Migration

Leben ohne Heimat

Unser Autor flüchtete aus Sri Lanka und lebte sechs Jahre lang in der Schweiz. Kurz vor seiner Ausschaffung hat er aufgeschrieben, wie man unter diesen Umständen noch eine Heimat findet.

Text
THAYAPARAN SURIYAKUMAR*
Illustrationen
Alex Mages
Nr. 631,

Wo meine Familie ist und da, wo wir zusammen sind – das ist Heimat. Heute bedeutet mir das viel mehr als früher. In wenigen Wochen werde ich – nachdem mein Härtefallgesuch abgelehnt wurde – nach Sri Lanka ausgeschafft. Ich bin Mitte dreissig, verheiratet und habe eine achtjährige Tochter. Sie war zwei, als ich Sri Lanka 2020 alleine verlassen musste.

Das Rückkehrzentrum in Gampelen am Neuenburgersee, wo ich in der Schweiz zu Beginn gelebt habe, war überbelegt – es gab keine Privatsphäre, dafür Konflikte zwischen den Menschen, und ständig wurden wir kontrolliert. Ich lebte permanent in einem Alarmzustand. Ich hatte Angst vor der Zentrumsleitung, Angst vor manchen der oft aufgebrachten Menschen um mich herum. Meist blieb ich im Mehrbettzimmer, die Türe war geschlossen. Wenn jemand sie öffnete, begann mein Herz zu rasen. Ich war immer darauf vorbereitet, dass im nächsten Augenblick etwas Schlimmes passieren könnte. Irgendwann diagnostizierte eine Psychotherapeutin Panikattacken, Ängste sowie eine Depression, unter anderem ausgelöst durch das Miterleben von Zwangsausschaffungen anderer. Ich verbrachte drei Wochen in einer psychiatrischen Klinik, Krisenintervention.

Als ich das Rückkehrzentrum 2022 verlassen und in eine sogenannte private Unterbringung wechseln durfte, lebte ich für ein Jahr in einer WG mit Freund*innen von mir, etwas ausserhalb von Bern. Wir waren zu fünft, alle Anfang dreissig, und teilten unseren Alltag. Ich hatte mein eigenes Zimmer. Meine Privatsphäre wurde respektiert.

Ich lebte ein normales Leben, mit viel weniger Angst. Die Menschen fühlten sich nicht wie Fremde an, mehr wie Brüder und Schwestern. Ich durfte ihre Dinge benutzen, ihre Musikinstrumente, ihre Spielkonsolen, das E-Bike. Ich durfte leben, als wäre es mein richtiges Zuhause. Meine Meinung wurde respektiert und ich hatte die Freiheit, die Dinge zu tun, die ich gerne mache. Was mir besonders viel bedeutete: Wir assen oft zusammen zu Abend. Ich kochte regelmässig und meine Mitbewohner*innen mochten, was ich kochte. Ich lernte neue Gerichte von ihnen und experimentierte auch mit Schweizer Gerichten, die ich ein bisschen schärfer machte. Meine Experimente wurden begrüsst statt kritisiert. Zu jener Zeit fühlte ich mich wirklich zuhause.

Wie eine einseitige Liebe

Nach diesem Jahr wollte meine WG vom Dorf in die Stadt ziehen, sie fand ein Haus in Biel. Weil ich weiterhin in der Nähe meiner Freund*innen sein wollte, zog ich mit. Wir waren nun dreizehn Bewohner*innen, die meisten waren Anfang zwanzig und hatten viel Energie. Alle waren nett, freundlich und rücksichtsvoll. Doch das Gefühl war anders. Obwohl ich gerne da lebte, kam es mir eher wie eine vorübergehende Unterkunft vor als wie ein Zuhause. Wir hatten ständig Besuch. Small Talk ist nicht so mein Ding, mir sind tiefe Verbindungen und Begegnungen wichtig. Sonst bin ich lieber alleine in meinem Zimmer. Wenn ich zu viele Menschen gleichzeitig sehe, fühle ich mich einsam. Das hat mir gezeigt, dass Heimat nicht allein durch die Menschen um mich herum entsteht, sondern vor allem durch die Qualität der Beziehungen.

Vor meiner Zeit in der Schweiz reiste ich in Sri Lanka für die Arbeit oft nach Colombo oder in andere Städte. Ich habe Computerwissenschaften studiert und dann eine Druckerei geführt. Wenn ich nach Batticaloa zurückkehrte und das Schild «Batticaloa heisst Sie herzlich willkommen» sah, verspürte ich sofort ein Gefühl von Geborgenheit und Zugehörigkeit. Batticaloa, die Stadt an der Ostküste, wird immer eine meiner Heimaten sein.

Ich liebe diese Stadt sehr. Die Strassen, Kirchen, Restaurants, Strände und all die Menschen, die ich kenne. Batticaloa ist nicht nur der Ort, wo ich geboren wurde, auch die meisten meiner Erinnerungen spielen hier. Es ist schwer zu erklären, es fühlt sich ein wenig nach einseitiger Liebe an: Wenn das Zusammensein nicht für beide Seiten gut ist, dann ist es vielleicht besser, getrennt zu leben. Das heisst nicht, dass ich Batticaloa hasse, im Gegenteil, mir ist wichtig, dass Batticaloa blüht und es der Stadt gut geht. Gleichzeitig ist mir mein «Seelenfrieden» ebenfalls wichtig. Ich versuche also diesen Widerspruch auszuhalten: diesen Ort zu lieben, auch wenn ich nicht dort leben kann.

Wie die Angst in mein Leben kam

Wir lebten mit dem Gefühl, beobachtet zu werden. Wir waren in ständiger Angst, weil wir nie wussten, was als Nächstes passieren würde. Wenn Probleme auftauchen und du nicht offen mit ihnen umgehen kannst, wenn du keine Fragen stellen kannst und wenn du nicht tun kannst, was du willst, dann kannst du nicht frei und friedlich leben. Kurz: Ich fühlte mich in Sri Lanka nicht sicher. Und wenn das so ist, wie kann ich das Land dann voll und ganz als meine Heimat akzeptieren?

Als Hintergrund muss man wissen: Ich hatte einem Freund bei einem kleinen Flugzeugprojekt geholfen, das Teil eines naturwissenschaftlichen Schulprojekts war. Das Flugzeug wurde dann tatsächlich gebaut. Doch dann wurde das Projekt vom Militär gestoppt, das eine Bedrohung für die nationale Sicherheit darin sah. Mein Freund floh in die USA. Später wurden viele der Militärlager in der Ostprovinz geschlossen, auch das, in dem mein Freund und ich damals verhört worden waren. Ich glaubte also, dass diese Ereignisse nun der Vergangenheit angehörten und das Leben wieder seinen gewohnten Gang nahm.

Ich heiratete, meine Frau bekam ein Kind, unser Familienleben verlief friedlich. Dann gab es am Ostersonntag 2019 Bombenanschläge in Colombo sowie einen in Batticaloa. Sie zogen landesweite Verschärfungen der Sicherheitsmassnahmen nach sich. Einige Monate später tauchten Mitarbeiter des Geheimdienstes bei mir auf und behaupteten, in meinem Haus seien Triebwerksteile und ein Flugsimulator gelagert und ich würde finanzielle Unterstützung durch ehemalige LTTE-Mitglieder im Ausland bekommen. So kehrte die Angst plötzlich in mein Leben zurück. Ich hatte keine Ahnung, was als Nächstes passieren würde, und beschloss, Sri Lanka zu verlassen. Mein ursprüngliches Ziel war die USA, doch leider endete meine Reise in der Schweiz.

Nach Batticaloa ist Bern die Stadt, die ich heute am besten kenne. Und das, obwohl ich mir Bern nicht ausgesucht hatte. Ich wusste am Anfang absolut nichts über diese Stadt. Als ich am 23. Januar 2020 in der Schweiz ankam, bekam ich einfach eine Karte und ein Zugbillett in die Hand gedrückt und mir wurde gesagt, ich solle nach Bern fahren. Mein Handy war mir von den Schleppern abgenommen worden, sodass ich völlig ohne Infos ankam. Auf der Karte, die ich erhalten hatte, stand, dass ich den Bus Nummer 19 nehmen sollte. Allerdings fuhr ich versehentlich in die falsche Richtung. Da ich nicht wusste, was ich tun sollte, fragte ich zögernd eine Person, die in meiner Nähe sass. Netterweise schaute er auf seinem Handy nach und erklärte mir, dass ich in die falsche Richtung fuhr. Danach sprach ich direkt den Busfahrer an. Er lächelte und sagte mir, ich solle mir keine Sorgen machen. Er erklärte mir, dass der Bus auf derselben Strecke zurückfahren und er mir sagen würde, wann ich aussteigen müsse. Er liess mich in seiner Nähe sitzen und sorgte dafür, dass ich an der richtigen Haltestelle ausstieg. Es war nur eine kleine Begebenheit, aber für jemanden, der gerade erst alleine in einem neuen Land angekommen war, bedeutete das sehr viel.

Dort, wo unser Herz zur Ruhe kommen kann

Heute habe ich enge Freunde in St. Gallen und Solothurn. Da Zugbillette teuer sind, besuche ich sie nur zwei- oder dreimal im Jahr und bleibe meist ein paar Tage. Immer, wenn ich dann nach Bern zurückkehre, vor allem wenn ich am Bahnhof ankomme, überkommt mich ein Gefühl der Erleichterung und Vertrautheit. Bern ist für mich auch zu einer Art Zuhause geworden.

Lustigerweise führt Google Maps das Bundesasylzentrum im ehemaligen Zieglerspital als mein «Zuhause» auf, hier habe ich die allererste Zeit in der Schweiz verbracht. Jedes Mal, wenn ich das heute sehe, muss ich unwillkürlich lächeln. Ich habe nie versucht, das zu ändern, auch weil es in Bern liegt. Ich habe eine tiefe Verbundenheit zu dieser Stadt entwickelt. Hier fühle ich mich aufgenommen. Die Berner*innen erlebe ich als warmherzig und offen. Hätte ich dauerhaft in der Schweiz bleiben können, hätte ich mich dafür entschieden, im Lorraine-Quartier zu wohnen.

Ich empfinde die Lorraine als ein sehr vielfältiges und aufgeschlossenes Quartier. Normalerweise bin ich jeden Donnerstag dort. Viele der Orte, die ich gerne besuche, und viele der Orte, an denen ich mich willkommen und akzeptiert fühle, befinden sich in der Lorraine: das Solidaritätsnetz, der Mittagstisch der Marien-Kirche, die kostenlosen Deutschkurse in der Autonomen Schule Denkmal, der Lola-Quartierladen, das Lorrainebad, die Sauna im Lorrainebad und die Brasserie Lorraine. Deshalb liegt mir die Lorraine sehr am Herzen.

Es ist schon seltsam: Ich besitze ein wunderschönes Haus in Batticaloa. Doch ich werde nicht dort wohnen. Meine Frau und meine Tochter haben das Land inzwischen ebenfalls verlassen und leben im Ausland – aufgrund derselben Umstände, die auch mich zur Flucht veranlasst hatten. Wenn ich mir vorstelle, sie erst in ein paar Jahren wiedersehen zu können, lässt mich das verzweifeln. Ohne sie ist unser Haus nichts weiter als ein schönes Gebäude. Obwohl es mir gehört, kann ich es nicht mehr als mein Zuhause bezeichnen. Stattdessen werde ich bei meinen Eltern wohnen.

Wäre ich alleinstehend, wären meine Eltern und ihr Haus wohl meine Heimat. Doch für mich ist es, wie es in der Bibel in Matthäus 19,5-6 heisst: «Deshalb wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und sich mit seiner Frau verbinden, und sie werden eins sein.» Dennoch habe ich mich dafür entschieden, bei meinen Eltern zu wohnen, weil es mir schwerfällt, ganz alleine zu leben.

Heimat besteht nicht aus vier Wänden und einem Dach. Heimat ist der Ort, wo wir willkommen sind, wo wir hingehören und wo wir Frieden finden. Tatsächlich ist «Seelenfrieden» vielleicht passender als «Sicherheit». Heimat ist überall dort, wo unser Herz zur Ruhe kommen kann. Oft heisst es, dass Nahrung, Kleidung und ein Obdach grundlegende menschliche Bedürfnisse sind. Für mich wäre es nicht falsch, «Obdach» durch «Heimat» zu ersetzen.

Und doch: Wenn Heimat wirklich der Ort ist, an dem man Frieden findet, dann muss ich zugeben, dass ich noch immer danach suche. Ich werde vielleicht noch einige Jahre lang ein Mann ohne Heimat bleiben – nicht, weil ich kein Haus habe, sondern weil ich den Ort noch nicht gefunden habe, an dem meine Familie und ich zusammen in Frieden leben können.

Ich glaube nicht, dass die Heimat eines Menschen unbedingt der Ort sein muss, an dem er geboren wurde. Aber wenn es so ist, dann hat dieser Mensch grosses Glück.

* Name aus Schutzgründen geändert

Aus dem Englischen übersetzt von LEA STUBER

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