«Man tut so, als gäbe es uns nicht»
Immer mehr Menschen in der Schweiz sind trotz Arbeit knapp bei Kasse. Ein Ehepaar aus Biel erzählt von seiner Angst vor dem sozialen Abstieg.
Der Mann
Name: Martin G.
Jahrgang: 1983
Geburtsort: Langenthal
Wohnort: Biel/Bienne
Verheiratet mit: Barbara G., zwei Söhne, 11 und 13
Ausbildung: Schreiner (Meister) Hobbys: Biken
Lieblingsgetränk: Riesling
Lieblingsessen: Thai
Lieblingsmusik: Blues-Rock
Partei: SP
Motto: «Lieber vom Leben gezeichnet als von Picasso gemalt»
«Was mich fertigmacht: die Vorstellung, dass mir einer ansieht, wie es um mich steht. Als hätte ich einen Sonnenbrand. Oder einen Ausschlag im Gesicht. Und er auf mich zeigt und sagt, schaut mal, der arme Schlucker! Ein Horror wäre das. Darum achte ich jetzt auf meine Kleider. Nicht, dass ich früher rumlief wie ein Schluffi. Es war mir eher egal. Heute darf die Jeans keine Flecken haben, die Hemden müssen picobello sein, die Schuhe sowieso. Ich schaue peinlich genau darauf, dass meine Schuhe sauber sind. Meine Frau schmunzelt darüber. Aber ich will nicht erkannt werden als armer Schlucker. Ich will nicht auffallen, verstehen Sie?
Eigentlich ist die Sache schnell gesagt: Jeden Monat, immer um den 17., 18., geht uns das Geld aus.
Mein Werdegang? Nach der Schreinerlehre arbeitete ich ein paar Jahre hier und dort, vor allem auf Baustellen. Das war eine gute Zeit, ich habe ordentlich verdient. Damals lernte ich Barbara kennen. Ich war hin und weg. Bei ihr dauerte es länger. Mit Ende zwanzig, da waren wir schon verheiratet, machte ich den Meister. Ich wollte mein eigener Chef sein, wollte Verantwortung übernehmen, etwas aufbauen. Dann hatte ich fast zehn Jahre meine eigene kleine Bude, drei Angestellte, ein Lehrling. Das Geschäft lief nie blendend. Aber ich konnte die Löhne zahlen, die Familie durchbringen, was auf die Seite legen, wie man das eben so macht. Dann, vor fünf Jahren, die Pandemie. Da verlor ich auf einen Schlag wichtige Aufträge, und das eine kam zum anderen.
Zugegeben, ich war nie so der Geschäftsmann. Wenn du als selbständiger Handwerker überleben willst, brauchst du Beziehungen. Du musst mit dem und dem gut sein, musst schleimen können. Sonst bekommt ein anderer den Auftrag, und du bleibst auf der Strecke. Vielleicht hätte ich mich mehr anstrengen müssen. Ich sage das ungern, aber irgendwie ist es so: Ich habe versagt. Auf der ganzen Linie habe ich es verbockt … Meine Frau sagt immer, es geht vielen wie uns. Ich glaube, sie will mich bloss beruhigen. Wie sie wirklich darüber denkt, weiss ich nicht. Fragen Sie sie!
Inzwischen bin ich wieder in einer Schreinerei angestellt, plus minus 70 Prozent, es kommt darauf an, was der Chef für mich hat. Der Lohn ist mickrig, die Konkurrenz in der Region gross. Manchmal arbeite ich stundenweise schwarz. Was blöd ist. Wenn ich da einen Unfall baue – ich will nicht daran denken. Überhaupt, krank sein, das kann ich mir nicht leisten. Ich krieg schon Panik, geht die Grippe um. Dann denke ich, oh Gott, bloss nicht … Die Eltern anhauen? Ich weiss nicht, ob ich es gesagt habe, aber ich bin jetzt über vierzig. Da kannst du doch nicht beim Alten anklopfen und um Geld betteln! Er würde die Hände verwerfen, das weiss ich auf hundert. Er würde sagen: Jetzt reiss dich mal am Riemen! Mal ehrlich: Während Sie mir zuhören, denken Sie nicht auch, dass der sich doch endlich mal am Riemen reissen soll?
Aber ich will nicht jammern, wir sind ja nicht arm in dem Sinn. Da gibt es andere, zum Beispiel hinterm Bahnhof. Oder in der Notschlafstelle, sie ist gleich bei uns um die Ecke. Inzwischen mache ich da einen Bogen rum, ich mag nicht daran erinnert werden, wie tief das Loch ist, in das man fallen kann. Versuche ich, mit meiner Frau darüber zu reden, sagt sie bloss: Uns passiert das nicht. Aber möglich ist es schon, meinen Sie nicht? Die Mieten, die ständig raufgehen, die Inflation, die Prämien für die Versicherungen, die Kinder, der Zahnarzt, der Strom, alles kostet, und sobald du Schulden hast …
Wenn alle Stricke reissen, dann halt in Gottes Namen aufs Sozialamt. Sagt meine Frau. Mir wird schlecht bei diesem Gedanken.
Leute wie ich werden zu Betrügern und Lügnern. Ich beklaue niemanden, ziehe keinen über den Tisch, so meine ich das nicht. Aber ich schwindle, wo ich nur kann, mauschle und trickse mich durch den Tag. Alles bloss, damit die anderen nicht denken: Der kann sich das nicht leisten, der hat nichts, der ist nichts. Wenn meine Kumpels anrufen, komm, lass uns was trinken gehen, an den Match oder in ein Konzert, habe ich garantiert schon was los. Den Tinu brauchst nicht zu fragen, der hat sowieso keine Zeit, heisst es inzwischen. Schön wär’s. Einmal mit Freunden zu einem Spiel des EHC Biel in die Tissot Arena? Ich will es Ihnen gerne vorrechnen: der Bus 2.30, der Eintritt 27.–, das Bier 5.–, eine Bratwurst 7.–, dann in der Stadt noch einen Absacker, macht um die 50 Franken. Was ist das schon? Meine Frau ist die mit den Zahlen, sie kann Ihnen das erklären. Vielleicht wird sie sagen: Für 50 muss ich zwei Stunden putzen gehen. Oder länger? Wenn du in der Schweiz kein Geld hast, musst du vielleicht nicht hungern. Dafür bist du einsam.
Früher machte ich mir übers Geld nicht gross Gedanken. Aber früher reisten wir auch nach Marokko in die Ferien, die ganze Familie, zehn Tage Strand, Schnorcheln, Ausflüge auf dem Kamel, das ganze Programm. Dabei fällt mir auf, wenn ich jetzt so rede: Früher, das war erst vor ein paar Jahren. Und jetzt … Wie schnell man doch absteigen kann. Wie auf einer Rutschbahn. Erst noch warst du oben, hast die Aussicht genossen, und dann: bums.
Manchmal ertappe ich mich dabei, wie da ein Ärger in mir ist. Was gar nicht zu mir passt. Nur will mir nicht in den Kopf, wie Leute, die schuften, jeden Franken zehnmal umdrehen müssen – und das schon Mitte Monat. Wie kann das sein? In einem so reichen Land wie der Schweiz? Dann krieg ich eine Wut auf die Reichen, die Schnösel, die da oben. Aber genug jetzt, ich töne ja schon wie einer von der SVP …
Was ich noch sagen möchte: Keine zehn Pferde hätten mich früher in Brockenhäuser gebracht. Aus gebrauchten Tellern essen? In fremde Hosen steigen? Jaja, du mich auch, hätte ich gesagt. Jetzt machen Barbara und ich samstags da unsere kleine Einkaufstour. Wie früher im Shoppyland. Irgendwie gewöhnt sich der Mensch an alles, nicht wahr?»
Die Frau
Name: Barbara G.
Jahrgang: 1985
Geburtsort: Lyss
Wohnort: Biel/Bienne
Verheiratet mit: Martin G., zwei Söhne, 11 und 13
Ausbildung: Kindergärtnerin
Hobbys: Schwimmen
Lieblingsgetränk: Bier
Lieblingsessen: Hauptsache scharf
Lieblingsmusik: Metal
Partei: keine
Motto: «Wer nicht will, der hat gehabt»
«Ich hatte immer Angst davor, und letztes Jahr war es so weit: Wir haben uns verschuldet. Erst konnten wir die Steuern nicht mehr bezahlen, dann die Versicherungen und als im Sommer ein eingeschriebener Brief vom Betreibungsamt kam, wusste ich: Jetzt sind wir im Seich. Ich habe so ein kariertes Schulheft, da schreibe ich die Ausgaben rein: Essen, Kleider, mal ein Geschenk, Schulsachen, Bustickets, Hautcrème, einfach alles. Vieles kaufe ich auf Ebay oder Tutti, und klar, ich schaue immer auf Aktionen. Meine Macke ist, dass ich alles, was ich in den ersten beiden Wochen des Monats einspare – also zum Beispiel 1.25 beim Kauf von Aktion-Waschpulver –, auf die Seite lege für die zweite Monatshälfte, denn dann wird es bei uns eng.
Wir leben, alle Fixkosten abgezogen, zu viert von knapp vierzig Franken am Tag. Nun denken Sie vielleicht, das ist doch gar so nicht wenig. Aber was, wenn Sie Schulden haben? Oder wenn – der Klassiker – etwas mit den Zähnen ist? Wie jüngst bei meinem Mann, Tinu heisst er. Erst wollte er sich nicht behandeln lassen. Als ich ihm sagte, es wird nur teurer, je länger du wartest, ging er zum Arzt und liess sich die billige Version machen – für 327.80. Womit unser Tagesbudget von 40 Franken für neun Tage aufgebraucht ist. Das nur so als Beispiel.
Es mag lächerlich klingen, aber diese Rechnerei gibt mir ein Gefühl von Kontrolle. Der Nachteil ist, dass ich die ganze Zeit mit Zahlen und Preisen beschäftigt bin. Mein Mann und ich haben eine Abmachung: Wie viel das wohl kostet? ist eine Frage, die auszusprechen verboten ist.
Ausser meiner besten Freundin weiss niemand davon. Und auch sie nur, weil sie mich ertappt hatte bei einer meiner Ausreden, um nicht ins Kino zu müssen. Als ich ihr sagte, ich kann mir das nicht leisten, fiel sie aus allen Wolken. Natürlich wollte sie mich einladen. Es brauchte viel, um ihr klarzumachen, dass ich ihr Mitleid nicht will, es mich nur noch mehr beschämen würde. Fast ist unsere Freundschaft daran zerbrochen. Klar, leidet auch die Ehe darunter, wie Sie sich vorstellen können. Wenn da immer nur ein Thema ist – Geld und nochmals Geld –, geht alle Romantik flöten. Mein Mann fühlt sich schuldig. Obschon ich immer wieder sage, du kannst nichts dafür, es geht vielen so wie uns. Aber er schüttelt dann bloss den Kopf, wendet sich ab. Stimmt schon, was soll das für ein Trost sein? Ich weiss nicht, ob ich das sagen sollte, vermutlich wird es ihn kränken, aber: Früher war Tinu einer mit Witz und Charme. Seit zwei, drei Jahren ist er in sich gekehrt, verschlossen, manchmal auch mürrisch. Das tut mir leid.
Ich werde dieses Jahr vierzig, bin verheiratet, habe zwei tolle Buben. Natürlich kommen mir manchmal Gedanken, wie es auch hätte laufen können in meinem Leben. Ich habe furchtbar gern studiert, lernte Kindergärtnerin, ein Traumjob. Der Plan ist, dass ich irgendwann wieder zurück in den Beruf gehe. Aber das ist gar nicht so einfach. Die meisten Stellen sind Vollzeit oder dann in anderen Kantonen, und beides geht für mich wegen der Kinder derzeit noch nicht. Ich habe jetzt begonnen, bei Leuten in deren Haushalt zu putzen. Für knapp 20 Franken die Stunde, bar auf die Hand. Was mein Mann partout nicht wollte. Wir streiten selten, aber das war heftig. Für ihn ist eine Ehefrau, die fremde Toiletten putzt, ein Spiegel des eigenen Versagens. Mir macht das nichts aus, ich kriege Geld dafür wie andere für ihre Arbeit auch. Und mir schaut ja niemand dabei zu. Inzwischen reden Tinu und ich nicht mehr darüber. Wie wir überhaupt weniger reden. Was auch mit mir zu tun hat. Ich bin oft müde, von all dem Stress ums Geld. Wären die Kinder nicht, wäre ich allein, ich würde es schon packen, irgendwie. Ich würde mir sagen, da kommst du wieder raus, das wird schon. Aber so: Ich bin erschöpft.
Ja, das Thema Kinder. Unsere beiden Söhne dürfen nichts davon mitkriegen, das ist mir wichtig. Für sie soll alles normal sein. Nicht Friede, Freude, Eierkuchen, wer hat das schon in der Familie, aber möglichst normal. Zum Glück sind sie recht anspruchslos. Ich meine, sie wollen nicht immer das Neuste vom Neuen. Und wenn der eine mal so eine fette Halskette möchte von 35 Franken oder der andere eine Sporttasche für 85, dann ist es so. Und liegt es nicht drin, versuche ich ihnen das irgendwie zu verklickern, ohne dass sie merken, dass es am Geld liegt. Ein bisschen feige, werden Sie jetzt vielleicht denken. Ja, ich lüge meine Kinder an. Ich möchte einfach nicht, dass sie sich deswegen ausgeschlossen fühlen. Eher würde ich wochenlang Pasta und Polenta essen. Die Geldsorgen sind unsere Sorgen, nicht ihre. Können wir das Thema wechseln?
Eigentlich wäre ich ja dafür gewesen, hier mit vollem Namen hinzustehen, meinetwegen auch mit einem Foto. Weil ich davon überzeugt bin, wir sind keine Ausnahme. Nur will niemand darüber reden. Man tut so, als gäbe es uns nicht. Indem auch wir uns verstecken, machen wir es nicht besser: Wir machen uns selber unsichtbar. Ich komme ins Grübeln, wie Sie merken. Was ich meine: Sich hinstellen und sagen, wie es ist – auch wir sind arm! –, wäre eigentlich das Richtige. Aber eben. Das Schlimme an der Scham ist: Man fühlt sich immer am falschen Platz, man denkt die ganze Zeit, ich möchte gar nicht hier sein.
Das klingt jetzt alles negativ. Aber es gibt auch andere Momente, unbeschwerte. Dann sage ich zu Tinu, mach dich parat, wir spazieren an den See und gönnen uns was, du einen Weissen, ich ein Amber. Natürlich weiss ich, was er sich denkt: Können wir uns das leisten? Aber das ignoriere ich einfach und lächle ihn an. Später sitzen wir in der Räblus, nippen am Glas, und ich denke mir, gut ist.»
Die Schweiz
Einwohner*innen: 9 Mio.
Von Armut gefährdete Menschen: 1,34 Mio.
Working Poor: 298 000
Armutsgrenze für eine vierköpfige Familie in CHF: knapp 4000
Durchschnittliche Kosten für ein Kind bis zum 20. Lebensjahr in CHF (Kt. ZH): 230 000
Durchschnittliche Miete ausgeschriebener 4,5-Zimmer-Wohnung in CHF: Biel/Bienne 1800; Bern 2400; Zürich 3300
Durchschnittlicher Bruttolohn eines Schreiners pro Jahr in CHF: 64 300
Motto: Einer für alle, alle für einen (Unus pro omnibus, omnes pro uno)
QUELLEN: BFS, BSV, CARITAS, LOHNANALYSE.CH, IMMOMAPPER.CH