Literatur

Was uns das Lesen angeht

Surprise-Verkäufer Urs Habegger hat ein zweites Buch geschrieben. Darin geht es wieder um Begegnungen aus der Bahnhofsunterführung in Rapperswil, seinem Verkaufsstandort. Und doch kommen weitere Themen auf – wie das Geschichtenerzählen an sich.

INTERVIEW
DIANA FREI
Nr. 632,

Das Gespräch wurde per Du geführt, weil wir Urs Habegger seit seinen Anfängen bei Surprise gut kennen.

Urs Habegger, in deinem neuen Buch «So lang die Beine tragen» erzählst du mehr Biografisches über dich selbst als in deinem Erstling. Hängt das mit einem neuen Selbstverständnis als Autor zusammen?

Urs Habegger: Nein, gar nicht. «Am Rande mittendrin» ist 2024 erschienen. Damals bestand die Idee einfach darin, Beobachtungen und Erlebnisse aus der Bahnhofsunterführung in Rapperswil zu erzählen. Ich hätte mich dazumal schon mehr öffnen können, aber das hätte nicht ins Konzept gepasst. Mein Selbstverständnis hat sich in diesen zwei Jahren zwischen den beiden Büchern nicht verändert. Nicht in diesem Zeitraum. Es hat sich aber in all den Surprise-Jahren davor verändert.

Inwiefern?

Ich habe gesehen, dass es eine tolle Sache ist, dieses Heft zu verkaufen. Und auch dazu zu stehen und es zu verteidigen. Nicht nur das Magazin, nicht nur mich selber. Sondern auch das Verkaufsmodell, die Institution, die Gedanken dahinter. Man exponiert sich als Surprise-Verkäufer stark. Das braucht Mut, und genau das hat zu einem bestimmten Selbstverständnis beigetragen. Teil davon sind auch die vielen positiven Reaktionen. Das war auch einer der Beweggründe fürs zweite Buch. Ich glaube, ich habe im ersten Buch meine Dankbarkeit gegenüber vielen Personen und gegenüber dem Verlag durchaus zum Ausdruck gebracht. Aber ist man dankbar genug? Das ist eine Frage, die mich sehr bewegt.

Eines der Kapitel deines Buches heisst «Armut». Es ist dir ein Anliegen, die Armut in der Schweiz klar zu benennen. Trotzdem betrachtest du dich selbst nicht als arm. Wieso?

Ich habe mich nie als arm empfunden, auch wenn ich nur noch ein paar Franken im Portemonnaie hatte. Das heisst nicht, dass ich mich von der Armut distanziere. Ich erzähle im Buch, dass ich vor meiner missratenen Augenoperation einen sehr gut bezahlten Job bei der Zürisee-Zeitung in Stäfa hatte. Dass ich wunderschön in Uetikon am See wohnte. Eine grosse, helle 3,5-Zimmer-Wohnung mit Seesicht. Dort wollte ich mein Altersnest bauen. Dann kam diese OP dazwischen. Ich musste Entscheidungen treffen, ich musste reagieren. Seither habe ich ein Zimmer bei meiner Schwester. Ein schönes, grosses, helles Zimmer mit Balkon, und das reicht mir.

Denkst du manchmal noch an die Zeit vorher?

Bevor ich die Wohnung in Uetikon ausgeräumt habe, habe ich Fotos gemacht. Jeden Winkel, jede Ecke habe ich fotografiert. Und heute noch hängen diese Fotos aus dem früheren Leben als Collage bei mir an der Wand.

In einem fiktionalen Text erzählst du einem mürrischen Mann Geschichten und schickst ihn damit auf Reisen, damit er neue Erfahrungen macht. Eigentlich geht es in fast all deinen neuen Geschichten um die Macht des Erzählens. Einverstanden?

Ich hatte viele Lesungen. Oft in Buchhandlungen und Bibliotheken. Die Buchhändlerinnen und Bibliothekarinnen – es sind meistens Frauen – haben oft etwas ganz Eigenes an sich. Sie haben eine innere Ruhe und Gelassenheit und einen ganz eigenen Blick auf die Welt. Irgendwann habe ich mir überlegt: Woher kommt das? Sie sind ja alle belesen, da habe ich mir gesagt: Es muss mit diesen Büchern und Geschichten zusammenhängen. Es kam mir der Gedanke, dass gute Geschichten Leben verändern können, ich habe das auch an mir selber schon erfahren. Das war der Grundgedanke bei diesem mürrischen Menschen: Ich wollte eine Figur kreieren, die durch gute Geschichten verändert wird. Diesen Gedanken möchte ich weitergeben. Gute Geschichten und gute Bücher können Leben verändern, auch wenn man in schwierigen Situationen steckt.

Es gibt auch eine Geschichte über genau eine solche Buchhändlerin, wie du sie beschreibst. Sie kann sich in die unterschiedlichsten Welten hineindenken, wenn sie liest. Sie identifiziert sich, sie entwickelt Empathie. Dann passiert etwas Unerwartetes. Dabei geht es um die Frage, was die Geschichten mit uns selber zu tun haben.

Ich habe in meiner Kindheit Karl May verschlungen. Ich hatte jeden Band. Wenn ich las, habe ich alles um mich herum vergessen. Das war der Ausgangspunkt für diese Geschichte: der Gedanke daran, wie stark man sich in ein Buch und in Figuren hineinversetzen kann. Ich hatte nun also einerseits diese Geschichte der Buchhändlerin, die sich mit all den literarischen Figuren identifiziert, so wie ich damals mit Old Shatterhand. Ich suchte aber nach einem Schluss, der die Buchhändlerin aus der Fiktion nicht mehr in ihr eigenes, sicheres Leben entlässt. Da kam mir eine Idee, die sich direkt auf die redaktionellen Inhalte von Surprise bezieht: Asyl, Flucht, Migration sind unsere Kernthemen. Vor einiger Zeit hatten wir den zweiteiligen Bericht von Wahidullah Alikhan – eines Mannes aus Afghanistan – im Heft, der von seiner Flucht in die Schweiz erzählt. Das war eindrücklich, viele haben das mit grossem Interesse gelesen. Ich lasse meine Erzählung also mit einer Fluchtgeschichte enden. Im Überlebenskampf im Wasser, Hilfe kannst du nicht erwarten. Als das Boot kentert, ruft die Buchhändlerin: «Das geht mich doch alles gar nichts an!» Sie will aus der Geschichte raus. Aber das Buch lässt sie erst dann wieder los, als sie sich korrigiert: «Und es geht mich doch etwas an!» Damit wollte ich ein Zeichen setzen: Solche Geschichten gehen uns alle etwas an.

In «Muttertag» wiederum fragt der Ich-Erzähler eine Unbekannte, ob sie beide einen Tag lang Mutter und Sohn spielen wollen. Ist das eine reine Vorstellung, oder hast du es ausprobiert?

Ich habe es leider nicht ausprobiert. Es ist eine erfundene Geschichte.

Es geht um den Mut, auf das Gegenüber zuzugehen. Wünschst du dir manchmal mehr Spontaneität für dich selber?

Ich selber habe grundsätzlich keine Mühe, auf Menschen zuzugehen. Die Idee zu diesem Text kam mir tatsächlich am Muttertag vor einem Jahr. Es war ein prächtiger Frühlingstag, und ich war am Morgen früh unterwegs. Da sass eine ältere Dame allein an einem Vierertisch in einem Strassencafé. Ich spürte, sie ist heute allein. Bin aber vorbeigelaufen, weil ich weitermusste. Da kam ich auf die Idee: Wie wäre es, diese Frau anzusprechen und zu fragen, ob sie heute meine Mutter sein möchte und ob ich sie ausführen dürfte. Ich stellte mir vor, sie hätte enorm Freude dran gehabt. Und es wäre auch für mich eine Gelegenheit gewesen, wieder einmal einen Muttertag zu verbringen.

Du bist ein aufgeschlossener Mensch. Aber Apéros magst du nicht, steht im Buch.

Den Small Talk mag ich nicht. Das Plaudern liegt mir einfach nicht.

Aber du plauderst doch viel? Beim Surprise-Verkauf etwa oder an den Buchlesungen mit deinem Publikum.

Ist das Plaudern? Ich weiss es nicht. Gibt es da einen Unterschied zum Apéro? Ja, ich finde, es gibt einen. In der Unterführung gehört die Unterhaltung zu meiner Arbeit. Die Leute kommen auf mich zu. Und dann wird geredet. Das ist nicht immer nur Blabla oder Plaudern. Da wird viel erzählt, auch sehr Persönliches. Wir haben auch eine soziale Funktion als Surprise-Verkäufer*innen. Aber an einem Apéro, da wartet man ja eigentlich auf die gute Laune. Mir liegt das einfach nicht, mir ist das Spontane lieber. Aber manchmal muss man halt hingehen.

Wirst du öfter an Apéros eingeladen, seit du Bücher schreibst?

Ja, schon! Ich bin da reingerutscht, und manchmal wäre es mir lieber, ich hätte nie ein Buch geschrieben. Einfach wegen der medialen Aufmerksamkeit. Aber es bringt natürlich auch Vorteile, gerade auch als Verkäufer. Man kennt mich eigentlich in der ganzen Deutschschweiz. Und Rapperswil ist ein Ausflugsziel und ein Umsteigebahnhof. Gerade diese Woche kamen Leute aus Bern vorbei: Wir haben das Buch gelesen! Und dann: Surprise kaufen und so weiter und so fort … Das passiert oft, und manchmal ist es mir fast zu viel. Aber ich werde dennoch ein drittes Buch schreiben, oder ich probiere es auf jeden Fall.

Urs Habegger: «So lang die Beine
tragen», Elfundzehn Verlag, 2026.
CHF 29.90

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