«Sie harrten dort oben aus, ohne Wasser, ohne Essen»
Francesca Renon, Ärztin auf dem zivilen Schiff «Nadir», trifft im Mittelmeer auf Menschen, die sich auf eine Plattform retten konnten. Sie erzählt von Erschöpfung, der Angst vor Libyen und einem Meer, auf dem so viele Menschen sterben wie lange nicht mehr.
«Nachts sehen wir sie zuerst als Schatten auf der Ölplattform. Eine alte, stillgelegte Konstruktion aus Metall, rostig, vom Meer umgeben. Ihre Lichter sind schon von weitem zu erkennen, und genau deshalb versuchen Menschen immer wieder, dorthin zu gelangen. Als wir näherkommen, sehen wir, wie die Menschen auf der Plattform stehen. Sie haben es mit einem Schlauchboot dorthin geschafft und sind hinaufgeklettert. Als wir sie erreichen, harren sie dort seit etwa zehn Stunden aus. Ohne Wasser, ohne Essen. Es ist kein sicherer Ort. Aber in diesem Moment ist er für sie besser als das Boot. Auf See klammern sich Menschen an alles, was ein kleines bisschen Schutz verspricht.
Wir patrouillieren in diesem Gebiet nicht zufällig. Es ist eine Route, die von Menschen genutzt wird, die aus Libyen fliehen. Auch diese Plattform ist bekannt. Schon früher haben Menschen dort Zuflucht gesucht, und erst vor kurzem gab es genau hier eine Rettung. Als wir die Gruppe sehen, ist sofort klar: Sie haben gehandelt. Sie haben sich selbst bis hierhergebracht. Das ist etwas, das ich mir immer wieder bewusst mache. Diese Menschen sind nicht passiv. Sie versuchen, ihr Leben selbst zu retten.
Ich bin zum zweiten Mal mit RESQSHIP im Einsatz, einer deutschen Nicht-Regierungsorganisation, die Such- und Beobachtungseinsätze im zentralen Mittelmeer fährt. Auf der «Nadir» bin ich ehrenamtlich als Ärztin aktiv. Das ist meine Hauptaufgabe. Zusätzlich unterstütze ich die Kommunikation mit den Behörden, vor allem mit den italienischen, und ich erkläre den Menschen an Bord, was sie ungefähr erwartet, wenn sie Europa erreichen. Welche Rechte sie haben. Was am Hafen passiert. Wie die nächsten Schritte aussehen.
Die «Nadir» ist kein Rettungsschiff. Sie ist ein Beobachtungsschiff. Eigentlich müssten staatliche Akteure auf See suchen und retten. Aber wir sind dort draussen, weil diese Hilfe oft nicht geleistet wird. Wir fahren mit unserem kleinen Boot zur Plattform. Nacheinander holen wir die 47 Menschen herunter. Was mich in solchen Momenten immer beeindruckt ist, wie organisiert viele von ihnen sind. Diese Gruppe ist jung, aufmerksam, ruhig. Sie regeln ihren Platz untereinander, achten aufeinander, helfen sich gegenseitig. Sie machen selbst so etwas wie Crowd-Management. Das sehe ich oft: Die Menschen warten nicht einfach darauf, dass jemand kommt und sich um alles kümmert. Sie haben Initiative. Sie organisieren sich in Familien, in Gruppen, mit Freundschaften, die unterwegs entstanden sind. Sie sind zu diesem Zeitpunkt seit ungefähr 24 Stunden auf dem Wasser unterwegs. Unter ihnen sind vier Frauen, eine davon schwanger. Kritische medizinische Notfälle haben wir diesmal nicht. Aber der Zustand der Menschen ist nicht gut, weder körperlich noch psychisch. Während wir noch bei der Plattform sind, taucht ein Schnellboot auf. Eine libysche Einheit, wir wissen nicht genau, welche. Sie bleibt in der Nähe und beobachtet. Die Libyer verhalten sich nicht aggressiv, aber allein ihre Anwesenheit reicht aus. Die Stimmung kippt sofort. Die Menschen bekommen Angst. Viele fürchten, zurück nach Libyen gebracht zu werden. Diese Angst ist sehr konkret, weil sie damit zusammenhängt, was sie dort erlebt haben oder wovon sie wissen: Gewalt, Haft, Erpressung, massive Menschenrechtsverletzungen.
Wir bringen die Menschen an Bord und setzen unseren Kurs nach Norden fort. Doch der Einsatz ist damit nicht vorbei. Wir treffen auf ein weiteres Boot, dann auf noch eines. Zwei weitere Gruppen, zusätzlich 43 Personen. Auch ihre Boote sind nicht dafür gemacht, lange auf See zu bleiben. Also nehmen wir auch diese Menschen an Bord. Am Ende sind es 90 Menschen, mit verschiedenen Nationalitäten, unterschiedlichen Geschichten und in sehr unterschiedlichen Zuständen.
Stabilisieren und die Schmerzen lindern
An Bord beginnen wir mit dem, was wir immer tun: Wir priorisieren. Die verletzlichsten Menschen bringen wir unter Deck. Frauen, Kinder, diesmal sind drei dabei, das jüngste acht Monate alt. Auch ein Mann mit eingeschränkter Beweglichkeit. Alle anderen bleiben draussen im Bug, im Wind, oft noch in nasser Kleidung. Das ist hart, aber immer noch sicherer als ihre Boote.
Und trotzdem: Sicher ist das hier nicht. Die «Nadir» ist kein Ort, an dem Menschen eigentlich untergebracht sein sollten. Viele kommen erschöpft an Bord. Sie sind dehydriert, seekrank, frieren. Wir verteilen Schwimmwesten, weil viele keine haben oder nur solche, die nicht wirklich schützen. Manchmal sind es Gummischläuche aus alten Autoreifen. Wir geben trockene Kleidung, so gut es geht. Beim Essen sind unsere Möglichkeiten begrenzt: oft sind es Cracker und Kekse. Wenn das Meer ruhig ist und nicht zu viele Menschen an Bord sind, können wir auch etwas kochen, zum Beispiel Couscous. Aber in solchen Situationen geht es vor allem darum, das Nötigste zu tun.
Der Raum, den wir als Krankenstation nutzen, ist klein. Wenn es einen Notfall gibt, behandeln wir dort. Ideal ist das nicht. Dort stehen auch die Geräte, mit denen wir mit den Behörden kommunizieren. Mehr Platz gibt es nicht. Wir können stabilisieren, Schmerzen lindern, beobachten. Mehr nicht. Die häufigsten Probleme sind Seekrankheit, Dehydrierung, Unterkühlung. Sehr häufig sehen wir auch Verätzungen durch Treibstoff, der sich mit Salzwasser mischt. Besonders Frauen und Kinder sind betroffen, weil sie im inneren Teil der Boote sitzen, wo sich diese Mischung sammelt. Sie sitzen oft stundenlang darin. Die Haut wird stark geschädigt. Es sind auch viele schwangere Frauen unter den Menschen. Dann versuchen wir einzuschätzen, ob die Situation stabil ist oder ob wir eine Evakuierung anfordern müssen. Aber auch das dauert.
Nicht nach den Geschichten fragen
Neben der medizinischen Arbeit versuchen wir Orientierung zu geben. Wir erklären, was bei der Ankunft passieren wird. Dass es chaotisch sein kann, laut, viele Uniformen, viele Fragen. Dass sie vielleicht nachts ankommen und müde sind und nicht alles verstehen. Wir erklären grundlegende Rechte, vor allem für besonders verletzliche Menschen. Es geht nicht darum, alles zu erklären, sondern ihnen wenigstens ein bisschen Sicherheit zu geben.
Wir fragen nicht nach ihren Geschichten. Wir wissen, wie schnell man Menschen retraumatisieren kann. Vielleicht haben sie jemanden verloren. Vielleicht sind Menschen vor ihren Augen gestorben. Das Schiff ist nicht der Ort, um das alles wieder hervorzuholen. Wenn sie erzählen wollen, erzählen sie. Und manchmal tun sie das. Männer berichten von Gewalt in libyschen Gefängnissen, von Zwangsarbeit, von Erpressung. Frauen erzählen von sexualisierter Gewalt, sowohl in ihren Herkunftsländern als auch in Libyen.
Ich arbeite normalerweise als Kardiologin in einem Krankenhaus in der Nähe von Turin. Gleichzeitig engagiere ich mich an der Grenze zwischen Italien und Frankreich für geflüchtete Menschen, an Land. Mein erster Einsatz auf See hat mich verändert. Es war dunkel, leer, das Meer riesig. Und ich hatte Angst, obwohl ich auf einem sicheren Schiff war. Ich dachte: Wenn ich das schon so empfinde, wie muss es dann für die Menschen sein, die in diesen fragilen Booten sitzen? Ich sage oft: Diese Menschen sind sehr mutig. Aber sie sind nicht einfach nur mutig. Sie kommen aus Situationen, die so schwierig sind, dass sie diese Überfahrt in Kauf nehmen. Niemand steigt in ein solches Boot, wenn es eine echte Alternative gibt.
Kurz vor Lampedusa verändert sich die Stimmung an Bord. Die Insel ist schon lange vorher sichtbar. Wenn die Menschen sie erkennen, kommt oft die Erleichterung. Manche fragen immer wieder: Wir fahren nicht zurück nach Libyen, oder? Wir fahren nach Europa? Wenn sie Lampedusa sehen, sind viele glücklich. Später wird es ruhiger. Wir bereiten die Ausschiffung vor, erklären den Ablauf. Und dann sitzen viele einfach da und warten.
Was mich beschäftigt, ist auch die Perspektive in Europa. Migration wird oft als Problem gesehen. Aber es ist schwer, die Menschen dahinter zu sehen. Ich bin Italienerin. Wir selbst sind seit langem wirtschaftliche Migrant*innen. Wir gehen in andere Länder, weil wir bessere Chancen wollen. Aber wir nennen uns «Expats». Wir haben einen Pass, der uns erlaubt, uns frei zu bewegen. Andere haben dieses Privileg nicht. Ich frage mich oft: Warum sollten sie dieses Recht nicht haben? Der Unterschied zwischen uns ist nicht, dass wir grundsätzlich anders sind. Der Unterschied ist der Pass, den wir haben. Und das Glück, das damit verbunden ist.
Wenn ich auf die Zahlen schaue, dann erschrecken sie mich jedes Mal neu. Allein in diesem Jahr sind schon über 1200 Menschen im Mittelmeer umgekommen. Und das sind nur die Fälle, von denen wir wissen. Es gibt Boote, die einfach verschwinden.
Für mich ist das nicht einfach etwas, das passiert. Es hat Gründe. Wir wissen, dass diese Route eine der tödlichsten der Welt ist. Und gleichzeitig sehen wir, dass immer weniger zivile Schiffe im Einsatz sind. Viele NGO-Schiffe werden blockiert, festgesetzt oder mit administrativen Massnahmen aufgehalten. Sie müssen in weit entfernte Häfen fahren, sie fehlen dann oft genau dort, wo sie gebraucht würden.
Wenn weniger Hilfe da ist, sterben mehr Menschen. Und trotzdem hören die Überfahrten nicht auf. Die Menschen steigen weiterhin in diese Boote. Deshalb fühlt es sich für mich falsch an, so zu tun, als wäre das einfach Pech oder Zufall. Es sind Entscheidungen, die einen Einfluss darauf haben, wie viele Menschen überleben. Deshalb bin ich hier.»
Die Zahl der Toten
Das «Missing Migrants Project» der Internationalen Organisation für Migration (IOM) erfasst seit 2014 die Zahl derjenigen, die weltweit auf dem Weg zu einem internationalen Zielort ums Leben kommen, auch die im Mittelmeer. Das Projekt betreibt die weltweit einzige frei zugängliche Datenbank über diese Art Todesfälle.
Die IOM und das UNHCR stimmen sich regelmässig ab, um Daten zu vermissten Migrant*innen im Mittelmeerraum zu validieren. Derzeit liegt die Gesamtzahl bei 34 869 Personen (Stand 3. Mai).