weniger oft oder ausgeprägt das Gefühl haben, in ihrem Leben das machen zu können, was ihnen wichtig ist (siehe Abb. S. 18, unten). Eine weitere Hypothese könnte sein, dass partizipative Armutsforschung schlicht zu aufwendig ist. Tatsächlich sind die in der Schweizer Studie beschriebenen Arbeitsmethoden und -prozesse, die dem «Wissen-Kreuzen» zugrunde liegen, äusserst komplex; sie haben unter anderem zur Gründung einer Wissenswerkstatt sowie einer Volksuniversität geführt. Allerdings zeigen gerade diese Forschungsprojekte, dass partizipative Armutsforschung nicht bloss möglich ist, sondern bisher vernachlässigte oder gar neuartige Facetten der Armut aufdeckt und damit für alle Beteiligten – Betroffene, Fachkräfte, Wissenschaftler*innen – von Gewinn sein kann.
Vielleicht liegt der Grund für die bisher eher stiefmütterliche Behandlung der verborgenen Dimensionen der Armut in der Forschung auch darin, dass man die Stimmen der Armutsbetroffenen für zu persönlich und episodisch erachtet – und damit für die Wissenschaft als zu wenig objektiv. Ob man mit dem Anspruch auf Objektivität jedoch das Phänomen Armut angemessen erfassen kann, stellt die partizipative Forschung zu Recht infrage. Oder wie der dänische Fotograf Jacob Holdt im Vorwort zu seinem radikal subjektiven Bildessay über Armut in den Vereinigten Staaten festhält: «Ich glaube nicht, dass jemand für sich Objektivität beanspruchen darf, wenn er eine Gesellschaft nicht ausschliesslich mit den Augen jener Menschen betrachtet, denen es am schlechtesten geht.»