Literatur

Ankunft

TEXT
AZAD ŞÎMMO
Illustration
Martina Pauková
Nr. 629,

Wie viele Wege habe ich so zurückgelegt
Jetzt bin ich im Herzen Graubündens
Der Stadt, die sich vom Abhang des Engadin her
erstreckt
Bin aus der Mitte der Römer gekommen
Habe von Schreibern überlieferte Erlasse mitgebracht
Vielleicht ist endlich die Zeit gekommen, deine Zufälle
zu verwirklichen
Wer weiss, vielleicht ist jetzt der Herr meines Herzens
hier
Oder meiner Tage voller Kummer

 

Diese Stadt nennt man also Chur
Ringsum von Bergen umgeben
Und wenn mir diese Sicht nicht seltsam vorkäme
Erschiene sie mir wie ohnmächtig
Wie die meisten Gesichter, in die ich geschaut habe,
wenn auch unabsichtlich
Wie eine Wiederholung der Geschichte
Ich fürchte, mit diesem Gefühl finde ich keine Zuflucht
in dieser Stadt

 

Ach schaut, was ist denn das
Man hört das Geräusch von Wassertropfen,
wie von Tränen
Das kommt vom Lucrezia-Brunnen, bei dem ich
angehalten habe
Sie war einst ein Ausbund an Tugend und Zierlichkeit
Vielleicht verliert sich durch diesen Zufall
Mein innerer Zweifel an der Liebe

 

Ich weiss ja, dass in vielen Erzählungen
Tränen beim Widerstand gegen Brutalität als
Beweis gelten
So viele Menschen haben dieses Martyrium erlebt
Deine Neugier und dein Entdecken ergeben sich
zwangsläufig

 

Oder man sieht sie als Grund an
Für deine Treue und dein Verlassen
Trotzdem stört den Menschen wie Lärm
Die Streiterei und das Geschwätz des Vorübergehenden
Ein Mann mit einem Stift in der Hand steht da
Ich sage zu mir: Was kräht diese Elster so laut
Damit jeder seine Männlichkeit erkennt
Streut er ständig Worte um sich aus
Ich nähere mich neugierig, ohne dass er es bemerkt
Wenn ich nicht falsch verstanden habe, heisst er Ishaan

 

Nun habe ich verstanden, ok
Du heisst also Ishaan, das bedeutet, du suchst dich selbst
Wenn das so ist, geh zum Bischof und lass dich lehren
Oder wenn dir diese Menschenmenge behagt
Geh auf den Friedhof, quasi das angehaltene Herz
dieser Stadt
Damit du dein Ego in dir begräbst
Damit du die Einzigartigkeit verstehst, die als Ersatz im
Menschen liegt
Sonst ist es unmöglich
Sonst kann ich deine unbegründete Heiterkeit nicht
ertragen

Aus dem Türkischen übersetzt von Barbara Yurtdaş.

 

Seit 2023 arbeiten Azad Şîmmo und Gianna Olinda Cadonau zusammen an einer zweisprachigen lyrischen Erzählung – einem modernen Epos. Dies hier ist ein Auszug daraus.

AZAD ŞÎMMO stammt aus einer kurdisch-alevitischen Familie in der Türkei. Er hat Soziologie in Malatya studiert und arbeitete als Philosophielehrer an einem Gymnasium. Seit 2015 hat er drei Gedichtbände und einen Roman veröffentlicht.

Weitere Artikel zum Thema Migration