«Ich wollte ihn immer wieder verlassen, von Neuem beginnen»

Louise* lebte jahelang in einer Ehe voller Gewalt und Erniedrigung. Nach einer Zeit im Frauenhaus wohnt sie jetzt mit ihren Kindern an einem Ort, wo sie der Täter nicht finden soll, und wartet auf den Beginn des Gerichtsverfahrens.

30.12.2025AUFGEZEICHNET VON NATALIA WIDLA, FOTOS: ULRIKE MEUTZNER

«Wenn ich von diesem Mann spreche, dann sage ich nicht gerne ‹mein Ex›, weil er nicht zu mir gehört – in keiner Form. Auch ‹der Vater der Kinder› ist unpassend. Das klingt zu liebevoll.

Er und ich lernten uns per Zufall kennen und heirateten wenige Jahre später. Seit über einem Jahr sind wir getrennt. Als wir noch gar nicht definiert hatten, was das zwischen uns ist, kam es bereits ab und an vor, dass er mich beleidigte. An die erste physische Gewalt kann ich mich noch genau erinnern. Da waren wir vielleicht seit zwei Monaten ein Paar und wohnten mit anderen zusammen in einer WG. Eines Abends wurde er wütend auf mich und zerrte mich in den nahegelegenen Wald und verprügelte mich. Am nächsten Tag sagte er, ich solle mein Gesicht schminken und niemandem davon erzählen. Kurz nach der Gewalt war er liebevoll und fürsorglich, forderte aber auch viel Nähe ein. Das wurde ein Muster. Wenn die Gewalt schlimm wurde, kam er kurze Zeit später zu mir und wollte Sex, und ich wusste: Wenn ich mich nicht füge, fängt die Gewalt wieder an und er wird noch wütender.

Kurz bevor ich mein Studium beendete, einigten wir uns auf seine Initiative hin darauf, mit der Familienplanung zu beginnen. Mehrere Monate lang konnte ich nicht schwanger werden und immer, wenn meine Mens kam, rastete er aus. Als ich dann doch schwanger wurde, sagte er zu mir: ‹Das kannst du nicht behalten, es ist noch nicht der richtige Zeitpunkt.› Plötzlich wollte er nicht mehr. Er zwang mich abzutreiben, was ich dann gegen meinen Willen auch tat. Einige Jahre später kam mein älteres Kind auf die Welt.

In dieser Zeit wohnte sein Bruder bei uns. Er betreute unser Kind, wenn ich arbeiten musste. Der Vater weigerte sich, sich um das Kind zu kümmern. Der Bruder bekam alles mit. Er sprach mir oft gut zu und versuchte mich zu trösten, aber er war auch von ihm abhängig und ging nie aktiv dazwischen. Auch er wurde geschlagen, wenn auch selten.

Anderthalb Jahre nach der Geburt unseres Kindes wurde ich wieder schwanger. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob es einvernehmlicher Sex war, der zu dieser Schwangerschaft geführt hat. Als ich beim Ultraschall von meiner ungeplanten Schwangerschaft erfuhr, hatte ich Angst vor seiner Reaktion. Er sagte mir am Telefon, dass ich ihm nur Probleme mache und sein Leben zerstöre. Bereits während der ersten Schwangerschaft hatte er mich geschlagen. Aber dieses Mal zielte er immer wieder auf meinen Bauch und versuchte mehrfach mit Gewalt einen Abort herbeizuführen. Am Abend vor meinem geplanten Kaiserschnitt erinnerte ich ihn daran, dass wir am nächsten Morgen früh losmüssten. Da verlor er die Fassung und sagte, dass ich mir jemanden anderes suchen sollte, der mich fährt. Ich wusste nicht, wen ich sonst fragen konnte, da ich mich schämte, jemandem zu sagen, dass mein Mann mich nicht zur Entbindung fahren wolle. Die ganze Nacht hindurch hatte ich Wehen, und schlussendlich fuhr er mich ins Spital, ging aber sofort wieder.

Er schlief in dieser Zeit zuhause und ging nicht ans Telefon. Ich musste eine Woche im Spital bleiben. Ein einziges Mal kam er mich besuchen und brachte Essen mit, das die Frau eines Bekannten gekocht hatte. Als er da war, weinten alle Kinder. Mitten in diesem Chaos wollte er mir ein Geschenk übergeben. Doch ich musste ihm sagen, dass ich es gerade nicht öffnen könne, weil ich mit den Kindern beschäftigt sei. Daraufhin stürmte er aus dem Spital und schickte mir eine Sprachnachricht, in der er sagte, er hoffe, dass die Kinder und ich sterben würden.

Die eigene Familie wusste nichts

Ich wollte ihn immer wieder verlassen, von Neuem beginnen. Aber ich hatte bis zum Schluss das Gefühl, dass er mich ohnehin finden würde – dieses Gefühl habe ich heute noch. Ich ging auch deswegen nicht, weil ich Angst hatte und mich schämte. Stattdessen schrieb ich viel: Wenn etwas Schlimmes geschah, schrieb ich es detailliert nieder und versteckte die Datei auf meinem Computer. Ich schrieb mit dem Ziel, dass ich mir selbst glaube.

Ich habe mit seiner Familie über diese Gewalt gesprochen, zum Teil haben sie es auch aktiv miterlebt. Meine eigene Familie wusste von nichts. Ich sah sie nur selten in dieser Zeit. Er hatte mir oft verboten, das Haus zu verlassen. Wenn ich weg war, musste ich immer erreichbar sein, und bevor ich gehen durfte, musste ich vorkochen und die Wohnung putzen. Er rief mich konstant an und sagte, ich solle nach Hause kommen. Mehr als einmal musste ich mitten im Essen gehen, weil ich Angst vor ihm hatte.

Einmal hatte ich den Schlüssel verloren, dann schloss er mich und die Kinder während mehrerer Monate wiederholt in der Wohnung ein. Er sagte, wir müssten ja ohnehin nirgends hin.

Kurz nach der Geburt der Zwillinge war ich psychisch am Ende und nahm Medikamente. Man sagte mir, dass ich zu labil sei für ein Frauenhaus und in den Familienzimmern in der Psychiatrie, die für mich in Frage gekommen wären, gilt eine Obergrenze von zwei Kindern. In einem Podcast hörte ich von einer Mutter-Kind-Einrichtung. Meine Hebamme half mir einen Ersttermin zu organisieren, an dem ich informiert wurde, dass die Opferhilfe die Kosten für den Aufenthalt übernehme. Ihm hatte ich nur gesagt, dass es ein Ort sei, an dem mir mit meiner Psyche und mit den Kindern geholfen werde. Er wusste nicht, dass ich länger dortbleiben wollte. Weil die Kinder immer weinten, war er eh froh, wenn wir für kurze Zeit weggehen würden. Er fuhr mich sogar hin – doch ich kam zu spät an, weil er mich zuvor noch gezwungen hatte, die Wäsche zu falten.

Mir wurde bei der Ankunft gesagt, da die Einrichtung kein Frauenhaus sei, müsse ich den Vater der Kinder über meinen Aufenthaltsort informieren. Ich wehrte mich anfangs, da ich Angst hatte, wieder zu ihm gehen zu müssen, fügte mich dann aber. Kurze Zeit später stand er vor der Tür und wollte mich abholen, er redete auf mich ein und versprach, dass alles besser werden würde. Ich ging mit. Die Einrichtung machte jedoch eine Gefährdungsmeldung bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde KESB. Als ich von dieser Stelle zuhause angerufen wurde, beschwichtigte ich sie, weil ich noch einmal Hoffnung geschöpft hatte, dass jetzt wirklich alles besser würde.

Ein paar Tage lang war es das auch, er half mit den Kindern, war etwas präsenter. Dann passierte das mit dem Messer. Ich kann dazu nicht viel mehr sagen, sagt meine Anwältin. Da ich mich psychisch etwas stabilisiert hatte, dank sorgfältiger Planung und einiger glücklicher Fügungen, schaffte ich es doch noch, mit meinen Kindern ins Frauenhaus zu fliehen.

Was mich zuletzt ins Handeln brachte, war die Tatsache, dass meine Kinder das alles mitbekamen und er meinen Kindern gegenüber ebenfalls Gewalt anwendete. Im Frauenhaus wurde ich gleich beim Eintritt gefragt, ob ich eine Anzeige machen wolle. Ich sagte nein, weil ich wusste, wie schwer so etwas zu beweisen ist. In dieser Zeit trat ich einem selbstorganisierten Kollektiv von gewaltbetroffenen Frauen bei, den Sisters Domestic Violence Schweiz. Diese Frauen gaben mir viel Stärke und schliesslich auch die Kraft, doch noch eine Anzeige zu machen. Ich hatte zwei ganztägige Einvernahmen bei der Polizei und musste bei der Spezialabteilung für Sexualdelikte noch einmal gesondert aussagen.

Hinzu kamen einige weitere Einvernahmen bei der Polizei und der Staatsanwaltschaft, während welcher ich mit seinen Aussagen konfrontiert wurde und darauf Bezug nehmen musste.

Ich wollte nicht im Frauenhaus bleiben, das war für mich mit drei Kindern schwierig, da das Personal sehr reduziert ist. Meine Zwillinge waren damals drei Monate alt und ich war komplett allein mit ihnen. Niemand durfte wissen, wo ich bin, also konnte mich auch niemand unterstützen. Da ich wegwollte, wurde eine Gefahreneinschätzung durch die Kriminalpolizei vorgenommen. Man sagte mir, dass ich nicht in die Nähe der Stadt zurückkönne, in der ich vorher gewohnt hatte. Also wohne ich jetzt hier.

Hoffen auf ein Leben ohne Angst

Gegen ihn besteht ein Kontakt- und Annäherungsverbot: Er darf sich mir nicht nähern und mich auch nicht kontaktieren. Er darf sich auch dem Haus meiner Eltern nicht nähern, ebenso wenig meinem Arbeitsort. Aber er hat sich schon oft darüber hinweggesetzt. Erst kürzlich hat er mich über den Facebook Messenger angerufen und mir dann geschrieben, dass er meine Hilfe brauche. Er versteht die Tragweite meiner Anzeige und der polizeilichen Einschränkungen nicht, und ich begreife nicht, was in seinem Kopf vorgeht. Bei jedem Auto, das aussieht wie seines, habe ich Angst. Gemäss der Gefahreneinschätzung der Polizei ist er komplett unberechenbar. Es könnte sein, dass er versuchen würde, mich zu töten. Oder dass er lieb zu mir wäre – es ist alles vorstellbar. Bei meiner ersten Einvernahme gab ich bereits an, dass er zwei Pistolen besitzt. Erst einen Monat später wurde seine Wohnung durchsucht. Ob sie dort die Waffen fanden, weiss ich nicht. Er war bisher auch nie in Untersuchungshaft.

Ich habe ihn das letzte Mal vor wenigen Wochen gesehen, da mein älteres Kind ihn eine Zeit lang besuchen musste – zum Glück begleitet. Momentan ist dieses Besuchsrecht ausgesetzt, da er sich nicht an die Regeln gehalten hat. So ist er bei der Übergabe unseres Kindes immer wieder absichtlich zu früh erschienen, um mich abzufangen – oder er erschien gar nicht. Ich besitze kein einziges Foto, auf dem er mit den Kindern abgebildet ist oder sie in den Armen hält. Ich glaube auch nicht, dass meine Kinder irgendwelche Erinnerungen an ihn haben, die nicht von Gewalt handeln.

In der Anklageschrift stehen diverse Straftatbestände, zum Teil mehrfach oder über mehrere Jahre hinweg begangen. Mehr kann ich dazu momentan nicht sagen, da das Verfahren ja noch läuft. Es sind schwere Straftaten – und trotzdem stellen die Dinge, die angeklagt sind, nur einen kleinen Teil der gesamten Gewalt dar. Ich warte seit über einem Jahr auf einen Gerichtstermin. Ich glaube nicht, dass eine Haftstrafe etwas an seiner Einstellung ändern würde. Aber es würde mir sicher besser gehen, wenn ich wenigstens einige Jahre nicht in Angst leben müsste. Vom Strafprozess erhoffe ich mir ausserdem, dass ich Teil einer Statistik werde. Ich habe mir die Gewaltstatistiken früher ab und an angeschaut und mir immer gedacht: ‹Was sagt das schon aus? Ich stehe da ja auch nicht drauf.›

Vielleicht geht es mir besser, wenn mein Fall auf dem Papier existiert, wenn ich die juristische, offizielle Anerkennung bekomme, dass das, was ich erlebt habe, wirklich Gewalt war, dass es nicht in Ordnung war und irgendwelche Konsequenzen hat.»

* Name geändert

Gewalt und Schutz

In 16,7 Prozent der Fälle ging es gemäss polizeilicher Kriminalstatistik um Konflikte zwischen Eltern und Kindern. In der Stadt Zürich kann das Mädchenhaus Zürich Betroffenen ab 14 Jahren für die Dauer von maximal drei Monaten Schutz bieten.

Erleben Sie Gewalt? Opferhilfe-schweiz.ch bietet kostenlose, vertrauliche und anonyme Beratung. Infos zu Frauenhäusern unter frauenhaeuser.ch. Üben Sie Gewalt aus? Unterstützung bietet der Fachverband Gewaltberatung Schweiz fvgs.ch.

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