Literatur

Sangmo

TEXT
MIGMAR DOLMA
Illustration
Martina Pauková
Nr. 629,

Es ist ein heisser Sommertag in einer Zürcher Kleinstadt. Hier baden die Leute im See. Er ist smaragdgrün und schmal. So schmal, dass die andere Seite zum Greifen nahe wirkt. Man erkennt fast alles dort drüben: weisse Einfamilienhäuser, kleine Motorboote, wenn man genauer hinschaut kleine Leitern, wahrscheinlich aus Holz, die zu Wiesen und Garten führen. Daneben ein weisser Kirchturm mit goldenen Zeigern auf dunkelblauem Ziffernblatt. Durch die grünen Bäume schlängelt sich ein Zug. Die Bahngleise sind nun auch zu sehen. Dort, wo die Spitze des Kirchturms aufhört, liegen Hügel mit Waldflecken gefaltet übereinander. Dort, wo der See endet, ragen Berge in den blauen Himmel. Nur ihre Schneespitzen bezeugen die Distanz.

Auf dem See fährt hin und wieder ein altes Dampfschiff vorbei. Er trägt einen schwarzen Zylinder und begrüsst die Schwimmenden mit weichen Wellen. Seit zweihundert Jahren bringen die Väter ihren Söhnen hier das Schwimmen bei. Die Kinder auf dem Floss springen rein, schwimmen den Wellen entgegen. Es ist ganz klar, wo die Schiffe durchfahren und wo die Menschen schwimmen. Der See ist sauber. So sauber, dass man daraus trinken könnte. Die Leute hier schätzen sich glücklich. Die Vorstellung von dreckigem Trinkwasser in anderen Ländern macht ihren See noch sauberer. Hier lernten die Schulkinder vor dem Alphabet das Schwimmen. Nur die Bauernmädchen mussten nach dem Unterricht zu den Höfen zurück, während die anderen Kinder in die Badi gingen. In diesen Kasten aus Holzbrettern, der auf dem See schwebte. Die Buben wurden von ihren Vätern unter dem Bauch über Wasser gehalten. Sie strampelten. Und sie bemerkten nicht, wie der Vater die Hände wegzog. Und dann schwebten auch sie. Seebuben nannten sie sich und bezeichneten damit nicht ihre Liebe zum See, sondern ihre Herkunft.

Die Seebuben sind alt geworden. Nun haben sie Angst. Befürchten, dass es dem See, ihrem See, nicht mehr gut geht. Wenn sie den Verkehr auf dem Wasser beobachten, werden sie ganz nervös. Es sind zu viele Motorboote, Segelschiffe und Menschen, die den See, ihren See, besiedeln. Die Seebuben fürchten sich davor, dass der See, ihr See, dreckig werden könnte wie damals, als es keine Kläranlagen gab und der See mehr Schlamm als Wasser war, so wie es ihnen von ihren Vätern erzählt wurde.

Die Seebuben lieben den See am meisten im Winter, wenn er leer ist und ruhig wie ein Spiegel. Sie hassen die invasiven Muscheln. Die Fischvielfalt stirbt, sagen die Fischer. Die Muscheln wurden von ausländischen Booten importiert. Die Väter der Seebuben sind Fischer, ihre Grossväter waren Segler. Seit vielen Jahrhunderten sind sie hier. Am See. Der See ist mein Leben, sagen sie. Die Töchter der Seebuben sind im Ruderclub und gehen dreimal die Woche ins Training.

Die schönste Kindheitserinnerung eines Seebuben ist die erste Seeüberquerung. Als er zum ersten Mal von der einen zur anderen Seite schwamm. Ganz alleine hat er es geschafft. Die Euphorie und zugleich die Ehrfurcht, als er am anderen Ende aus dem Wasser stieg mit der kleinen, pochenden Brust und geröteten Augen. Ich habe überlebt. Der See ist nicht zu meinem nassen Grab geworden. Wie er dann zum ersten Mal seine Heimatstadt aus der Ferne betrachtete. Die Hände auf die Hüften gestemmt wie ein kleiner Mann.

Und der Vater. Der Vater, der ihm seinen trockenen Arm um die Schultern legt. Der die ganze Überquerung im Motorboot begleitet hat. Jederzeit bereit, ihn aus dem Wasser zu holen. Der Vater sagt zum Seebuben: «Der See ist schön, aber er ist auch gefährlich. Er kann zu einem nassen Grab werden, wenn du nicht aufpasst.»

Das Ende des Sommers wird hier von der Chilbi eingeläutet. Die Kleinstadt ist kaum wieder zu erkennen, alle werden locker und heiter. Selbst der Nachbar, der schon fünfzehn Minuten nach 18 Uhr an der Tür klingelt, um mit einem Augenrollen darauf hinzuweisen, dass man die Wäsche vor fünfzehn Minuten hätte abhängen müssen, grüsst einen von Weitem mit zwei Fingern in der Höhe und einem Nicken. Seine Frau steht an einem viel zu hell beleuchteten Stand mit einem von Schokolade und Streuseln überzogenen Apfel zwischen den Fingern. Im Zelt des Ruderclubs betrinken sich die Menschen, als gäbe es kein Morgen. Hier dürfen die Menschen wieder so sein, wie sie wollen. Hier kann es mal vorkommen, dass der Trainer die 17-jährige Rudermeisterin seines Teams am Hintern streift und sich danach auf der Strasse übergibt, ohne dass gleich ein Aufstand losgeht. An der nächsten GV des Seeclubs wird er per Akklamation in den Vorstand wiedergewählt.

Seine Frau besucht jedes Jahr das Zelt des tibetischen Vereins und bestellt «einmal sha-momo» und schaut hinter die Kasse. Am Tisch befüllen und formen ein paar Frauen Momos. Sie begrüsst eine der Frauen mit einem breiten Grinsen. Es ist die Mutter eines Kindes, das mit ihrem Kind in dieselbe Klasse geht. Die Frau kommt nach vorne, wischt ihre Hände kurz an der Schürze ab und legt ihr ein paar zusätzliche Momos auf den Teller. Sie arbeitet das ganze Wochenende im Zelt und drückt ihren Töchtern je eine Fünfzigernote in die Hand. Die Kinder rennen das ganze Wochenende durch die Kleinstadt, euphorisiert von der dröhnenden Musik und den Lichtern. Wenn die Fünfzigernote sich in Münzen verwandelt und die letzte Münze für keine Fahrt mehr reicht, rennen sie zurück zum Zelt. Jedes Mal finden sie eine Tante oder einen Onkel, der ihnen eine Zehnernote zusteckt.

Das Riesenrad steht vor dem Betreibungsamt. In seinen unzähligen Fenstern spiegeln sich gelbe Lichter. Die Gondeln werfen ein Schattenspiel auf die weisse Fassade. Die Kinder kehren erst um zwei Uhr nachts zurück zum Momo-Zelt. Ihre Väter sind bierbetrunken. Ihre Mütter sitzen am anderen Ende des Zeltes, singen Bolly­ wood-Lieder und lachen laut. Zwischendurch schieben sie die letzten warmen Momos in den Mund. Sie haben vergessen, die Schürzen auszuziehen. Ihre schwarzen Haare sind hochgesteckt. Sie glänzen von Frittieröl und Schweiss.

Nachdem die letzten Fahrten vorbei und die letzten Lichter gelöscht sind, wird der Seeplatz wieder freigeräumt. Dort, wo ein schwebender, rüttelnder Riesenteller stand, werden wieder die Gemeinde- und Kantonswappen gehisst. Sie flattern in einem ersten, leichten Wind, der die Vorahnung des Herbstes verkündet. Sommer ist vorbei. Deine Töchter rennen freitagabends um 22 Uhr in der Wohnung herum. Die Nachbarin mit dem farbigen Apfel schlägt mit dem Besen gegen die Heizungsleitungen. Du sagst deinen Kindern, dass es eine Hexe sei, um ihnen Angst einzujagen und sie endlich ins Bett zu kriegen.

Das Betreibungsamt öffnet pünktlich um acht Uhr seine Türen. In den Fenstern spiegeln sich die vorbeiziehenden Wolken. Du stehst schon um sieben Uhr fünfzig vor der Tür. Du drückst auf den Knopf neben «Anmelden». Erst zehn Minuten später, als der kleine Zeiger exakt auf zwölf steht, hörst du das Surren. Das grüne Licht neben «Eintreten» leuchtet auf. Du trittst ein.

Die Frau, die dich eben noch im Zelt angelächelt hat, hetzt am Geburtstag ihrer Tochter die anderen Mädchen gegen deines auf, weil es «zu dominant» sei, und schlägt vor, dass man den Herrn Hugentobler fragen solle, ob es in eine andere Klasse versetzt werden könne. Der Primarlehrer, der für sie nicht Herr Hugentobler, sondern Martin heisst, wechselt hastig vom einen zum nächsten Thema. Sporttag. Besuchstag. Wandertag. Du und dein Mann, ihr bleibt stehen, während die anderen über den Apéro herfallen.

An einem heissen Sommertag gehst du wie gewöhnlich nach der Arbeit in die Badi. Wenn du im See badest und auf die andere Seite blickst, scheint dir alles zum Greifen nahe.

MIGMAR DOLMAlebt, liest und schreibt in Zürich; unter anderem hat sie Kolumnen für die
WOZ verfasst. Momentan arbeitet sie an ihrem Debütroman «Sangmo», der Geschichte
einer migrantischen Frau, die sich befreit.

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