Bundesrat Beat Jans im Interview
Kewanit Layne ist als Kind aus Eritrea geflüchtet. Im Interview spricht sie mit Bundesrat Beat Jans über die aktuelle Asylpolitik, Vorurteile und die potenziell erste Bundesrätin mit Fluchterfahrung.
Als die 20-jährige Kewanit Layne sechs Jahre alt war, flüchtete ihre Mutter mit ihr und ihren fünf älteren Geschwistern von Eritrea in die Schweiz. Layne macht sich Sorgen um die gegenwärtige Migrationspolitik, wie sie auch vom Bundesrat vertreten wird. Zusammen mit Surprise hat sie sich in Bern auf ein Gespräch mit dem SP-Bundesrat Beat Jans getroffen. Dabei ging es nicht nur um das Schweizer Asylwesen, sondern auch um den moralischen Kompass in der politischen Arbeit, um Menschlichkeit, Irrtümer sowie um die Chance für eine Schweizerin wie Kewanit Layne, jemals Bundesrätin zu werden.
Kewanit Layne: Die aufgeheizte Stimmung gegen Geflüchtete macht mir Angst. Wie fühlen Sie sich?
Beat Jans: Mir geht es gut. Als Bundesrat orientiere ich mich am Gesetz und als Mensch an der Menschlichkeit. Die Bundesverfassung ist unser politischer Leitstern, gerade in Krisenzeiten, in denen die Verunsicherung gross ist. Sie schützt die Rechte von allen Menschen, auch von Geflüchteten. Ausserdem ist die humanitäre Tradition der Schweiz eine wichtige Orientierung.
Die aktuelle Stimmung macht Ihnen also keine Angst?
Nein, ich habe keine Angst. Als ich Bundesrat wurde, war mir bewusst, dass ich auch in schwierigen Zeiten und bei schwierigen Entscheidungen hinstehen und für die Bevölkerung da sein muss.
Positionen, die noch vor kurzem als extrem galten, sind inzwischen normal. Wie nehmen Sie die Stimmung hierzulande wahr?
Die Welt verändert sich, aber nicht unsere Werte. Der Ukrainekrieg ist das beste Beispiel: In den letzten Jahren sind vier Millionen Menschen aus der Ukraine geflüchtet und haben in Europa Aufnahme gefunden. Für unsere Gemeinden ist dies eine riesige Herausforderung. Ich habe ein gewisses Verständnis dafür, wenn es heisst: Wo führt das alles hin? Wie sollen wir das in Zukunft schaffen? Wir können es. Im Moment kommen weniger Menschen aus der Ukraine in die Schweiz, als wir ursprünglich angenommen haben. Und auch für die Geflüchteten haben wir in letzter Zeit etwas erreicht. So konnten wir in den Bundesasylzentren die Sicherheit stärken sowie die medizinische und psychologische Betreuung verbessern. Ich möchte dazu beitragen, dass die Stimmung sich beruhigt und wir unser Asylwesen für die Zukunft wieder krisenresistenter aufstellen können.
Mit Kewanit Layne am runden Tisch – auch für Bundesrat Jans kein alltägliches Interview.
Mein Vater war als Erster aus Eritrea geflohen. Als die Polizei davon erfuhr, sperrte sie meine Mutter, meine fünf Geschwister und mich ein – mein ältester Bruder war damals 12 Jahre alt, ich 18 Monate. Weil ich krank wurde, kam ich ins Spital. Schliesslich sind auch wir geflohen. Ich kann nachvollziehen, wenn die Menschen solche Fluchtgeschichten nicht mehr hören wollen. Zugleich bereitet es mir Sorge, denn durch diese Abstumpfung werden Geflüchtete nicht mehr als Menschen gesehen. Wie können wir als Gesellschaft die Menschlichkeit, die Ihnen, wie Sie sagen, ebenfalls wichtig ist, wieder sehen?
Es braucht ein Engagement von uns allen, und das spüre ich auch immer wieder. Nicht nur bei meinen Mitarbeitenden, die sich um Geflüchtete kümmern. Sondern auch bei vielen, die sich freiwillig engagieren. Als nach Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine viele Menschen zu uns in die Schweiz flüchten mussten, hat die Zivilgesellschaft gezeigt, dass sie bereit ist zu helfen. Und ich sehe es natürlich auch als meine Aufgabe, immer wieder darauf hinzuweisen, dass hinter jeder Fluchtgeschichte Menschen stehen. Fast alle verbinden damit schlimme Erfahrungen. Niemand hat sich die Entscheidung leicht gemacht, die Heimat zu verlassen. Was es auch braucht, sind Menschen wie Sie. Die ihre Geschichten erzählen und vielleicht auch helfen, Vorurteile aufzubrechen, die sich verfestigt haben.
Ja, Integration muss von beiden Seiten kommen. Als jemand, die in Eritrea geboren wurde, aber auch Schweizerin ist, stosse ich allerdings an meine Grenzen, wenn ich immer wieder zu hören bekomme, wie gut ich Deutsch kann, oder wenn ich gefragt werde, wie lange ich schon in der Schweiz lebe. Das gibt mir das Gefühl, dass ich als Fremde gesehen werde und nicht wirklich als Teil der Gesellschaft. Was muss sich ändern, damit ich nicht mehr mit solchen Kommentaren und Fragen konfrontiert werde?
Sie werden mit Stereotypen konfrontiert. Das ist ein Stück weit menschlich, das sagt auch die Verhaltensforschung. Stereotype helfen den Menschen, sich in einer komplexen Welt zu orientieren. Man darf sich davon aber nicht zur Schwarzweissmalerei verleiten lassen, zur Angstmacherei oder zu simplen Lösungen. Aber ich glaube, wenn Sie als Betroffene die Geduld aufbringen, mit den Menschen zu reden, leisten Sie einen grossen Beitrag. Im Gespräch schaffen wir Nähe und Vertrauen.
Und Sie als Bundesrat: Welchen Beitrag können Sie leisten?
Auch ich persönlich setze auf Dialog. Ich möchte mit möglichst vielen Menschen im Gespräch sein. Dazu gehören auch Geflüchtete. In letzter Zeit habe ich viele Asylzentren besucht. Ich versuche aber auch mit Gemeindepräsident*innen, die am Anschlag sind, in Kontakt zu bleiben. Letztlich braucht es konkrete Lösungen, damit die Akzeptanz für das Schweizer Asylwesen bestehen bleibt.
Als es dieses Jahr Konflikte unter Eritreer*innen gab, wurde sofort verallgemeinert und es hiess, Eritreer*innen an sich seien gewalttätig. Gegen so ein Vorurteil kann ich als Einzelperson nichts ausrichten. Es gab dann Demonstrationen von Eriteer*innen. Glauben Sie, das hilft gegen diese Stereotype?
Die Menschen in der Schweiz verstehen nicht, dass verschiedene eritreische Gruppierungen sich bekämpfen, und dies zum Teil sogar gewalttätig. Das führt zu einer politischen Hektik. Ich suche hier nach Lösungen. Aber die eritreische Gemeinschaft kann nicht von der Schweiz erwarten, dass sie die Probleme in Eritrea löst.
Was würden Sie sich von den Eritreer*innen wünschen?
Den Dialog suchen, das ist aus meiner Sicht das Wichtigste. Einerseits den Dialog mit Menschen in der Politik, um auf Probleme aufmerksam zu machen. Andererseits den Dialog mit Menschen in der eritreischen Gemeinschaft. Es ist mir klar, das ist nicht einfach, gerade mit der Geschichte, die Eritrea hat.
Kewanit Layne
Geboren: 2004 in Mendefera (Eritrea)
Aufgewachsen: in Mendefera und ab 6 Jahren in Langenbruck, Füllinsdorf, Liestal (alle BL)
Wohnt: in St. Gallen
Muttersprache: Tigrinya
Nationalität: Schweiz,Eritrea
Familie: fünf ältere Geschwister
Ausbildung: Matur
Beruf: Studentin (Wirtschaft an der Uni St. Gallen), Nebenjob in einem Fastfood-Imbiss
Chefin: ich selbst
Motto: Trust in God
Hätte gern diese Superkraft: teleportieren
Hobbys: Volleyball, joggen
Mag: Capri Sun, lustige Familientreffen
Mag nicht: Pilze, zu spät kommen
Lieblingssong: Someone Else, Tory Lanez
Heldin der Kindheit: Barbie
Holt bei Surprise manchmal Hefte für ihre Mutter ab, eine Surprise-Verkäuferin.
Apropos Stereotype und Vorurteile: Sieben von zehn Migrant*innen machen sich gar nicht auf den Weg nach Europa. Sie flüchten innerhalb ihres Landes oder gehen in ein Nachbarland, etwa von Afghanistan nach Pakistan oder in den Iran. Trotzdem dominiert bei uns der Eindruck: Sie kommen in «Scharen» in den Westen, nach Europa, in die Schweiz. Wäre es nicht die Aufgabe des Bundesrates, aktiv gegen solche Vorurteile vorgehen?
In der Geschichte der Menschheit waren noch nie so viele Menschen auf der Flucht. 70 Prozent der Geflüchteten bleiben im eigenen Land oder gehen in eine benachbarte Region. Manche Länder in Afrika oder Asien haben viel grössere Herausforderungen zu bewältigen als wir. Trotzdem muss die Schweiz einen Teil der Verantwortung wahrnehmen. Sie haben recht, es gehört zu meinen wesentlichen Aufgaben, den Diskurs zu versachlichen, einzuordnen und dabei stereotypischen, falschen Aussagen zu widersprechen. In der ausserordentlichen Session im Herbst musste ich dutzende Fragen zu Migration und Asyl beantworten.
Ich kann mir vorstellen, dass Sie es als Bundesrat nie allen Menschen mit ihren unterschiedlichen Problemen, Wünschen und Hoffnungen recht machen können. Frustriert Sie das?
Ich orientiere mich an meinem Kompass, und das ist die Bundesverfassung. Es geht darum, Probleme zu lösen und das Leben der Menschen konkret zu verbessern. Frustration hilft da nicht weiter, es bringt nichts, den Kopf hängen zu lassen. Stattdessen muss man zuhören, Kritik ernst nehmen und konkrete Lösungsvorschläge umsetzen. Im Kern sieht meine Asylpolitik so aus: Die Asylentscheide müssen schnell gefällt werden. Jene Menschen, die hierbleiben, müssen wir rasch integrieren. Und jene, die keinen Schutz bekommen, sollen rasch heimkehren.
Haben Sie je an Ihrem Kompass gezweifelt?
Daran habe ich, ehrlich gesagt, keine Zweifel. Was mir Kraft gibt, sind die Menschen. Für sie stehe ich jeden Morgen auf, und ihnen gilt mein Engagement.
Spüren Sie denn nie eine Diskrepanz zwischen Ihren Idealen und der Realität?
Wenn Sie sich für dieses Amt bewerben, wissen Sie, da wird Ihnen nichts geschenkt. Im Gegenteil, das ist eine wirklich harte Aufgabe, man muss sich jeden Tag allen möglichen Herausforderungen stellen. Wichtig ist, sich treu zu bleiben und offen zu sein für Lösungen und die Meinungen von anderen.
Was macht für Sie einen guten Bundesrat aus?
Dass er sich nicht abschrecken lässt von Kritik, Aufregung, Hektik. Und von Angstmacherei. Und dass er bis zu einem gewissen Grad mutig ist und bereit, einfach mal einen Weg einzuschlagen. Und wenn er sich als falsch herausstellt, diesen Pfad auch wieder zu verlassen und einen anderen zu suchen. Entscheidend ist, dass wir aus Fehlern lernen.
Wann haben Sie zuletzt einen Fehler gemacht?
Sagen wir so: In aller Regel schaue ich nach vorne und versuche, mich nicht an früheren Fehlern festzubeissen. Aber ja, niemand ist fehlerfrei.
Beat Jans
Geboren: 1964 in Basel Aufgewachsen: in Riehen bei Basel
Wohnt: in Basel
Muttersprache: Schweizerdeutsch
Nationalität: Schweiz
Familie: verheiratet, zwei Töchter (16 und 18)
Ausbildung: Landwirt, TTL-Agrotechniker, Umweltnaturwissenschaftler
Beruf: Bundesrat
Chefin: die Bevölkerung
Motto: Die Bundesverfassung ist mein Leitstern.
Hätte gern diese Superkraft: Hass abstellen
Hobbys: Schlagzeug spielen, Hund, joggen
Mag: den FC Basel, Musik, Rösti
Mag nicht: Nein- Sager*innen, Eigentore
Lieblingsband: Ramones Heldinder
Kindheit: Pippi Langstrumpf
War von 2012 bis 2021 im Vorstand vom Verein Surprise, die letzten fünf Jahre als Präsident.
Wann haben Sie zuletzt einen Fehler gemacht?
Sagen wir so: In aller Regel schaue ich nach vorne und versuche, mich nicht an früheren Fehlern festzubeissen. Aber ja, niemand ist fehlerfrei.
Ein Bundesrat hat Macht. Hat man da nicht Angst, sich zu verändern?
Man legt sich mit der Zeit schon ein bisschen eine dickere Haut zu. Aber das darf nicht dazu führen, dass ich meine Werte und meine Menschlichkeit über Bord werfe. Es ist mir zum Beispiel wichtig, wie meine Frau und meine Töchter mich in dieser Position erleben. Sie stellen viele Fragen, sie versuchen meine Entscheidungen nachzuvollziehen. Das führt zu interessanten Diskussionen.
Kann man als Bundesrat überhaupt glaubwürdig bleiben?
Ja, das kann man. Es gibt Bundesrät*innen, die bis zum Schluss glaubwürdig geblieben sind. Sie haben ihre Werte auf eine gute Weise eingebracht, selbst aus einer Minderheit heraus. Sie blieben sich selber treu, waren offen und beweglich.
Für mich wären Sie glaubwürdig, wenn Sie bis zum Ende Ihrer Amtszeit das durchziehen können, was Sie am Anfang, bei Ihrer Wahl, versprochen haben. Können Sie das erfüllen, was glauben Sie?
Am Ende wird das die Bevölkerung beurteilen müssen. Es ist auf jeden Fall ein Anspruch an mich selber, dass ich mir selber treu und glaubwürdig bleibe. Und ich habe den Eindruck, dass das überall, wo ich hinkomme, geschätzt wird. Dass ich versuche, im Bundesrat und in der Gesellschaft die Menschlichkeit zu verteidigen.
Ich bin skeptisch, dass man mich – ginge ich in die Politik – wählen würde. Ich werde nicht wirklich als Schweizerin wahrgenommen, wegen meiner Hautfarbe, wegen meiner Herkunft. Trotzdem: Welchen Rat würden Sie mir geben, wenn ich eines Tages auch Bundesrätin werden möchte? Glauben Sie, ich hätte überhaupt eine Chance?
Ja, ich fände das super, wenn jemand mit einer Fluchtgeschichte in den Bundesrat käme. Es braucht natürlich auch Glück, man muss im richtigen Moment am richigen Ort sein. Aber politisches Engagement von Menschen wie Ihnen ist auf jeden Fall sehr wertvoll. Sie repräsentieren einen erheblichen Teil der Gesellschaft.
Schätzen Sie die Schweizer Bevölkerung so ein, dass sie schon parat wäre für eine Bundesrätin mit Fluchtgeschichte?
Ich würde das nicht ausschliessen. Wenn es jemand ist, der die Aufgabe glaubwürdig wahrnimmt, integer ist und sich um schwierige Fragen bemüht, dann wäre das auf jeden Fall ein Mehrwert.
Im Parlament gibt es aber viel weniger Menschen mit Fluchterfahrung als in der Gesellschaft.
Für Menschen mit Fluchtgeschichte ist der Weg in die Institutionen besonders weit, das stimmt. In meinem politischen Umfeld gibt es aber nicht wenige, die sich politisch engagieren, vor allem Menschen mit kurdischem Hintergrund. Sie konnten sich im kantonalen Parlament sehr erfolgreich etablieren und auch viel erreichen für das Verständnis in der kurdischen Frage. Es ist also nicht unmöglich.
Und was schätzen Sie, wie lange wird es dauern, bis jemand wie ich Bundesrätin wird?
Wie alt sind Sie jetzt?
Ich bin zwanzig.
Als ich beschloss, in die Politik einzusteigen, dauerte es noch 25 Jahre, bis ich Bundesrat wurde.
Gut, dann sind wir in 25 Jahren so weit. Hoffentlich. Ich danke Ihnen für das Gespräch.
Aufgezeichnet von LEA STUBER und KLAUS PETRUS