Ferien im Stau am Gotthard
Die Ostertage sind nicht mehr fern. Fleissig verkaufe ich meine Surprise-Hefte. Allenthalben werde ich gefragt: Machst Du auch Osterferien?
Zugegeben: Nach einem trüben Winter legt sich Mattigkeit wie ein Bann über meine Sinne. Geselle Winter hat mir zugesetzt; es dünkt mich jedes Jahr mehr. Ermunterung, eine zünftige Portion Sonne, eine Auffrischung würden mir guttun.
Ich stelle mir vor: Ich gehe in ein Reisebüro. Beraten werde ich von Frau Müller, so steht das auf dem Namensschild. Beflissen fragt sie mich nach meinen Wünschen. Ich berichte ihr also, dass ich mich über Ostern an einem ruhigen Ort, weitab von Autolärm, überfüllten Promenaden und Strassencafés, für ein paar Tage erholen möchte. Und günstig soll es sein. Schliesslich bin ich Surprise-Verkäufer und kein Krösus.
Ich glaube, da habe ich genau das Richtige für Sie, freut sich Frau Müller. Wir haben dieses Jahr für die Osterferien ganz neu im Angebot: Ferien im Stau am Gotthard. Pause. In meinem Hirn überschlagen sich die Gedanken. Will die mich veräppeln? Ferien im Stau am Gotthard. Das kann jetzt doch aber nur ein Scherz sein. Obwohl Frau Müller meinen Unmut bemerkt, legt sie mit ihren Ausführungen, mit Überzeugung und Pathos, unbeirrt nach: Diese Destination entspricht ganz genau Ihren Wünschen, fährt sie fort. Im Stau am Gotthard sind Sie weitab von jedem Autolärm, denn alle Autos stehen still. Weit und breit keine überfüllten Promenaden oder Strassencafés, und das alles für nur 45 Franken pro Tag und Nacht, plus 15 Franken Reservationsgebühren. Erwartungsvoll sieht mich Frau Müller an.
Ferien im Stau am Gotthard. Na sowas! Für 45 Franken pro Tag und Nacht, plus 15 Franken Reservationsgebühren! Wo bin ich da bloss reingeraten. Mich wickelt Frau Müller ganz bestimmt nicht um den Finger, trotz Überzeugung und Pathos. Ungeniert mache ich meinem Unmut Luft, wünsche Frau Müller im Gehen schöne Osterferien im Stau am Gotthard und lasse sie dann in ihrem Reisebüro sitzen.
Kaum bin ich draussen, gerate ich ins Grübeln und überlege mir: Andererseits könnte ich im Stau am Gotthard bestimmt eine Menge Surprise-Hefte verkaufen. Denn Zeit zum Lesen ist dort ja genug.
Über URS HABEGGER
URS HABEGGER, 70, verkauft Surprise seit 18 Jahren in der Bahnhofunterführung in Rapperswil. Der Text ist ein leicht gekürzter Auszug aus seinem Buch «Am Rande mittendrin». Die Texte für diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und dem Autor Ralf Schlatter erarbeitet.
Die Texte für diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und dem Autor Ralf Schlatter erarbeitet. Die Illustration entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Studienrichtung Illustration.</p> </div>