Im Abseits
Sport Schweizer Klubs werben gerne mit Diversität. Doch für sehbehinderte und gehörlose Fans bleibt ein Matchbesuch oft eine Herausforderung.
Wenn man in den VIP-Bereich eines Anlasses eingeladen wird, verspricht das in der Regel einen Abend, an dem man es sich gut gehen lässt. Cüpli hier, Snacks à discrétion da. Auch Anja Reichenbach freut sich, als sie für eine Sportveranstaltung Tickets geschenkt bekommt. Die Bernerin ist sonst eher auf Kulturveranstaltungen anzutreffen, doch den Abstecher in den Sport sieht sie als schöne Abwechslung – umso mehr, als sie nicht als gewöhnliche Zuschauerin ins Stadion gehen kann, sondern dorthin, wo sich die sogenannten VIPs treffen und austauschen. Hätte sie jedoch gewusst, wie dieser Abend verlaufen würde, wäre Reichenbach lieber zuhause geblieben.
Anja Reichenbach ist sehbehindert, Führhund Demon ist immer an ihrer Seite. Doch als sie ihr Kommen sogar im Voraus anmeldet, wird ihr mitgeteilt, der Hund könne dann nicht mitkommen. Gemäss Stadionordnung und Sicherheitskonzept seien Hunde verboten. Reichenbach wehrt sich – in der Stadionordnung steht davon nichts –, doch Demon darf nicht mit. Sie muss sich stattdessen auf die Unterstützung einer Begleitperson verlassen. Keine grosse Sache, mögen manche vielleicht denken. Doch für Reichenbach ist das ein Eingriff in ihre Privatsphäre und Selbstbestimmung. «Viele verstehen nicht, dass der Hund eine Hilfe ist und es niemandem zusteht, darüber zu bestimmen, welche Art von Unterstützung ich brauche und annehmen will.»
Schlupflöcher im Schweizer Gesetz
Als Reichenbach im Stadion ist, versucht sie das Ganze trotzdem zu geniessen. Denn eben, Alltag ist so eine Sportveranstaltung für sie keineswegs. Doch es ist nicht einfach. Denn entweder muss sie sich fragen lassen, was sie denn überhaupt von so einem Anlass habe, wenn sie nichts sehe. Oder ihr wird lobend auf die Schultern geklopft und gesagt, wie toll es sei, dass auch sie da sei. Nach dem Spiel hört sie über die Stadionlautsprecher einen Slogan über Diversität und dass alle willkommen seien und der Klub eine grosse Familie. «Regenbogen-Style», nennt es Reichenbach. «Sie müssen es nicht schön finden, dass ich da bin. Sondern einfach die Grundlage schaffen, dass ich mit einer Sehbehinderung selbstverständlich eine Veranstaltung besuchen und mich frei bewegen kann.»
Dass Veranstalter so fundamentale Rechte wie Reichenbachs Begleitung durch einen Führhund ignorieren können, liegt an Schlupflöchern im Schweizer Gesetz. Auf dem Papier scheint die Sache klar: Eine Sportveranstaltung wie ein Fussball- oder Eishockeyspiel, für das man Tickets kaufen kann, gilt juristisch als öffentlich angebotene Dienstleistung. Das Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) hält in Artikel 6 fest, dass private Anbieter*innen solcher Dienstleistungen, Menschen nicht aufgrund ihrer Behinderung diskriminieren dürfen. Wird eine sehbehinderte Frau mit ihrem gesetzlich anerkannten Führhund abgewiesen, ist der Tatbestand der Diskriminierung erfüllt.
Doch das Gesetz entpuppt sich in der Praxis als zahnlos. Der Grund dafür steckt in Artikel 8. Während der Staat bei Diskriminierungen gerichtlich dazu gezwungen werden kann, Barrieren abzubauen, gilt dies für private Dienstleister nicht, und darunter fallen auch professionelle Sportklubs oder Stadionbetreibergesellschaften. Es fehlt der sogenannte Beseitigungsanspruch. Zieht Anja Reichenbach wegen des Vorfalls vor Gericht und bekommt recht, können die Richter*innen den Klub dennoch nicht dazu verpflichten, sie und ihren Hund beim nächsten Spiel ins Stadion zu lassen. Das Gesetz sieht als Höchststrafe eine finanzielle Entschädigung von maximal 5000 Franken vor. Für professionelle Sportunternehmen mit Millionenbudgets ist das eine Summe aus der Portokasse. Sie können sich von der Pflicht zur Inklusion freikaufen, anstatt ihr Personal zu schulen und ihre Einlassprozesse sowie die Stadionordnung anzupassen.
Diese juristische Sackgasse hat Folgen für den Alltag von Menschen mit Behinderungen. Ein barrierefreier Stadionbesuch verkommt vom einklagbaren Menschenrecht zu einem Goodwill-Akt der Vereine. Betroffene werden in die Rolle von Bittstellenden gedrängt. Es ist ein energieraubender Kampf um Selbstverständlichkeiten, der oft dazu führt, dass Menschen wie Reichenbach gut abwägen müssen, ob sie überhaupt die Kraft für einen Stadionbesuch aufbringen wollen. «Was bringt mir ein Stadionbesuch überhaupt, wenn ich gar nicht willkommen bin?», fragt Reichenbach rhetorisch. Gleichzeitig weiss sie: Wenn sie sich nicht an Veranstaltungen wagt, fehlt die notwendige Sichtbarkeit, damit sich überhaupt einmal etwas ändern könnte.
Es ist ein Zwiespalt, den viele Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen kennen: Einerseits etwas am Status quo ändern wollen, sich andererseits immer wieder denselben ermüdenden Diskussionen und Kämpfen aussetzen, das raubt Energie. Reichenbach sagt: «Veranstaltende wollen Menschen mit Behinderung dabeihaben, wenn es gut ist fürs Image. Aber Verantwortung übernehmen, Zugänge schaffen und die Konsequenzen dafür tragen, wenn Menschen mit Behinderung wirklich Teil vom Ganzen sind – das wollen die wenigsten.» Im Fachjargon spricht man von «disability washing».
Diesbezüglich ein Hoffnungsschimmer ist das Völkerrecht. Reichenbach betont, dass neben dem nationalen BehiG zunehmend auch die UNO-Behindertenrechtskonvention juristisch relevant wird. Die Schweiz hat sie 2014 ratifiziert – und die Konvention liefert genau die Werkzeuge, die im Schweizer Gesetz fehlen. So verlangt Artikel 9 («Zugänglichkeit»), dass auch private Einrichtungen, die der Öffentlichkeit offenstehen, alle Aspekte der Barrierefreiheit berücksichtigen. Artikel 30 («Teilhabe an Erholung, Freizeit und Sport») verankert zudem das Recht von Menschen mit Behinderungen auf den gleichberechtigten Zugang zu Sportstätten. Reichenbach hofft, dass die Schweizer Gerichte das lückenhafte nationale Gesetz künftig im Licht dieser starken internationalen Verpflichtungen auslegen und so zu einer neuen Rechtsprechung gelangen. Wenn das passiert, könnte der juristische Freikauf ein Ende haben und aus dem Goodwill der Klubs endlich eine Pflicht werden.
Im Winter verfolgt Reichenbach gerne Skirennen auf ORF. Der audiodeskriptive Kommentar des österreichischen TV-Senders ermöglicht es ihr, bildhaft zu verfolgen, wie Lara Gut-Behrami und Camille Rast über die Piste flitzen, auch wenn sie nicht sieht. In der Schweiz existiert ein solches Angebot kaum. Blind Power, ein 2006 in Bern gegründeter Verein, bietet in Zusammenarbeit mit der Schweizer Fussballliga (SFL) auf mehrheitlich freiwilliger Basis Audiodeskriptionen von bis zu vier Partien pro Runde in der Super League an. Vereinzelt begleitet Blind Power auch Spiele der Schweizer Fussball-Nationalteams der Männer und der Frauen im zweiten Tonkanal auf SRF audiodeskriptiv.
Ansonsten müssen Zuschauer*innen wie Reichenbach selber versuchen, sich mit Unterstützung von Begleitpersonen aus den Geräuschen und dem Stimmenwirrwarr ein Bild zusammenzubasteln. Auch bei ihrem Stadionbesuch wurde keine audiodeskriptive Begleitung angeboten, und wohl kaum jemand im Stadion hätte überhaupt gewusst, was das ist – nämlich der genau beschreibende Kommentar dessen, was auf einem Spielfeld passiert, der dann über Kopfhörer verfolgt werden kann. Die irische Firma Field of Vision entwickelte ergänzend ein kleines Gerät, auf dem die Bewegungen auf dem Feld KI-generiert mit den Händen nachempfunden werden können. Sowieso würde Reichenbach sich wünschen, dass die Sascha Ruefers und Calvin Stettlers hinter den Kommentatoren-Mikrofonen mehr beschreibend kommentieren würden. Denn dann würde es gar keinen separaten Kanal für Audiodeskription mehr brauchen.
Ein solches Mitdenken ist im Schweizer Sport jedoch die Ausnahme. Dass Inklusion oft am fehlenden Willen, mangelnden Bewusstsein und nicht zuletzt am Geld scheitert, weiss der Autor aus eigener Erfahrung. Seit über 25 Jahren verfolgt er als Rollstuhlfahrer das Geschehen in den Sportstadien. Es hat sich zwar einiges verbessert – aber meist nur das, was man sieht: die Stadien sind baulich zugänglicher geworden. Doch echte Teilhabe scheitert oft nicht an einer fehlenden Rampe, sondern an mangelnder Kommunikation, Vorurteilen und Berührungsängsten. Die physischen Hürden sind kleiner geworden, die informativen und zwischenmenschlichen sind geblieben.
Handy-Notizen und Gesten der Freund*innen
Genau hier stossen Menschen mit Sinnesbehinderungen auf grossen Widerstand. Das verbindet Anja Reichenbachs Geschichte mit jener von Paul Harrison. Der gebürtige Engländer kämpft nicht um die Mitnahme eines Führhundes, sondern um sein Recht auf Information. Der gehörlose Fussballfan steht regelmässig bei den Heimspielen von Servette im Stade de Genève in der Nordkurve, mitten im harten Kern der Fans. «Es klingt klischeehaft, aber ich höre mit meinen Augen», sagt er. Er saugt die Atmosphäre auf, spürt die Vibrationen der Trommeln, beobachtet die Dynamik in der Kurve. Doch sobald das Spiel unterbrochen wird, der Video Assistant Referee (VAR) eingreift oder der Stadionsprecher eine Durchsage macht, ist Harrison isoliert. Auf den grossen Stadionbildschirmen gibt es weder Untertitel noch Gebärdensprachdolmetscher*innen. «Es gibt für mich keine Möglichkeit, spontane Informationen mitzubekommen», sagt er. Er ist auf die Handy-Notizen oder die Gesten seiner hörenden Freund*innen angewiesen.
Was bei Auswechslungen auf dem Feld nur ärgerlich ist, kann in Notfällen gefährlich werden. Akustische Alarme bei einer Evakuierung? Für Harrison unhörbar. Wie beängstigend dieser Informationsmangel sein kann, erlebte er im Februar 2023 bei einem Auswärtsspiel in St.Gallen. Nach der Ankunft am Bahnhof konfrontierte die Polizei seine Fangruppe. Es herrschte Chaos, Anweisungen wurden gebrüllt. Harrison verstand kein Wort. «Es war erschreckend, nicht zu wissen, was los war», sagt er. Zwar erklärte er den Polizist*innen, dass er gehörlos sei. «Sie wurden geduldiger, gaben mir aber trotzdem nicht die Informationen, die ich gebraucht hätte. Es gab eine doppelte Barriere: meine Gehörlosigkeit und die Tatsache, dass ich nicht fliessend Deutsch spreche.»
Dabei beginnen die Kommunikationshürden oft schon lange vor dem Anpfiff. Dank seiner Dauerkarte fallen für Harrison bei Heimspielen in Genf zwar die Hindernisse am Schalter weg. Doch sobald er sein Team auswärts unterstützen will, wird es kompliziert. «Die Hürden am Spieltag selbst empfinde ich als geringer; schwieriger ist alles drumherum: Auswärtstickets kaufen, den Klub kontaktieren oder Infos erhalten», sagt Harrison. Oft scheitert es an Kleinigkeiten – etwa an fehlenden visuellen Speisekarten an den Stadionkiosken, auf die man bei der Bestellung einfach zeigen könnte, anstatt alles ins Handy tippen zu müssen.
Harrison blickt desillusioniert nach England. In der dortigen Premier League, etwa bei Arsenal, ist Inklusion längst ein Service-Standard. Gebärdensprachdolmetscher*innen begleiten das gesamte Programm und die Halbzeitinterviews auf den Stadion-Screens, es gibt «Disability Liaison Officers» – Fanbeauftragte speziell für Menschen mit Behinderungen. Auch die direkte Kommunikation ist barrierefrei: Arsenal bietet einen Video-Relay-Dienst für Telefonanrufe an, mit dem gehörlose Fans den Klub mittels Dolmetschperson kontaktieren können. Und in sogenannten «Sensory Rooms» können sich Fans vor Reizüberflutung zurückziehen.
In der Schweiz hingegen bleibt ein solches Engagement ein unerfüllter Wunsch. «Fussball ist eigentlich mein ‹Safe Space›, aber es ist ermüdend, ständig für seine Rechte eintreten zu müssen, nur um ein Spiel zu geniessen», sagt Harrison. Sein Fazit: «Ich fühle mich im Schweizer Fussball derzeit nicht als gleichberechtigter zahlender Kunde.» An die Schweizer Liga und die Entscheidungsträger hat er deshalb eine klare Forderung. Anstatt auf eigene Faust Konzepte zu entwerfen, müssten sie aktiver auf betroffene Fans zugehen: «Kartiert und prüft die aktuellen Zustände und tretet dann in Dialog mit uns. Es ist sinnlos, Pläne zu machen, ohne uns zu fragen, was wir brauchen.» Konfrontiert man die grossen Schweizer Profiligen mit diesen Mängeln, zeigt sich das Muster, das Betroffene kritisieren: Es scheitert am Bewusstsein, am Willen und an den Finanzen. Die National League im Eishockey liess einen detaillierten Fragenkatalog von Surprise zu ihren Inklusions-Standards unbeantwortet. Zunächst hiess es, man sei wegen des Playoff-Finals stark absorbiert. Doch auch eine mehrwöchige Nachfrist nach dem Saisonabschluss liess die Liga ungenutzt verstreichen. Die Swiss Football League wiederum ignorierte in ihrer Stellungnahme die Fragen zu gehörlosen Fans und abgewiesenen Blindenführhunden gänzlich.
Ein angepasstes «Schweizer Modell»?
Und wenn es konkret wird, ist der erste Stolperstein das Budget. Ein Beispiel dafür ist AccessibAll, die Partnerorganisation für Inklusion des europäischen Fussballverbandes Uefa. Diese bietet mit «Access Champions» ein Zertifizierungsprogramm für Klubs und ihre Stadien, Vereine wie Atlético Madrid, Sparta Prag, AEK Athen oder Toulouse nutzen es. Das Evaluierungsprogramm deckt sechs Bereiche ab, die einen ganzheitlichen Stadionbesuch ausmachen, etwa die bauliche und die digitale Barrierefreiheit, den Fan-Einbezug, Services am Spieltag sowie die Sensibilisierung auf Managementebene. Gemäss Olivier Jarosz, CEO von AccessibAll, kostet das umfangreichste Zertifizierungspaket etwa 14 900 Franken, für einen Zeitraum von drei Jahren. Und es gibt auch günstigere Lösungen. Für Fussballunternehmen mit Millionenbudgets wären das überschaubare Beträge. Dennoch lehnte die SFL das ursprüngliche Angebot ab; offenbar lag es «deutlich ausserhalb unserer Möglichkeiten».
Immerhin: Die Tür scheint nicht ganz zu. Jarosz betont auf Nachfrage, die SFL habe das Angebot nicht nur aus Kostengründen vom Tisch gewischt. Die Liga habe durchaus Interesse gezeigt, insbesondere an Lösungen für Herausforderungen bei nicht-sichtbaren Behinderungen. Aktuell prüfe man ein angepasstes «Schweizer Modell», möglicherweise in Zusammenarbeit mit einer hiesigen Universität, um die Arbeit an den lokalen Kontext und die vorhandenen Ressourcen anzupassen. Auch die SFL selbst gibt sich lösungsorientiert: «Uns ist wichtig zu betonen, dass wir das Thema nicht als abgeschlossen betrachten, sondern als kontinuierlichen Prozess. Viele Massnahmen entstehen aktuell und werden in den kommenden Jahren weiter konkretisiert und ausgebaut.»
Fans wie Paul Harrison und Anja Reichenbach sind es müde, für Selbstverständlichkeiten kämpfen zu müssen. «Ich will einfach mit meinem Hund in ein Stadion laufen können, wie in die Migros, in die Arztpraxis, in den Zug oder an meinen Arbeitsplatz», sagt Reichenbach. Anstatt sich in Diskussionen mit unwilligen Akteuren aufzureiben, hat sie eine andere Vision: «Ich würde mir einen Klub wünschen, der sagt: ‹Hey, wir wollen es einfach perfekt machen›.» Ein Vorreiter-Klub, der Inklusion als Haltung versteht, der sie auf allen Ebenen umsetzt und zeigt, dass es möglich ist. Ein Leuchtturmprojekt, das die anderen Klubs unter Zugzwang setzt. Bis dieses Bewusstsein jedoch bei den Chefs des Schweizer Sports ankommt, bleibt der Stadionbesuch für viele ein Kampf, den sie vielleicht schon bei der Eingangskontrolle verlieren.