Verkäufer*innenkolumne: Das Limit
Es gilt Grenzen auszuloten. Wie weit kann ich gehen. Was ist machbar. Auch mal jemanden vor den Kopf stossen. Auch als Surprise-Verkäufer muss ich nicht alles wortlos hinnehmen. So sehe ich das, schon seit geraumer Zeit.
Kommt mir einer von oben herab, weil er denkt, er wäre etwas Besseres, das mag ja sein, aber aufspielen muss er sich deswegen nicht, so sage ich schon auch mal: Also Ihnen verkaufe ich kein Heft. Das sage ich in allem Anstand, aber bestimmt.
Sagt mir einer, nicht weil er sich das nicht leisten könnte, ich sehe ihm das an, er sagt’s einfach, damit er etwas gesagt hat: Acht Franken ist viel zu teuer! Dann sage ich schon auch mal: Für Sie ist dieses Heft auch nicht gedacht. Ich sage das in allem Anstand, aber bestimmt.
Sagt mir einer, er würde ja gern ein Surprise kaufen, aber habe kein Bargeld dabei, dann drücke ich ihm, keine Widerrede duldend, ein Heft in die Hand und gebe ihm ein Kärtli mit meiner IBAN. Ich mache das in allem Anstand, aber bestimmt. Die acht Franken hat bisher noch jeder auf mein Konto überwiesen.
Sagt mir einer naserümpfend, ich würde ein linkes Heft verkaufen, dann sage ich ihm: Warum soll soziale Arbeit explizit Sache von Linken sein? Bei sozialer Arbeit geht’s grob gesagt um Menschlichkeit, nicht um Parteipolitik. Das sage ich in allem Anstand, aber bestimmt.
Sagt mir einer, er müsse mit mir reden, dann höre ich ihm gerne zu.
Sagt mir einer, Sie haben doch ein Buch geschrieben, Sie sind jetzt also reich, dann bin ich verblüfft über so viel Unkenntnis und kläre auf: Vom Bücherschreiben können nur sehr wenige leben, das ist in dieser Branche so. Es sind fünf Prozent, sagen Statistiken. Zu denen gehöre ich zurzeit noch nicht. Ich sage das in allem Anstand, aber bestimmt.
Fragt mich einer, was, Sie sind schon hier, so früh? Dann sag ich schon auch mal: Nein, ich bin noch nicht hier. Ich bin noch zuhause. Aber vielleicht komme ich später noch. Kommen Sie doch dann noch mal vorbei. Vielleicht sehen wir uns dann. Das sage ich in allem Anstand, aber bestimmt.
Sagt mir einer, und das sagt mir im Winter manch einer, Sie stehen hier und es ist doch so kalt. Dann sag ich schon auch mal: Ja, wem sagen Sie das. Aber was soll ich dagegen machen. Ich kann auch nichts dafür. Ich mach die Jahreszeiten nicht. Das sage ich in allem Anstand, aber bestimmt.
Über Urs Habegger
URS HABEGGER, 69, verkauft Surprise seit 17 Jahren in der Bahnhofunterführung in Rapperswil. Manchmal denkt er über den Satz «Der Kunde hat immer recht» nach.
Über die Textwerkstatt
Die Texte für diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und dem Autor Ralf Schlatter erarbeitet. Die Illustration entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design und Kunst, Studienrichtung Illustration.