Auf der Suche nach dem Ausgang

Lange Tage, Angst, unerfüllte Liebe: Intime Einblicke in das einsame Leben eines älteren Menschen.

30.04.2026TEXT: KURT HERBST*

Diese Nacht hat mich mein schneller Pulsschlag wieder einmal die Nachtruhe gekostet. Keine Liegeposition konnte dies verhindern. Erst gegen Morgen wurde es besser, und ich bin wohl noch kurz eingeschlafen. Das Aufstehen ist für mich ein immerwährender Kampf zwischen «einfach noch länger liegen bleiben» und der Aussicht auf den immer gleichen Alltagstrott. Ich überlege mir dann noch im Bett dösend, was heute wohl zu tun wäre. Meist ist es nichts Wichtiges, was den langen Tag auszufüllen vermag. So stehe ich schliesslich meist widerwillig auf, gehe in die Küche und mache mir einen Kaffee.

Dazu noch das Radio an. Es läuft fast den ganzen Tag im Hintergrund, obwohl ich die Beiträge akustisch kaum verstehen kann, da der Ton sehr leise eingestellt ist. Ich brauche aber diese Stimmen, um die Einsamkeit, die Leere in der Wohnung und in mir zu überdecken. Ich mache mir Frühstück. Es ist immer derselbe Ablauf. Eine Art Müesli aus zuckerfreiem Proteinjoghurt, dazu ein paar Früchte und Leinsamen. Die Zeit scheint stillzustehen.

Besonders in den Wintermonaten ist meine Wohnung sehr dunkel, und die paar Bilder an den Wänden, einzelne kleine Farbkleckse, machen sie nicht viel wohnlicher. Die Siedlung, in der ich als Rentner noch eine bezahlbare Wohnung gefunden habe, ist eine riesige, moderne Überbauung mit 148 Mietwohnungen. Grauer Beton, so weit das Auge reicht. In der Umgebung, eigentlich fast mitten in der Stadt, hat es kein einziges Café, keinen Laden in «walking distance». Unendlich viele Helikoptereltern schwirren um ihren Nachwuchs herum. Als älterer, alleine lebender Mensch wird man hier kaum wahrgenommen, hat kaum Kontakt. Es dreht sich hier alles ums Thema Familie. Wann wird der nächste Kindergeburtstag gefeiert, wann ist Kinderflohmarkt, wann der Räbeliechtliumzug? Es kann schon mal nerven!

Genauso monoton und ritualisiert wie das Frühstück ist meine morgendliche Körperpflege. Vor Jahren habe ich noch täglich geduscht, meist dabei sogar noch die Haare gewaschen. Heute habe ich die Kraft nicht mehr. Eine richtige Dusche schaffe ich noch maximal einmal die Woche. An den übrigen Tagen wasche ich mich mit zwei unterschiedlichen Waschlappen. Einer fürs Gesicht und obenrum. Der andere für intimere Stellen. Das Deo unter den Achselhöhlen darf allerdings nicht fehlen. Die Haare, die morgens wirr durcheinander stehen, feuchte ich leicht an, um sie dann mit Haarspray einigermassen in Form zu bringen. Dann muss ich mich, noch immer im Trainingsanzug, ein erstes Mal an diesem Tag ein paar Minuten hinlegen. Ich versuche krampfhaft, den Kontakt zu einigen Menschen in meinem sozialen Umfeld aufrechtzuerhalten. Menschen, die ich zum Teil schon dreissig Jahre kenne. Es kommen leider sehr wenige neue Kontakte hinzu, und diese sind zudem nur sehr punktuell. Mal ein gemeinsames Bier trinken, einen kurzen Spaziergang machen. Dann bin ich wieder auf mich selbst zurückgeworfen – all-ein(s).

Alkohol und Fussball

Ich war schon als Kind sehr einsam und freute mich wohl als einziger Schüler, wenn nach den langen Sommerferien der Unterricht wieder anfing. Ich musste meine Einsamkeit verdrängen, sonst wäre ich wohl daran zugrunde gegangen. Manchmal bin ich mit dem Fahrrad zu einer Feuerstelle am Waldrand gefahren. Sass dann dort oft stundenlang auf einer der Parkbänke und spürte weder Angst noch Traurigkeit. Einfach nichts. Heute komme ich auf ganz schön abwegige Gedanken, um meiner Vereinsamung in der anonymen Zweieinhalbzimmerwohnung zu entfliehen. Ich fahre ab und zu mit den öffentlichen Verkehrsmitteln der Stadt eine bestimmte Tram- oder Busstrecke ab, und zwar von Endhaltestelle zu Endhaltestelle. So bin ich zumindest unter Menschen, und vielleicht ergibt sich ja etwas! Meistens oder fast immer aber nicht. Keine Gespräche mit Mitreisenden, kein Augenkontakt, kein Lächeln. Oft habe ich das Gefühl, unsichtbar zu sein!

Diese Einsamkeit habe ich jahrelang mit Alkohol therapiert, was geholfen hat. Jetzt jedoch kommen immer mehr beängstigende Signale von meinem Körper. Zum Beispiel, und das ist noch relativ harmlos, geschädigte periphere Nerven in den Zehenspitzen, was sich in Kribbeln und Taubheit äussert. Ich muss wohl oder übel den Konsum drastisch reduzieren. Um ganz darauf zu verzichten, fehlt mir jedoch der Wille. Denn ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, abends vor dem Fernseher eine Flasche Rotwein zu leeren, manchmal auch mehr. Das gibt mir ein wohliges Gefühl und lässt mich das immer gleiche fade Alltagsleben mindestens zeitweise vergessen.

Fernsehen gab und gibt mir mehr als Lesen. Es ist das Gefühl, im Leben mittendrin zu sein. Deshalb sind meine Lieblingssendungen auch Livediskussionen oder Sportdirektübertragungen. Bei diesen habe ich als älterer Mann und ohne die Hoffnung, noch mal eine Beziehung mit einer Frau eingehen zu können, die Freude am Frauenfussball entdeckt, was viele nicht verstehen wollen. Es ist die Eleganz der Spielerinnen, das Sinnliche, ja fast Erotische, was mich anzieht, ganz im Gegenteil zum Testosteronk(r)ampf im hoch bezahlten Männerfussball, welchen ich so gut wie gar nicht mehr konsumiere.

Manchmal habe ich Angst. Angst, wenn ich nach vier bis fünf Stunden Schlaf mitten in der Nacht aufwache und dann eine Zeit lang wie benommen daliege. Es ist totenstill im Zimmer. Nur ein leicht pulsierendes Geräusch ist wahrzunehmen, das durch das Kopfkissen dringt. Dazu ein ganz feines Summen, wie vom Blutstrom, der meinen Körper durchflutet. Ich habe Angst, eines Tages nicht mehr die Kraft zu besitzen, mich der alltäglichen Routine zu stellen. Es ist nicht einmal ein körperliches Problem, mehr ein psychisch-seelisches. Nicht mehr aufstehen zu können, um die alltäglichen Verrichtungen anzugehen. Die To-do-Liste nicht mehr abarbeiten zu können. Es wird zunehmend schwieriger für mich, dem Tag eine sinnvolle Struktur zu geben. Als Pensionist, habe ich mal gelesen, sind drei Dinge wichtig: Ein möglichst grosses Netzwerk an persönlichen Kontakten zu pflegen, gute Gesundheit und Finanzen, welche es einem erlauben, zumindest ab und zu eine kleine Reise zu unternehmen, einen Kinobesuch oder ein Abendessen in der Stadt. Ist einer dieser Punkte nicht erfüllt, kann es schon recht mühsam werden. Fehlen zwei davon, hat man längerfristig ein Problem.

Manchmal hadere ich, ob es nicht besser wäre, mich aus dieser Welt zu verabschieden.

Ich habe mich schon ziemlich konkret mit diesem Ausgang beschäftigt, denn ich glaube nicht, dass ich dieses Leben noch jahrelang so ertrage. Eine Patientenverfügung habe ich bereits ausgefüllt. Dazu bin ich seit Jahren Mitglied in einer Sterbehilfeorganisation. Selbst beim Friedhofsamt der Stadt findet sich eine Anweisung, wem im Fall meines Ablebens die Urne zu übergeben sei und wo genau die Asche in ein mir vertrautes Gewässer verstreut werden soll. Es wäre für mich der mögliche Ausgang aus einem dunklen, leeren Raum, welcher mir fast unerträglich geworden ist. Natürlich könnte man sich auch in andere Süchte oder vielfältige Aktivitäten flüchten, aber wozu? «Lass doch das Lamentieren», denke ich mir. Was nach diesem Leben kommt, weiss niemand. Schon als Kind habe ich mich mit dem Tod auseinandergesetzt, und die Vorstellung, dass mit dem Ableben eine zeitlose, unendliche Dunkelheit hereinbrechen könnte, machte mir Angst. Heute sehe ich den Tod eher als Erlösung, obwohl ich, als es mir noch gut ging, sehr gerne gelebt habe. Zwischen dem neunzehnten und fünfzigsten Lebensjahr war meine beste Zeit. Eine anspruchsvolle und erfüllende Tätigkeit als Dozent an einem Gymnasium. Dazu viele spannende und lustige Beziehungserlebnisse.

Eine Begegnung an Silvester

Das Highlight war wohl die Beziehung zu der Astrologin Lynn, und ich denke noch heute darüber nach, warum diese eigentlich scheitern musste. Schon das Kennenlernen war sehr aussergewöhnlich, wie die ganze zehnjährige Verbindung. Es war die Silvesternacht in einer Kirche bei Einsiedeln. Ein Orgelkonzert. Dicht gedrängt die Menschen in der klirrenden Kälte des ungeheizten Raumes. Nur links neben mir in der ersten Reihe blieb für ein paar Minuten ein Platz frei. Begleitet von zwei Kolleginnen, eingehüllt in eine dicke Decke, die wir alle drei über unsere Beine gezogen hatten, merkte ich sofort auf, als die Frau sich neben mich setzte. Aus den Augenwinkeln erkannte ich eine zierliche Person, in einen Pelzmantel gehüllt, spitze, elegante Schuhe, blonde Haare, und irgendwie war mir sofort klar, innerhalb von Sekunden, wie ich später oft zu erzählen pflegte, dass ich diese Frau unbedingt kennenlernen wollte. Sie gefiel mir, war schlank, hatte aber ein kleines Bäuchlein. «Damit kann ich leben», dachte ich mir, ohne zu überdenken, ob die Frau wohl auch mit mir, damals ziemlich mollig und auf die hundertacht Kilo zugehend, leben könnte. Dieser Gedanke kam mir erst viel später. Auf jeden Fall konnte ich dem Gespräch mit ihr, das wie ein auf der Kinoleinwand unscharf eingestellter Film milchig an mir vorbeizog, entnehmen, dass die Frau fünfundvierzig Jahre alt war, zwei ältere und ein Kind von dreizehn Jahren hatte und irgendwie auf der Suche war. «Wer ist sonst schon in der Silvesternacht allein unterwegs», dachte ich mir. «Ich heisse Lynn», sagte die Frau. «Ich bin Kurt», erwiderte ich.

Diese Zeiten sind längst vorbei. «In meinem Leben passiert so gut wie nichts mehr», klage ich des Öfteren meinen Freunden. Ob es an mir liegen könnte, ist unklar. Mir fehlt der intime Kontakt zu einer geliebten Person. Das spontane Beisammensein, ohne jedes Treffen im Voraus planen zu müssen. Das Kuscheln. Den weichen Körper einer Frau neben mir zu spüren. Zu lieben.

Kein Einzelfall

Vor allem ältere Menschen sind betroffen. Warum dem so ist und was man tun kann, ist gut erforscht. Mancherorts gibt es Angebote.

Einsamkeit ist zum grossen Thema unserer Zeit geworden. Rund 25 Prozent der Schweizer Bevölkerung, das sind 2,2 Millionen Menschen, fühlen sich laut Bundesamt für Statistik (BfS) manchmal, 13,5 Prozent sogar sehr häufig einsam. Während der Corona-Pandemie stieg die Zahl auf 42 Prozent an, darunter waren viele Jugendliche. Es gab Debatten über Wege aus der Einsamkeit, Selbsthilfegruppen wurden gegründet, der Bund entwickelte gar einen Indikator zur Ermittlung des Einsamkeitsgefühls.

Nebst sehr jungen sind es vor allem ältere Menschen, die sich überdurchschnittlich oft einsam fühlen. Gemäss Schweizer Altersmonitor sind fast 450000 Personen im Alter über 55 Jahre betroffen, darunter 165000 Senior*innen, die nach eigenen Aussagen sehr häufig einsam sind.

Die Gründe für Alterseinsamkeit sind komplex. Oft ist es ein Zusammenspiel von belastenden Lebensereignissen, eingeschränkten Möglichkeiten, sich zu entfalten, sowie «unsichtbaren» Faktoren wie dem Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden.

Ein signifikanter Zusammenhang besteht auch zwischen Einsamkeit und Armut im Alter. Wer altersarm ist, kann schon aus ökonomischen Gründen nicht mehr vollumfänglich am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Einige fühlen sich dadurch ausgeschlossen und ziehen sich zurück.

Zudem ist Armut in unserer Gesellschaft oft mit Scham verknüpft. Dies kann dazu führen, dass Armutsbetroffene ihre Situation gegenüber anderen verheimlichen. Gefühle wie Scham, Schuld am eigenen Versagen oder die Angst vor dem Verlust der Zugehörigkeit können das Gefühl von Einsamkeit verursachen oder verstärken – gleichzeitig gehören sie auch zu den Folgen von Einsamkeit.

Vereinigungen wie beispielsweise «connect! – gemeinsam weniger einsam» versuchen entsprechend durch Sensibilisierung der Gesellschaft, konkrete Massnahmen für Betroffene sowie durch Förderung der sozialen Zusammengehörigkeit Einsamkeit im Alter möglichst zu reduzieren. KP

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