Armut

Beschämt und versteckt

Hundertausende Senior*innen leben in der Schweiz unter der Armutsgrenze. Weil sie sich dafür schämen, beziehen viele keine Ergänzungsleistungen.

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KLAUS PETRUS
Nr. 553,

Menschen leben in der Schweiz unter der Armutsgrenze (2295 CHF pro Monat für eine Einzelperson, 3989 Franken für Familie mit zwei Kindern), das sind 8,7 % der Bevölkerung (Stand 2021).

Eine Dreiviertelmillion – so viele Menschen sind in der reichen Schweiz arm. Besonders auffallend ist der Anteil älterer Menschen: Rund 300 000 Senior*innen haben weniger als 2400 Franken pro Kopf und Monat zur Verfügung und leben damit unter der Armutsgrenze, so eine neue Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) im Auftrag von Pro Senectute. Diese Zahlen passen nicht recht zum Bild von der Schweiz als «Land der reichen Alten». In die Welt gesetzt wurde es vor gut fünfzehn Jahren, als das Bundesamt für Sozialversicherung eine Umfrage veröffentlichte, der zufolge jedes siebte Senior*innenpaar über ein Nettovermögen von mindestens einer Million Franken verfügt. Beides stimmt.

Ungerechte Altersvorsorge

Die Gründe für Altersarmut sind vielschichtig. Ein sozialpolitischer besteht im Drei-Säulen-Modell, das 1972 im Schweizer Gesetz verankert wurde. Mit der Einführung der zweiten Säule – die einkommensabhängige berufliche Vorsorge – wurden jene Menschen benachteiligt, die nicht ihr ganzes Erwerbsleben in der Schweiz verbrachten, keine bzw. nur eine Teilzeitarbeit hatten oder generell über ein niedriges Einkommen verfügten. Tatsächlich sind gemäss Studien insbesondere Frauen, Personen ohne obligatorische Ausbildung sowie Menschen mit Migrationsgeschichte von Altersarmut betroffen.

der Bevölkerung können sich finanziell keine regelmässigen Freizeitaktivitäten leisten, 3 Prozent können nicht mindestens einmal pro Monat Freunde oder Familie zum Essen treffen (Stand 2021).

Die sozialpolitischen Bestrebungen zur Bekämpfung der Altersarmut richten sich entsprechend auf eine AHV-Revision (die letzte wurde 2022 per Volksabstimmung hauchdünn angenommen) sowie insbesondere auf eine Anpassung der zweiten Säule, sodass auch Personen mit einem Teilzeitpensum oder geringerem Einkommen ausreichend abgesichert sind.

Ein weiterer Grund ist eher sozialpsychologischer Art. Seit Jahren ist bekannt, dass Senior*innen die Ergänzungsleistungen EL nicht beziehen, obschon sie Anspruch darauf haben. Gemäss einer neuen Studie handelt es sich allein im Kanton Basel-Stadt dabei um fast einen Drittel aller Pensionär*innen; rechnet man das auf die gesamte Schweiz hoch, wären es 230 000 Personen.

Wieder sind die Gründe mannigfaltig. So fehlt es manchen Bezugsberechtigten bisweilen an den nötigen Informationen über die Sozialleistungen, andere entscheiden sich bewusst gegen die Bezüge, weil sie kein Geld vom Staat annehmen möchten. Ein Grossteil der Leute aber, und dies zeigen auch Untersuchungen etwa aus Deutschland, bezieht deswegen keine EL, weil sie sich schämen.

Scham ist eine ausgesprochen komplexe Emotion und kennt unterschiedliche Ausprägungen. Die in den Sozialwissenschaften so genannte «Anpassungsscham» ist durch die Angst vor der Geringschätzung durch andere charakterisiert; ausgelöst wird sie dadurch, dass eine Person glaubt, den vorherrschenden gesellschaftlichen Normen nicht zu entsprechen. Im Zusammenhang mit Armut haben diese Normen häufig mit Verantwortung, Wohlergehen bzw. Selbstoptimierung, Status oder Konsum zu tun. Die Scham äussert sich oft im Gefühl, versagt zu haben und nicht mehr mithalten zu können. Inzwischen ist auch empirisch belegt, dass dieses Gefühl wiederum dazu führt, dass sich die betroffenen Personen vom sozialen Leben immer mehr zurückziehen, sich isolieren und irgendwann unsichtbar werden.

In einem in Surprise 546/23 erschienenen Porträt berichtet eine von Altersarmut betroffene Frau, wie sie Einladungen mit allerlei erfundenen Ausreden ausschlägt, denn sie kennt die Norm: Wer eingeladen wird, muss selber irgendwann einladen. Doch dazu fehlt ihr das Geld sowie ein Zuhause, das sich zeigen lässt. Sie geht auch an keine kulturellen Anlässe mehr, trifft sich mit Freundinnen zum Kaffee nur, wenn es unbedingt sein muss, und auch kleinere Unternehmungen wie Zugfahrten zu Bekannten kann sie sich nicht leisten. Gemäss der neuen Armutsstudie des Bundes müssen 7 Prozent der Schweizer Bevölkerung aus finanziellen Gründen auf regelmässige Freizeitaktivitäten verzichten, 3 Prozent können es sich nicht leisten, sich mindestens einmal im Monat mit Freunden oder der Familie zum Trinken oder Essen zu treffen.

Kampf gegen die Armen

Wo Leute sich schämen, gibt es in aller Regel andere, die diese beschämen. Beschämung kann Formen annehmen, die unbestritten einen Akt der physischen Gewalt darstellen – etwa dann, wenn dadurch Menschen erniedrigt, gefügig gemacht, auf die Rolle eines Opfers reduziert oder öffentlich «an den Pranger» gestellt werden. Aber auch subtile Formen der Beschämung zielen darauf ab, Hierarchien zu etablieren oder aufrechtzuerhalten; denn wer andere beschämt, ist grundsätzlich immer mächtiger – zum Beispiel aufgrund des sozialen Status –, und kann so derjenigen Person, die sie mit Scham belegt, «ihren Platz zuweisen», sie kontrollieren und, sollte sie sich nicht entsprechend verhalten, sogar bestrafen.

Schweizer Rentner*innen haben weniger als 2400 CHF pro Person und Monat zur Verfügung (Stand 2022); dagegen hat jedes siebte Senior*innenpaar ein Nettovermögen von mindestens einer Million Franken.

Dieses Wechselspiel von Scham und Beschämung spielt in der heutigen Sozialpolitik eine wesentliche Rolle. Es schlägt sich, unter anderem, im Konzept der Eigenverantwortung nieder. Nach dieser Auffassung sind armutsbetroffene Personen – egal, welchen Alters – an ihrer jetzigen Situation vielleicht nicht vollumfänglich selber schuld; in jedem Fall liegt es aber in ihrer eigenen Verantwortung, sich unter Einhaltung gewisser Regeln darum zu bemühen, ihre Lage zu verbessern.

Diese Regeln werden von den Sozialdiensten festgelegt und dementsprechend überwacht. Bekanntlich sind gerade die Kontrollmechanismen für Personen, welche Sozialleistungen beziehen, besonders ausgeprägt. Mehr noch: Die heutige Sozialpolitik tendiert klar dazu, «Unkooperative» mit Abzügen zu bestrafen – so werden Menschen genannt, die sich an die Vorgaben nicht halten können oder wollen. Eine von der SVP initiierte «AG Sozialpolitik» möchte dieses Paradigma von «Fördern und Fordern» noch straffer gestalten; freilich zuungunsten der Armutsbetroffenen (dazu Surprise 471/20).

Der angebliche Kampf gegen die Armut entpuppt sich so als Kampf gegen die Armen. Wie effektiv die Mechanismen der Beschämung sind, zeigen unzählige Aussagen von Betroffenen. So fasst ein Rentner, der in Surprise 477/20 porträtiert wurde, seine Situation mit den schlichten Worten zusammen: «Keine Tragödie, keine Scheidung, keine Krankheit, nicht mal Angst vor dem Tod. Niemand hat Schuld. Ausser ich.» Tatsächlich würden viele aus einer Innenperspektive heraus ihre Scham und Schuldgefühle als persönliches Versagen deuten, analysiert die Psychotherapeutin Dorothee Wilhelm. Aus ihrer Sicht führt auf dieser individuellen Ebene der Weg aus der Scham über Vertrauen, Wut und Selbstliebe.

Auf der gesellschaftspolitischen Ebene wird es schwierig sein, der Scham entgegenzuwirken. Eine Diskussion über die strukturellen Bedingungen etwa von Altersarmut, wie sie weiter oben schon genannt wurden, dürfte unumgänglich sein. Zugleich müsste das neoliberale Paradigma des «Wer will, der kann» genauso hinterfragt werden wie das damit nach wie vor einhergehende Stereotyp der selbstverschuldeten Armut («Wer arm ist, ist selber schuld»).

Aber auch die Mechanismen der Beschämung gilt es offenzulegen, um kritisch über deren soziale Konsequenzen zu reden – das Spektrum reicht, wie bereits angedeutet, von schleichender Vereinsamung über den Verlust des Selbstwertgefühls bis hin zu Unsichtbarkeit.

Allerdings sollte man nicht zu illusorisch sein. Armut ist grundsätzlich vermeidbar, zumal in reichen Wohlstandsländern wie der Schweiz. Zugleich sind es genau diese Gesellschaften, welche die Armen offenbar so dringend brauchen. Nicht nur, um sie zu bemitleiden. Sondern auch, um sie zu bevormunden. Und um sich zu vergewissern, dass es diese Kluft gibt zwischen ihnen, die abgehängt sind, und den anderen, die es anscheinend geschafft haben.

Menschen sind sog. Working Poor, d.h. sie haben trotz Arbeit kein Einkommen über der Armutsgrenze, das sind 4,2 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung (Stand 2021).

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