Wie nimmt man Menschen etwas weg?

08.04.2026Text: FATIMA MOUMOUNI, ILLUSTRATION: CHRISTINA BAERISWYL

Letztens erzählte mir eine Frau, mit der ich verwandt bin, von ihrem Nachbarhaus, das voller Studis und Künstler*innen sei. Sie ist in zögerlichem Austausch mit den Nachbar*innen, einerseits findet sie diese interessant und fühlt sich wohl auch geschmeichelt, dass die jungen Leute mit ihr im Austausch stehen – andererseits sind sie ihr wohl ein Stück zu progressiv. Letzteres äussert sich in kleinen wellenhaften Anfällen von Verurteilung, wenn sie sich ausmalt, was die netten Nachbar*innen so veranstalten.

Letztens erzählte sie mir, im Hauseingang der Nachbar*innen klebte ein Sticker, auf dem stehe: «My Body My Choice». Sie wollte daraufhin von mir wissen, ob jetzt heutzutage alle an sich herumschneiden und die Geschlechtsteile umwandeln würden. Sie fände das nämlich komisch und sei nicht damit einverstanden. Das sei einfach ihre Meinung.

Sie war aber wohl trotzdem interessiert, wie das überhaupt ginge. Da sie vermutete, dass ich Bescheid wisse und mit meinen eigenen progressiven Hirngespinsten sicher genauer wüsste, was es mit dem «Genderwahn» auf sich habe, fragte sie mich.

Ich verstand erst gar nicht, was die Verbindung zwischen dem Sticker und ihrer Meinung sein könnte. Bis mir dämmerte: Sie hatte den Eindruck, «My Body, My Choice» sei ein Slogan für Transrechte und quasi ein Pro-Operations-Kampfspruch, und das lehnte sie ab. Ihr, die selbst Überlebende von sexuellem Missbrauch ist und ihr Leben lang als Frau gelebt hat, womit sie Diskriminierung und Sexismus zur Genüge kennt, hätte ich nicht zugetraut, dass sie den Slogan « My Body, My Choice » als Erstes mit etwas Fremden verbinden würde. Vielleicht kennt sie ihn auch nur auf Deutsch, «mein Körper gehört mir», und bezieht ihn nur auf sich selbst. Ganz exklusiv. Sonst würde sie ja nicht glauben, dass ihre Meinung irgendeine Rolle spielen müsste bei der Entscheidung, wie andere Menschen mit ihrem «Päckchen Geschlecht» umgehen und was sie mit ihrem eigenen Körper machen.

Durch ihre Skepsis gegen trans Menschen, gefüttert von Verachtung gegen Menschen, die anders leben, als sie es für gut befindet – oh Schreck –, konnte sie sich nicht vorstellen, dass es bei «My Body, My Choice» vielleicht um etwas geht, das sie und ihre Interessen miteinschliesst. Ich erklärte ihr, dass der Slogan mit uns allen zu tun hat und dass der Fokus auf die Geschlechtsteile von trans Menschen eine komische Fixierung von cis-Menschen ist – es geht nämlich gar nicht darum, wer sich was abschneiden will, sondern darum, dass der Schutz vor Gewalt und die Bewahrung von Würde und Selbstbestimmung nicht an Bedingungen geknüpft werden sollten.

Alle zwei Wochen passiert in der Schweiz ein Femizid. Trans Frauen sind nochmal überdurchschnittlich häufig von physischer, psychischer und sexueller Gewalt betroffen. Die Epstein-Akten, der Prozess Pelicot oder jüngst der Fall um Collien Fernandez rufen eines auf den Plan: Dass wir alle an einem Strang ziehen. Und für die Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und den Schutz aller Menschen jeglichen Geschlechtes einstehen. Und zwar nicht so, als würde es uns etwas wegnehmen, wenn Menschen in Unversehrtheit leben dürfen, sondern in Grosszügigkeit: Gönnung!

 

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